Interpretationstheoretisch pointiert ist das Lesen ein schriftzeichenvermittelter Prozeß des Verstehens, abhängig von den Intentionen, Interessen, Praktiken und Traditionen der Lektüre: "Wir lesen Texte stets vermittelt durch andere Texte, Menschen, Obsessionen, Informationen etc. und lassen uns überraschen; und hoffen dabei vielleicht, daß der Text einen veranlassen wird, etwas anderes zu wollen; einem also helfen mag, seine Absichten und damit sein Leben zu verändern." (Rorty 1994). "Lesen heißt borgen - daraus erfinden", so Lichtenbergs die Sache treffender Aphorimus. Das Lesen ist (re)konstruktive Interpretation - und die Interpretation ist ein Modus des Lesen, ein Modus der Lektüre. Die strikte Trennung zwischen dem Interpretieren und dem Gebrauchen von Texten ist eine Fiktion; die Beschreibungen (unserer Interpretationen (von Texten), die wir wie alles andere je nach den gewünschten Zwecken anfertigen, sind nichts anderes als Darstellungen von Lektüren. (Rorty 1994).
Allerdings: Schriftfähigkeit, Schriftkompetenz ist dafür die Basisqualifikation: Lesen zu können, schließt die Kenntnis des Schriftsystems, schließt literale Kompetenz im weiteren Sinne ein.