Geht uns die Arbeit aus? Die Informationstechnologie verändert Arbeitsstrukturen
(Dr. Fredy Weling, Arthur D. Little International, Inc.)
"PC-Analphabetismus wird sich niemand mehr leisten können."
"Die Telekom will 60.000 Stellen abbauen."
"AT&T wird dreigeteilt und reduziert die Belegschaft um 20 %."
"Multimedia schafft neue Jobs."
Solche oder ähnliche Überschriften liest man fast wöchentlich in allen Zeitungen. Dabei scheinen die Hiobsbotschaften meistens zahlreicher zu sein als die guten Nachrichten. Wenn die Informationstechnologie - so fragt man sich - so viele Arbeitsplätze vernichtet, wird sie dann auch genügend neue schaffen oder geht uns die Arbeit aus? Und wie kann man sich als einzelner oder als Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft auf die bevorstehenden Veränderungen einstellen?
Die Diskussionen über den Einfluß von neuen Technologien auf die Anzahl der Arbeitsplätze sind - historisch gesehen - kein neues Phänomen. Aus dieser Perspektive gibt es keinen Anlaß für eine erneute Technophobie, denn Einkommen und Wohlstand sind in unserer Gesellschaft ständig gestiegen.
Obwohl es schwierig sein dürfte festzustellen, ob die Informationstechnologie in der Summe mehr Arbeitsplätze erzeugt als vernichtet hat, so wäre es doch verfehlt, ein multikausales Phänomen wie die heutige Arbeitslosigkeit durch technische Rationalisierungsmaßnahmen erklären zu wollen. Moderne Technologien führen nämlich nicht nur zu Kosteneinsparungen im Produktionsbereich, sondern auch zu völlig neuen Produkten und Märkten. So hat beispielsweise der digitale Mobilfunk durch den Aufbau der D- und E-Netze in Deutschland und durch seinen weltweiten Erfolg tausende neuer Arbeitsplätze entstehen lassen. Außerdem denke man nur an die erst im letzten Jahrzehnt entstandenen Produkte, die heutzutage in jedem Haushalt zu finden sind.
Selbst wenn die Informationstechnologie vielleicht nur einen geringen Einfluß auf die Gesamtzahl der Arbeitsplätze haben wird, so wird sie doch die Form und die Inhalte unserer Arbeit von Grund auf erneuern.
Durch die Kombination von PC und Datenautobahn entstehen neue Dienste wie Electronic-Mail und Videokonferenzen, auf denen neue Arbeitsformen wie beispielsweise die Telearbeit beruhen. In Palo Alto (Kalifornien) haben sich mehrere große Firmen wie Hewlett-Packard, Silicon Graphics, Pacific Bell und andere zusammengeschlossen, um in dem Pilotprojekt "Smart Valley Initiative" die Reduzierung des Pendelverkehrs und damit auch der Umweltbelastung durch Teleworking zu untersuchen. In einer Mischform von "Arbeit vor Ort" und Telearbeit kann sowohl dem Arbeitnehmerbedürfnis nach Flexibilität und sozialen Kontakten als auch dem Bestreben der Unternehmen nach Produktivitätssteigerungen entsprochen werden. Die Inhalte der in dieser Weise verrichteten Arbeit müssen natürlich so definiert sein, daß die Ergebnisse für ein Unternehmen klar erkennbar sind. Auch British Telecom setzt bei der Telefonauskunft verstärkt "moderne Heimarbeiter" ein, die dezentral ihre Arbeit verrichten.
Die Vernetzung durch den Information Highway führt zu einer Internationalisierung von bedeutenden Teilen des Arbeitsmarktes. Arbeit wird unabhängig von Raum und Zeit.
In den letzten Jahrzehnten haben Kostensenkungsprogramme dazu geführt, daß hauptsächlich Produktionsstätten in Billiglohnländer verlagert wurden. Seit dem Entstehen der Datenautobahn, die Raum und Zeit überbrückt, kann jetzt auch die geistige Wertschöpfung ins Ausland verlagert werden. Dienstleistungen wie beispielsweise die Datenerfassung, die Bearbeitung von Versicherungspolicen, die Informationsbeschaffung über Datenbanken oder das Erstellen von Software können auch in Ländern mit hohem Ausbildungsstand und geringen Lohnkosten wie Indien oder den GUS-Staaten erbracht werden. Auch deutsche Unternehmen müssen von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Globalisierung des Arbeitsmarktes durch den Information Highway führt dazu, daß in Zukunft auch geistige Wertschöpfung und Gehaltskosten nach internationalen Maßstäben beurteilt werden.
Die schnelle Entwicklung der Informationstechnologie zwingt den einzelnen zum lebenslangen Lernen und zur ständigen Neuanpassung.
Das Wissen, das sich der einzelne während seiner Ausbildungszeit oder am Arbeitsplatz angeeignet hat, ist bereits nach wenigen Jahren veraltet.
Die Zahl der auf dem Markt erscheinenden Softwarepakete und Telekommunikationsdienste nimmt rapide zu. ,,PC-Analphabetismus" wird sich niemand mehr leisten können. Die Arbeitsplätze der Zukunft bieten anspruchsvollere Tätigkeiten und besitzen deshalb auch deutlich höhere Anforderungsprofile. Für die heranwachsende Generation bedeutet dies, daß nur eine breit angelegte Ausbildung und die Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung eine Basis für eine lebenslange Beschäftigung liefern. Hier sind die Schulen und Universitäten gefordert, effektivere und effizientere Ausbildungsprogramme zur Verfügung zu stellen, um zukünftige Qualifikationsdefizite zu vermeiden. Für den einzelnen ist diese Entwicklung Chance und Risiko zugleich: Sie bietet größere Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung durch anspruchsvollere Tätigkeiten, fordert zugleich jedoch mehr Selbstverantwortung für die eigene Weiterbildung und Flexibilität bei der Anpassung an veränderte Umfeldbedingungen.
Die Unternehmen müssen die Chancen der Informationstechnologie nutzen, um ihre Geschäftsprozesse zu re-engineeren. Dabei muß das Personalmanagement den neuen Arbeitsformen angepaßt werden.
Neue Arbeitsformen wie die Telearbeit müssen im Unternehmen ermöglicht und in die Geschäftsprozesse eingebettet werden. Die Kontrolle der Anwesenheit eines Mitarbeiters muß durch die Prüfung seiner Arbeitsleistung ersetzt werden. Das Regulativ eines als Profit Center arbeitenden Teams bietet dabei wahrscheinlich die besten Voraussetzungen für eine regelmäßige Kontrolle, die allen Beteiligten gerecht wird.
Obwohl das Aufbrechen traditioneller Denk- und Arbeitsstrukturen immer ein schwieriger Prozeß ist, so wird die Informationstechnologie dennoch zu einer Bereicherung unseres privaten und beruflichen Lebens führen und uns allen neue Chancen zur Selbstverwirklichung bieten.