Donald Davidson: Radikale Interpretation:
Problem-Kontext: Begriff der Interpretation; Praxis der wechselseitigen Interpretation als unhintergehbares Faktum jeder (Theorie der) sprachlichen Kommunikation und der Sprache; intersubjektive Sprache als das genuine Erkenntnismedium
Die Klärung des Begriffs der Interpretation ist meines Erachtens das Kernproblem der bisher diskutierten Konzepte (literatur-)wissenschaftlicher und literarischer Interpretation. Der Hermeneutik wird üblicherweise unterstellt, daß sie eine verstehende, nicht aber eine erklärende Wissenschaft sei; als ob erklärende Wissenschaften auf Interpretationen verzichten könnten. Die Diskurstheorie propagiert, ähnlich wie der Dekonstruktivismus, auf das Verstehen, auf die Interpretation der Texte gänzlich zu verzichten; als ob Kommentierungen keine Interpretationen wären. Die Semiotik plädiert dafür, sich an die textuellen und sprachlichen Strukturen des Textes zu halten; als ob über die formalen Eigenschaften von Texten interpretationsunabhängig Aussagen gemacht werden könnten. Die Linguistik suggeriert, daß Sprachanalyse eine und Textinterpretation eine andere Sache sei; als ob Sprachbeschreibungen keine Interpretationen wären. Die Interpretationsphilosophie stellt gegenwärtig alle diese Annahmen und Unterstellungen grundlegend in Frage. Jede Theorie und Analyse sprachlicher Äußerungen, Texte und Medien hat, so läßt sich D. Davidson interpretieren, von dem elementaren Faktum auszugehen, daß keine sprachliche Kommunikation ohne wechselseitige Interpretation denkbar ist. Interpersonelle Kommunikation ist die Basis aller propositionalen Erkenntnis. Sprachliche Kommunikation ist nichts anderes als die dialogische Verschränkung von Ausdruck und Interpretation. Eben deswegen ist für das Verständnis sprachlicher Kommunikation der Begriff der Interpretation konstitutiv; die Theorie der Sprache ist also in einer Interpretationstheorie zu fundieren.
Aber was wäre eine überzeugende Theorie der Interpretation? Davidsons (in der Philosophie inzwischen breit erörtertes, von der Sprachwissenschaft aber kaum zur Kenntnis genommenes) Konzept trägt dazu nach meiner Auffassung wesentliche Aspekte dazu bei. Die komplexe interpretationstheoretische Argumentation Davidsons soll hier aber nicht en Detail referiert werden. Ich möchte sie nur in den Grundzügen skizzieren, damit ihre interpretationspraktischen Konsequenzen deutlich werden. Davidson Theorie der Interpretation kann man als eine Antwort auf die folgenden vier Fragen verstehen: Wieso ist der Begriff der Interpretation epistemologisch elementar? Was sind die Prinzipien der Interpretation? Worin besteht Interpretation? Wann sind Interpretationen rational, und wann sind sie wahr? Indem Davidson diese Fragen beantwortet, macht er auch seine Sprachtheorie verständlich, nach der die (beispielsweise in der kognitivistischen Psychologie derzeit noch immer tragende) strikte Unterscheidung zwischen dem sprachlichen Wissen und dem Weltwissen, zwischen der sprachlichen Bedeutung und der sachlichen Wahrheit (seit Quine) keinen Sinn mehr mache. Die andere Person zu interpretieren, bestehe gewissermaßen darin, zwischen ihrer Sprache und Welt und der eigenen Sprache und Welt eine Brücke zu schlagen. Interpretation sei der Versuch der 'Übersetzung' des intentionalen Ausdrucks der interpretierten Person in den intentionalen Ausdruck des Interpreten selbst - vor dem Hintergrund des eben in der Sprache artikulierten Wissens von der anderen Person, von der Welt und von sich selbst. Interpretation ist aber alles andere als empathetische Psychologie; Interpretation ist vielmehr angewiesen auf eine (sprachanalytisch reflektierte) Kunst des 'Wörtlich-Nehmens' sowohl der Äußerungen der anderen Person als auch ihrer Beschreibungen durch den Interpreten selbst.
