Jörg Tauss: Kulturverträglichkeit der neuen Medien -- eine Illusion?
Anmerkungen zum Zusammenhang von Kommunikation, Medien, Kultur und sozialem
Wandel - Herausforderungen für die Politik. Beitrag zum Kongreß "Lesen in der
Informationsgesellschaft - Perspektiven der Medienerziehung" Baden-Baden, 22./23.
November 1996. Aktualisiert 3/98. (Buch-Version in: Ring/von Throtha/Voß 1997.)
I.
Wenn man dem SPIEGEL Glauben schenken darf, hat auf der Frankfurter Buchmesse
ein Gespräch zwischen Johannes Gutenberg, dem Pionier der Buchdruckerkunst,
und Bill Gates, dem Begründer von Microsoft, stattgefunden, welches dankenswerter
Weise von John Updike aufgezeichnet wurde. In diesem Gespräch sagt Gates, schon
etwas gereizt infolge dieses Disputs über hoffnungslos veraltete Technologien,
zu Gutenberg: "Ihre Zeit ist um, alter Freund, Ihre fünf Jahrhunderte, um genauer
zu sein, und jetzt werden Ihre schwerfälligen, verstaubenden, ganze Wälder vernichtenden
Drucksachen weggepackt. Die Buchmesse unter uns ist in Wahrheit eine Totenfeier,
genau wie, in den Worten Ihres großen Philosophen Nietzsche, Kirchen in Wahrheit
die Gräber, die Grabdenkmale Gottes sind." Und Gutenberg antwortet folgendes:
"Vielleicht ist das Buch, wie Gott, eine Idee, an der einige Menschen festhalten
werden. Die Revolution des Buchdrucks hat einen natürlichen Verlauf genommen.
Wie ein Fluß ist das gedruckte Wort zu seinem Leser geflossen, und die billigen
Mittel seiner Verbreitung haben es ihm erlaubt zu tröpfeln, wo der Kanal zu
eng war. Die elektronische Flut, die Ihr beschreibt, kennt keine Ufer. Sie überschwemmt
alles, aber womit und für wen? Ihre Inhalte wirken so klein, gemessen am Genius
ihrer Technologie." (1) In dem kurzen Auszug aus diesem Gespräch, das im übrigen
nicht der fünf Jahrhunderte Unterschied der Gesprächspartner bedarf, werden
in einer Momentaufnahme drei zentrale Punkte der gegenwärtigen gesellschaftlichen
Diskussion um die Zukunft der Informationsgesellschaft und deren Risiken angesprochen.
* Erster Punkt: Der gegenwärtige Gesellschaftsumbau zur Informationsgesellschaft
wird in der öffentlichen und auch in der politischen Diskussion als wirtschaftlich-technologischer
Wandel begriffen - der damit einhergehende gesellschaftliche und kulturelle
Wandel wird nur selten thematisiert. Ausgangspunkt ist die Überlegung, daß sich
die Gesellschaft in den von der Technik vorgegebenen Bahnen dieser Entwicklung
anpaßt. Die elektronische Flut, die alles Gewesene hinwegspült, wird von den
einen herbeigesehnt, von den anderen befürchtet. Euphorischen Erwartungen bis
hin zu einem beinahe religiösen Glauben an die Überlegenheit neuer Technologien
stehen berechtigte aber auch überzogene Ängste und Befürchtungen gegenüber.
* Zweiter Punkt: Mit der Beschreibung der Folgen des Buchdrucks als Revolution
wird der Zusammenhang zwischen dem Wandel der Gesellschaft und den ihr zur Verfügung
stehenden Kommunikationsmöglichkeiten angesprochen. Medien sind schon heute
zentraler Bestandteil des alltäglichen Lebens. Und dennoch werden die derzeitigen
gesellschaftlichen Umbrüche, die wiederum den Medien und Kommunikationsmöglichkeiten
zugeschrieben werden, oft mit revolutionären Umbrüchen der Vergangenheit beschrieben,
beispielsweise mit der Erfindung des Buchdrucks.
* Und schließlich dritter Punkt: Das gedruckte Wort, das zu dem Leser geflossen
ist, steht für den Zugang zu und den Umgang mit Informationen. Die Frage, wie
es zu seinem Leser kommt - auch und erst recht wenn der Kanal eng ist - ist
im Zeitalter der vielbeschworenen 500-Pay-TV-Tele-shopping-Kanäle keinesfalls
obsolet geworden - im Gegenteil. Auch nicht die Frage nach dem verantwortungsbewußten
Umgang mit dieser kaum überschaubaren Vielfalt. Ungleich wichtiger und schwieriger
als heute wird es in Zukunft sein, aus dieser Fülle an Informationsangeboten
die Informationen von Wert herauszufinden.
Damit ist schließlich auch der Rahmen dieses Referates abgesteckt.
II.
Der sich gegenwärtig vollziehende Wandel der Gesellschaft zur Informationsgesellschaft
wird - wie bereits angesprochen - in erster Linie als wirtschaftlich-technologischer
Wandel, und erst in zweiter Linie als sozialer oder kultureller Wandel begriffen.
Technologische Innovationen gelten als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung,
als vorauseilende Kraft. Die Kultur wird in diesem Verständnis als sich dieser
Entwicklung anpassende und ewig nachhinkende Größe behandelt.
