Symbolische Interaktion Organismus - Umwelt

1. Pöppel 1996:"Was geschieht beim Lesen?"

"Optische Reize in Form von Buchstaben werden auf die Netzhaut des Auges projiziert, so sie umgewandelt werden, um dann als ´Hirnsprache´in verschiedene Teile des Gehirns geschickt zu werden, so daß es schließlich zum bewußten Erkennen eines gelesenen Wortes kommt, wodurch dann neues Wissen entsteht oder bildhafte Vorstellungen in der Phantasie angeregt werden. Aus Daten, die physikalisch beschreibbar sind, werden neuronale Informationen im Gehirn, und aus diesen entfaltet sich auf einer weiteren, hierarchisch höheren Ebene semantisches oder episodisches Wissen, also etwas, das sich sehr weit von der Ausgangsbasis, den Daten entfernt hat. Es entsteht etwas qualitativ völlig Neues." (Pöppel 1996; 13)

Und: Welche Forscher sind zuständig für die Leseforschung? - "Wer ist hier alles gefordert, um die Vorgänge, die beim Lesen im Gehirn ablaufen, verständlich zu machen? Wer wäre der ideale Leseforscher? Er müßte in der Tat viele Fähigkeiten in einer Person vereinen: Die Transduktionsprozesse in der Netzhaut, die aus physikalischen Ereignissen neuronal verwertbare Informationen machen, werden von Molekularbiologen und Chemikern untersucht. Sie interessieren jene molekularen Prozesse an den einzelnen Sinneszellen, die dem Gehirn überhaupt erst einen Zugang zur Welt um uns eröffnen. (...)" Der "Aufbau der Netzhaut" wird von Anatomen analysiert". (Pöppel 1996; 13) Es "fragt sich der Physiologe, der die Funktionen lebender Systeme untersucht, in welcher Weise Nevrvenzellen an den verschiedenen Stationen der Informationsverarbeitung angesprochen werden". (Pöppel 1996; 14) "Da Lesen aber ein universeller Prozeß ist, sind auch Sprachwissenschaftler und hier speziel Phhonetiker gefordert, die die Abbildung gesprochener Sprache auf Schriftzeichen verständlich machen." (Pöppel 1996; 15) Undsoweiter...

1.1 Ähnlich auch Pöppel 1997 über den "Prozeß des Lesens" - in neurowissenschaftlichem Analogismus, insbesondere schrifttheoretisch weitgehend unreflektiert:

"Nähern wir uns (...) dem Prozeß des Lesens." (1997; 92) "Aus Daten, die physikalisch beschreibbar sind, werden neuronale Informationen im Gehirn, und aus diesen entfaltet sich auf einer weiteren, höheren Ebene semantisches und bildhaftes Wissen, also etwas, das sich sehr weit von der Ausgangsbasis, den optischen Daten nämlich, entfernt hat." (92) Der "ideales Leseforscher" wäre so etwas wie ein transdisziplinärer Grenzgänger zwischen sehr verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. (1997; 92f)

Daß "unser Gehirn in der frühen Phase unserer Biographie durch ein hohes Maß von neuronaler Funktionsplastizität gekennzeichnet ist", bedeute für das Lesen, "daß unsere Gehirne, die wir Buchstabenschrift lesen, strukturell anders geformt sind, als die Gehirne jener, die gar nicht lesen oder jener, die Piktogrammschriften lesen, wo es darauf ankommt, einige tausend Schriftzeichen zu beherrschen." (9$) Allgemeiner: Es werde "durch moderne Befunde der Hirnforschung nahegelegt, daß Kultur strukturbildend in unser Gehirn eingreift" (95). "Kultur wird zur Struktur." Das "Lesenlernen" "muß möglichst früh erfolgen, damit diese Form des Wissens, das prozedurale Wissen des Lesens, jene Arbeitsplattform bereitstellen kann, die dann für die inhaltliche Gestaltung des expliziten und des episodischen Wissens genutzt wird." (1997; 95)

"Kompetenzen", "die auch für das Lesen gelten"(97): "mindestens fünf Teil-Kompetenzen": "ein Wortwissen", also "lexikalische Kompetenz"; "syntaktische Kompetenz", "Grammatikfähigkeit"; "semantische Kompetenz"; "sprachlautliche Kompetenz" ("Die Buchstaben, die wir lesen, sind ein Abbild der Sprachlaute, die unsere Sprache kennzeichnet" <sic!) (97); "die Prosodie der Sprache".

Kritik: <hier wird ein/der semiologisch-psycholinguistische Begriffsapparat neurologisiert - noch dazu schrifttheoretisch blind! - Mit anderen Worten: Pöppel hat das Sign-Mind-Brain-Problem noch nicht einmal! (s. auch: "kein explizites Wissen von Prozessen der Informationsverarbeitung im Gehirn" (Pöppel 1997; 99)>

 

