Zum Lesen als Schlüsselqualifikation (Ring 99):

Bill Clinton sagte in seiner zweiten Antrittsrede als US Präsident:"... das Vertrautwerden mit Sprache und Schrift muß absoluten Vorrang haben vor der Einübung des Umgangs mit den elektronischen Medien. 'Jeder achtjährige Amerikaner muß in Zukunft selbständig lesen können, jeder zwölfjährige muß in der Lage sein, sich ins Internet einzuloggen.' Vier Jahre Differenz also: ein kluger Vorschlag, denn Medienkompetenz kann nur auf gesicherter Lesekompetenz aufbauen, und das heißt vor allem der Kompetenz, Textinhalte zuverlässig zu verarbeiten."
"Das war ein sehr weitgehendes, sehr detailliertes Programm, das zu lesen sich lohnt; eine sehr konkrete "Ruckrede". Vor allem aber lohnt es sich, sich unvoreingenommen mit den Gründen auseinanderzusetzen, die das Programm erforderlich machen; warum es auch für uns Deutsche Bedeutung hat."
Dr. Renate "Köcher hatte die Deutschen danach gefragt, wie sie denn die Bedeutung des Lesens und Schreibens einschätzten. Über 90 % antworteten, daß diese Kompetenzen sicher Voraussetzung für den Erwerb von Bildung (im klassischen Sinn) seien; aber gerade einmal 45 % glaubten damals, daß diese Fähigkeiten noch von Bedeutung seien für die Orientierung der Menschen in der auf sie zukommenden Informationsgesellschaft oder Multimediawelt (die indessen damals kaum jemand näher gekannt haben wird). Der vage Glaube an die Allmacht der neuen elektronischen Informationssysteme wurde offenbar Richtschnur für das Verhalten Vieler. Denn alle internationen Vergleichsstudien der letzten Jahre bescheinigen den Deutschen allenfalls Mittelmaß, wenn nicht gar Rückstände bei den schulischen Leistungen."
"An manifesten Analphabeten verlassen jährlich mindestens 10.000 junge Menschen die Schulen (warum konnten sie eigentlich so weit kommen?) "
"Wir haben es also mit einem Phänomen zu tun, welches sich erst in letzter Zeit entwickelt hat. Den betroffenen Kindern fehlt durch diese Entwicklung buchstäblich die eigene Sprache, darüber hinaus aber auch die Grundlage für das Erlernen von Lesen und Schreiben, von weiteren Folgedefiziten einmal ganz abgesehen. Was ist hier geschehen? Welche Einflüsse führen zu dieser Entwicklung bei den kleinen Kindern, die ja im Durchschnitt heute nicht dümmer sind als die Kinder in früheren Jahren. Man nimmt an, daß neben - eher seltenen - medizinischen Faktoren die Hauptursachen in den stark veränderten familialen Verhältnissen und bei anderen soziokulturellen Faktoren zu suchen sind. Aber auch zu früh einsetzende "Mediengewohnheiten" spielen eine Rolle."
"Wir müssen also zur Kenntnis nehmen, daß am Beginn des Kommunikationszeitalters ein hoher und offenbar immer noch wachsender Anteil unserer Kinder während einer kritischen Entwicklungsphase buchstäblich kommunikationsgestört ist. Wir reden immer davon: Die Bildungsfähigkeit unserer Gesellschaft ist unser Standortfaktor Nr. 1. Dann müssen aber auch die hier angesprochenen Probleme offen behandelt werden. Denn eines ist klar: die in der Kindheit und Jugend entwickelten Defizite sind nicht beliebig ausgleichbar; sie wachsen sich nicht aus, irgendwann einmal und mehr oder weniger von selbst, sondern sie wachsen im Gegenteil fest."
"Wenn Kinder in den ersten Lebensjahren sprechen lernen, bilden sie durch das Sprechen, so unvollkommen es zunächst auch ist, die entsprechenden Strukturen im Gehirn aus; erst auf diese Weise erhält es seine funktionale Ausformung und schließlich Vollendung."
"Die Entwicklung des sprachlichen Ausdrucksvermögens ist der erste Schritt auf unserem Weg zur intellektuellen und auch sozialen Eigenständigkeit. Es bedarf aber noch eines zweiten Schrittes: Der Entwicklung der Lesefähigkeit. Auch hierzu muß gelernt und geübt werden. Auch das Lesen ist ein dialogischer Prozeß in seiner Auseinandersetzung mit dem Text, der Erkundung seiner Inhalte, der Beschäftigung mit der Denkweise eines anderen, der Entwicklung eigener Vorstellungen und Bilder. Insofern ist Lesen so komplex wie Sprache. Durch die moderne Hirnforschung und Pädagogik wissen wir, daß zwischen Lesefähigkeit und der Fähigkeit zu lernen enge Zusammenhänge bestehen. Lesen ist der Beginn des Lernens."
"Worauf beruhen diese Zusammenhänge? Beide Prozesse, Denken und Lesen, sind eng verbundene Funktionen teilweise gleicher Teile unseres Gehirns. Bevor ein Text verstanden werden kann, muß er entziffert, muß er aufgenommen, gewertet und verarbeitet werden. Dies geschieht in einer wohlgeordneten Folge von Einzelschritten, in strenger Linearität hintereinander. Diese Vorgänge stellen an das Gehirn sehr hohe Anforderungen. Denn es muß den abstrakten Zeichen, Chiffren: Buchstaben also und Buchstabenkombinationen, Sinn verleihen. Aus Zeichen entstehen inhaltliche Vorstellungen; es entsteht nutzbares, speicherbares und abrufbares Wissen. Die Zeichen werden einerseits Grundbausteine für logisches Denken; damit wird der Weg zum Abstraktionsvermögen eröffnet. Gleichzeitig lernen wir aber auch, bildhafte Vorstellungen zu entwickeln; die Voraussetzungen für das Entstehen von Phantasie und Kreativität bilden sich aus. Wie die Sprache induziert auch das Lesen die Entwicklung der ihm zuzuordnenden Gehirnstrukturen. Wie das Sprechen für die Ausbildung von Sprachfähigkeit erforderlich ist, ist das Lesen Voraussetzung für die Ausformung von Lesefähigkeit und damit die Entwicklung von Verstand und Intellekt. Sprache und Lesen sind also nicht nur Vermittler und Träger von Kenntnissen und Bildung, sondern schaffen überhaupt erst die biologischen Voraussetzungen für unsere Lern- und Bildungsfähigkeit."
"Bildinformationen werden auf anderen Wegen und in anderen Hirnbereichen verarbeitet. Damit können wir heute verstehen, daß die das Gehirn strukturierenden Funktionen von Sprechen und Lesen durch bewegte Bilder nicht übernommen werden können. Aus Sprache entstehen zwar Bilder; aus Bildern entsteht jedoch offenbar nur dann Sprache, wenn diese zuvor schon differenziert genug entwickelt war."