Problematisch ist vor allem, daß die hier verwendeten Indikatoren zur Identifizierung
der Informationsgesellschaft ebenfalls nur auf ökonomischen und technologischen
Merkmalen basieren. Ob allerdings die Anzahl der in einem bestimmten Bereich
Beschäftigten und das in diesem Bereich erwirtschaftete Bruttosozialprodukt,
ergänzt um Verbreitungszahlen neuer technischer Geräte, zur Beschreibung des
sozialen Wandels und dem Entstehen einer Gesellschaftsstruktur genügen können,
darf wohl angezweifelt werden. Diese Daten deuten, entgegen manchen wachstumseuphorischen
Aussagen, einen basalen Wandel der Gesellschaftsstruktur allenfalls an. Sie
als die entscheidenden Identifikationsmerkmale einer neuen Gesellschaftsformation
anzusehen, hieße, gesellschaftliche Entwicklung allein mit wirtschaftlicher
und technologischer Entwicklung gleichzusetzen. Eine solche Perspektivierung
reduziert aber sozialen und kulturellen Wandel der Gesellschaft auf technologischen
Fortschritt und auf nur einen gesellschaftlichen Teilbereich, auf das Wirtschaftssystem.
Der Komplexität moderner Gesellschaften und der Komplexität sozialer Veränderungsprozesse
kann eine solche reduktionistische Sichtweise nicht gerecht werden. Sozialer
und kultureller Wandel folgt keineswegs allein technischen oder ökonomischen
Rationalitäten, sondern muß vielmehr als komplexer `gesamtgesellschaftlicher'
Prozeß begriffen werden. (2)
III.
Auch die Erfindung des Buchdrucks wurde zunächst sehr
kritisch beurteilt: Kritiker prangerten die Lesesucht der Bürger als Quelle
kultureller Verflachung, Verdummung und Verrohung an. Im Jahre 1790 prüfte gar
der Bremer Rat offiziell die Lesewut der Bremer Bürgerschaft - konnte jedoch
keinen nachteiligen Eindruck auf Charakter und Denkungsart entdecken. (4)
Mit der hier gestellten Frage nach der "Kulturverträglichkeit der neuen Medien
- eine Illusion?" rücken die Folgen und Auswirkungen der neuen Informations-
und Kommunikationsmöglichkeiten auf den Einzelnen, auf die Kultur und Gesellschaft
in den Mittelpunkt der Überlegungen. Ohne mich als Politiker auf die kulturtheoretische
Diskussion über die Definitionen von Kultur einlassen zu wollen und zu können,
so fällt doch auf, daß diese Fragestellung die Verschiedenheit - wenn nicht
gar die Gegensätzlichkeit - zwischen Medien und Kultur postuliert. In der deutschen
Diskussion wird in der Tradition des 19. Jahrhundert Kultur oft gleichgesetzt
mit den "hohen und schönen Künsten", also mit Literatur und Dichtung, mit bildender
Kunst, mit Musik und Theater. Auffällig ist auch, daß Kommunikation und Medien
in einem solchen Kulturverständnis entweder gar nicht vorkommen oder aber nur
eine untergeordnete Rolle spielen - und das, obwohl unsere heutige Gesellschaft
schon seit geraumer Zeit als "Mediengesellschaft" beschrieben wird. Vielmehr
werden die neuen Medien in der öffentlichen Debatte als Bedrohung der Kultur
angesehen. So haben sich - wie das Gespräch zwischen Gates und Gutenberg allzu
deutlich zeigt - einige Theoretiker und Propagandisten der Informationsgesellschaft
vom gedruckten Wort bereits verabschiedet, mit dem - nicht ganz neuen - Argument,
die neuen Medien machten Bücher und Bibliotheken überflüssig.
Der Blick allein auf die Folgen verdunkelt jedoch mehr, als er erhellt. Eine
solch eingeschränkte Perspektive folgt dem eingangs beschriebenen technologischen
Determinismus. Wir beschränkten uns damit bei der Analyse des gesellschaftlichen
Wandels auf die passive Rolle des bloßen Nutzers und verhülfen mit dieser Haltung
der Idee einer technologischen Eigendynamik erst zur Wirksamkeit. Ich möchte
Ihnen in einem ersten Schritt vorschlagen, die Blickrichtung umzukehren. In
den Blick zu nehmen sind nicht mehr nur die Folgen neuer Medien und neuer Informations-
und Kommunikationsmöglichkeiten für das Individuum, für Kultur und Gesellschaft.
Vielmehr soll das Augenmerk in der gebotenen Kürze zunächst auf den m.E. grundlegenden
Zusammenhang zwischen Kommunikation, Medien, Kultur und gesellschaftlicher Entwicklung
gerichtet werden - oder mit anderen Worten: es soll der Versuch einer "kulturgeschichtlichen"
Einordnung der "traditionellen" und der sogenannten "neuen Medien" erfolgen.
Dieser kurze mediengeschichtliche Überblick soll zum einen deutlich machen,
daß Kommunikation und Medien auf der einen und Kultur auf der anderen Seite
nicht als voneinander unabhängige Teilbereiche der Gesellschaft gedacht werden
können, sondern vielmehr Kehrseiten ein- und derselben Medaille sind. Darüber
hinaus soll die Bedeutung, die Medien bereits heute innehaben, aufgezeigt werden.
