Chartier 1995: Eine "radikale Umwälzung der Produktionsweise, der Übermittlungs- und Rezeptionstechniken von Schrift":
"Die Revolution unserer Gegenwart ist offenkundig gravierender als die Gutenbergs. Sie verändert nicht nur die Technik der Reproduktion des Texts, sondern auch die Strukturen und Formen des Trägers, der ihn seinen Lesern vermittelt." (119) Sie verändert damit den Text selbst.
Aber nicht nur das: "Die Revolution des elektronischen Textes wird zugleich eine Revolution der Lektüre sein. Auf dem Bildschirm zu lesen ist nicht dasselbe, wie in einem Codex zu lesen. (...) An die Stelle der Materialität des Buches setzt sie die Immaterialität von Texten ohne eigenen Ort; dem Verhältnis des Nach- und Nebeneinander, das im gedruckten Gegenstand festgelegt ist, stellt sie die freie Zusammenstellung unendlich manipulierbarer Bruchstücke gegenüber; die unmittelbare Erfassung des Werkganzen, sinnfällig in dem Gegenstand, der es enthält, ersetzt sie durch Navigationen auf sehr langer Fahrt in ufer- und grenzenlosen Textarchipelen. Diese Veränderungen .bringen unvermeidlich und zwingend neue Arten zu lesen mit sich, neue Beziehungen zum Geschriebenen, neue interlektuelle Techniken . (...) Die begonnene Revolution ist vor allem eine Revolution der Träger und der Formen, die die Schrift übermitteln. Sie hat darin nur einen Vorläufer in der westlichen Welt: die Ersetzung des Volumen durch den Codex, des Buches in der Form der Schriftrolle durch das Buch, das aus zusammengesetzten Heften besteht, in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung." (122) Demgegenüber werden heute die Grenzen(!) der ´Printing Revolution´, die "Grenzen dieser ersten Revolution" heute deutlicher gesehen. (118)
Chartier vergegenwärtigt den historischen Wandel: "Warum dieser Blick zurück, warum insbesondere diese Aufmerksamkeit für die Geburt des Codex? Zweifellos, weil das Verständnis und die Meisterung der elektronischen Revolution von morgen (oder von heute) von ihrem korrekten Eintrag in eine lange Geschichte abhängt. (...) In der Welt der elektronischen Texte oder, genauer, der elektronischen Darstellung der Texte, können zwei Zwänge, die bisher für unabänderlich galten aufgehoben werden" (124):