Neurowissenschaftlich, neuropsychologisch gesehen geht es um das Problem, welche Operationen des Gehirns (beispielsweise) am "Lesen von Wörtern"(Posner/Raichle 1996; 82ff) beteiligt sind. "Beim passiven Betrachten von Wörtern scheint die Analyse auf zwei Ebenen im visuellen System zu erfolgen. Auf der einen Ebene analysiert das Gehirn die visuellen Stimuli, unabhängig davon, ob es sich um Buchstaben oder Wörter oder andere Objekte handelt. Diese Eigenschaften werden anscheinend in mehreren, in beiden Hemispähren gelegenen Arealen des visuellen Systems verarbeitet. Reaktionen auf die falschen Schriftzeichen, die nur bedeutungslose visuelle Merkmale enthalten, sind in der rechten Hemispäre besonders ausgeprägt. Auf der zweiten Ebene analysiert das Gehirn die Form des visuellen Wortes. Vermutlich aktivieren visuelle Stimuli, in denen die orthographischen Regeln einer Sprache befolgt sind, eine bestimmte Feldergruppe im visuellen System nur bei solchen Menschen, die diese Sprache sehr gut sprechen und lesen können. Diese koordinierte Reaktion muß offensichtlich erworben werden, wenn wir lesen lernen, und sie ist wahrscheinlich wichtig für die Leichtigkeit, mit der geübte Leser Wörter erfassen." (Posner/Raichle 1996; 86)
Ein (wenn nicht: das) Grundproblem neurowissenschaftlicher (Lese)Forschung ist dabei dies: Von welchen Unterscheidungen und Zerlegungen kognitiver Fähigkeiten und Fertigkeiten soll man sinnvollerweise ausgehen? Warum unterscheiden etwa Posner/Raichle gerade zwischen den experimentellen vier Stimuli "falsche Schriftzeichen, Buchstabenfolgen, die nur aus Konsonanten bestanden, Pseudowörter und Wörter" (Posner/Raichle 1996; 84)? Welches Verständnis der Schrift(zeichen) beispielsweise setzen sie voraus?