Neuere Ansätze der Soziologie, der Kultur- und Kommunikationswissenschaft gehen
davon aus, daß die Evolution von Gesellschaftsstruktur, Kultur, Kommunikation
und Medien eng miteinander verbunden sind. Mit der Evolution vom Kommunikation
und Medien - also mit den strukturellen Veränderungen der Kommunikationsmittel
und -möglichkeiten - einher geht die Evolution der Gesellschaft. (5) Mit anderen
Worten: Kommunikationsmittel und -möglichkeiten bestimmen die Strukturen einer
Gesellschaft, sie bestimmen über deren Größe, Reichweite und Stabilität.
Mit der Sprache verfügt der Mensch über ein Medium, also ein Instrument, das
es erlaubt, nicht nur mittels "Signalen" auf Verhalten zu reagieren, sondern
durch das und mit dem sich Kommunikation entfalten läßt. Die Sprache erlaubt
Negation und die Abstraktion durch Formulierung von Begriffen und Definitionen
- und damit die Ablösung vom eigentlichen Verhalten. Desweiteren erlaubt Sprache
die Ausbildung von Regelungen oder Normen für das alltägliche Zusammenleben.
Die Größe und Stabilität von Gesellschaften, die allein über das Medium Sprache
verfügen, ist jedoch begrenzt: Die Reichweite der Gesellschaft ist - zeitlich
und räumlich - begrenzt durch die notwendige Erreichbarkeit ihrer Mitglieder.
Diese notwendige Erreichbarkeit der Mitglieder illiterater (schriftloser) Gesellschaften
lasse sich beispielsweise noch heute an der Größe mittelalterlicher Marktplätze
erkennen. Denn im Mittelalter, als Schrift und Buchdruck längst erfunden waren,
konnte der überwiegende Teil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Die
Stabilität der Gesellschaft ist begrenzt durch die Unsicherheiten, die daraus
resultierten, daß Informationen ausschließlich von Mund-zu-Mund weitergegeben
werden konnten. Die korrekte Wiedergabe war nicht zweifelsfrei zu sichern. Mnemotechnische
Verfahren des Auswendiglernens oder die metakommunikative Absicherung durch
die Verwendung von Siegeln oder die Garantie der Glaubwürdigkeit durch die Bekanntheit
des Boten versuchten diese Unsicherheiten abzubauen - jedoch blieb die Gewißheit:
"So viele Münder, so viele Wahrheiten." Damit ist natürlich nicht gemeint, daß
dieser Satz heute - zumal in der Politik - keine Gültigkeit mehr hätte. Dennoch:
Die Erfindung der Schrift ist die Antwort auf die Unsicherheiten der Mund-zu-Mund-Kommunikation.
Die Verfügbarkeit der Schrift erlaubt es schließlich, den Radius von Gesellschaften
enorm auszudehnen und ihre Stabilität zu erhöhen. Durch die schriftliche Fixierung
von Aussagen konnte nun eine Dauerwirkung der fixierten Aussagen erreicht, Informationen
konnten in verläßlicher Form gespeichert werden. Daß diese Errungenschaft, nämlich
die verläßliche Speicherung unter dem Stichworten Datensicherheit und Urheberrecht
auch eine der zentralen Herausforderungen an die entstehende Informationsgesellschaft
ist, sei hier nur am Rande vermerkt. Die Schrift garantierte die Wiedergabetreue
der Informationen, die nun im Prinzip für beliebig viele Personen bereitgestellt
werden konnten. Ein weiterer Durchbruch kam mit der Erfindung der Druckkunst
im Jahre 1455, dem ersten technischen Massenmedium, das den möglichen Adressatenkreis
nochmals um ein Vielfaches vergrößerte. Die wirklich revolutionären Folgen des
Buchdrucks lassen sich jedoch erst im nachhinein erschließen. Die Loslösung
aus der geistigen Vorherrschaft und dem Weltentwurf-Interpretationsmonopol der
Theologie, die Ausbildung der Wissenschaften, das Entstehen von Zeitungen und
dem Prinzip Öffentlichkeit, die Entwicklung demokratischer Prinzipien, die Entwicklung
einer einheitlichen Hochsprache, die Schulpflicht, die Liste ließe sich beliebig
verlängern - all das sind die unvorhergesehenen Folgen des Buchdrucks, all das
wäre ohne die Möglichkeit des gedruckten Wortes undenkbar gewesen.
Betrachtet man die Zahlen zur Entwicklung der Medien, so läßt
sich zudem in den letzten vierhundert Jahren eine enorme Beschleunigung feststellen:
Vergingen vom Erscheinen der ersten Zeitung im Jahre 1609 noch rund zweihundert
Jahre, bis im Jahre 1809 der Telegraph erfunden wurde, hat sich die Evolution
der Kommunikation danach erheblich beschleunigt. In immer kürzeren Abständen
treten neben die vorhandenen Medien neue Kommunikationsmöglichkeiten und fördern
wiederum das Entstehen neuer Medien. Ein paar Zahlen mögen dies verdeutlichen:
1872 wurde das Telefon, 1895 der Film, 1918 das Radio, 1931 das Fernsehen, 1971
Satelliten-TV und 1979 wurde das Telefax erfunden, 1980 ging BTX an den Start.
