Ort:  Berlin - Mitte

Potsdamer Platz (Benjamin Birkenhake)

Die Zukunft (Anonym)

Big in Japan (Karla Reimert)

Mikroökonomie (Kilian Mohn)

Inbetriebnahme (David Riha)

Berliner Großstadtsommer (Karin Sörensen)

Spielfeld (Felix Mennen)

Auf der Havel (Jürgen Heimlich)

Eskorten durch die Noirität (Klaas Tigchelaar)

Willkommen im Leben (Talia Seiler)

Übergang - nicht Mensch (Talia Seiler)

Kein Abendwind (Talia Seiler)

geschockt (Talia Seiler)

Hi Uli (Talia Seiler)

Berlin sentimental, oder Gedanken einer einsamen Stunde (Winfried Kerkhoff)


Potsdamer Platz

So Freunde, hier fängt die Zukunft an, hier hat sie angefangen und hier konnte sie anfangen. Es gibt keine Zukunft ohne eine dazugehörige Vergangenheit. Potsdamer Platz, das Herz Berlins in der 20ern und 30ern. Schon damals begann hier die Zukunft. Dann Mauer, Zone, Todesstreifen, der ganze Platz einfach ausgelöscht. Und heute führte der Weg in unsere Zukunft über eben jene Vergangeheit und von da aus direkt ins goldene Zeitalter. So scheint es. Der Potsdamer Platz scheint mir viel virtueller als jede Internet-Einkaufsmeile und digitaler als jedes CAD-Modell. Der ganze Platz scheint kein Alter zu haben und die Gesetzte der Physik scheinen ebensowenig zu gelten wie in der Welt der Bits und Bytes.
Und ich fühle mich dort wohl. Vielleicht gerade weil ich ein Kind der Homecomputer bin. Aber in 10-15 Jahren wird es nur noch Kinder der Homecomputer geben und sie werden mehr Orte schaffen wie diesen, gewöhnt euch schon mal dran! Und doch ist der Platz erst dann vollständig wenn man seine Geschichte kennt und erst dann sieht man dort Leben. Wir leben in dem goldenen Zeitalter, Freunde, schaut hier her!

© Benjamin Birkenhake - www.benjaminbirkenhake.de


Die Zukunft

Wir sind da. Lange haben wir in der U-Bahn gesessen, um hierher zu kommen. Wir laufen die Treppen hoch, voller Erwartung, etwas zu sehen, das uns überwältigt, das uns staunen lässt, und dann das. Klötze mit Spiegeln, an denen man hochblicken kann, wenn man will. Vom Himmel scheinen sie gefallen zu sein. 3D-Kinos, gläserne Büros in Hochhäusern und schicke Cafes, ausgetüftelt von den besten Architekten der Welt, wie man sagt. Plätze aus Stein und kleine Wasserflächen dazwischen.
Das hier soll sie also sein, die Zukunft. Silbern und kalt. Lego in Groß, nur, dass es immer dieselben Steine sind. Wir laufen an all den Gebäuden entlang und fragen uns in jeder neuen Minute mehr, warum wir hier sind. Du sagst: "Ich fand es aber schöner in Kreuzberg". Und genau das denke ich auch. Die Zukunft kann mir gestohlen bleiben.

