Das Bild im Computerzeitalter
(Prof. Dr. Heinrich Klotz, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe)

"Das wohl intensivste Bilderlebnis stellt das mit einer Flüssigkristallbrille wahrgenommene 3-D-Bild der sogenannten Virtual Reality dar."

Mit einem Begriff von Vilém Flusser sprechen wir heute von technischen Bildern und meinen damit die "kalten Bilder", die nicht mehr mit der Hand hergestellt sind, sondern mit zwischengeschalteten technischen Verfahren. Die im 15. Jahrhundert erfundenen Techniken des Holzschnitts und Kupferstichs waren insofern neuartig, als sie zum erstenmal die Möglichkeit der popularisierenden Massenproduktion eines Images eröffneten.

Die Erfindung des Fotos erbrachte eine neue Qualität: Herstellung des Bildes in einem optisch-chemischen Verfahren, ohne daß der Mensch mit dem individuellen Duktus seiner Handschrift noch beteiligt war.

Mit der Erfindung des Films am Ende des 19. Jahrhunderts war ein weiterer Schritt getan, den Bildbegriff beträchtlich auszuweiten: Wir sprechen seitdem von bewegten Bildern. Die große Erfindung der Renaissance bestand in der Erfindung des perspektivischen Bildes. Nach der perspektivischen Scheinhaftigkeit des neuzeitlichen Bildes entstand das bewegte Bild der Moderne: Film, Kino.

Das endende 19. und das frühe 20. Jahrhundert erbrachten weitere Varianten des fotografischen Bildes, das dreidimensionale Stereofoto, das durchleuchtende Diapositiv und das Farbfoto. Hinzu kamen die in drucktechnischen Verfahren hergestellten Bilder: Nach dem noch handwerklichen Bild der Lithografie, dem durch Senefelder zum Ende des 18. Jahrhunderts erfundenen Steindruck, kam das als Raster aufgelöste Druckmaschinenbild hinzu, das eine Auflösung der Bildfläche in einzelne Punkte voraussetzte, was eine Bildrevolution bedeutete.

Das in Punkten aufgelöste Bild oder sich aus Punkten zusammensetzende Druckbild war der symbolische Vorläufer des aus Punkten, aus Pixel aufgebauten elektronischen Bildes. Die "Zweite Moderne" ist das Zeitalter des elektronisch bewegten Bildes. Die Informationstechnologien haben eine Fülle neuer Möglichkeiten der Bildherstellung erbracht. Das am weitesten verbreitete ist zweifellos das Fernsehbild, das die wohl intensivste Bildrezeption aller Zeiten bewirkt hat. Wenn man bedenkt, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland durchschnittlich drei bis vier Stunden täglich auf die Fernsehmattscheibe blickt, so mag man ermessen, wie sehr diese Form der Bildwahrnehmung den Menschen konditioniert. Mit der elektronischen Datenverarbeitung ist eine Fülle anderer Bildgattungen entstanden, die jedoch alle auf verwandten computerisierten elektronischen Herstellungsverfahren beruhen. Zu den traditionellen Bildern wie dem Ölbild, dem Glasgemälde, dem Kupferstich und Holzschnitt, der Radierung, dem Mosaik, der Lithografie, dem Foto, dem Film und dem Maschinendruckbild sind die elektronischen Bilder vielfältigster Art und unterschiedlichster Vermittlung hinzugetreten: das Fernsehbild, das Videobild, das mit dem Computer hergestellte CD-Bild, also die Videoanimation, das Scannerbild, das Kopierbild, die CD-ROM, das auf Datennetzen versandte und vermittelte Computerbild. Das wohl intensivste Bilderlebnis stellt das mit einer Flüssigkristallbrille wahrgenommene 3-D-Bild der sogenannten Virtual Reality dar, das zudem vom Wahrnehmenden selbst interaktiv gesteuert werden kann und die Reaktion des Körpers mit einschließt. Der höchste Illusionsgrad bewegter Bilder wird mit dem Virtual Reality Environment (EVE) erreicht, das dem Menschen innerhalb eines dreidimensionalen Perspektivraumes eine von ihm selbst gesteuerte Bewegung ermöglicht, die ihn in einem 1:1-Verhältnis durch künstlich simulierte Umwelten vielfältigster Art hindurchnavigieren läßt.

Die Geschichte des Bildes und der Bildwahrnehmung ist eines der zentralen Motive kultureller Entwicklung.

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