Der Blick auf die Geschichte der Medien belegt auch, daß bisher noch kein neues
Medium ein älteres gänzlich verdrängt hat. Vielmehr treten neue Medien neben
die vorhandenen und ergänzen diese.
Gegenwärtig erleben wir die "Sturzgeburt" eines neuen Mediums, das viele Namen
hat: Internet, Datenautobahn oder auch Multimedia. Dieses neue Medium wird die
Gesellschaft so gravierend verändern, daß von einer neuen Gesellschaft gesprochen
werden kann: der Informationsgesellschaft. Dabei führt das Wort Multimedia ein
wenig in die Irre: Kennzeichen des neuen Mediums ist nicht das "Viele", Kennzeichen
ist vielmehr das Integrieren der bisher nebeneinanderstehenden Medien in einem
einzigen. Das Internet integriert Potentiale der mündlichen Direktkommunikation
(Plausch oder Telefongespräch), der Printmedien (Brief, Flugblatt, schwarzes
Brett, Zeitung und Buch), der audio-visuellen Medien (Rundfunk, Fernsehen, Video).
Es steigert deren Kapazität (durch höhere Archivierungs- und Speicherfähigkeit)
und Transaktionsdichte (als many-to-many- Medium). Kennzeichen der neuen Gesellschaft
ist nicht nur das Vorhandensein dieser neuen Medientechnologie, Kennzeichen
ist vielmehr die erneute Ausdehnung der Reichweite der Gesellschaft aufgrund
der globalen Vernetzung. Oder, um beim oben erwähnten Bild des mittelalterlichen
Marktplatzes zu bleiben: Mit dem Ausbau einer globalen Informations-Infrastruktur
entsteht eine Art Marktplatz der globalen Informations-(Welt-)Gesellschaft -
ein Marktplatz, auf dem nicht nur mit Waren gehandelt, sondern auf dem auch
über Wissen und Werte, über Lebensentwürfe und um die Zukunft der Gesellschaft
verhandelt wird.
Die Bedeutung, die die Medien bereits heute haben, beschreibt
der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann mit dem Satz: "Was wir über unsere
Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch Massenmedien".
(6) Das trifft natürlich auch für die Kultur zu, und damit offenbart sich folgende
Schwierigkeit: Was wir über Kultur - und auch über die Kulturverträglichkeit
- wissen, wissen wir durch Medien. Bezogen auf die hier formulierte Themenstellung
etwas provokativ ausgedrückt: Medien und Kommunikation konstituieren erst die
moderne Gesellschaft und die gesellschaftliche Kultur; in der modernen Gesellschaft
sind sie unabdingbar in der Generierung von Wissen, Werten und Weltbildern.
Den Medien kommt damit in der modernen Gesellschaft eine grundlegende Bedeutung
zu: Sie bieten Orientierungswissen für alle Lebensbereiche an, sie begleiten
Menschen in allen Tagessegmenten von der Berufsarbeit bis zur abendlichen Entspannung.
Kommunikation und Medien prägen die individuelle Sozialisation und die kollektiven
Wissens- und Wertbestände der modernen Gesellschaft. Medien stellen Zusammenhänge
her, die durch die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft verloren gegangen
sind. Medien haben in der modernen Gesellschaft die Funktion, durch Bereitstellung
von Informationsangeboten die Integration der Gesellschaft zu garantieren. Sie
schaffen eine imaginäre Einheit einer in ihre Teilbereiche zersplitterten Gesellschaft
und halten damit- etwas gewagt formuliert- die Gesellschaft aufrecht. Sie füllen
Lücken, etwa solche, die durch fortschreitende Ablösung der Familie und anderer
tradierter Sozialverbände, aber auch der Schule, als zentrale Sozialisationsinstanzen
entstehen. (7)
IV.
Kehren wir nach diesem kurzen Ausflug in die Mediengeschichte zurück zur Bedeutung
des gegenwärtigen Umbaus zur Informationsgesellschaft. In der Politik werden
derzeit die Weichen gestellt, in welche "Informationsgesellschaft" die Reise
gehen soll. Die Kulturverträglichkeit der neuen Medien wird daher - um die Fragestellung
wieder aufzugreifen und gleichzeitig den Blick zu erweitern - in entscheidender
Weise von den Weichenstellungen der Politik abhängen, die "Kulturverträglichkeit
der Medien" wird bestimmt von der "Kulturverträglichkeit der Medienpolitik".
Wer jedoch in den "Schlachtlärm medienpolitischer Kontroversen"
(8) - und das gilt für die deutsche wie für die europäische Diskussion gleichermaßen
- hineinhört, wird wenig darüber erfahren, wie eine Kommunikationsordnung der
Zukunft aussehen könnte, die die vielen wohlfeilen Verheißungen einlösen kann
- Verheißungen von einer demokratischeren Gesellschaft mit einer größeren Teilhabe
aller, Verheißungen von neuen Arbeitsplätzen und neuen Märkten, Verheißungen
eines besseren Lebens.
Eine fundierte Diskussion über die Möglichkeiten der Gestaltung und über die
rechtlichen Rahmenbedingungen einer tragfähigen Kommunikationsordnung in einer
globalen Informationsgesellschaft, die diese Anforderungen einlösen können,
hat noch nicht einmal richtig begonnen. Daher kann es auch nicht verwundern,
daß nur zu einzelnen Teilaspekten mehr oder minder ausgereifte Konzepte vorliegen.