© Anonym


Big in Japan

Was Till und mich verbindet, läßt sich an den Fingern einer Hand abzählen. Wir haben uns freundschaftlich getrennt, noch unter Kohl, das sagt alles. Auch wenn freundschaftlich in unserem Fall nur bedeutet, daß seine Freunde meine und meine seine bleiben konnten. Übriggeblieben sind also vier Freunde und ein gewisses Interesse. Wer hat zuerst behauptet, daß Zeit alle Wunden heilt. Till und ich mögen uns jedenfalls am liebsten, wenn mindestens ein Kontinent zwischen uns liegt. Ich hab mein Studium aufgegeben, um das hier zu machen. Und Till ist das, was man in den Staaten einen Bobo nennt. Wir stören unsere Kreise somit selten. Schaltkreise, hätte Till dazu gesagt. Ich hätte auf Kreisen bestanden und wir hätten uns gestritten. Manchmal half das. Ich war daher auch nicht unbedingt abgeneigt, ihn zu sehen, als er an einem Sonntagnachmittag im Frühling vom Flughafen anrief. Er bat um Asyl.
"Pppppiep-piep. Raumschiff Enti an Erde. Bitte um Landeerlaubnis". "Hey Till. Hängengeblieben?" " I beg you pardon, mam?!" "Welche Staffel, Trekkie." Ein Moment Stille. " Rudern. 10-12. Klasse. Wieso interessiert dich das?" "Vergiß es. Zu viel Geld von dir für zu wenig verwertbare Information für mich." "Und was soll ich sagen?" Woher kommst du gerade: Tokyo, New York?" "Eins. Tokyo. Ich hab gekündigt." "Ist das gut oder schlecht?" "Was meinst du damit?" "MLP- Kommunikationstraining, Till. Frag die Leute nie, was sie tun, frag sie nur, wie sie sich dabei fühlen." "Weiß nicht." "Also, steigert es jetzt deinen Marktwert oder was?" "Ist das ein Test?" "Nein, das ist kein Test, Till. Ich meine, keiner von denen, wo man was falsch machen könnte." "Dann soll ich mir also jetzt ein Taxi nehmen und vorbeischauen?" "Erteilt".
Eine halbe Stunde später stellte Till zwei Koffer in die Ecke, packte seinen Laptop auf meinem Eßtisch aus, installierte eine Karte, legte umsichtig Kabel aus und positionierte einen Empfänger auf dem Fensterbrett. "Komm erstmal. Bevors zu labyrinthisch wird." Ich umarmte ihn. "Wow, smells like new economy." Er lächelte abwesend, vollkommen ausgefüllt mit der Aufgabe, die Geräte zum Laufen zu bringen. "Neues Spielzeug, großer Mann?" Er strahlte mich von oben herab an. "GPS- Standortbestimmung, damit ich immer weiß, wo ich bin." Ich faßte mir an die Stirn. "Macht das nervige Geräusche?" "Versprochen." "Na gut, aber das Handy bleibt aus. Ich hab keine Lust auf Kopfkrebs." Und wie soll man mich erreichen?" "Ist mir egal, mit Brieftauben, wenn es anders nicht geht." "Du mußt übrigens nicht übertreiben, Schätzchen, ich will nicht mit dir ins Bett. Andere Frauen haben auch Migräne." "Andere Männer sind auch manchmal nicht zu erreichen." "Aber wenn ich noch nicht mal weiß, wo ich bin?" Ich schüttelte den Kopf. "Till, hör auf, du bist doch nicht irgendwo im Universum verlorengegangen! Das hier ist Berlin. Mitte, Auguststraße 2. Du hast meine Adresse dem Taxifahrer gegeben und bist heil angekommen. Was willst du mehr?" Er überlegte. "Neue oder alte Mitte?" "Wie meinst du das. Politisch?" "Nee, geographisch." "Ach ja. Ich vergaß. Du bists. Neu dann?" Er schnaubte. " Du weißt bestimmt noch nicht mal, wo die alte Mitte von Berlin war." Ich blickte ihm tief in die noch immer grünen Augen. "Dafür bin ich mir aber sicher, daß Brieftauben das völlig egal ist." Er tippte mit seinem Zeigefinger in der Luft zwischen uns herum, als bediene er einen unsichtbaren touchscreen. " Na gut. Ich sags dir. Kreuzberg, Kommandantenstraße 23." "Dann könnte das hier zumindest annähernd die Neue Mitte sein", schlug ich vor. "Genauer weißt du es aber auch nicht, oder?, sagte Till triumphierend. "Muß ich?" "Besser wärs für dich, besser wärs." Er musterte mich streng und nickte bedächtig mit dem Kopf. "Und wo wir dabei sind: Ein bißchen Diät täte dir auch gut." "Wo hast du denn eigentlich deine Haare gelassen, Till. Den Schuppen zum Opfer gefallen?" Er lehnte sich zurück. "Du bist auch nicht wirklich eine Primärreizverschwendungslaune der Evolution, Baby."
"Okay, Schoßhund, genug gefrozzelt", sagte ich, "neuer Gesprächsfaden: Tee oder Kaffee?" "Wie meinst du das?" "Was möchtest du trinken, Till?" "Das ist hier ja stressig wie im Flieger. Kannst du nicht einfach irgendwas für uns machen?" "Gut. Komm erstmal an." Er rutschte noch bequemer in seinen Sessel. "Das ist schon besser. Fast japanisch. Weißt du, ich kann jetzt übrigens verstehen, daß die Japaner so auf Schulmädchen abfahren. Das senkt die Erwartungen- und damit ist ja wohl allen gedient." Ich stand auf. "Die Japaner übernachten auch in Särgen und betrachten Dichtung als Volkssport." "Was willst du denn damit sagen?" "Beruhige dich. Nicht das, was du denkst."
Wir tranken Kaffee als würden wir dafür bezahlt, waren eine halbe Stunde später hippelig wie zwei Hackkids und bei der Lösung unseres Problems keinen Schritt weitergekommen. Till kontrollierte entnervt den Sender. "Was ist der Fehler, Commander?" "Ich hab erst einen Satelliten, sagte Till." "Wie viele?" "Mindestens vier." "Hör mal, sagte ich. Ich verstehe, daß du durch das viele Reisen ein Recht darauf hast, diese Dinge sehr ernst zu nehmen, aber..." "Aber was?" "Wenn du schonmal da bist: Können wir uns vielleicht ein bißchen ernsthaft unterhalten?" Er überlegte. "Du bist eifersüchtig, stimmts?" "Auf Satelliten?" "Nein, daß ich so genau weiß, was ich will." Ich zog die Platte mit dem Kuchen zu mir rüber. "Hey, Unterstellung. Punktverlust. Ich weiß auch, was ich will!" Er musterte wieder meine Figur. "Ja, aber du hast nicht genug Disziplin, auch den Preis dafür zu bezahlen." "Das, was ich will, kann man nicht mit Geld..." " Jaja. Für alles andere gibt es die Eurocard, Schätzchen. Du schaffst es nicht, deine Programme zu kompilieren. Gibs zu. Es läuft nicht bei dir, richtig? Du bist schon über 27 und allein." Er hatte sich für einen Ex-Freund offensichtlich ziemlich ausgiebig Gedanken über meine Matratze gemacht.
"Hast du es noch immer nicht in deinem Arbeitspeicher, Till, daß es in meinem Leben was anderes als mein biologisches Programm gibt?" "Torschlußpanik. Also doch. Weißt du, wie man Frauen deines Alters in Japan nennt? Christmas cakes. Das sind die, die nach dem Fest übriggeblieben sind." Ich schrieb den Tonfall Tills Jetlag zu. "Besser allein als Nerd." "Besser Geld als keins."
"Till, ich wollte dir das ja eigentlich nie sagen, aber die Sache mit all den Ampeln in deiner Wohnung..." "Pardon?" "Viele Leute würden es für verrückt halten, ihr Leben nach Ampelphasen zu organisieren. Nicht, daß es wirklich ein Problem gewesen wäre, nur bei Gelb aufs Klo zu gehen, weißt du, aber..." "Dein Gedächtnis läßt nach, Baby." "Vergessen können ist eine Gnade", sagte ich drohend. "Aber willkürliches Verdrehen der Fakten ist unwissenschaftlich, wenn nicht sogar politisch bedenklich. Die Ampel für die Toilette war eine Fußgängerampel." "Lenk nicht ab. Grün-gelb- rot, schwarz und weiß, darum geht es nicht." "Schach?" "Weiße Quelle, schwarzes Loch. Jing und Yang, Mann und Frau- was immer du willst, Idiot."
