Informationsverbund in modernen Unternehmen
(Dr. Horst Nasko, Europäische Forschungsinitiative JESSI [THE JOINT EUROPEAN
SUBMICRON SILICON PROGRAM])
"Der Mitarbeiter am Telearbeitsplatz braucht weder durch den dichten Verkehr von Ballungszentren noch über lange Strecken ins Büro zu pendeln - das spart Zeit und leistet einen Beitrag zur Umweltschonung."
Um die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zu verbessern und die Wirtschaftlichkeit durch Kostenreduktion und Produktivitätssteigerungen nachhaltig zu sichern, ist eine laufende Analyse und Optimierung aller Prozesse erforderlich. Eine solche Neugestaltung der Abläufe macht auch vor neuen Arbeitsformen nicht halt. Sehr konkret werden dabei die Möglichkeiten des Teleworking in Betracht gezogen und bereits eingesetzt.
Der Mitarbeiter am Telearbeitsplatz braucht weder durch den dichten Verkehr von Ballungszentren noch über lange Strecken ins Büro zu pendeln - das spart Zeit und leistet einen Beitrag zur Umweltschonung. Die Arbeitseinteilung läßt sich durch Teleworking flexibler gestalten, und für jemanden, der aus familiären oder gesundheitlichen Gründen nicht für längere Zeit aus dem Haus kann, ist es vielleicht die einzige Möglichkeit für eine Erwerbstätigkeit. Durch die Einrichtung von Satellitenbüros oder Telehäusern in strukturschwachen Gebieten lassen sich Telearbeitsplätze dezentral zusammenfassen, gleichzeitig verbessert sich dadurch die Infrastruktur.
Als Kandidaten für Telearbeit eignen sich am besten Tätigkeiten mit einem hohen Grad an zeitlicher und inhaltlicher Autonomie. Der Telearbeitsplatz kann zu Hause oder in Satellitenbüros sein, wer viel unterwegs ist, nutzt einen mobilen Arbeitsplatz, über den er regelmäßig kommuniziert.
Teleworking wird leichter angenommen, wenn der Mitarbeiter seine gewohnte Arbeitsumgebung am Telearbeitsplatz vorfindet. Die technischen Voraussetzungen dafür sind heute gegeben. Das Telefon bleibt das meist genutzte Gerät für die direkte Kommunikation zwischen Menschen. Funktionen der Nebenstellenanlage (z.B. Namensspeicher, Rufumleitung usw.) kann man aus dem Büro "verlängern" und auch von zu Hause aus nutzen. Wesentliche Endgeräte für Teleworking sind PCs oder Workstations, die auf die jeweiligen Anforderungen hin maßgeschneidert konfiguriert werden. Entscheidend ist weiter eine Kommunikationsinfrastruktur mit den erforderlichen bertragungsraten zu Gebühren, die eine wirtschaftliche Schaffung von Telearbeitsplätzen zulassen.
Lokale Büroapplikationen und Anwendungen zur Kommunikation zu Kollegen, Kunden oder zu anderen Informationssystemen sind die Arbeitsmittel des "Teleworkers". Messaging-Verfahren wie Fax, Electronic Mail oder Voice Mail lassen sich heute im Endgerät integrieren. Oft reicht dafür ein Zugang zum analogen Telefonnetz über Modem (9,6 bis 28,8 kbits/s) oder ein ISDN-Anschluß (64 kbits/s). Werden regelmäßig große Dokumente, etwa mit multimedialen Inhalten, übertragen, kann allerdings ein leistungsfähigerer Zugang erforderlich sein.
Auch Zugriffe auf entfernte Verzeichnisse, Dateien oder Datenbanken sind typische Anforderungen von Telearbeitsplätzen. Anwendungen aus dem Bereich Collaborative Work zur Unterstützung von Telearbeit ermöglichen gemeinsames verteiltes Arbeiten in einer Gruppe, entweder über eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung oder mit mehreren Partnern in einer Konferenzschaltung. Alle Teilnehmer haben auf ihren Bildschirmen die gleiche Sicht auf eine Anwendung, also ein Text- oder Grafikprogramm oder auch eine CAD-Anwendung, jede Änderung des bearbeiteten Objekts wird allen synchron angezeigt. Eine persönlichere Zusammenarbeit wird erreicht, wenn zusätzlich eine Audio- und Videokonferenz zwischen den Systemen der Teilnehmer aufgebaut wird, so daß diese bei der Arbeit auch direkt miteinander sprechen können und Blickkontakt haben.
Eine sehr gute Darstellung der Bewegtbilder der Videokonferenz benötigt zwar hohe Übertragungsraten, nimmt man aber eine niedrigere Bildqualität in Kauf, reicht auch schon ein ISDN-Basisanschluß mit 64 kbits/s für Application Sharing mit Audio- und Videokonferenz. In zwei wichtigen Standards (H.320 für Videokonferenz und T.120 für Application Sharing) ist geregelt, wie die zu übertragenden Daten durch optimierte Kompressionsverfahren an die Bandbreite von ISDN-Verbindungen angepaßt werden.
Auch außerhalb der Industrie findet Collaborative Work Anwendung, etwa im Projekt "Informationsverbund Berlin -Bonn". Collaborative Work eignet sich nicht nur zur Telearbeit, man kann damit auch Experten zur Kundenberatung oder zur Schulung heranziehen. Lufthansa erprobt derzeit ein Verfahren der Fernwartung, bei dem u.a. Fachleute zur Schadensbegutachtung oder zur Reparaturhilfe über Videokonferenz zugeschaltet werden können.
Den Investitions- und Kommunikationskosten von Telearbeit steht ein erhebliches Einsparpotential gegenüber, wie ein Beispiel von Siemens Nixdorf zeigt: der Einsatz von Collaborative Work in einem Software-Entwicklungsprojekt, an dem Ingenieure in Berlin, München und Wien beteiligt sind, hat sich durch höhere Arbeitsproduktivität, engere Kommunikation und drastisch reduzierte Reisekosten bereits nach einem halben Jahr amortisiert.
Telearbeit verändert die gesamte Arbeitswelt, deshalb sind neben der Technik weitere soziale und rechtliche Aspekte zu berücksichtigen, z.B. Aufnahme in arbeits- und versicherungsrechtliche Regelungen, in Tarifvereinbarungen usw. Es ist notwendig, auf diesen Gebieten bald Lösungen zwischen allen Beteiligten zu finden, denn hier liegt der Hauptgrund dafür, daß das Potential moderner Arbeitsgestaltung durch Teleworking noch längst nicht in dem Maß genutzt wird, wie es aus wirtschaftlicher, ökologischer und technischer Sicht sinnvoll wäre.