"Genausowenig wie Zeugung, Geburt und Tod nur Simulation der Medienwelt sind, genausowenig läßt sich die materielle Realität unserer Welt durch Simulation aufheben."

Der eigentliche Engpaß liegt im Lesen: Information ist im Überfluß verfügbar, sie kann im Multimedia-System jederzeit abgerufen, sofort überprüft werden, Rückfragen sind jederzeit möglich. Jeder kann sich die Informationen heraussuchen, die er haben will, zu jedem Zeitpunkt, der ihm paßt, in einer Reihenfolge, die er selbst bestimmt, mit dem Tiefgang, der ihm angemessen erscheint. Und er kann nachhaken, mehr verlangen, Unklarheiten durch direkte Rückkopplung aufklären, seine eigene Position neben die von Autoritäten stellen und zu Gehör bringen.

Gewiß, vieles konnte der Nutzer auch bisher schon in einer materiell und personell ausreichend ausgestatteten Bibliothek oder Bücherei. Die Geschichte der Basisbewegungen und Bürgerinitiativen der letzten zwanzig, dreißig Jahre ist eine Geschichte der immer besser informierten Bürger, die souverän ihre Informationen aus den allgemein zugänglichen Institutionen und Hilfsmitteln wie Büchereien, Universitäten, Archiven bezogen. Das Spektrum der Möglichkeiten wird heute in höchst interessanter Weise erweitert und mit immer größerer Beschleunigung abrufbar.

Aber wenn Zeit, Fähigkeit und Motivation zum Lesen und Verarbeiten von Information fehlen, dann helfen die exzeptionellsten Möglichkeiten nichts. Deshalb ist dies die Stunde des Lesers. Wer gelernt hat, zu lesen, der ist kein Analphabet auch der elektronischen Medien mehr. Wer das Lesen im Laufe seines Lebens nicht verlernt, weil er es mit Vergnügen übt, der wird kein sekundärer Analphabet (von diesen aber gibt es in den Industriegesellschaften immer mehr, weil die Bilderflut vielen das Lesen überflüssig erscheinen läßt). Und wer schließlich gelesene Informationen sich aneignen kann, zum Bestandteil seines Denkens, seines Fühlens machen kann, wer Informationen nicht nur als abfragbares Wissen für Quizsendungen und Kreuzworträtsel betrachtet, sondern Klugheit, Weisheit und Erlebnisqualität daraus zu gewinnen vermag, der ist gut dran. Wer dies nicht mehr kann, den möchte man als tertiären Analphabeten bezeichnen: Er kann zwar lesen, hat es auch nicht verlernt, aber er ist nicht mehr in der Lage, die gelesenen Informationen in individueller Auswahl zu verarbeiten und in verarbeiteter Form zum Bestandteil seiner Persönlichkeit werden zu lassen.

Das kann man lernen, man kann es üben, aber man muß auch ein Motiv dafür haben. Jemand muß erfahren haben, daß Lesen ein nützliches Instrument nicht nur für Telefonbuch oder Bankkonto, sondern für Lebenspraxis, Gefühls- und Genußleben ist. Hat er das einmal gelernt, dann wird er sich souverän aller Medien zum Lesen bedienen - des Buches, der Zeitung, des Bildschirmes. Und dann ist er auch qualifiziert beim Surfen im Internet auszuwählen, was ihm wichtig ist. Die zahlenmäßig großen, aber in Relation zur Gesamtbevölkerung immer noch relativ kleinen Subkulturen der Internet-Nutzer leisten dies sicherlich auf ihre Weise.

Aber es bleibt eine Menge zu tun, um "Computer Literacy" zu entwickeln, also die Fähigkeit, mit dem Datenangebot intelligent umzugehen, zu entwickeln. Dazu brauchen wir öffentliche Angebote. Vielleicht ergibt sich daraus eine besondere Rolle der öffentlichen Büchereien: Ihre Aufgabe wäre nicht nur das Bereithalten von Information in allen Formen (und ich betone: in allen Formen), sondern sie müßten auch Institutionen der Anregung sein, in denen einer erfahren kann, wie sich mit Information zum eigenen Gewinn und Nutzen umgehen läßt, und wie sich dieser Gewinn über das hinaus, was man kennt, erweitern läßt.

