Lehrerinnen und Lehrer im Jahr 2010 - Brauchen wir Multimediapädagogen?
( Willi van Lück, Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest)

"Lernen nach dem Modell der 'Instruktion', wonach Wissen beim anderen dann vorhanden ist, wenn es 'umgefüllt' wurde, gehört abgeschafft."

"Multimedia" versetzt heute viele Menschen und Firmen in euphorische Stimmung. Tausend und mehr bunt und grell aufgemachte Titel sind "vom Band gerollt" und im Angebot. Aber die "schnelle Ware" wird wirtschaftliche, mindestens pädagogische Verheißungen und Hoffnungen radikal enttäuschen. Denn fast alle für Schule und Weiterbildung entwickelten Multimedia sind alter Wein in neuen Schläuchen. Es sind multimediale Lern- und Übungsprogramme auf der Basis von operationalisierten Lernzielen; es ist eine Neuauflage des programmierten Unterrichts der 60er Jahre, der auch durch "bunte und melodiöse" Schnickschnacks qualitativ nicht besser wird. Wird aber weiterhin nur diese Trichter-Methode als die einzig gültige Lernform reproduziert, so wird eine Chance vertan. Heute schon ist ein Paradigmenwechsel vom Lehren zum Lernen möglich, der eine Qualitätssteigerung des Lernens in der Schule und Weiterbildung erwarten läßt. Und diese ist notwendig, in der Bedeutung von Not abwendend, sollen Menschen in der zunehmenden Komplexität weiterhin die Gestalter bleiben.

Nur diejenigen neuen Medien fördern die Qualität des Lernens, die Lernende zum Fragen, Staunen und Verwundern anregen, die ihre eigenen Interessen und Gefühle aufgreifen, die an persönliche Erfahrungen und Beobachtungen anknüpfen, die für sinnliche "Wahr-Nehmungen" und authentische Begegnungen aufschließen und die keinen Lernweg vorgeben. Medien dieser Art fördern eigenaktive Tätigkeiten wie: lesen, stöbern, schreiben, anordnen, strukturieren, umgestalten, modellieren und simulieren. Solche Medien besitzen in der Regel im hypermedialen Datenbestand auch vielfältige Dokumente, die zum gemeinschaftlichen Handeln herausfordern wie: diskutieren, interpretieren, bewerten, befragen, beobachten und experimentieren. Operative Werkzeuge in diesen Medien erlauben, mit einer zunehmenden Fülle von Text-, Grafik-, Bild-, Ton- und Animationsbausteinen, Komplexitäten aufzu "schreiben" oder Informationen zu komplexen Sach- und Sinnverhalten zu finden, diese zu "rechnen" und zu "lesen". Lesen, Schreiben, und Rechnen müssen heute viel umfassender gesehen werden. Neu bestimmt sind sie in der Informationsgesellschaft wichtige Basisqualifikationen für alle Menschen.

Lernen ist ein individueller, entdeckender, kreativer aber zirkulärer Prozeß. Üben ist wiederholtes Lernen und nicht Drill. Lernen nach dem Modell der "Instruktion", wonach Wissen beim anderen dann vorhanden ist, wenn es "umgefüllt" wurde, gehört abgeschafft. Lernen ist ein Selbstorganisations-Prozeß, in dem Wissensnetze neu aufgebaut, umgeordnet oder erweitert werden. Und individuelles Lernen geschieht durch Interpretieren und Bewerten der im zentralen Nervensystem (u.a. im Gehirn) eingehenden Signale auf der Basis des vorher Gelernten.

Wenn alles schläft und einer spricht, das nennt man Unterricht. Wohl gemerkt, diese Aussage ist eine Karikatur. Aber sie ist immer noch nahe dran an der heutigen Wirklichkeit. Lehrerinnen und Lehrer stehen vor der Klasse und instruieren Schülerinnen und Schüler mit ihrem für wichtig gehaltenen Fachwissen. Und bestenfalls reihen sie Fragen aneinander, die Schülerinnen und Schüler in diesem Kontext haben sollten. Sie veranschaulichen mit Kreide, Bildern und Gesten alleine und ausschließlich rein fachliche Zusammenhänge und das dazugehörende Überfachliche lehrt dann die Fachkollegin und der Fachkollege im nächsten Jahr.

