Hilmar Hoffmann: Lesen in der Informationsgesellschaft (1996)
Die neuen Informationstechniken: Konkrete Nutzen für den einzelnen Bürger
"Wir sind in eine fremde unheimliche Welt geraten." Aus dem Bordbuch des Christoph Columbus, 1492
Wann immer neue Welten entdeckt werden, hat das zwei Seiten: Da ist einerseits die Faszination des Neuen. Doch parallel dazu machen sich Befürchtungen und Ängste breit. Viele wollen nicht einmal wahrnehmen, daßeine neue Ära begonnen hat. So verhielt es sich schon vor 500 Jahren: Christoph Kolumbus hatte Amerika entdeckt und 1521 war Magellan rund um die Welt gesegelt. Als die wenigen Überlebenden seiner Expedition nach Lissabon zurückkehrten, glaubte man ihnen nicht. Sie wurden für verrückt erklärt.
Ähnlich heute? 1950 führte ein bekanntes Computerunternehmen eine Untersuchung durch, um zu prognostizieren, wie groß in absehbarer Zukunft der Bedarf an Computern sein würde. Das Resultat: fünf Stück. Mittlerweile steuern Computer ganze Industrieanlagen und schlüpfen in die Rolle der Telefonistin, der Sekretärin, des Dolmetschers und des Bankbeamten.
Im jährlich stattfindenden Loebner-Turing-Wettbewerb bekommt derjenige Programmierer 100.000 Dollar, mit dessen Computerprogramm die Jury 15 Minuten lang eine normale Konversation führen kann, ohne daß dabei klar wird, ob nun die Maschine oder ein Mensch die Antworten gibt. Bereits 1991, beim ersten Wettbewerb dieser Art, glaubten fünf von zehn Jurymitgliedern, der mit dem Programm PC-Therapist geführte Dialog sei eine Kommunikation von Mensch zu Mensch.
Die Welt verlagert sich mehr und mehr in den künstlichen Raum. Geographische und zeitliche Grenzen verlieren an Bedeutung. Unternehmen programmieren in Indien, Banken geben in Fernost ihre Buchungen ein. Ein Stadtplaner in Berlin wird mit seinem Kollegen in Madrid online am Bildschirm zusammenarbeiten, Daten austauschen und Pläne diskutieren, ohne deswegen reisen zu müssen.
Immer mehr Menschen werden sich dann als Telearbeiter ihre Arbeitszeit zwischen Büro und Zuhause aufteilen. Die Wissenschaft wird zukünftig viele Experimente im Computer simulieren. Im Unterricht diskutieren Schüler aus Wernigerode im Harz mit Schülern in Brisbane/Australien in einer Videokonferenz über Umweltschutz.
Für den interessierten Bürger ist so gut wie jede Information abfragbar, für berufliche Zwecke, oder für die Freizeit - zwei Kategorien, die sich immer schwerer trennen lassen. Mehr als 8.500 Online-Datenbanken stehen heute schon zur Verfügung. Aus dem elektronischen Netz wird sich aber auch jeder Film, jedes neue Musikstück "on demand" in den Multimedia-PC laden lassen. Man kann sich in den heute schon 250 Internet-MUDs (multi-user-dungeons oder dimensions) mit anderen Weltbürgern treffen und künstliche Städte bevölkern.
Nicht nur im Computer tun sich neue Bilderwelten auf, auch für unser tägliches Leben zeichnen sich handfeste Vorteile ab: Computer helfen, das Verkehrschaos zu vermeiden, Chirurgen erstellen Diagnosen am Monitor - auch vom anderen Ende der Welt aus. Eingekauft wird vom Wohnzimmer aus. Lernen - in der Schule und ein Leben lang - wird zu einem multimedialen, kreativen Prozeß. Die Verwaltung wandelt sich zu einem bürgerfreundlichen Dienstleistungszentrum und die Demokratie zu einem offenen Forum, an dem jeder interaktiv teilnehmen kann.
Die Initialzündungen entfalten schon ihre Wirkungen, die konkreten Nutzen für jeden Bürger zeichnen sich am Horizont ab. Nicht erst die Generation der Computerkids wird die Vorteile der Informationstechniken nutzen.
Prof. Hilmar Hoffmann Goethe-Institut