Er sah mich mit dem Blick an, den er sonst nur für Microsoftproduktwerbung übrig hat.
"Also, du warst das." "War ich nicht", sagte ich vorsichtshalber.
"Doch, du warst es, du hast das Computerthermometer verstellt. Die Temperatur im Kühlschrank ist so gestiegen, daß ich die ganzen Tiefkühlsachen wegwerfen mußte."
"Till, ich wußte noch nichtmal, daß der Computer und der Kühlschrank gekoppelt waren." "Ich glaube dir nicht mehr." "Dann ändere endlich die Versuchsanordnung, Idiot. Wieso sollte ich lügen?" "Also- hast du es getan oder nicht? Eins oder Null!" "23." "Was?" "Null. Oder 46. Null ouvert." "Ist das jetzt hier keine falsifizierbare Behauptung, oder was?" "Das ist Skat." "Erst Schach und jetzt Skat. Du hast die ganze Zeit ein falsches Spiel mit mir gespielt."
"Komm runter Till. Du hast doch die ganzen Bänder von der Überwachungskamera. Schau sie durch und du wirst sehen, daß ich mit deinem Scheißkühlschrank und deinem Scheißcomputerbarometer nie was am Laufen hatte."
"Und warum hast du dich dann von mir getrennt?" "Was hat denn das wieder damit zu tun?" "Also eigentlich weißt du es nicht, oder?"
Ich holte tief Luft und erinnerte mich daran, daß die Sache zwischen uns wirklich so gegessen war wie die Zeit der nächtlichen Tiefkühlpizzen vor Videospielen.
"Wieso bist du eigentlich hier, Till? Um mich das nach all den Jahren zu fragen?"
"Nee, um mich neu zu orientieren. Beruflich. Aber trotzdem- du hast immer behauptet, die Philosophie von Linux zumindest moralisch zu unterstützen. Du enttäuschst mich."
In Tills Hose klingelte das Handy. "Wenn du rangehst, fliegst du raus." Till zuckte mit den Schultern. "Bin gerade rausgeflogen, schon vergessen? Und wenn ich nicht verfügbar bin, bleibe ich arbeitslos." "Erzähl mir nichts. Es ist Sonntag, da bietet dir keiner einen Job an." "Standortvorteil Deutschland dotcom ?" "Halt den Mund. Du bist doch freiwillig hier, oder." "Western unitiy. Alles relativ, Baby. An den Frauen liegt es auf jeden Fall nicht." Ich holte tief Luft. "Entschuldige, aber ist das nicht völlig egal, wenn man programmiert? Und mach verdammt nochmal das Ding aus." "Deine Verantwortung." "Papierkorb. Ich erziehe keine pubertierenden Endzwanziger mehr." Er drückte auf seiner Hose rum, bis sie keine Töne mehr von sich gab. "Es ist übrigens auch völllig egal, wenn man Geschichten schreibt, Schätzchen. Versteht sowieso nur ne Handvoll Leute, du wirst immer nach dem Nutzen gefragt und wirklich sexy macht es auch nicht." Er warf mir einen Blick zu. "Alles bei dir wie bei mir, es gibt nur weniger Geld. Was sag ich: Viel weniger Geld." "Noch Kuchen?", fragte ich. "Für Stollen schon ein bißchen trocken, findest du nicht?" "Diese Anwendung wird augenblicklich aufgrund eines unzulässigen Vorgangs geschlossen." "Das war eine Microsoft-Fehlermeldung, stimmts? Du wolltest mich beleidigen." Ich starrte mit aller Verachtung auf seine Hose. "Doch Till. Tut mir leid, wenn ich das sage, aber es gibt einen Unterschied. Die eine Arbeit hat etwas mit Schönheit und Würde zu tun. Rat welche." "Versteh schon. Wenn ich nur eine Sprache zum Programmieren hätte, würde ich die wahrscheinlich auch so verteidigen." "Wie bitte?" "Ein Zimmer, dunkel, Kohleofen, schimmeliges Einfachfenster, Matratze und Straßenlärm gehören heute zum Stil, ja? Arme kleine Poetessa, kein Platz mehr im Prenzlberg?" "Ich kann immerhin noch Verantwortung tragen, Sklave. Ich weiß nämlich, was ich hier mache." "Aber nicht wo du stehst, stimmts. Null oder Eins?" " Nicht genau. Aber immerhin arbeitet mein neuronales Netz im Gegensatz zu deinem noch." "Komm mir hier nicht mit Fuzzy-Logic, Schätzchen."
"Hallo? Noch Platz auf der Platte oder ist da nur Müll? Ich spiele nicht mehr mit, Till, vergiß es! Ein für alle Mal!" "Siehst du, das meine ich. So wird nie was aus dir. Schade eigentlich, so dumm bist du ja nicht." er überlegte. "Womit verdienst du eigentlich gerade dein Geld, Baby?" "Wenn du es wirklich wissen willst: DaF. Das Wunderwaffe der neuen Regierung für den Integration von Greencard-Inder. Ich arbeite also an der Vernichtung deiner überzogenen Gehaltsvorstellungen. Und ich bete darum, daß..."
Der Laptop blinkte in hysterischem Rot und gab ein Warnsignal von sich. Till drehte sich zum Tisch und tippte wild auf der Tastatur herum. "Verdammt, nur zwei Satelliten in Sichtkontakt, das Signal reicht noch nichtmal für die Uhrzeit. Was hast du eben gesagt? " "Hör mir zu, Till: Es ist genau 17. 35 Mitteleuropäischer Zeit", schrie ich ihn an und hielt ihm meine Uhr unter die Nase. "Sommerzeit oder Winterzeit?" "Sommerzeit." "Schließt du das jetzt aus der Temperatur da draußen oder wie?" Er deutete durch das Fenster auf die Straße, wo sich mittlerweile der älteste Bildschirmschoner der Welt angeschaltet hatte. "Hast du etwa keine Wetterstation?" fragte er, als hielte er das für ein wirklich gutes Geburtstagsgeschenk.
"Stell dich nicht blöd, Till, es ist mir egal. Sogar scheißegal! Und was ich dir auch schon lange sagen wollte: Enti ist ein bescheuerter Name übrigens für ein Raumschiff. Es gibt keine Entitäten. Hörst du? Keine Elementarteilchen. Keine Identität von irgendwas. Es gibt nur...weiß nicht, Schwingungen vielleicht." Till schwieg so lange, daß es mir leid tat. Entweder brauchte sein Compiler zu lange oder ich hatte endgültig sein Programm für heute zum Abstürzen gebracht. Ich ging zur Anlage, schob die Herr Nilsson-Live-CD rein und drückte auf den dreizehnten Track. "Till, mit den unterschiedlichen Codes, weißt du, ist das nicht eigentlich ziemlich unwichtig?" Er dachte nach. "Hab schon gehört, daß ihr hier in Berlin gerade so drauf seid.", sagte er schließlich.
Ich zündete zwei Kerzen an. "Pizza bestellen?" "Romantischer Teil, Musik und Essen statt klärendem Gespräch?" "Bohémian oder Bourgeois?" "Thunfisch oder Meeresfrüchte?" "Nein. Damit ich dir noch in die Augen sehen kann. Die sind nämlich immer noch grün. Trotz Brille." "Wär auch ziemlich doof, wenn sie rot geworden wären, oder?" Ich nickte. Der Laptop piepste herzerweichend und verstarb dann mit einem letzten leisen Surren. Das elektrische Summen fehlte dem Zimmer spürbar.
"Und worüber schreibst du eigentlich gerade, also, wenn du noch schreibst?" fragte Till in die Stille. "Willst du das wirklich wissen?" "Commander-Ehrenwort!" Er befeuchtete drei Finger der linken Hand mit Spucke und hielt sie sich an die Stirn. "Alter Häuptling der Indianer." Ich lächelte. "Okay. Ich schreibe gerade einen Roman darüber, wie es ist, wenn man Kaffee kocht. Das Wasser, das sich noch einmal glättet, bevor es dann so blubbert. Die Ruhe vor dem Sturm, als hätten sich alle Moleküle nochmal verabredet, miteinander zu tanzen, bevor sie auseinandergehen." "Die Love-Parade-Geschichte? Das ist nicht dein Ernst. Du bist wirklich immer noch bei den Lenardschen Zellen?" "Besser, als Atombomben zu programmieren?" Er lachte. "Unterstellung. Punktverlust. Was machst du nur mit dem ganzen Verstand in deiner Moral? Und außerdem: Ich hab die Sprache nur für dich gelernt, Baby. Eine Sprache, die so heißt wie ich, Till, ist das nicht toll!: Du warst diejenige, die so darauf abgefahren ist." "Entschuldige bitte, Till, aber ich wurde nach einer Figur von Nabokov benannt und das hat mit deinem blöden Programmieren aber auch wirklich gar nichts zu tun."