"Wenn wir uns fragen, wie wir Heranwachsende auf die neuen Medien vorbereiten sollen, dann kann die Antwort daher nur lauten: Durch intensives Einüben der klassischen 'Kulturtechniken' Sprache, Lesen und Schreiben. Der amerikanische Informatiker Weizenbaum antwortete jüngst auf die Frage, was man unter'Medienkompetenz' zu verstehen hätte: 'Medienkompetenz ist die Fähigkeit, kritisch zu denken. Kritisch zu denken lernt man nur durch Lesen. Und für dieseswiederum ist die Voraussetzung ein hohes Sprachvermögen.'"

"Wir würden einem fatalen Irrtum unterliegen, wenn wir glaubten, die Multimediawelt, die Welt der neuen Kommunikationstechnologien, würde sich von selbst erschließen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen wird zunehmen statt abzunehmen. Um es in der Sprache der neuen Technologien selbst zu sagen:
Das Betriebssystem für das Lesen ist die Sprache. Das Betriebssystem für die neuen Medien ist das Lesen."
"Der Hirnforscher Ernst Pöppel hat einmal formuliert: 'Eine Wissensgesellschaft kann nur in der Gemeinschaft der Lesenden gelingen. Über das Lesen sammeln wir, bauen explizites Wissen auf. Lesen erlaubt über die herkömmlichen gedruckten Medien wie über die elektronischen Medien Zugriff zum Wissen der anderen.'"

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