"Lineare Lektüre" vs. "Interaktive Lektüre"?

J.D. Bolter, "Digitale Medien und die filmische Perspektive"

"Computergrafiken haben die perspektivische Erzählung vom traditionellen Film entliehen - aber mit einem wichtigen Unterschied. Im traditionellen Kino steuern Regie und Schnitt die Kamera und damit auch zu jeder Zeit die Ansicht. Das Wesentliche des Filmschnitts ist eine sorgsam gesteuerte Folge von Ansichten, was uns den Regisseur und die Bearbeiter, aber nicht die Schauspieler, als die "Autoren" eines Films erscheinen läßt. Bei interaktiven digitalen Grafiken wird die Ansicht nicht mehr "autoritär" kontrolliert. Der Zuschauer wird selbst zum Autor seines eigenen Films, und dieses Paradox erinnert uns an ein ähnliches Paradox in der Beziehung eines verbalen Hypertextes zur normalen erzählerischen Fiktion. Auch der Hypertext überträgt, wie viele Literaturkritiker erkannt haben, die Kontrolle vom Autor auf den Leser. Normalerweise besteht ein Hypertext aus vielen, relativ kurzen erzählerischen Passagen, die durch elektronische Links miteinander verbunden sind. Auch wenn der Autor die Links einbaut, entscheidet doch der Leser, welchen er in jeder Passage folgen soll. Da die Aufeinanderfolge von Links die Ordnung bestimmt, in der die Textpassagen präsentiert werden, teilt der Leser die Kontrolle der Erzählung mit dem Autor. Eigentlich erforscht der Leser einen textuellen Raum aus Lesemöglichkeiten, ebenso wie der Zuschauer bei der Virtuellen Realität einen visuellen Raum durch Umhergehen und Drehen seines Kopfes erkundet. Verbaler Hypertext und interaktive Grafiken stellen so zusammen eine Herausforderung für den Begriff der Autorenschaft dar. Der Hypertext verhält sich zur Literatur wie interaktive Grafiken zum Film, weil sowohl in der Literatur als auch im Film die herkömmliche Autorenschaft bedeutet, Macht über die Darstellung und letztlich über die Ansicht zu besitzen."

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