Kognitionswissenschaftlich gesehen geht es beim Lesen um so etwas wie einen gedanklichen Prozeß: Der Leser stellt beim Lesen mehr oder weniger vorbewußte kognitive Operationen an; Operationen, die sich (wenn auch höchst indirekt) aus der Beobachtung der Augenbewegungen beim Lesen erschließen lassen. "Unsere Aufmerksamkeit beim Lesen unterliegt weit weniger der willentlichen Kontrolle, als man zunächst annehmen möchte. Im Gegenteil: Beim normalen Lesen ist die Aufmerksamkeitslenkung weitgehend automatisch. In der Regel geschieht die Sinnzuordnung so schnell, daß sie weder dem Bewußtsein noch der Introspektion zugänglich ist." (Gross 1994; 13) Hält man sich an die Beobachtung der Blickbewegungen und -fixierungen beim Lesen, dann muß man feststellen: "Lesen ist ein Prozeß der Sinnproduktion, in dem ständig Entscheidungen getroffen und Vermutungen aufgestellt werden." "Das Lesen ist (...) bereits auf der visuell-kognitiven Ebene erstaunlich wenig sequentiell (...)."(Gross 1994; 13) Vielmehr ist ein "Wechselspiel von Lesestrategien und Textstrategien" zu beobachten. Auch auf dieser Ebene ist Lesen interaktiv (...)" (Gross 1994; 24).
Gedankenexperimentell läßt sich das rekonstruieren: indem man beschreibt, "was vermutlich während der wenigen Sekunden passiert, in denen der Leser oder die Leserin einen kurzen Text beim ersten Lesen überfliegt und erfaßt". (Gross 1994; 35) Das "Verlangsamen und Bewußtmachen kognitiver Abläufe" (Gross 1994; 41) beim - reflexiven, "introspektiven" - Lesen, die "Mikroanalyse des Lesens", eine (exemplarische) "Mikrogeschichte der Textlektüre" (Gross 1994; 45), zeigt die Komplexität der Verstehensprozesse beim Lesen, zeigt - indirekt! - , was beim Lesen "im Kopf" passiert.