Aber wieso ist Interpretation das elementare Faktum, von dem bei der intentionalen Analyse der Äußerungen von Personen auszugehen ist? Ich deute Davidsons Argumentation nurmehr an: Interpretation ist nach Davidson die Basis der Wahrnehmung, des Handelns, des Denkens, des Urteilens, des Lernens und des Wissens. Denn soweit unser Wissen propositionaler (also Aussagen entsprechender) Art ist - und das ja sind alle unsere Meinungen und Überzeugungen - , ist seine Prüfung auf die intersubjektive Kommunikation in einer gemeinsamen Sprache angewiesen. Nur mit dem intersubjektiv verläßlichen Gebrauch der Sprache sind wir imstande, die Unterscheidung zwischen dem, wovon wir glauben, daß es der Fall sei, und dem, was wirklich der Fall ist, tatsächlich treffen zu können. Weil aber intersubjektive Kommunikation auf wechselseitige Interpretation angewiesen ist, haben wir zu allererst, vor allen anderen erkenntnis- und wissenstheoretischen Überlegungen, (ich zitiere Davidson) "die Frage aufzuwerfen, wie es einem fähigen Interpreten (also einem, der über die angemessenen begrifflichen Mittel verfügt und die eigene Sprache beherrscht) gelingt, den Sprecher einer fremden Sprache zu verstehen." (Davidson 1991; 1004)
Und was sind die grundlegenden Prinzipien wechselseitiger Interpretation? Sprachliche Interpretation ist für Davidson die Basis aller propositionalen Erkenntnis. Unsere Überzeugungen davon, was in Bezug auf die objektive, die intersubjektive und die subjektive Welt der Fall ist, so behauptet er, sind an die Interpretation des sprachlichen Ausdrucks unserer Überzeugungen gebunden. Interpretationen orientieren sich, so Davidson, notwendigerweise an grundlegenden pragmatischen Prinzipien. Wann immer wir interpretieren, setzen wir erstens voraus, daß Interpreten und Sprecher in Situationen des gemeinsamen Redens und Handelns von denselben Dingen sprechen und in derselben Welt leben. Und wir gehen, solange wir keine Anhaltspunkte für das Gegenteil haben, zweitens davon aus, daß die Äußerungen der Sprecher zueinander passen und insgesamt eine stimmige Darstellung dessen sind, wovon die Rede ist. Würden wir diese beiden Voraussetzungen nicht machen, wären wir gar nicht zur Interpretation der Handlungen, Äußerungen und Texte anderer Personen imstande. Wir folgen als Interpreten anderer Personen, so Davidson, dem Korrespondenzprinzip und dem Kohärenzprinzip der Interpretation. Eben diesen beiden pragmatischen Prinzipien, dem Kohärenzprinzip und dem Korrespondenzprinzip, zu folgen, macht die wohlmeinende Interpretation anderer Personen aus. Und eben dann (meint Davidson) wenn wir uns um ein wohlmeinendes (man könnte auch sagen: ein faires) Verständis ihrer Handlungen und Äußerungen bemühen, interpretieren wir andere Personen rational. Der beste Begriff des rationalen Verstehens sei eben der der wohlmeinenden Interpretation.
Aber wie kommt man dann zur Wahrheit der Interpretationen? Kann man bei so einer Interpretation der sprachlichen Äußerungen die wirklichen Absichten und die wahren Überzeugungen anderer Personen denn tatsächlich empirisch ermitteln? Kann denn auf diese Weise empirisch bewiesen werden, was die Sprecher tatsächlich meinten, dachten und wußten? Handelt es sich bei dieser Art von Analyse denn nicht in der Tat bloß um Interpretation? Der Einwand verkennt, denkt Davidson, daß wir keinen anderen als eben diesen Zugang zu den Äußerungen und Handlungen anderer haben. Er setzt voraus, daß es so etwas wie eine objektiv angemessene, eine ein für allemal richtige Deutung der Handlungen und Äußerungen von Personen gebe; eine, die sich über den Prozeß und die Prinzipien der intersubjektiven Interpretation hinwegsetzen könnte. Genau dies ist die Fiktion, die Davidson entlarvt: Die 'wirklich richtige' Interpretation kann es nicht geben: "Da es viele verschiedene, aber in gleichem Maße akzeptable Möglichkeiten gibt, eine handelnde Person zu interpretieren, können wir, wenn uns daran liegt, sagen, die Interpretation oder Übersetzung sei unbestimmt bzw. es gebe keine sachbedingten Fakten hinsichtlich dessen, was jemand mit seinen Worten meint." (Davidson 1991; 1008)
Was aber ist eine methodische Interpretation? (Oder ist die Frage danach einfach sinnlos?) Die methodische Interpretation verlangt keineswegs nur eine gewisse Kenntnis der Sprache, in der Personen sich äußern, um ihre Meinungen und Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Sie verlangt auch keineswegs nur eine gewisse Kenntnis der Welt, auf die sie Bezug nehmen. Sie verlangt vom Interpreten darüber hinaus ein erhebliches sprachreflexives und sprachanalytisches Können. Sie erzwingt nachgerade, daß der Interpret seine eigene Sprachkenntnis und Weltkenntnis aktualisiert. Sie erfordert also die Bereitschaft, die eigene sprachliche und begriffliche Bildung zu erweitern. Sie motiviert interpretationskritische Reflexion. Denn wer die Äußerungen anderer Personen in seine Sprache zu übersetzen versucht, der muß sich auch einen Begriff davon machen, was gelingende Übersetzungen ausmacht und ausmachen sollte. (Demnach lernen auch Wissenschaftler, wenn sie interpretieren.)