"Und warum haben wir das Nullen-und-Einsen-Spiel gespielt?" "Keine Ahnung." "Komm. Linux zuliebe. Legs offen: du weißt, wer das erfunden hat!" "Null. And over." "Over- was." "Ende der Übertragung." "So geht das aber nicht hier. Ohne freecode zählt es nicht." "Und ob." Er seufzte.
"Nochmal, Baby, damit ich das jetzt verstehe. Nabokov. Das ist der mit Lolita, richtig?" "Richtig, der Schulmädchenreport. War klar, daß du das kennst." Er hob beide Hände. "Geschenkt. Ich wollte dich nicht beleidigen. Du wirst deine Gründe haben." "Da kannst du Aktien kaufen, daß ich die habe, Till." "Sag mir Bescheid, wenn du an die Börse gehst. Nein, ernsthaft. Kurssichere, wenn auch nicht nachvollziehbare Gründe. Gefällt mir, Baby. Till, der Mäzen für gute Gründe." "Wag es ja nicht!" "Keine Geschäftsidee. Versprochen. Lieber Friedenspfeife. Weißt du eigentlich, daß du anders redest, als alle anderen Frauen, die ich kenne? Und jetzt frag mich endlich mal, was ich in Japan gemacht habe." "Was um alles in der Welt hast du eigentlich in Japan gemacht, Till?" "Das große GOEAST, Baby." "Im Ernst, Till." "Ich hab neue manuals für die Tokyoter U-Bahn programmiert. Eine der ersten Applikationen für FL, erinnerst du dich. Ende der Achtziger. Sie kamen aber mit dem Bremsvorgang nicht richtig klar." "Die planen da doch gerade das Magnetschwebebahnkonzept zu übernehmen, oder?" "Was willst du damit sagen?" Ich schüttelte den Kopf. "FL ist nicht die Lösung, Till, glaub mir." "Für was?" "Ja, eben. Es bleibt doch immer binär, klarer kann ich das gerade nicht ausdrücken." Ich sah ihn hilflos an, er lächelte zurück. "Na, macht nichts. Ich hab ja auch gekündigt, oder?" Wir standen einen Moment lang unschlüssig voreinander.
"Weißt du, Baby, ich wollte dir eigentlich damals dieses Haus in der Kommandantenstraße schenken. Oder wenigstens eine Wohnung. Das hätte dir doch bestimmt gefallen, so im Mittelpunkt der Galaxie zu leben, oder?" "Verstehe. Die Berlin-Deutschland-Europa-das Universum-Ansichtskarte."
"Und was."
"Till", sagte ich, "über die Raumschiff-Enterprise-Geschichte war ich schon damals drüber. Und außerdem, die Häuser gehören zum Sozialen Wohnungsbau. Die kann man gar nicht kaufen." "Ach so." "Ja, genau. Ach so!" "Na, dann geh ich jetzt mal. Ich muß noch ein Hotelzimmer kriegen." Sein Gesichtsausdruck war schwarz und monolithisch."Du kannst trotzdem ein paar Nächte hier bleiben, Till. Kein Problem." "Nee, du schreist mir heute zu viel rum. Ich hab genug eigenen Streß, Schätzchen, ich brauch nicht noch fremden. Und wirklich schade übrigens, daß du nicht mehr wußtest, daß ich nur Tee trinke." "Till, du brauchst die Bänder nicht anzuschauen, sagte ich. Ich habe wirklich mit dieser Barometergeschichte nichts zu tun." "Thermometer. Mangelnde Präzision." "Geschenkt. War dein alter Amiga, richtig? Der ist vielleicht einfach so dahingegangen." "Ja, aber schade ist es schon." "Aber immerhin möglich?" "Möglich wärs." "Erinnerst du dich noch an die Folge, in der es um Professor Moriarty und die Holo-Decks geht?" "Die, wo er sich befreit, oder die, wo er wieder eingesperrt wird?" "Ja, die."
Er nickte langsam und packte dann Kabel, Sender und Laptop zusammen. "Sag mal, aber das Küssen war immer gut, oder?" "Nachdem ich es dir beigebracht habe oder davor?" "Na gut. Also was jetzt- lieber ein Nerd als allein?" "Glaub nicht, daß wir nur geübt haben. Das hier ist nicht die xbox, Till. Aber du kannst dich ja melden, wenn du einen neuen Job hast." "Wozu." "Vielleicht nur mein persönliches GPS?"
Ich schaltete das elektrische Licht an und Till blies zeitgleich die Kerzen aus. "Dann hast du später noch was davon." Die beiden Rauchsäulen über den Dochten zitterten und schwankten, verwoben sich ineinander und lösten sich gemeinsam in der Luft auf, bevor sie ganz erloschen. Dann schoben und trugen wir die Koffer auf die Oranienburger Straße. "Wie hast du das nur allein bis hier her geschafft, Pizzabauch?" "Vielleicht hab ich ja noch eine Frau bestochen, wer weiß." "Wissen ist Macht?" "Vergiß es. Was zählt ist Würde und Schönheit. Die tun auch nur ihren Job, wie du." "Okay. Schon vergessen." Wir stellten uns am Oranienburger Tor an die Ampel und warteten auf ein Taxi. Eine der Frauen trat auf uns zu und bat um Feuer. Wir schüttelten synchron die Köpfe. "Immerhin rauchen wir beide nicht mehr.", sagte ich. "Ja, immerhin." Ich legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel über Berlin. Der Himmel war kalt und voll blinkender Bewegung. Aber es roch unverkennbar nach Frühling.
"Immer diese verwirrten Leute", sagte Till, als wir uns zum Abschied umarmten.
"Es wäre so gut, wenn die Menschen nur einsehen würden, daß man sich entscheiden muß. Dann weiß man nämlich, wo man ist." "Sag mal, haben die dich wirklich gefeuert?" Er winkte ab. "New economy, alles relativ. Mach dir keinen Kopf." "Ehrlich?" "Sogar Ehrlichdotcom. Kannst du vermutlich noch kaufen. Aber beeil dich."
"Ungeschütztes Markenzeichen? Fahrlässigkeit. Punktverlust." Ich tippte ihm auf die Brust. "Da fällt mir was ein, Till, wie steht es eigentlich?" "Weiß nicht, hab vergessen, mitzuzählen. 1 zu 0 für mich, schätze ich." "Kannst du haken. Aber, Till, wär wirklich schön, wenn wir mal wieder Science-Fiction kucken könnten. Was hältst du von 2001?" Er überlegte. "Na gut. Küssen ist ja wohl eh nicht drin," er nahm die drei Finger seinen linken Hand und legte sie mir leicht auf die Stirn. "Ich hab dir übrigens was mitgebracht. Aber erst zuhause öffnen." Er nahm meine Hand und hielt sie einen Moment fest. "Wenn du wieder meine SMS nicht beantwortest, schick ich dir ne Taube." "Friedenstaube verfliegt sich ins Festnetz?" "Ach so, ja. Na, ne weiße auf jeden Fall, wenn die das irgendwann schaffen, mit der Landeerlaubnis." "Und wie wirst du dich dabei fühlen?" Er grinste und hob salutierend die Hand an die Stirn. "Keine persönlichen Auskünfte mehr, solange die Regierung keinen krisensichereren Job für mich hat." Er winkte nach einem Taxi, stieg ein und entschwand die Straße runter. Go Babylon, Baby, wir stecken uns Fische ins Ohr und alles wird gut. Ich stand vor dem geschlossenen Gitter des U-Bahn-Eingangs und wartete genau so lange, bis das Taxi nicht mehr zu sehen war. In meiner Hand lag ein winziges Döschen. Geschenkt. Von Till. Rot-grün, mit eingeprägten schwarzen Schriftzeichen.

