Perspektive:
„einen Konstruktivismus zu entwerfen, der einen philosophischen Realismus impliziert<,> und einen Realismus, der nur zusammen mit einem philosophischen Konstruktivismus expliziert werden kann." (352)
Problembeschreibung:
„Wodurch lassen wir uns bestimmen, wenn wir zu erkennen versuchen, was oder wie etwas ist? Durch die Gegenstände unseres Erkennens, wäre eine naheliegende Antwort. Durch die Medien unseres Erkennens, lautet die Antwort, die heute oft anstelle der naheliegenden Antwort gegeben wird. Beide Antworten aber gehören zusammen. Nur weil wir uns in unserem Erkennen durch Medien des Erkennens bestimmen lassen, ist es möglich, daß wir uns in unserem Erkennen / durch die jeweiligen Gegenstände unseres Erkennens bestimmen lassen. Nur weil es Gegenstände gibt, die die ein von unserem Erkennen unabhängiges Bestehen haben, ist es möglich, durch Medien einen erkennenden Zugang zu Gegenständen zu haben." (351/352)
„In allem Bestimmen haben wir es mit einem zweifachen Bestimmenlassen zu tun, einem gegenständlichen und einem medialen." (352)
Medialität:
„Wahrnehmen und Erkennen können sich nicht ohne Medien zu vollziehen - nicht ohne vermittelnde, tragende Elemente, die im Erkennen wirksam sind, ohne Gegenstand des jeweiligen Erkennens zu sein. Was die erkennende von der eruierenden Wahrnehmung grundsätzlich unterscheidet, ist der Gebrauch artifizieller Medien." (354)
Sprache als Medium:
„Das erste dieser Medien ist die Sprache. Auch Bilder können als Erkenntnismedien dienen, wie zahllose Geräte als Medien des Erkennens fungieren können, vom Schreibstift über die Lupe bis hin zum Computer. Aber Sprache ist das einzige Erkenntnismedium sine qua non. Ohne die Ausbildung einer Sprache können die anderen Medien nicht als Erkenntnismedien entwickelt und genutzt werden. Alle anderen Medien sind Erkenntnismedien nur zusammen mit dem Medium der propositionalen Artikulation." (354)
Sprache als "artifizielles" Medium:
Wenn wir "mit ´Geist´ die Fähigkeit des im strikten Sinne erkennenden Verhaltens meinen", dann ist Sprache "weniger ein Erzeugnis des menschlichen Geistes als vielmehr sein erstes Zeugnis". (354/355) Die "Sprache" "läßt uns erkennen". "Dieses Erkennenkönnen, das im Sprechen liegt, hat soziale Wurzeln." Denn es "sind propositionale Einstellungen allein im Gegebensein einer intersubjektiven Sprache gegeben" (355): "´Triangulation´", ausdrücklich mit Bezug auf Davidson, als der "theoretisch gleichursprünglichen Rolle subjektiver, intersubjektiver und objektiver Erkenntnis". "Daß Erkennen nur in dieser Dreiecksbeziehung möglich ist, liegt letztlich daran, daß die Fähigkeit zu erkennen die Fähigkeit einschließt, die eigene kognitive Position zur Diskussion stellen zu können." (355)
Erkenntnismedien:
Aber: nicht das Medium der Sprache, sondern „das Medium einer Sprache": „Erkenntnismedien sind Medien, die in weiten Teilen so oder auch anders hätten ausfallen können, wie selbstverständlich und ohne Alternative (...) ihr Gebrauch den Erkennenden auch erscheinen mag (...)." (355) Nur - Arbitrarität ist gerade nicht, „die von uns erkennbare Realität sei im ganzen ein Erzeugnis oder eine Konstruktion unserer Erkenntnismedien" (356); sondern: sie beitzen eine eigene, genuine Realität, haben „Materialität".
Begriff des Mediums (356f):
„Medien sind Unterschiede, die einen Unterschied machen", „Medien sind ein Reservoir von Elementen einer Art, die jeweils in eine Konfiguration treten müssen, damit etwas Bestimmtes erreicht werden kann." (356) „Medien stellen Differenzen bereit, mit denen im Gebrauch des Mediums ein Unterschied gemacht werden kann." Mit Bezug auf Luhmanns Kunsttheorie: „In Luhmanns Terminologie: Medien sind Medien für Formen, Formen sind Formen für Medien." (356) Am „Fall der Sprache" (in der „Funktion eines Darstellungsmediums") lasse sich das verdeutlichen. (356)
Sprache als besonderes Erkenntnismedium:
Und nochmals ein wesentlicher Hinweis auf deren Charakter als Erkenntnismedium: „"das artifizielle sprachliche Medium" „erlaubt" erst „eine begriffliche Diskriminierung und propositionale Darstellung des Gegebenen". (357) „Eine Besonderheit der Sprache liegt zusätzlich darin, daß viele ihrer Differenzen zugleich Differenzierungen sind. Sprecher einer Sprache machen nicht allein Unterschiede, sie wissen auch, daß sie Unterschiede machen, oder können es doch wissen" (357) . Dabei schließe das „implizite Wissen der einzelnen Sprecher" ein „die Fähigjeit der erkennenden Differenzierung" als „eine Fähigkeit der für den jeweiligen Zweck hinreichenden und hinreichend relevanten Differenzierung". Dh: ohne einen „Sinn für die Relevanz von Wissen" „kein Wissen". (357) Kurz, und das Verhätlnis des Bestimmten und des Unbestimmten pointierend: „Die Sprache eröffnet einen intransparenten Horizont von Unterschieden." (358)
Das „Medium einer Sprache" und „die Gegenstände unseres Erkennens" (358):
„Das Medium einer Sprache macht den fraglichen Gegenstand in einer bestimmten Weise für das Erkennen zugänglich, jedoch so, daß daß die hiermit angesprochene Beschaffenheit des Gegenstands entscheidet, ob die getroffene Aussage wahr ist oder nicht." (358) Wir können also „von ´Tatsachen´ nur im Zusammenhang mit dem behauptenden Gebrauch von Aussagen" sprechen (359). „Die Welt besteht nicht aus Tatsachen (...), sondern aus Gegenständen und Ereignissen, denen im Gebrauch einer propositionalen Sprache diese oder jene Beschaffenheit zugesprochen, an denen diese oder jene Beschaffenheit entdeckt werden kann." (359) Die „mediale Konstruktion": „durch das Erkenntnismedium bereitgestellte Hinsichten" (359). Also: „Wir lassen uns ebenso von den Unterscheidungen unserer Sprache wie durch die Unterschiede an den fraglichen Gegenständen bestimmen." (359) Allerdings: „Worüber aber unsere Sätze sind und unter welchem Aspekt sie einen Gegenstand thematisieren, dies festzulegen liegt weder in der Macht der Sprache noch in der Macht des angesprochenen Gegenstands, sondern allein in der Hand derer, die denkend und sprechende etwa zu erkennen versuchen." „Geleitet von der Sprache, in der Begegnung mit dem Gegenstand (...)" (359).