Und die Reichweite für die philologische Praxis und Theorie der Interpretation? Davidsons pragmatische Theorie der 'Radikalen Interpretation' eröffnet der Interpretationsforschung eine neue Perspektive. Die Pointe der Argumentation Davidsons sehe ich darin, daß er ein anderes Verständnis der wörtlichen Lektüre des Wortlauts eines (literarischen) Textes begründet. Den vorliegenden 'Oberflächentext' wörtlich zu lesen, ist die einzige Chance, zu einem begründeten Verständnis der Meinungen und Überzeugungen anderer Person zu gelangen. Aber das Wörtlich-Nehmen ist etwa ganz anderes als das schematische Zuordnen von (vermeintlich kontext-, situations- und kultur-invarianten) Bedeutungsinhalten und Wahrheitswerten. "Der geübte Interpret", so Davidson, "ist bestrebt, den Äußerungen eines Sprechers einen Aussagengehalt zuzuordnen." Und zwar so: "Im Grunde ordnet er jedem der Sätze des Sprechers einen seiner eigenen Sätze zu. Insoweit der Interpret einwandfrei vorgeht, liefern seine Sätze die Wahrheitsbedingungen der Sätze des Sprechers." "Unter dem Ergebnis kann man sich eine seitens des Interpreten vorgenommene rekursive Kennzeichnung der Wahrheit der Sätze - und damit der potentiellen Äußerungen des Sprechers vorstellen." (Davidson 1991; 1004ff) Interpretation ist also die Kunst, sprachliche Äußerungen von Personen so darzustellen, daß das Gefüge der Aussagen und Annahmen, der Meinungen und Wertungen der anderen Person für den Interpreten (und für andere Interpreten) verständlicher wird. Diese Art und Weise des Wörtlich-Nehmens macht keinen Gebrauch mehr von der Unterscheidung zwischen 'wörtlichem' und 'nicht-wörtlichem' Ausdruck, zwischen 'eigentlicher' und 'uneigentlicher' Rede; jedenfalls keinen, der zur Rettung der Idee beitragen würde, im Zweifel könne der Interpret sich an den uninterpretierten sprachlichen Ausdruck oder eine Standardinterpretation des sprachlichen Ausdrucks halten.
Die Unvereinbarkeit sprachwissenschaftlicher Textanalyse und literaturwissenschaftlicher Textinterpretation erweist sich, wenn man Davidson folgt, als eine Fiktion. Interpretationstheoretisch gesehen kann es keine Grammatik ohne Interpretation und keine Interpretation ohne Grammatik geben. Mit Schleiermachers Problem - dem der Einheit von 'grammatischer' und 'psychologischer Interpretation' - schlägt sich die Germanistik bis heute herum. Sie könnte aber mit Bezug auf Davidsons Theorie der Interpretation ein neues Verständnis philologischer Praxis entwickeln - und damit durchaus auch an ihre hermeneutisch-pragmatistische Tradition im 19. Jahrhundert anschließen.{94} Allerdings: Der Ästhetik der literarischen Texte käme man mit Davidsons Konzept bis jetzt nur sehr abstrakt bei. Denn mit der begrifflichen Kritik an der Unterscheidung zwischen eigentlichem und uneigentlichem, wörtlichem und figürlichem Ausdruck ist ja noch nicht allzu viel gewonnen. Eine sprachanalytisch fundierte Praxis der Interpretation literarischer Interpretationswelten müßte ja zeigen, wie Texte Perspektiven der Weltwahrnehmung symbolisch artikulieren.