
Switalla (AK-P), mit Bezug auf Chartier, auf Coy usw.:
Medien der (literalen) Sozialisation: ein erheblicher Wandel
Verbale, literale, literarische und ästhetische Sozialisation hat es niemals ohne Medien (materialisierte, technisierte Zeichensysteme) gegeben. Schon immer sind Kinder in symbolischen Umwelten aufgewaschen, die ihre Weltkenntnis, ihr Personenverständnis und ihr Selbstbild nachhaltig geprägt haben. Gegenwärtig unterliegen die Medien der Sozialisation aber einem nachgerade dramatischen Wandel: Die Digitalisierung der Medien verändert die kommunikativen und kognitiven Praktiken und Gewohnheiten nachhaltig. "Die Integration der Medien zu programmierbaren digitalen Medien muß einen erheblichen kulturellen Wandel induzieren. Historisch gesehen gerade entstandene Medien wie Schallplatte, Telegrafie, Kinofilm, vielleicht sogar Hörfunk werden ihre bisherige Form und letztlich ihre Funktion und Verbreitung weitgehend einbüßen, zumindest radikal verändern. Andere wie Computerspiele, Fax, Electronic Mail, digitales Video, Teleconferencing oder Video on Demand werden sich zu neuen Mischungen formieren." (Coy1995; 17) "Die Revolution des elektronischen Textes wird zugleich eine Revolution der Lektüre sein. Auf dem Bildschirm zu lesen ist nicht dasselbe, wie in einem Codex zu lesen. (...) An die Stelle der Materialität des Buches setzt sie die Immaterialität von Texten ohne eigenen Ort; dem Verhältnis des Nach- und Nebeneinander, das im gedruckten Gegenstand festgelegt ist, stellt sie die freie Zusammenstellung unendlich manipulierbarer Bruchstücke gegenüber; die unmittelbare Erfassung des Werkganzen, sinnfällig in dem Gegenstand, der es enthält, ersetzt sie durch Navigationen auf sehr langer Fahrt in ufer- und grenzenlosen Textarchipelen. Diese Veränderungen bringen unvermeidlich und zwingend neue Arten zu lesen mit sich, neue Beziehungen zum Geschriebenen, neue intelektuelle Techniken . (...) Die begonnene Revolution ist vor allem eine Revolution der Träger und der Formen, die die Schrift übermitteln. Sie hat darin nur einen Vorläufer in der westlichen Welt: die Ersetzung des Volumen durch den Codex, des Buches in der Form der Schriftrolle durch das Buch, das aus zusammengesetzten Heften besteht, in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung." (Chartier1995; 122) Das Ende der Schriftkultur ist also nicht angesagt; vielmehr wird sich das Gefüge der medialen Systeme und Kompetenzen verändern, die Schriftfähigkeit wird nicht überflüssig werden, sie wird ganz im Gegenteil noch unerläßlicher sein. Wir werden anders mit Texten umgehen, werden Texte anders lesen und schreiben; unser Verständnis von Autorschaft, Leserschaft, von Textproduktion und Textrezeption und von Texten wird sich grundlegend ändern. (Nunberg 1996)