Die vorgelegten Konzepte - als Beispiele seien hier nur das bereits verabschiedete
Telekommunikationsgesetz und das im Entwurf vorliegende Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz
in Verbindung mit dem Medienstaatsvertrag genannt - werden den Anforderungen
einer zeitgemäßen Kommunikationsordnung nicht gerecht.
Dies vor allem aus zwei Gründen: Zum einen, weil es bis heute nicht gelungen
ist, die - wie Peter Glotz es formulierte - "Schachtelpolitiken" zu überwinden.
Der zweite Grund für das zwangsläufige Scheitern derzeitiger Medienpolitik ist vor allem an der einseitigen Orientierung an
Technik und Markt zu sehen. Obwohl - auch in der Politik - immer wieder von
der Konvergenz zwischen Medien- und Telekommunikation die Rede geführt wird,
werden noch immer die traditionell getrennten Bereiche auseinandergedacht. Ob
diese Unterscheidungskriterien angesichts der Dynamik dieses Prozesses Bestand
haben können, darf wohl bezweifelt werden. Gleiches gilt für die Zauberworte
der gegenwärtigen Politik, die da lauten: Deregulation und Liberalisierung.
In keinem Konzept der Bundesregierung oder der Europäischen Kommission fehlt
der Verweis auf die "Zauberkraft" des Marktes. Natürlich wird dem Markt logischerweise
- schon angesichts der Milliardenallianzen der Global Player - eine enorme Bedeutung
zukommen, aber eben nicht allein! Es wächst zusammen, was bisher noch nicht
zusammengehörte. Konkurrent eines Medienriesen wie Bertelsmann könnte in Zukunft
durchaus ein Telekommunikationsunternehmen wie MCI sein - Hinweise deuten dies
bereits an.
Auch die Einordnung der neuen Dienste in Rundfunk- und Multimedia- Dienste,
die Formulierung rechtlicher Rahmenbedingungen für die digitale Signatur und
der Gewerbeschein des Zukunftsministers sind unbestritten wesentliche und weniger
wesentliche Elemente einer solchen zu entwickelnden Kommunikationsordnung. Gerade
den Fragen nach der Bewahrung des hohen Gutes der Meinungsfreiheit oder nach
den Möglichkeiten der Verschlüsselung kommt unter der Fragestellung "Bewahrung
von Freiheitsrechten" enorme Bedeutung zu, jedoch fehlt zur Einordnung dieser
Teilaspekte der dazu notwendige Rahmen einer umfassenden Kommunikationsordnung
der Zukunft - vom Fehlen eines tragfähigen Leitbildes einer demokratischen Informationsgesellschaft
ganz zu schweigen. Die Antwort ist immer die gleiche: Der Markt wird's schon
richten. Auffällig ist, daß gerade die Konfliktpotentiale der entstehenden Informationsgesellschaft,
die auf bestehende oder neu zu definierende Grundrechte verweisen, in der aktuellen
politischen Diskussion bisher ausgespart bleiben. Drei Beispiele mögen dies
verdeutlichen:
* Gefeiert werden in unzähligen Sonntagsreden und auf Symposien oder Kongressen
die schier unbegrenzten Möglichkeiten der neuen Kommunikationsmöglichkeiten
- der Technologierat sprach gar ebenso euphorisch wie ängstlich von einer "direktdemokratischen
Technik" -, herbeizitiert wird die "informierte Gesellschaft" oder auch
die "Wissensgesellschaft", ohne die seit langem erhobene
Forderung nach einer informationellen Grundversorgung auch nur zur Kenntnis
zu nehmen. Nicht mehr diskutiert sondern vielmehr bereits festgeschrieben wurde
mit dem Telekommunikationsgesetz ein "Universaldienst", der diesen Namen nur
annähernd gerecht wird. Gesehen wird damit nicht, daß in Zukunft nicht mit dem
Rundfunkrecht, sondern im Telekommunikationsbereich die maßgeblichen Bedingungen
dafür geschaffen werden, welchen Lebensspielraum die Medien in Zukunft haben
werden. Dabei lagen gerade zur Definition eines zukunftstauglichen Universaldienstes
im Sinne eines "Universal-Service" oder "Public-Service" die unterschiedlichsten
Konzepte vor, die jedoch - wie auch die internationale Diskussion - fast ausnahmslos
ignoriert wurden. Zu nennen wären hier insbesondere die neue Bedeutung von Bibliotheken
und anderen öffentlichen Einrichtungen, beispielsweise in Form von elektronischen
Informationskiosken.
* Diskutiert wird - und das ist im Zusammenhang mit einem Public Service zu
denken - das Ende des dualen Rundfunksystems in Deutschland. Während es im Bericht
zur Lage des Fernsehens (9) noch heißt, daß die mit der Einführung der zweiten
Säule - dem Privatfernsehen - prognostizierte Vielfalt hinter den Erwartungen
zurückbleibt, war kürzlich in dem von den Koalitionsparteien vorgelegten Mehrheits-Zwischenbericht
der Enquete-Kommission "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft -
Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft" zu lesen, daß die Vermittlung
weltanschaulicher Vielfalt auch von den privaten Veranstaltern erbracht werde.