Was bedeutet das Gesagte für Schülerinnen und Schüler? Sie sollten bedeutungsvolle und hinreichend komplexe Sinn- und Sachzusammenhänge eigenständig in Teilprobleme gliedern und dann bearbeiten. Denn so entstehen in Kommunikation mit sich selbst oder mit anderen genau die subjektiven und gruppenbezogenen Fragen, die an bereits Bekanntes anknüpfen. So entsteht ferner eine offene Situation, in die eigene und fremde Interessen und Gefühle eingebracht und "verwirklicht" sowie vorhandene Werthaltungen diskutiert werden können. Und diese Sollens-Forderung bezieht sich auf alle Fächer, von Politik und Naturwissenschaften über Deutsch und Mathematik bis zu den Fremdsprachen. Zusammenwirkend kann dann fachliches und überfachliches sowie soziales Lernen stattfinden. Bei der Bearbeitung der Teilprobleme nutzen die Lernenden neben anderen Mitteln auch die oben beschriebenen beispielhaften Neuen Medien und sie übernehmen für ihr eigenes Lernen Selbstverantwortung.

Was bedeutet das Gesagte für Lehrerinnen und Lehrer? Sie greifen situativ Fragen, Probleme und Interessen der Lernenden auf und arrangieren arbeitsteilige Gruppenarbeit. Sie öffnen sich für bedeutungsvolle Alltagssituationen und leiten zum projektorientierten Lernen an. Sie inszenieren hinreichende Komplexitäten, elementarisieren und didaktisieren diese aber nicht unnötig, sondern schaffen mediale und organisatorische Voraussetzungen z.B. für Zukunftswerkstätten. Lehrerinnen und Lehrer übernehmen also eine mehr organisierende als instruierende Rolle. Sie ermöglichen den Lernenden vielfältige kommunikative Situationen zur Problemlösung und leiten sie u.a. dazu an, brauchbare Informationen zu finden, Diskussionen über Sachverhalte und Streitgespräche über Dilemmata geregelt zu führen sowie Teamarbeit effektiv zu gestalten. Sie moderieren und "vermitteln" bei Prozessen der Informationssuche und des sozialen Lernens. Im individuellen und gruppenbezogenen Lernprozeß beraten Lehrerinnen und Lehrer die Lernenden. Sie helfen ihnen u.a. dabei, das Lernen zu lernen, multimediale Informationen erkenntnis- und emotionenkritisch zu analysieren und zu beurteilen sowie Multimedien selbst zu gestalten, um mit diesen Medien in ihrem räumlichen und zeitlichen Nah- und Fernbereich für ihr Anliegen Öffentlichkeit herzustellen.

Hoffentlich schon vor dem Jahre 2010 wird Lernen als eigenaktiver und kreativer Prozeß begriffen. Und die dann auch für fachübergreifendes Arbeiten qualifizierten Lehrerinnen und Lehrer bieten Anregungen dafür. Medienkompetent organisieren sie Lernwelten und methoden-mix-kompetent greifen sie situativ Probleme, Interessen und Gefühle der Lernenden auf. Lehrerinnen und Lehrer moderieren und beraten mit diagnostischer Kompetenz den Lernprozeß. Sie öffnen ihren Unterricht für Schlüsselprobleme unseres Alltags und ermöglichen vielfältige und auch multikulturelle Kommunikationen. Lehrerinnen und Lehrer werden also nicht überflüssig. Aber neue Fachidioten, wie Multimediapädagogen, brauchen wir nicht. Bis zum Jahre 2010 ist noch viel zu tun. Denn weder beispielhafte Neue Medien noch multikompetente Lehrerinnen und Lehrer sind umsonst zu haben.

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