2. Werth 1998: "Was ist Lesen?" (neurophysiologisch)

"Der Grundmechanismus des Lesens ist denkbar einfach: Da die Sehschärfe in der Fovea, einem nur 1,5 Millimeter breiten Gebiet im Zentrum der Netzhaut des Auges, am größten ist, richten wir die Augen mit dieser Stelle schärfsten Sehens auf ein zu lesendes Wort. Die Augen stehen dann, während der sogenannten Fixationsphase, für wenige hundert Millisekunden still. Während dieser Zeit werden mehrere Buchstaben gleichzeitig identifiziert, da heißt, es wird nicht Buchstabe für Buchstabe gelesen, sondern mehrere Buchstaben werden auf einmal erfaßt. Dann springen die Augen so weit nach rechts, daß die nächsten bisher noch nicht gelesenen Buchstaben scharf gesehen werden. / Auch sie werden wieder gleichzeitig erkannt, und es erfolgt der nächste Sprung nach rechts. Wie viele Buchstaben auf einmal identifiziert werden können, hängt vom Schwierigkeitsgrad des Textes ab und von der individuellen Fähigkeit des Lesers. Ebenso bestimmt die Art des Textes und das jeweilige Vermögen des Lesenden, wie lange die Augen auf die zu fixierenden Buchstaben gerichtet sein müssen. Das Gehirn hat die Aufgabe, die Augen während der Fixationsphase genau so lange ruhig in einer Position zu halten, bis mehrere Buchstaben erkannt wurden. Dann befiehlt es den Augen einen Blicksprung, der genau so groß ist, daß die folgenden Buchstaben identifiziert werden können. Die Augenbewegungen beim Lesen bestehen also aus einer genau berechneten Folge von Fixationsphasen und Sprüngen." (Werth 1998; 145/146)

2.1 Gross 1994: "Was tun die Augen beim Lesen?"

Hochkomplexe vorbewußte, aber gleichwohl verstehensorientierte Blickbewegungen...

 

3. Posner/Raichle (1996; 82ff): Welche Operationen des Gehirns (beispielsweise) am "Lesen von Wörtern" beteiligt sind:

"Beim passiven Betrachten von Wörtern scheint die Analyse auf zwei Ebenen im visuellen System zu erfolgen. Auf der einen Ebene analysiert das Gehirn die visuellen Stimuli, unabhängig davon, ob es sich um Buchstaben oder Wörter oder andere Objekte handelt. Diese Eigenschaften werden anscheinend in mehreren, in beiden Hemispähren gelegenen Arealen des visuellen Systems verarbeitet. Reaktionen auf die falschen Schriftzeichen, die nur bedeutungslose visuelle Merkmale enthalten, sind in der rechten HEmispäre besonders ausgeprägt. Auf der zweiten Ebene analysiert das Gehirn die Form des visuellen Wortes. Vermutlich aktivieren visuelle Stimuli, in denen die orthographischen Regeln einer Sprache befolgt sind, eine bestimmte Feldergruppe im visuellen System nur bei solchen Menschen, die diese Sprache sehr gut sprechen und lesen können. Diese koordinierte Reaktion muß offensichtlich erworben werden, wenn wir lesen lernen, und sie ist wahrscheinlich wichtig für die Leichtigkeit, mit der geübte Leser Wörter erfassen." Posner/Raichle 1996; 86)

 

4. Engel/König 1998: Die Grenzen des (vielfach vorausgesetzten) neurobiologischen, <repräsentationalistischen>, Wahrnehmungsparadigmas:

Ein anderer "Wahrnehumgsbegriff": "Wahrnehmung wird nicht primär als Bildanalyse oder Mustererkennung aufgefaßt, sondern als Festlegung relevanter Unterscheidungen in einem ´offenen´, nicht präfigurierten Wahrnehmungsfeld. Kognition erscheint nicht als bloße ´Re-Präsentation´einer vorgängigen Welt, sondern als aktive Erschließung und Strukturierung situationaler Kontexte. Gehirne wären aus dieser Sicht dann keine informationsverarbeitenden / Maschinen, sondern ´Vehikel der Welterzeugung´, und neuronale Aktivitätsmuster ließen sich nicht als ´innere Bilder´ einer vorgegebenen Wirklichkeit auffassen. Die ´Bedeutung´ von Hirnzuständen läge vielmehr darin, daß sie die Möglichkeiten eines Organismus bestimmen, perzeptive Konstrukte zu bilden und situative Kontexte durch Handeln zu strukturieren. Hiermit wird - gegen den etablierten Repräsentationalismus - auch die Untrennbarkeit von kognitivem System und Welt betont." (Engel/König 1998; 186/187)

Kritisch gegenüber einem Konzept von "Wahrnehmung" - "in einer Reduktion" "auf passive Weltabbildung, einer Elimination / des Handlungssubjekts, einer Isolierung der sensorischen Verarbeitung von anderen kognitiven Leistungen und einer atomistischen Grundkonzeption" (Engel/König 1998; 191/192)

 

5. Deacon 1997: Und: Die Grenzen des Verständnisses des Sign-Mind-Brain-Problems in den Kognitions- und Neurowissenschaften; oder:

Versteht das Lesen(lernen), wer die "Materialität" der Zeichen, Symbole, Medien, dh.: die emergente Interaktion von Sprache, Bewußtsein, Gehirn übersieht? Dennett: "Language makes minds of our brains."

Fazit: <Auffallende schrift- und literalitätstheoretische Blindheit der neurowissenschaftlichen Leseforschung!>

6. Pribram 1992: Ein Plädoyer für eine holistische (Medien-Wirkungs-)Forschung:

... für eine Forschung, die die intermedialen Relationen und Interferenzen berücksichtigt und an einer theoretischen wie empirischen Integration der Hirnforschung, der Bewußtseinsforschung und der Verstehensforschung interessiert ist.

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