Das kulturelle Netz: Die Museen vor neuen Herausforderungen
(Dr. Jörn Sieglerschmidt, Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim)

"Mit elektronischen Mitteln läßt sich die augenblickliche Welt des Museums vervielfältigen."

Das Museum als Raritätenkabinett und Ort der Kontemplation geht seinem Ende entgegen. Schon seit einigen Jahrzehnten werden immer mehr Ansprüche an eine Öffnung der Sammlungen für ein breites Publikum gestellt. Im Rahmen der Informationsgesellschaft sehen sich die Museen vor neue Aufgaben gestellt, die große Chancen für ihre kulturelle Vermittlerfunktion bieten: Bild-, Ton- und Textinformationen, die bisher in staubigen Depots schlummerten oder auf Karteikarten versteckt waren, können jetzt auf einem schnell expandierenden Medienmarkt angeboten werden.

Von diesem Zustand sind deutsche Museen allerdings noch weit entfernt. Zu lange war besonders der Abstand der Kulturwissenschaft zu den neuen Techniken und Medien sehr groß, wenn nicht gar Ablehnung herrschte. Einige große Museen, vornehmlich die des Bundes, gehen jetzt vielen anderen beim Einsatz von Computer und Multimedia voran.

Der Einsatz des Computers ist notwendige Voraussetzung für den Erwerb der technischen Kenntnisse im Umgang mit elektronischen Medien. Zugleich öffnet erst die tägliche Arbeit mit dem Computer auch den Blick für die Vielzahl der Einsatzmöglichkeiten multimedialer Techniken. Schließlich müssen Text, Ton und Bild elektronisch verarbeitet werden, um in Multimedia-Anwendungen verwendet werden zu können. Das ist arbeits- und kostenaufwendig, d.h. der Einsatz geschulten Personals verursacht die meisten Kosten, weniger die Technik. An dem dafür benötigten Geld und an den Vorkenntnissen hat es in den meisten deutschen Museen bisher gefehlt. Hier müssen gezielte Projekte des Bundes und der Länder ansetzen, um den Kulturinstitutionen den Weg in die Informationsgesellschaft zu ebnen. Erst dann wären mehr deutsche Museen in der Lage, sich an europäischen Projekten, z. B. innerhalb des Rahmenprogramms ACTS (Advanced Communication Technologies and Services), zu beteiligen bzw. solche zu beantragen.

Jedes Museum macht seit jeher Angebote an die sinnlich intellektuelle Wahrnehmung, doch läßt sich mit elektronischen Mitteln die augenblickliche Welt des Museums vervielfältigen. Das setzt interaktive Angebote an die Besucher voraus. Das Abspielen eines Films oder Videos gibt noch die alte Struktur einer linearen Erzählung wieder. Multimedia sollte daher nicht nur interaktiv sein, sondern Hypertext-Strukturen bieten. Hypertext bezeichnet die baumartig verzweigte Verknüpfung sehr unterschiedlicher Informationen. Der Nutzer kann gleichsam intuitiv sich durch die Vielfalt der Informationsangebote bewegen: z. B. von dem Gemälde eines Künstlers zu den Einzelheiten des Bildinhaltes, zeittypischen Vergleichen dazu, zur Biographie, dem Wohnort, zu vielen weiteren Informationen. Auch in einem Hypertext wird erzählt, aber nicht mehr linear, von einem definierten Anfang zu einem Ende, sondern verzweigt, wobei die Verzweigung vom Leser/Nutzer selbst gewählt wird. Der Nutzer gerät in eine virtuelle, vielfältige Kulturwelt, die gerade durch die mögliche Verbindung sachlich, zeitlich und räumlich weit auseinanderliegender Dinge faszinierend wird. Denkbar ist in Ansätzen bereits heute ein Gang durch die Sammlungen ganz unterschiedlicher Museen (RAMA-Projekt der EU: Remote Access for Museum Archives), von dort in die Bestände der großen Bibliotheken. Doch ist das bisher ein eher unergiebiger Gang, da weder Bibliotheken noch Archive digitalisierte Texte, Töne und Bilder in größerem Maße anbieten. Dadurch würden nicht nur die Nutzer schneller an interessante Informationen kommen, sondern die Bestände würden geschont: Kein wertvolles, allmählich zerfallendes Manuskript muß mehr aus dem Depot geholt werden.

Das eben beschriebene Herumwandern in virtuellen, globalen Informationsräumen setzt neben der Vernetzung die Interoperabilität, d.h. das zwanglose Zusammenspiel der heterogenen technischen Welten voraus. Außerdem muß eine gemeinsame Sprache vereinbart sein, Kommunikation erfordert geregelte Sprechweisen, bei internationaler Kommunikation entsprechend multilinguale Werkzeuge.

Die Arbeit in den Museen wird sich durch den Einsatz multimedialer Techniken sicherlich grundlegend ändern. Damit werden Museen und ihre Ausstellungen nicht überflüssig, sondern gewinnen an Attraktivität.

Für die Wahrung der Urheberrechte wird von seiten der Gesetzgeber schon jetzt einiges getan. Die Wahrung regionaler und nationaler Vielfalt muß ein wesentliches Ziel auf dem Weg zur Informationsgesellschaft sein. Dazu bedarf es entsprechender Schritte zu einem Schutz kultureller Minderheiten.

Informationskompetenz - Übersicht

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