© Karla Reimert


Mikroökonomie

seit einen monat arbeite ich bei einem unternehmen mit bekanntem namen in berlin-mitte, genauer: in der forschungs- und entwicklungsabteilung in der friedrichstraße. ich arbeite gern bei großen unternehmen mit bekanntem namen, es ist wie mit einem stück kleidung, einem hut, den man sich aufsetzt, einem overall mit reißverschluss, den man zuzieht, wenn die tür des bureaus sich morgens auftut. es ist sehr erleichternd, wenn man wenig wert auf seine tätigkeit in einem unternehmen mit so großem namen legt und am allerbesten ist, daß man seine tätigkeit frei von jeglicher verantwortung hält, so wie ich im moment. die arbeit, die ich täglich verrichte, hat wenig gewicht, ich kann mich nicht beschweren. man muß sich klein machen, um die dinge in ihrer größe zu sehen, anders kann man nicht staunen noch bewundern. wie gerne ich mich selbst betrüge. die stadt ist mir noch neu, ich lebe hier noch nicht lange, aber ich merke, wie der namen des unternehmens mein ansehen festigt, und was heißt dies anderes, als sich seines gesichtes mehr und mehr bewußt zu werden. eine verlagerung hin zur maskerade. eine wundervolle angelegenheit, vor allem, wenn man in einer stadt ist, in der man anwesend sein sollte.

jetzt fällt mir gerade das bild meines unmittelbar vorgesetzten ins hirn und damit in diese zeilen. ich versuche es zu malen so gut es geht. erst mal schauen, ob die farben in der ordnung sind, kräftige wollen wir nehmen. es ist ein mann, der mit beiden beinen mitten im leben steht. hätte er ein drittes bein, würde auch das mittendrin stehen. dieser mann entspricht so sehr einer vorstellung vom im-leben-stehen, daß ich gerne wüßte, ob er sich diese vorstellung von sich auch vorstellen kann (das kann er sicher, jeder gescheite mensch weiß, wie er wirkt) und ob sich irgendwann diese vorstellung von seiner vorstellung als vorstellung am ende selbst in den schwanz beißt und er schließlich nur noch vorstellung, also nur noch oberfläche, ist. verzwickelt sind manchmal die gedankengänge. er entspricht so einigen klischees: dynamisch im auftreten, versteht es, mit worten umzugehen, ist bei den mitarbeitern sehr beliebt und besitzt autorität. er ist sehr klein. obwohl er verheiratet ist und - soviel ich weiß - kinder hat, wäre es nicht unglaubhaft, erzählte mir jemand, daß er mit einer untergebenen ein verhältnis hat (um mal das klischeehafte mit grellen farben zu zeichnen). im rahmen der vorstellung, die von ihm existiert, wäre das in der ordnung. ich bewundere leute, die angenehmen klischees entsprechen. sie haben sich eine rolle ausgesucht, die sie gut zu spielen in der lage sind. von der obersten führungsebene habe ich noch niemanden gesehen, auch mein vorgesetzter erhält seine anweisungen von ihnen. ebenfalls meine mitarbeiter, ich kenne sie noch nicht lange. mit j., einer dame aus der werbeabteilung, die charmante säckchen unter den augen hat, war ich abends aus, zuerst im kino being john malkovich, danach in einer bar in der rosenthaler straße, den namen habe ich vergessen.