(10) Offenbar wird hier Vielzahl mit Vielfalt verwechselt. Die wesentliche Frage
ist nicht nur, ob die Grundversorgung privater oder öffentlich-rechtlicher Natur
ist, die Frage ist: Wie wahrscheinlich ist sie und wie wird sie erbracht? (11)
Zum Glück gibt es auch in den Koalitionsparteien noch - oder inzwischen wieder
- vernünftige Stimmen, denn mit dieser Position wird die Zukunft des öffentlich-rechtlichen
Rundfunks in Frage gestellt, ohne daß eine anderweitig gewährleistete Grundversorgung
an dessen Stelle tritt.
* Diskutiert werden gegenwärtig die Möglichkeiten der Kontrolle oder gar Zensur
und das Verbot von Verschlüsselungsmöglichkeiten für vertrauliche Informationen
im weltweiten Computernetzwerk Internet, ohne die damit einhergehenden Konfliktlinien
in bezug auf das Recht auf freie Meinungsäußerung oder informationelle Selbstbestimmung auch nur zu
denken. So plant die Bundesregierung ein Verbot wirksamer teilnehmerautonomer
Verschlüsselung. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen wird aber nicht
dadurch gesichert, indem man allen Geheimdiensten dieser Welt den Zugang zu
Betriebsgeheimnissen eröffnet - wenn auch unfreiwillig.
Zweifel dürften also angebracht sein, ob der alleinige Verweis auf die Zauberkraft
des Marktes ausreicht, wenn man sich die Bedeutung der Medien bei der Erzeugung
von gesellschaftlichem Wissen und Werten und bei den Entwürfen von Weltbildern
vergegenwärtigt. Die Sozialisation der Bürgerinnen und Bürger, die Erzeugung
von gesellschaftlichem Wissen, die Prägung von Weltbildern - dies sind doch
Dinge, die der Kulturstaat nicht allein den Kräften des Marktes und damit gegebenenfalls
den Marktmächtigen überlassen darf. Doch auch wer nicht allein auf den "sozial
blinden" Markt vertrauen will, und auf eine gestaltende Medienpolitik setzt,
wird feststellen müssen, daß das Festhalten an regulatorischen Instrumenten
der Vergangenheit nicht mehr trägt. Die globale Reichweite des derzeitigen Umbruchs
und die Dynamik, mit der sich dieser Prozeß vollzieht, erfordern neue Denk-Ansätze.
Wenn den Medien eine solche immense Bedeutung zukommt, so gilt es, tragfähige
Konzepte der Medienregulierung zu entwickeln. Das bedeutet nicht Überregulierung
und erst recht nicht Inhaltskontrolle oder Bevormundung. Das bedeutet vielmehr,
das Ziel einer offenen Gesellschaft neu zu formulieren:
Will die moderne Gesellschaft an ihrem Ziel festhalten, eine möglichst breite
Palette von Lebensentwürfen auf der Basis einer noch immer solidarischen Gesellschaft
zuzulassen, die die Entfaltung aller erst ermöglicht, will sie die kommunikative
Entfaltungsmöglichkeit aller zulassen, die in Zukunft die freie Entfaltung noch
entscheidender bestimmt als heute, dann zählt zu den wichtigsten Aufgaben der
Gegenwart, eine zukunftsfähige Kommunikationsordnung zu entwerfen, die diese
reale Freiheit auch in der Informationsgesellschaft sichert. Es bedarf einer
Struktur der Medien-, Wissens- und Informationsgesellschaft, die dies faktisch
zuläßt.
Dabei kommt vor allem zwei Themenbereichen eine immense Bedeutung zu: Zuerst
wäre die Frage des Zugangs zu Informationen zu nennen. Gegenwärtig läßt sich
ein wachsender Konsens beobachten, daß Machtprobleme der Zukunft verstärkt als
Zugangsprobleme zu Informationen analysiert
und behandelt werden müssen. So fehlt inzwischen in kaum einer (Sonntags-)Rede
der Appell, daß eine Spaltung der Gesellschaft in "information rich" und "information
poor" verhindert werden müsse. Wie dies jedoch geschehen soll, darüber schweigt
man sich aus.
Über Parteigrenzen hinweg dürfte Konsens darüber bestehen, daß gerade in einer
Informationsgesellschaft der Zugang zu Informationen sichergestellt
und daß Zugangsfilterung verhindert werden müssen. Die Frage ist nur - und hier
herrscht leider noch kein Konsens -, wie kann man diesen Anspruch verwirklichen?
Bisherige Regelungen im Medien- und Telekommunikationsbereich werden teilweise
aufgrund der unbestritten notwendigen Liberalisierung, teilweise aufgrund technischer
Entwicklungen - Stichworte sind Konvergenz, Digitalisierung und Datenkompression
- oder aber aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen - Stichwort Globalisierung
- obsolet. Neue Konzepte sind nicht in Sicht. Dennoch gilt es, die Zugangsprobleme
ernst zu nehmen. Unterscheiden lassen sich drei Typen von Zugangsproblemen.