Übersetzbarkeit und Realität:
Das „Phänomen des Verstehens und Übersetzens" (359), <exemplarisch für> „die Situation der sprachlichen Artikulation (...) - die Situation, uns gegenüber jemandem mit unseren wechselseitigen Gedanken über etwa verständigen zu können" (360); denn wesentlich für Sprachen das „Faktum der Übersetzbarkeit unterschiedlicher Sprachen" (360). Dieses Faktum bedeute „die Realität einer (pinzipiell schrankenlosen) sprachlichen Interaktion" und berechtige eben deswegen „zur Annahme der Realität einer vom Belieben einzelner Sprecher und Sprachgemeinschaften unabbhängigen Welt". (360)
Mediale Natur des Erkennens, Arbitrarität und Objektivität:
„Für die Einschätzung der medialen Natur des Erkennens" bedeute das: „Von Medien des Erkennens kann nur dort die Rede sein, wo diese nicht allein eine besondere soziale, kulturelle und technische Wirklichkeit erzeugen, wie Sprache und Wissenschaft dies zweifellos tun, sondern im selben Prozeß vielfältige Aspekte einer ihrem Vollzug vorausliegenden Wirklichkeit entdecken." (360) Aus der Übersetzbarkeit folge, „daß aus der grundsätzlichen Arbitrarität des Vokabulars einer Sprache nicht auf die Relativität der in ihr formulierten Erkenntnisse geschlossen werden darf". (361) Sondern: „Arbitrarität ermöglichkeit Objektivität. Sie hält das sprachliche Medium offen für eine über historische und kulturelle Schranken hinausgehende Erkenntnis des Wirklichen." (361) Die „Sprache das primäre Medium eines über das Gewahren von Dingen und Ereignissen hinausgehenden Bewußtseins von Realität." (361) Kurz: „Das Faktum der Übersetzbarkeit von Sätzen" belege „die Erkennbarkeit satzunabhängig bestehender Gegenstände". (361)
Erkennende Wesen, erkenntnisbezogene Kommunikation:
„(E)rkennende Wesen" (362) haben in „erkenntnisbezogene(r) Kommunikation"(361) gemeinsam: „die exzentrische Position, das Regelfolgen und Triangulation, Technikbenutzung, die Kunst der Übersetzung und Interpretation, eine Moral, und was die Sapientiologie sonst noch alles anzugeben weiß..." (362)
Kognitive Idiome der Erkenntnis und die wirkliche Welt:
„Sprachgebundenheit allen Erkennens" (362): ist „nicht die Sprachgeborenheit alles Erkannten". „Sprache als Medium des Erkennens schiebt sich nicht vor die Gegenstände des Erkennens, sondern gibt sie zu einem stets aspekthaften Erkennen frei." (362) „Ob die Erde die Gestalt einer Scheibe oder einer Kugel hat, konnte nur erkannt werden im Medium einer Sprache, in der die Unterscheidung von ´Scheiben´ und ´Kugeln´ bereitgestellt war. (...) Was für eine Gestalt der Erde unabhängig von jedem kognitiven Idiom zukommt, dies wäre eine sinnlose Frage." (363) „Die Dinge und Ereignisse der Welt bestehen unabhängig von unserem Erkennen, aber eine bestimmte Verfassung zeigen sie allein in Antwort auf unser erkennendes Bestimmen." (363) „Das Wirkliche ist das Erkennbare." (364)
Medialitätstheoretische Einsicht (mit Bezug auf Kant):
„Eine Reflexion auf die Medialität des Erkennens aber zeigt, daß die Annahme einer Erkenntnis ohne sinnliches Medium ebenso leer ist wie die Annahme einer denkbaren vollständigen Erkenntnis." (364) < Also: weder ´reine´ noch ´umfassende´ Erkenntnis.> „Die Unzugänglichkeit des Wirklichen erweist sich so als die Kehrseite seiner kognitiven Zugänglichkeit." (364) Dh.: „Ein Verständnis von Realität, daß diese vom Prozeß ihrer begrenzten medialen Erkennbarkeit her versteht" als wesentlicher Gedanke einer „medialen Erkenntnistheorie" (365).