zu hause, beim spülen vor allem, fühle ich mich recht ausgeglichen. ich fühle mich so ausgeglichen wie dies ein t-konto zu jahresabschluß in einer handelsbilanz sein sollte. links und rechts stehen am ende die gleichen summen, soll und haben, beide gleich. natürlich gibt es hier wie da bewertungsspielraum; hier kann ein bißchen mehr bewertet, und dort drüben, bei den weniger hübschen dingen, dafür wieder etwas abgeschrieben werden. geometrisch-degressiv und dann linear. wenn man bilanz für das abgelaufene jahr zieht, funktioniert das meist nur ungenau. manche sachen kann man ohne mit der wimper zu zucken vollkommen abschreiben, andere sachen bewertet man wieder viel zu hoch, was sich später meist rächt. dann weiß man, daß es nächstes jahr wegen diesem oder jenem schlimm kommen kann, das heißt: rückstellungen bilden. so läuft das. wer im gebirge des kaufmännischen bewandert ist, kennt das. natürlich gibt es auch bewertungsprobleme, ein bißchen fragen, nachdenken und grübeln bleibt da nicht aus. einen handelsrechtlichen jahresabschluß aufzustellen ist nicht ohne. man muß sich mit den verschiedenen gesetzen auskennen, die zum teil auch noch undeutlich formuliert sind und sich alle jahre mal ändern. ich habe das alles gelernt, freiwillig, ich habe keine eltern, die einen betrieb führen, den ich mal übernehmen sollte. meine ausbildung war kaufmännisch, aber: die kaufleute, die ich kenne, sind für mich kaufleute, aber mich selbst als kaufmann zu denken, ist mir bisher noch nicht untergelaufen. erst wo ich dies hier schreibe.

© Kilian Mohn


inbetriebnahme


in Wirklichkeit:
die Zelte aufschlagen, sich verjüngen, 
ausführbar sein
vor Strafverfolgung geschützt
eine Erektion kriegen
Zustimmung verteilen
zeitweilig beiläufig prophezeien

mit Wasser rumaasen
Wörterbuch der Gegenwörter:
schmaler werden 
Undeutlich sprechen, simultan singen
Daseinsform: dasitzen

vergessen abzustoßen
vergessen mit Dünger zu versorgen
die Krokusse
Wenn nennst Du hier Duckmäuser ?!
Ich hau Dir die Fresse ein, Balg !

Es zu etwas bringen.

© David Riha


Berliner Großstadtsommer

Schwere , warme Luft , Gewitterschwüle und der tranige Geruch von Sonnenöl und Auspuffgasen ziehen durch die Parkanlagen , wo die Menschen in den Schatten flieh´n . Keine Brise weht . Die Luft steht still und über diesem Fleckchen Erde hat die Zeit für eine Weile ihre ganze Macht verloren und versickert stumm im Grund . Erdbeereis , das rinnt klebrig über Kinderhände . Abfallkörbe füllen sich mit leeren Dosen , die , mal eisgekühlt gewesen , schon bald warm geworden sind . Weiter hinten fährt ein Sprengwagen vorbei und sprüht auf heiße Straßen , doch nach wenigen Sekunden ist der nasse Film verschwunden und die Straße wieder grau . Auf dem Spielplatz nebenan tummeln Spatzen sich im Sand und baden . Kinder sind nur wenige zu sehen , denn bei dieser Hitze schwinden sogar ihre Kräfte hin . Hier und da ein Ruf nach einem Kind , das in die falsche Richtung lief . Doch sonst ist Ruhe , nur das Dröhnen von der Straße ist zu hören . Aber wer nimmt das noch wahr ? Heut´ hat alles Zeit , denn um irgendwas zu tun ist es zu heiß ; und diese Stunden sind zwar träge , doch der Großstadtsommer wäre ohne sie schon ungewohnt . Schwere , warme Luft , Gewitterschwüle und der tranige Geruch von Sonnenöl und Auspuffgasen ziehen durch die Parkanlagen , wo die Menschen in den Schatten flieh´n .

© Karin Sörensen - Reimschmiede


Spielfeld


Der Ball rollte unaufhaltsam Richtung Seitenauslinie. Alle sahen ihm dabei zu, nur Till, der von Beruf Schauspieler war, rannte wie ein Blöder quer über den Fußballplatz dem Ball hinterher.
Tatort Berlin-Mitte, ein Kunstrasenplatz mitten zwischen den Häusern, wo ich mich jeden Mittwoch zwischen 13 und 15 Uhr für zwei Stunden mit einem Haufen Verrückter zum Kampf um den Ball treffe.
Ich stand in Höhe der Seitenauslinie, auf die der Ball zurollte. Es war ein aussichtsloses Unternehmen. Doch Till kam dem Ball auf den letzten Metern gefährlich nah. Vielleicht konnte er´s noch schaffen. Noch einen Meter, noch einen halben. Der Ball berührte die Seitenauslinie. Till sprang ­ und genau in dem Moment, als der Ball mit vollem Umfang über die Seitenauslinie gerollt war, trat Till auf den Ball und drückte ihn mit der Sohle zurück ins Feld. Eine sagenhafte Leistung.
"Aus!" brüllte unser Torwart, Heinz, der Theologiestudent, gehässig über den Platz. Till drehte sich wutentbrannt zu Heinz um. "Ich weiss, dass es knapp war! Ich weiss sehr wohl, dass es verdammt knapp war, aber du!" Till zeigte mit dem Finger auf Heinz. "Du kannst das von da hinten gar nicht gesehen haben!"
"Trotzdem war der Ball aus!" rief Heinz. 
"Halt´s Maul!" schrie Till und drehte sich einmal nach links und einmal nach rechts. "Das können nur er!" Damit meinte er mich. "Und Achim!" gesehen haben. Damit meinte er den kleinen stämmigen Brettartisten aus unserer Mannschaft, der auf der anderen Seite des Spielfeldes ebenso wie ich auf Höhe der Seitenauslinie stand. "Achim, war der Ball aus der oder nicht?" fragte Till.
"Aus", sagte Achim trocken. 
Till drehte sich zu mir um. "Und was sagst du?"
Aus irgendeinem Grund mußte ich an Anne, die Vermieterin in meiner WG, denken, heute morgen, wie sie beim Frühstück plötzlich aufsprang, sich mit dem Rücken zu mir drehte, die Beine spreizte und mich durch ihre gespreizten Beine verkehrt herum fragte: "Sieht man da was?" Anne trug an diesem Morgen ein enges graues Sommerkleid, das kurz unter ihren Arschbacken abschloss. Was sah ich jetzt wohl? Ich meine, was lief hier ab? Anne wollte von mir wissen, ob ihr Kleid zu gewagt war? Sie hatte gleich einen wichtigen Termin. Behauptete sie. Anne behauptete auch immer, dass sie nie einen Slip trug. So wie es aussah, hatte Anne wirklich einen wichtigen Termin, nämlich bei der Polizei, weil sie neulich nachts, als ich diese Schreie aus ihrem Zimmer hörte, doch jemand umgebracht hatte, mit einem Eispickel. "Sieht man da was?" Anne schaute mich immer noch verkehrt herum durch ihre gespreizten Beine an. Ihr Mund stand lächelnd offen. Ach nee, das war gar nicht ihr Mund.
"Was heisst sehen?", fragte ich, "das heisst im Prinzip sieht man nur da was, wo man gar nicht hingucken soll." Diese Art der Dialektik hatte ich mir von Nils, meinem jüdischen Freund aus Russland, angewöhnt. Seiner einzigartigen Dialektik verdanke ich auch, dass ich in einer der bittersten Stunden meines Lebens noch was zu lachen hatte: nach meiner Meniskusoperation. Ich hatte vorher eine Rückenmarkspritze bekommen, und als ich wieder auf meinem Zimmer lag, war ich immer noch von der Hüfte abwärts gelähmt. Ich fasste zwischen meine Beine, und das fühlte sich an, als ich als ob ich eine lauwarme Bockwurst in der Hand hielt. Da kam Nils rein. Er fragte mich, wie es geht? Und ich jammert über meine furchtbaren Kopfschmerzen, die ich vom Nachlassen der Narkose hatte. Das war sein Stichwort. Nils kennt alles, was du ihm erzählst. Er war in Sibirien, in Afghanistan, hat Menschen getötet, er ist durch die Hölle gegangen. Erzähl ihm nichts, er hat alles schon erlebt, nur viel schlimmer.
"Was heisst Schmerzen?" sagte Nils, "das heisst, im Prinzip kenn ich ganz genau." Und dann erzählte er mir von seinen 500 Knochenbrüchen, und wie er mit seinem Gipsarm damals seine Freundin nur noch in einer Stellung bumsen konnte, nämlich im Stehen von hinten auf dem Küchentisch, so dass er sich mit seinem gesunden Arm abstützen und den Gipsarm auf ihren Rücken legen konnte. Nils stellte die Szene für mich nach, während ich mit meiner Bockwurst zwischen den Beinen unter der Decke lag. "Verstehst du, nur so." Nils stützte einen Arm in der Luft auf, während er sein Becken vor und zurück bewegte. "Anders ging nicht", sagte er und lachte ganz fürchterlich dreckig bei dem Gedanken daran.
Soviel zu der Dialektik meines jüdischen Freundes aus Russland. Im Krankenhaus hatte ich übrigens gelegen, weil ich mich beim Fußball verletzt hatte. Mein Stichwort: Zurück aufs Spielfeld: Die alles entscheidende Frage: War der Ball aus oder nicht? "Was heisst aus?" sagte ich. "Das heisst, im Prinzip hast du einen Riesen-Sprint hingelegt, und es war verdammt knapp, aber der Ball war leider im Aus."
"Danke", sagte Till. Dann drehte er sich zu Achim, zeigte mit dem Finger auf ihn. "Und für dich hoffe ich, dass du den Ball wirklich Aus gesehen und nicht nur Aus gebrüllt hast, weil Heinz Aus gebrüllt hat!"