Zum einen sind es Zugangsprobleme bei der Produktion von Kommunikationsinhalten,
Zugangsprobleme bei Übertragungswegen und schließlich Zugangsprobleme der Nutzer,
der Rezipienten. Für letztere wurde mit der Verabschiedung des Telekommunikationsgesetzes
- wie bereits angesprochen - versäumt, dafür den notwendigen Rahmen zu schaffen.
Hier hätte die Möglichkeit bestanden, als Universaldienst nicht einen minimalen
Basisdienst - im Wortlaut: Sprachtelefonie mit ISDN- Leistungsmerkmalen wie
Anklopfen oder Anrufweiterschaltung - zu definieren, sondern diesen vielmehr
auf die ganze Palette "medialer Daseinsvorsorge" (12) der Wissens- und Informationsgesellschaft
- also auch auf Medienkommunikation - auszudehnen.
Nicht nur vor dem Hintergrund der Fragestellung nach der Kulturverträglichkeit
der neuen Medien stellt sich dann die Frage nach dem Umgang mit Informationen.
In der gesellschaftspolitischen Diskussion über die Zukunft der Informationsgesellschaft
wurde in letzter Zeit kaum ein Wort so mißbraucht wie der Terminus "Medienkompetenz". Gemeint ist damit - zumindest
in der politischen Diskussion - meist nur die Fähigkeit des kompetenten Umgangs
mit Computern. Jedoch beschränkt sich die notwendige kulturelle Medienkompetenz
als Schlüsselqualifikation der Informationsgesellschaft nicht darauf. Das
Prestigeobjekt der Bundesregierung "Schulen ans Netz" ist zwar als ein erster
Schritt zu begrüßen, wenn es dabei bleibt, ist es jedoch nicht mehr, als der
berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Was nützt der Schule - wenn sie denn
zu den Auserwählten zählt - ein Internet-Zugang, wenn die Schüler mit den Informationen
nicht umgehen können, wenn die Lehrer nicht zur Vermittlung kultureller Medienkompetenz
ausgebildet sind?
Wie der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten errechnet hat, vergrößerte
sich in der Zeit von 1960 bis 1990 allein das Fernsehangebot um 1250%, das Informationsangebot
des Hörfunks um 250%, das der Tagespresse um 260% und das der Zeitschriften
um 1200%. Innerhalb einer Generation hat sich damit das Medienangebot um rund
3000% vergrößert, während die Rezeptionskapazität des Menschen dagegen nur unwesentlich
wächst. (13) Mit den nun entstehenden neuen Medien, mit den neuen Informations-
und Kommunikationsmöglichkeiten wird sich das Informationsangebot innerhalb
weniger Jahre nochmals vervielfachen. Gegenwärtig wird die Größe des wohl bekanntesten
Dienstes im Internet, des World-Wide-Web, auf mehrere Millionen Seiten geschätzt.
Damit stellt sich die Frage, wie der Mensch mit einer derartigen Fülle von Informationen
umgehen kann. Medienabstinenz oder Medienreduktion sind sicherlich nicht die
richtigen Antworten. Vielmehr kommt es in Zukunft vor allem darauf an, aus dieser
unendlichen Fülle von Daten Informationen von Wert herauszufinden und Informationen
nach ihrer Glaubwürdigkeit und ihrem Wahrheitsgehalt zu hinterfragen.
Medienkompetenz setzt vor allem - auch wenn gleichzeitig
immer wieder deren Untergang prophezeit wird - Lesefähigkeit voraus. Wie Professor Klaus
Ring feststellte, haben wir es inzwischen mit einer ganz neuen Dimension
des sekundären Analphabetentum zu tun: In den USA vermutet man heute 40 bis
50 Millionen sekundäre Analphabeten; in Deutschland sollen es drei bis vier
Millionen sein; eine neuere Untersuchung in Frankreich ergab, daß etwa 20 Prozent
der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nur noch unzureichend lesen und schreiben
können. (14) Lesekompetenz wird im Kindesalter geprägt, Lesefähigkeit hat enge
Verbindungen mit der Sprache und dem Ausdrucksvermögen. Und hier sind die Zahlen,
die Professor Ring angibt, noch erschreckender: Die Zahl der sprachentwicklungsgestörten
Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren ist innerhalb von 10 Jahren von ca.
4 auf 24 bis 28 Prozent angestiegen. Oft werden dafür ausschließlich die Medien
verantwortlich gemacht. Die Zahlen, die die Kommunikationswissenschaft vorgelegt
hat, lassen jedoch eher vermuten, daß das Kommunikationsverhalten als ganzes
- also die früh einsetzende Nutzung von Medien, die Kommunikation in der Familie,
im Kindergarten und in der Schule - sich verändert hat. Die neuen Medien werden
diese Tendenz eher verstärken.
Auf der anderen Seite bieten diese aber auch völlig neue Chancen. So kann man
möglicherweise davon ausgehen, und gegenwärtig werden in Amerika dazu erste
Untersuchungen durchgeführt, daß der kreative Umgang mit den neuen Medien
die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit fördern kann. Diese Vermutung liegt vor
allem in der Tatsache begründet, daß die neuen Medien im Gegensatz zu den traditionellen
Medien nicht nur auf den passiven Nutzer ausgerichtet sind, sondern von ihm
notwendigerweise Interaktivität verlangen - wenn diese auch leider nur allzuhäufig
auf seine Auswahlmöglichkeit beschränkt wird. Hier ist es Aufgabe der Politik,
diese neuen Chancen interaktiver Medien zu erkennen und zu fördern, und
nicht wie bisher ausschließlich auf die "schöne neue Multi-Media-Welt" und die
gar nicht so revolutionären Möglichkeiten eines Entertainment-Highway abzuheben.
