Dem Verkehr neue Ziele geben - ökonomische und ökologische Vorteile elektronischer Verkehrsleitsysteme
Dipl.-Ing. Bernd Pischetsrieder, BMW AG

"Gleichmäßiger Verkehrsfluß, intelligente Verkehrs- und Parkleitsysteme, Vermeidung von unnötigen Fahrten durch Verkehrsmanagement sowie die Integration von Individualverkehr und Öffentlichem Verkehr können und werden die angespannte Verkehrssituation entlasten."

Der Bau von Wohnungen und der Transport von Gütern, die Landwirtschaft und der Tourismus haben unseren Planeten verändert. Allerdings waren die "Spuren", die der Mensch hinterließ, solange unbedenklich, wie die Zahl der Menschen gering war und ihre "Hinterlassenschaft" niemanden störte oder von der Natur absorbiert wurde. Erst die zunehmende Enge durch die explosionsartige Entwicklung der Bevölkerung zeigte Grenzen auf, die uns durch die Endlichkeit der Erde und ihrer Ressourcen gesetzt sind. So hat sich mit höherem Energie- und Materialeinsatz in bestimmten Bereichen eine Belastung der natürlichen Umwelt ergeben, die von der Natur oft nicht mehr verkraftet werden kann. Hier weisen vor allem technische Lösungen, die von der Wissenschaft erarbeitet und von der Industrie umgesetzt werden, den richtigen Weg.

Ausgelöst durch die erste große Energiepreiskrise in den 70er Jahren ist der industrielle Energieeinsatz von der Zahl der produzierten Produkte nachhaltig entkoppelt worden. Produktionsanlagen bei BMW wurden beispielsweise soweit verbessert, daß bei einer dreifach erhöhten Stückzahl gegenüber 1970 die Emissionen aus der Fabrik um mehr als die Hälfte gesenkt werden konnten! Auch beim Betrieb des Automobils wurden die negativen Auswirkungen mit technischen Maßnahmen deutlich verringert. Durch den Entfall des Bleizusatzes im Benzin wurde der Bleigehalt in der Atemluft um über 70 Prozent reduziert. Der Katalysator mit seiner Reinigungswirkung von heute über 90 Prozent hat trotz zunehmenden Fahrzeugbestandes bereits bei den Emissionskomponenten Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe und Stickoxide eine deutliche Verringerung der Luftbelastung aus dem PKW-Verkehr herbeigeführt.

Durch die zunehmende Verkehrsdichte ist unser Verkehrsablauf aber weniger umweltschonend und energiesparend, als er sein müßte! Gleichmäßiger Verkehrsfluß, intelligente Verkehrs- und Parkleitsysteme, Vermeidung von unnötigen Fahrten durch Verkehrsmanagement sowie die Integration von Individualverkehr und Öffentlichem Verkehr können und werden die angespannte Verkehrssituation entlasten.

Jedes Verkehrsmittel hat seine Stärken und Schwächen. Während die Massenverkehrsmittel große Mengen an Menschen und Gütern gebündelt, umweltfreundlich und energiesparsam befördern können, sind die individuellen Verkehrsmittel Automobil, Motorrad und Fahrrad die idealen Verkehrsmittel zur Erschließung der Fläche. Beim Übergang von Insellösungen des Verkehrsmanagements zu integrierten Verkehrskonzepten unter Einschluß aller Verkehrsträger werden weitere Potentiale zur umwelt- und damit menschenfreundlichen Abwicklung des Verkehrs erschlossen.

Zur nachhaltigen Lösung der Verkehrsprobleme sind daher neue, gesamthafte Betrachtungen des Verkehrssystems erforderlich. Im Vordergrund dieser Überlegungen sollten die sogenannten "drei V" Maßnahmen stehen, Verkehr
- vermeiden
- verlagern
- verträglicher abwickeln.

Als ein Beispiel für die Umsetzung dieser Verkehrsmanagement-Konzepte hat BMW im Jahre 1987 einen Pilotversuch in München initiiert. An diesem "Kooperatives Verkehrsmanagement München" genannten Projekt arbeiten über 50 Partner aus Politik, Wirtschaft und Industrie mit, um durch eine Kooperation aller am Verkehr Beteiligten durch bessere Nutzung und Verknüpfung aller Verkehrsmittel sowie die Verbesserung der Verkehrssituation im Großraum München zu erreichen.

Als Testfeld für diesen Pilotversuch wurde der Münchner Norden ausgewählt. Das schon vor der Wende hohe Verkehrsaufkommen, die vorhandene Infrastruktur und der im Mai 1992 in Betrieb genommene neue Flughafen waren die Kriterien für die Wahl der Testregion. In der ersten Entwicklungsstufe wurde bereits begonnen, verfügbare Verkehrsinformations- und Leitsysteme in ein Gesamtsystem zu integrieren.

Die inzwischen funktionsfähige Linienbeeinflussungsanlage mit Wechselverkehrszeichen auf der Bundesautobahn A9 Nürnberg - München hat deutlich zur Verbesserung der Verkehrssituation geführt. Die Zahl der verkehrsbedingten Staus und vor allem die gemeldeten Staulängen haben sich deutlich verringert mit entsprechend entlastenden Auswirkungen auf die parallele Bundesstraße 13. Die Zahl der Verkehrsunfälle und auch der Personenschäden verringerte sich um etwa ein Drittel! Allein durch die vermiedenen Unfälle hat sich die 26,6 Millionen Mark teure Anlage nach Schätzungen des Bayerischen Staatsministeriums des Innern bereits in zwei Jahren volkswirtschaftlich bezahlt gemacht. Hinzuzurechnen ist die (noch) nicht bezifferbare Minderung des volkswirtschaftlichen Schadens durch Zeitverluste in Staus, der sich in Deutschland nach BMW-Berechnungen alljährlich auf insgesamt rund 200 Milliarden Mark summiert.

Wie sinnvoll eine bedarfsabhängige, variable Verkehrsbeeinflussung ist, untermauern auch die bisherigen Aktivierungszeiten der Anlagen. So waren die angeordneten (je nach Verkehrssituation unterschiedlichen) Geschwindigkeitsbegrenzungen nur in weniger als der Hälfte der Zeit aktiviert. Das heißt aber auch, daß zu allen anderen Zeiten selbst auf diesen hochbelasteten Strecken ein Tempolimit verkehrstechnisch überflüssig ist. Unsinnig ist daher auch die immer wieder erhobene Forderung, statt Verkehrsmanagement mit variablen Geschwindigkeitsbegrenzungen einfach ein starres Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Insgesamt zeigen die Erfahrungen mit allen bisherigen Pilotanlagen für Verkehrsmanagement, daß durch technische Maßnahmen Probleme entschärft oder beseitigt werden können.

Wegen der Endlichkeit der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen ist eine weitere Erhöhung unseres Wohlstandes nur möglich, wenn wir Material und Energie wesentlich besser nützen. Das ist nur durch den Einsatz von Technik möglich. Andererseits: Effiziente Umweltschutztechniken und die Verhinderung des Raubbaus an der Natur sind nur in wirtschaftlich erfolgreichen Gemeinschaften durchsetzbar. Wer täglich neu um die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse der Ernährung und des Wohnens kämpfen muß, kümmert sich nicht um Natur und Umwelt. Ökologie und erfolgreiche Ökonomie schließen sich daher nicht aus, sondern letzteres ist Voraussetzung für ersteres.

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