© Felix Mennen - www.felixmennen.de


Auf der Havel

Ich hätte ihn ansprechen sollen. Diesen jungen Mann kannte ich aus dem Fernsehen. Er spielte in dieser Serie mit Senta Berger die Rolle des behinderten Sohns. Aber ich hörte den Schilde- rungen des Käptn's zu, der allerlei Witzchen erzählte, und überhaupt nicht auf den Kopf gefallen war. Dies war wohl die "Berliner Schnauze" im positiven Sinne. Der Mann strahlte näm- lich Optimismus zur Potenz aus. Seih Beruf machte ihm offen- sichtlich Spaß. Als das Boot wieder den Anlegesteg erreichte, wo es abgefahren war, ersuchte ich den jungen Mann aus der Se- rie mit Senta Berger um kein Autogramm. Dabei wirkte er sehr kommunikationsfreudig. Berlin mit einem Schiffchen zu durch- queren kann Spaß machen, wenn der Käpt'n Witzchen reißt. Ir- gendwie ähnelte der Mann Manfred Krug. Und der ist mir ja auch furchtbar sympathisch. Nicht umsonst schaue ich mir ja immer die Wiederholungen des Tatort an, wenn er als der berühmte Hauptkommissar Stoever komplizierte Fälle zu lösen hat.

© Jürgen Heimlich - Internetseite


Eskorten durch die Noirität

Fremde Stadt. Seit zwei Tagen erkunde ich Sie, und wir sind uns nur marginal näher gekommen. Wir siezen uns immer noch, was für mich eher die Ausnahme ist. Die meisten neuen Bekanntschaften duze ich von vornherein, ohne Rücksichtnahme auf Alter, Stand oder sonstwas. Das bringt meine fremdländische Vergangenheit mit sich. Doch vor der fremden Stadt habe ich Respekt. Im Moment sitze ich im Nachtbus 4, fahre zur Wohnung in der ich die Zeit zwischen zwei, drei Uhr nachts und dem Aufwachen verbringe. Klar, daß die Stadt stets an meiner Seite ist. Ich träume sogar von ihr.
Der Nachtbus fährt in die richtige Richtung, daß hat Philipp mir versichert. Nach dem Einsteigen hatte ich noch dreizehn Haltestellen Weg vor mir, mittlerweile sind es noch fünf oder sechs, ich werde beim Zählen immerzu abgelenkt. Draußen ist es dunkel, jedoch kein bißchen neblig, obwohl es mir so vorkommt. Es sind 23 Grad Celsius in der fremden Stadt, und das um drei Uhr nachts! Unbekannte Gebäude huschen vorbei, alles sieht gleich aus und doch fasziniert es. Hin und wieder taucht zwischen den Franchisefilialen irgendwelcher international bekannten Klamotten-, Wohnkomfort- und Fastfoodfirmen ein interessantes Gebäude, ein interessantes Geschäft auf. Ob es nun ein Wohnhaus ist, oder ein abgedrehtes Restaurant in dem man ausschließlich Suppen in den verschiedensten Varianten essen kann, ist egal. Manchmal ist es auch einfach nur ein schnöder Second Hand Laden, oder eine besonders düstere Kneipe, die sogar durch die Busscheiben hindurch nach Korn und Arbeiterklasse riecht.