Notwendig ist ein weiter gesellschaftlicher Dialog, der über die Chancen und
Risiken, die dem Wandel zur Informationsgesellschaft innewohnen, aufklärt. Dieser
Dialog sollte die Befürchtungen der Menschen ernst nehmen, in der Auseinandersetzung
mit allen gesellschaftlichen Gruppen Leitbilder einer demokratischen und lebenswerten
Gesellschaft formulieren und Möglichkeiten der Gestaltung entwickeln. Notwendig
ist ein neuer Alphabetisierungsprozeß, der sozial marginalisierte Gruppen einbezieht,
und ihnen so die freie Entfaltung ermöglicht. Notwendig ist darüber hinaus eine
Bildungspartnerschaft zwischen Schulen, Unternehmen und Staat, die es der jungen
Generation ermöglicht, die Schlüsselqualifikationen der Zukunft zu erwerben.
Kommen wir am Ende dieser Ausführungen noch einmal auf die Entscheidung des
Bremer Rates aus dem Jahr 1790 zurück: Befindet die Politik sich heute nicht
in einer vergleichbaren Situation wie der Bremer Rat? Wieder stellt sich die
Aufgabe, mögliche Folgen neuer Medientechnologien abzuschätzen und Risiken zu
minimieren. Wie der Bremer Rat laufen wir Gefahr, die eigentlich revolutionären
Umbrüche, die mit den Auswirkungen des Buchdrucks durchaus vergleichbar sind,
noch gar nicht erkennen zu können. Demokratie, Bildungswesen, die Infrastruktur
der Öffentlichkeit bis hin zur Ausprägung von Identität - all das wäre ohne
Buchdruck kaum denkbar gewesen. Im Unterschied zum Jahr 1790 stellen wir heute
jedoch nicht die möglichen negativen Folgen des Lesens in den Mittelpunkt der
Betrachtungen - und auch hier waren es vor allem Verflachung der Kultur und
Vereinsamung, die Anlaß zur Sorge gaben -, vielmehr fragen wir, wie wir die
Erosion des Lesens und damit die Erosion der Grundlagen der modernen Gesellschaft
- verhindern können.
Inzwischen sollte deutlich geworden sein, daß die vorangegangenen Überlegungen
zum Zusammenhang zwischen Medien und Kultur keineswegs versuchen, mögliche Gefahren
zu beschönigen oder gar hinwegzureden. Die hier gemachten Ausführungen sollten
vor allem deutlich machen, daß die Entfaltung der Informationsgesellschaft keineswegs
schicksalsgleich in den von der technologischen Entwicklung vorgegebenen Bahnen
verläuft, sondern als ein gestaltungsoffener Prozeß begriffen werden muß. Mit
einer solchen Perspektive wachsen die Chancen, diese Entwicklung in gewünschte
Richtungen zu steuern. Die Ausführungen zum Komplex Medien und Kultur und die
Beschreibung der gesellschaftskonstituierenden Bedeutung der Medien sollten
deutlich machen, daß es bei der Gestaltung der Informationsgesellschaft nicht
nur um die Kulturverträglichkeit dieser neuen Medien, sondern vielmehr um die
Grundlagen der Gesellschaft von morgen geht. Eine Kommunikationsordnung der
Zukunft - die Medien- und Telekommunika-tionspolitik ebenso einschließt wie
Bildungs- und Technologiepolitik - muß Strukturen schaffen, die es den Bürgen
ermöglicht, das erweiterte Potential an Wissen, Erfahrungen und Lebensentwürfen
zu nutzen. Auch die sich abzeichnende neue Gesellschaftsformation, gleich ob
sie nun mit Begriffen Informations-, Wissens- oder Kommunikationsgesellschaft
etikettiert wird, muß eine offene Gesellschaft sein, mit einer Informations-Infrastruktur,
die die freie, kommunikative Entfaltung ermöglicht.
Lassen Sie mich am Schluß noch einmal auf das eingangs erwähnte Gespräch auf
der Frankfurter Buchmesse zurückkommen: Gutenberg beendet das Gespräch, bevor
Gates - wie der Berichterstatter Updike beobachtet - mit einem Zischen in sich
zusammensinkt, mit der Feststellung: "Ihr sprecht von diesem weltumspannenden
Internet, als reichte es über das menschliche Gehirn hinaus. Aber der Mensch
ist noch immer das Maß aller Dinge." Damit das so bleibt, gilt es, die Herausforderung
der Technik anzunehmen, gesellschaftliche Visionen und Leitbilder zu formulieren
und Gestaltungskonzepte zu entwickeln, um so der Reise eine Richtung geben zu
können.
Schließen möchte ich meine Ausführungen mit einem Gruß, den man im Internet
immer häufiger antrifft - der zwar die vielen berechtigten Ängste und Unsicherheiten
nicht aufhebt, aber für das hier angesprochene Thema "Lesen in der Informationsgesellschaft"
Anlaß zur Hoffnung gibt: "Man liest sich!".