Das schließt heute ein, daß öffentliche Bibliotheken sich zielstrebig zu Institutionen zum Bereithalten von Informationsversorgung entwickeln, die für jedermann den Zugang auch zu Datenbanken und Internet ermöglichen - für alle und kostenfrei.

So schwierig, wie die gewiß berechtigten Klagen über zu geringe Mittel es vermuten lassen, scheint das bei entsprechendem politischen Willen nicht zu sein. In den USA und anderswo haben die Kommunen mit den Netzbetreibern die kostenfreie oder kostengünstige Versorgung der öffentlichen Büchereien längst ausgehandelt: Wer für seine Kabel oder Sendeeinrichtungen öffentlichen Raum beansprucht, der kann im Gegenzug dazu verpflichtet werden, für öffentliche Zwecke privilegierte Zugangsmöglichkeiten bereitzuhalten. In den USA schreibt sogar das Gesetz vor, daß Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser zu besonders günstigen Tarifen angeschlossen werden müssen.

"Ein Grundsatzpapier der US-Regierung fordert schließlich: es müsse sichergestellt werden, daß Informationsressourcen für alle zu bezahlbaren Preisen verfügbar sind." Ja, Netzanbieter sind sogar bereit, Subventionen für bedürftige Nutzer zu zahlen, um eine informationelle Grundversorgung zu gewährleisten. Entsprechende Vorschriften würden in Deutschland, wo nur über die Deregulation und Privatisierung des Angebotes diskutiert wird, als unzulässige Eingriffe in wirtschaftliche Freiheiten empfunden werden. Die auf dem G7-Gipfel vom Februar 1995 beschlossene Maxime, daß die "Informationsgesellschaft" nicht zur Spaltung der Gesellschaft in informationsarme und informationsreiche führen darf und die damit zum Prinzip erhobene "Grundversorgung" werden hier viel enger als jenseits des Atlantik definiert: Bei uns soll kaum mehr als der einfache Fernsprechanschluß dazugehören.

Natürlich, bei den regionalen Telefongesellschaften in den USA geht es letztlich darum, in das Geschäft mit Informations- und Unterhaltungssendungen einzusteigen - "dafür sind sie bereit, für Grundversorgung in diesen neuen Bereichen zu bezahlen" (Herbert Kubicek: Sorge um die Habenichtse. In: DIE ZEIT vom 16. Juni 1995).

Aber so wird mit den neuen Netzen wenigstens nicht noch eine zusätzliche Benachteiligungsebene in der Zweidrittelgesellschaft eingezogen, und den öffentlichen Einrichtungen wird selbstverständlich der Zugang zu Informationen für alle erleichtert. Wenn einer so die Informationen nutzen kann, dann wird er auch kaum dazu neigen, die Bedeutung von Multimedia zu überschätzen. Nicht alle Probleme sind mit High-Tech lösbar. Die Erde ist kein Management-Objekt, bei dem es nur auf die richtigen Techniken ankommt, damit alles seine Ordnung habe. Das wird auch bei noch so attraktiven neuen virtuellen Welten sich nicht ändern. Genausowenig wie Zeugung, Geburt und Tod nur Simulation der Medienwelt sind, genausowenig läßt sich die materielle Realität unserer Welt durch Simulation aufheben. Wirklicher Schmerz, wirkliche Freude lassen sich nicht in Cyberspace erleben. Zwar fügt die Praxis der Simulation der Realität etwas hinzu (oder nimmt ihr etwas), wie auch Träume Bestandteil des Lebens sind. Aber das Stolpern ist auch für den Träumer real-schmerzhaft, und der Klimawandel läßt sich zwar auch im Computer simulieren, aber seine Folgen sind physisch real.

Die Gesellschaft der kommenden Jahrzehnte wird auf nichts weniger verzichten können als auf das Lesen, wenn sie sich weiterhin als kulturell und sozial definiert, also als eine humane.

Informationskompetenz - Übersicht

Diese Seite im Pathfinder speichern