Lesen ist:
... ist ein gleichsam bildliches Wiedererkennen von Situationen, Handlungen, Ereignissen, Personen;
... ist ein gedankliches Vergegenwärtigen fiktiver Situationen, Ereignisse, Handlungen, Personen, Intentionen, Positionen, Perspektiven, Emotionen, ...
... und zwar mit Bezugnahme auf Formen/Muster/Schemata ihrer (schrift)sprachlichen Darstellung;
... und mit Bezugnahme auf Formen/Muster/Schemata dargestellter (sozialer, personaler, gegenständlicher) Welten;
... ist die (Re-)Konstruktion von "Welten im Kopf";
... ist ein interpretativer Brückenschlag zwischen der Sprache und Welt des Textes und der eigenen Sprache und Welt;
... ist ein Prozeß der Lektüre, der den erworbenen, den internalisierten problem-, situations- und institutionen-spezifischen Gewohnheiten und Üblichkeiten der Lektüre(n) folgt;
... ist ein "Lesen ist ein Prozeß der Sinnproduktion, in dem ständig Entscheidungen getroffen und Vermutungen aufgestellt werden" (Gross 1994); dh.: "(...) bereits auf der visuell-kognitiven Ebene erstaunlich wenig sequentiell (...)"(Gross 1994; 13), sondern ein "Wechselspiel von Lesestrategien und Textstrategien", also "interaktiv (...)" (Gross 1994; 24);
... ist ein weitgehend vorbewußter, nicht leicht zu erlernender Prozeß der (Schrift-) Zeichenverarbeitung: "Rund 300 Wörter pro Minute - 1500 Buchstaben verarbeitet das Gehirn beim entspannten Lesen, etwa doppelt so viele, wie ein Mensch in flüssiger Rede äußert." (Mechsner 1991; 12)
... ist eine weitgehend vorbewußte, aber gleichwohl intentionale Folge von (an der flächigen Textgestalt und der logischen Textstruktur orientierten) nur Bruchteile von Sekunden dauernden Blickbewegungen unserer Augen;
... ist ein hinsichtlich der Aufmerksamkeitslenkung weitgehend "automatischer" Prozeß der Verarbeitung visueller Zeichen(komplexe) im Gehirn - ein neuronaler Informationsverarbeitungsprozeß, dessen zeitliche Parameter sich seltsamerweise am ehesten verstehenspsychologisch beschreiben lassen;
... ist eine schriftzeichen-vermittelte, eine symbolische Tätigkeit, die sich weitgehend "im Kopf" abspielt und "im Gehirn" (beobachtbar) ihre Spuren hinterläßt;
... ist eine kulturelle Praxis, deren Formen, Muster und Stile sich ändern - abhängig von den Medien der schriftsprachlichen, der literalen Kommunikation;
... ist ein Prozeß, den zu beschreiben und zu erklären der "ideales Leseforscher" eigentlich ein transdisziplinärer "Grenzgänger" zwischen sehr verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sein müßte. (Pöppel 1997; 92f)