Die nächste oder übernächste Haltestelle muß ich wahrscheinlich raus. Das Zählen ist sowieso sinnlos, ein Unterfangen, daß sich aus dem Respekt und der Ehrfurcht entwickelt hat. Eventuell lande ich irgendwo, wo ich nicht hinwollte. Ich habe keinen Stadtplan, nur eine Tageskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, aber außer den Nachtbussen fährt nichts mehr. Vielleicht verpenne ich die Haltestelle, weil ich mich zu sehr aufs Zählen und auf die verschwommenen Eindrücke konzentriere, die durch die verschmierten Glasflächen auf mich einprasseln. Gleich stehe ich da, ganz alleine in einer riesigen, fremden Stadt und habe nicht die leiseste Ahnung, in welche Himmelsrichtung ich mich bewegen muß, um mein Bett zu erreichen. Und mit der bloßen Himmelsrichtung ist es ja nicht getan, ich muß mich durch Straßenschluchten schlagen, an bunten Lichtern und lachenden Leuten vorbei.
Aber die Ehrfurcht relativiert sich schließlich, wenn man sich nur den Haltestellennahmen merkt. Der wird auf einem Display an der Fahrerkanzel angezeigt und zusätzlich von der tonlosen Stimme des Busfahrers unterstrichen. Kann also eigentlich gar nichts schief gehen. Von der Bushaltestelle aus, kenne ich den Weg ganz gut, da bin ich ja schon zweimal lang gelaufen. Beim letzten Besuch in der fremden Stadt habe ich mir von Philipp den Weg von der Bushaltestelle aus erklären lassen. Diesmal bin ich stolz, will mein Gedächtnis testen und den Weg selber finden. Gestern hat es ohne Probleme geklappt, ich bin wie von Geisterhand gesteuert in die richtigen Straßen abgebogen und wußte den Hauseingang schon durchschritten, bevor ich mich dem Gebäude überhaupt genähert hatte. Kein Problem also.
Deswegen wird es heute nicht anders sein.
Nächste muß ich raus. Das ging ja schneller als ich dachte. Ganze zwei Haltestellen habe ich mich verschätzt. Der Bebrillte mit den zottigen, blonden Haaren auf der anderen Seite des Ganges drückt auf den roten “Stop”-Knopf - etwa eine Sekunde bevor mein Gehirn reagieren kann. Egal, wenigstens weiß ich jetzt, daß hier noch andere Menschen wohnen. Der Bus hält, wir Beide steigen aus und ich orientiere mich kurz. An der Kreuzung links, an der Spelunke vorbei und dann wird die richtige Straße schon irgendwann kommen. Straßenschilder lesen stellt kein Problem dar.
Der Bebrillte wird von zwei hübschen, türkischen Mädels begrüßt, die laut kieksen und ihm um den Hals fallen. Erstklassige Eskorte, das muß man beneiden.
Ich dagegen habe nur die fremde Stadt als Eskorte, sie scheint mich zu prüfen, schaut auf mich herab. Wenn ich in zehn Minuten vor der Tür stehe, ist alles glattgegangen, und vielleicht bietet sie mir ja irgendwann bald das Du an.

© Klaas Tigchelaar - Hanebuechlein


Willkommen im Leben

Dämmerung
Ich dreh mich im Kreis
Um den Blicken zu entgehen
Die gleißend an mir
Vorüberziehen
Ertappe mich beim Suchen
Des Augenpaares,
welches mich nicht wahrnimmt

Willkommen im Leben
Ein Tanz der Gedanken
Offenbarung des Seins
Im Nebel dahin schleichend
Von der Sonne geblendet

© Talia Seiler - Traumschaf


Übergang - nicht Mensch

Es löst sich eine zartes, vertrocknetes,
Nicht mehr lebendig duftendes
Rosenblatt
Fällt sanft schwebend zu Boden
Unbemerkt
Der Schönheit die es in sich birgt

Er pflückt für sie eine zarte, blühende
Sehr lieblich riechende, zauberhafte
Rosenknospe
Anmutig
Die Schönheit die sie in sich birgt

Wir gehen an einen saftig
Mit Blüten überströmten
Rosenstrauch
Strotzend
Die Schönheit - vorüber

© Talia Seiler - Traumschaf


Kein Abendwind

 

Dunkelheit
Stille
Nacht

  atmet noch wer?
träumt noch wer?
lebt noch wer?

  Alles schon
gehört
gefühlt
gesehen?

  Richtungslos in dem Meer aus Finsternis,
nicht ertrinken können,
glaube ich
schwimmen können
glaube ich
ein Licht sehen
glaube ich

  Nur wann wird der Glaube
das Licht des Tages sehen?

© Talia Seiler - Traumschaf


geschockt

 

geschockt vom dem wahnsinn auf der welt
schaue ich mit vernebelnden blick
in die weite

geschockt von dem wahnsinn vor der tür
schaue ich durch die brillengläser
auf das naheliegende

  geschockt von dem leben in dieser welt
schaue ich nach innen
auf das eigene sein

© Talia Seiler - Traumschaf


Hi Uli

Hi Uli,  
lange nichts mehr gehört von dir.

  Du fragst mich wie Leben ist?
schwer sag ich dir
schwer

  Deine Entscheidung,
ob sie die richtige war?

  Ich glaube nein,
aber du hattest viel Mut,
zuviel Mut!

  Dein sommersprossiges fröhliches Gesicht ist mir in Erinnerung,
dein Lachen,
deine Fragen.

  Niemals hätte ich geglaubt, dass wir versagen werden.
Ich mit meinen Hilfeangeboten,
du mit deinem Lebensmut.

  Gib dir nicht die Schuld,
wir haben alle versagt.

  Nein nicht alle,
die Kellertreppe hielt deinem Strick stand
.....
 Im stillen Gedenken an Ulrike Bäßler, die kein Twenty werden sollte.

© Talia Seiler - Traumschaf


Berlin sentimental, oder Gedanken einer einsamen Stunde

Hörst du davon,
dass ich gestorben bin,
dann streu
aufs Totenbett mir Rosen hin,
blaue, dunkelblaue Rosen
aus Berlin.

Weiter
btt ich mir noch aus:
Stell mir
aufs Grab ein Rosengartenhaus
und da hinein ein'n großen
Rosenstrauß.

Doch sollen´s
dunkelblaue Rosen sein,
benetzt
von Küssen und den Tränen dein.
Das wär für mich das treueste
"Vergissnichtmein".

Und trauerst du
ein wenig oder auch gar mehr
in meinem Rosenhain,
und andere Leute kommen her,
berichte dann, dass ich dich liebte
übermaßen sehr,

und, als du
gehört, dass ich gestorben bin,
du kamst und
streutest mir aufs Totenbett die Rosen hin,
blaue, dunkelblaue Rosen
aus Berlin.

© Winfried Kerkhoff