Gesundheit aus der Steckdose - Telemedizin zwischen Vision und Wirklichkeit
( Dr. Norbert Hüwel, Universität Mainz)

"Kein Hubschrauber ist so schnell wie das Kabel."
Der wissenschaftliche Fortschritt hat in den letzten Jahren dazu geführt, daß eine weite Verbreitung bildgebender Diagnostikeinheiten wie Computertomographie und Magnetresonanztomographie stattgefunden hat. Von Patienten aufgesuchte Kliniken, Abteilungen und mehr und mehr auch Arztpraxen sind also in der Lage, die Diagnostik selbst eines so spezialisierten Fachgebietes, wie es die Neurochirurgie darstellt, zu leisten. Es fehlt jedoch die neurochirurgische fachärztliche Kompetenz bei der Indikationsstellung für neurochirurgische operative Maßnahmen. Um ein solches weiteres neurochirurgisches Vorgehen abzustimmen, mußten in unserer Region regelmäßig entweder die Diagnostikergebnisse oder die Patienten selbst nach Mainz verlegt werden, um hier beraten und behandelt Werden zu können. Vor der Ära der neurochirurgischen Telekonsultation war in unserem Versorgungsgebiet das Verschicken von diagnostischem Bildmaterial mit dem Taxi oder der Post je nach Dringlichkeit die Regel.

Um die Notwendigkeit der Verbesserung des dargelegten Kommunikationssystems zu quantifizieren, haben wir eine Kommunikationsstudie durchgeführt, die über den bisherigen Zeitraum der existierenden Telekonferenzeinheit die Patientenfälle dokumentiert hat, bei denen unter medizinischen und wirtschaftlichen Aspekten die Möglichkeit einer Telekonsultation das Mittel der Wahl gewesen wäre. Im bisherigen Zeitraum überblicken wir nunmehr eine Patientenzahl von 456 durch Telekonsultation geklärte und verhandelte Diagnosen. Für den gefährlichsten Bereich einer neurochirurgischen Erkrankung - nämlich eine intracerebrale Blutung - konnte in einer außerordentlich großen Fallzahl (31,8% der Konsultationen) direkt entschieden werden.

Nur in 36,2 Prozent der telekonsultatorisch beratenen Patientenfälle war eine Übernahme direkt erforderlich. In 63,8 Prozent konnte die Beratung und Indikationsstellung ohne Verlegung des Patienten erfolgen. In 15,8 Prozent der Fälle war eine Operation direkt nach der Konsultation ohne weitere Abklärung, Diagnostik und Wartezeit für den Patienten möglich. Damit zeigt sich, daß mit der modernen Telekonsultation eine außerordentlich einsparungswirksame Technologie zur Verfügung steht, weil die Reduktion der Krankentransportkosten, die Einsparung durch vermiedene Fehlbelegung maximal spezialisierter Intensivtherapiestationen und die Verkürzung von Liegezeiten in peripheren Kliniken die volkswirtschaftlichen Konsequenzen klar erkennen lassen. Basierend auf diesen Erfahrungen sowohl innerhalb des Klinikalltages als auch für wissenschaftliche Zwecke haben wir das sogenannte "Mainzer Modell" stabil etabliert und konsequent weiterentwickelt.

Der sogenannte "Mainzer Tisch" ist das Herzstück des bisher ausgebauten Telekonsultationsnetzes. Design und technische Einrichtung wurden nach den Anwendungserfahrungen der Mainzer Neurochirurgie mit der Firma Sony entwickelt. Herausgekommen ist eine modulare Lösung, bei der eine Anpassung an die jeweiligen Bedürfnisse der medizinischen Anwender möglich ist. Kernstück ist ein Computer, mit dem das Videosignal einer 3-Chip-Kamera eingefroren und digitalisiert werden kann. Durch Übersendung der Bildinformation in digitaler Form wird eine verlustfreie Übertragung gewährleistet. An der Stirnseite des Tisches befindet sich eine Portrait-Kamera, drei Monitore gewährleisten den optimalen Überblick. Der linke Monitor zeigt dem Bediener, welches Bild von ihm gesendet wird. Der rechte Monitor dient der Kontrolle der Dokumentenkamera. Der mittlere Monitor zeigt den Gesprächspartner oder die von ihm gesendeten Bilder. Zusätzlich verfügt der Videokonferenztisch über einen elektronischen Datenspeicher zur Dokumentation und Speicherung und über einen Videoprinter zur aktenfähigen Dokumentation der Bilder sowie einen Videorecorder.

Mittels einer Kreuzschiene ist der Arzt in der Lage, wechselweise sowohl Röntgenbilder als auch Videosequenzen oder Bilder aus dem Röntgenarchiv zu übersenden. Während des Telekonsultationsgesprächs werden die Gesprächspartner mittels der Portrait-Kamera übertragen. Dem beratenden Facharzt steht ein Graphik-Tableau zur Verfügung, mit dem eine farbige graphische Bearbeitung der Bilder möglich ist. Der "Mainzer Tisch" ist in der Lage, Bildinformationen sowohl vom Glasfasernetz (140 Megabyte/sec.) als auch vom ISDN-Netz und Standbildübertragung via herkömmlicher Telefonleitung zu empfangen. Diese Telekonsultation kann in die Notfallkette eingebunden werden (kein Hubschrauber ist so schnell wie das Kabel). Operationsindikationen und Beratungen zu notfallmäßigen Vorgehensweisen können innerhalb von Sekunden abgesprochen werden. Weiterhin können Routinefälle anhand des Diagnostikmaterials besprochen und entschieden werden. Spezialistenwissen, beispielsweise von Neuroradiologen, kann die Diagnostik bildgebender Verfahren ergänzen. In einer Sprechstunde am Bildschirm kann der Patient vom Spezialisten via Videokonferenz über Therapiemöglichkeiten und Risiken aufgeklärt werden. Direktübertragungen aus dem Operationssaal zu Weiterbildungszwecken sind möglich, ja sogar die Übertragung von histologischen Präparaten ermöglicht die Schnellschnittdiagnostik über Telekonsultation. Auch endoskopische Bilder, Ultraschallbefunde und so weiter können in die Videokonferenz einfließen. Die Weiterbildungseffekte bei der gemeinschaftlichen Besprechung von Befunden sind beeindruckend.

Auch Momente der Vertrauensbildung durch das routinemäßige Kommunizieren am Bildschirm verdienen Erwähnung. Es entsteht ein kollegial-persönliches Umgehen mit Kollegen, ein nicht zu unterschätzender Vorteil im gemeinsamen Arbeiten. Durch bessere Informationen werden Patienten reibungsloser von Spezialkliniken übernommen und im umgekehrten Fall auch für die postakute stationäre Weiterbehandlungsphase viel eher rückübernommen. Schließlich können auch Videokonferenzen stattfinden, bei denen bis zu sechs Teilnehmer miteinander kommunizieren können.

Die Bilddokumentation in der Medizin, die sogenannte Telekonsultation, hat sich in dem Pilotprojekt des "Mainzer Modells" voll bewährt und als medizinisch ebenso sinnvoll und notwendig wie wirtschaftlich kostensparend erwiesen. Der routinemäßige Umgang mit der Telekonsultation stellt für den Arzt eine Bereicherung seiner Beratungsmöglichkeiten dar. Am meisten profitiert jedoch der Patient. Eine weitere Verbreitung der Telekonsultation ist unbedingt notwendig und auch absehbar.

Informationskompetenz - Übersicht

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