Textwissenschaftlich gesehen geht es beim Lesen eines Textes um so etwas wie einen Interpretationsprozeß: Der Leser schlägt eine Brücke zwischen den Verstehensangeboten des Textes und seiner eigenen Verstehensfähigkeit, eine Brücke zwischen der Sprache und der Welt des Textes und seiner eigenen Sprache und Welt, Kurz: Der Leser re-konstruiert die Intention des Textes, indem er beim Lesen sein Text-, Sprach- und Weltwissen ins Spiel bringt. Dabei gleicht das Verstehen in einem gewissen Maße einem Wiedererkennen: Man sieht nur, was man weiß. Einem Wiedererkennen allerdings, daß nicht nur den Inhalt des Wiedererkannten, sondern auch die Form des Wiedererkennens zugleich aktualisiert - und modifiziert. Der Prozeß des Lesens schließt die Anwendung von Mustern, von Schemata des Wiedererkennens ein - und hat nicht selten deren Veränderung zur Folge: Meine Kenntnis von, meine Vertrautheit mit Mustern des biographischen Erzählens etwa macht mir auch die neue Goethe-Biographie verständlich; aber die Andersartigkeit des biographischen Erzählens verändert auch meine praktische Kenntnis der Muster... (Das Innovative literarischer Erzählungen besteht ja nachgerade gerade darin, mit den vertrauten, den eingespielten, den gewohnten Muster des Erzählens zu brechen - und uns damit neue Perspektiven des Verstehens zu erschließen.)

Selbstverständlich hängt der Umgang mit dem Text von der Situation, dem Problem, dem Kontext ab, auf die der Text eine Antwort ist: Einen Text verständig lesen zu können, schließt selbstverständlich auch die Kenntnis situations-, problem-, kontext-spezifischer Bedingungen und Folgen der Interpretation und der Formulierung von Texten ein. Nur wenn ich die relevanten Formen und Muster von Texten kenne, bin ich imstande, verständig zu lesen.

andere Aspekte der Leseinteraktion

Diese Seite im Pathfinder speichern