Ort: Bielefeld

Heimat (Anonym)

(Benjamin Birkenhake)

Meine Stadt (Florian Beer)

In der Stadt (Florian Beer)

Dummheit (Dominik Steinhoff)

Paris ist nicht Bielefeld (MX Verollet)

<| | | | | | | ||| || | | | > ###########> (Stephan Zander)


Heimat

Wir fahren durch den Abend. Draußen Regen, wie immer. Die Sonne lebt woanders. Wir bekommen sie nicht zu sehen. Egal. Der Tag ist unwichtig. Hier lieben die Menschen die Nacht. Dann sind die Wohnblöcke und die Supermärkte in Dunkelheit getaucht. Dann scheint alles tief im Boden zu versinken, und die Lichter machen das Leben warm und erträglich. Besonders Weihnachten ist es dann schön. Die Stadt wird schwarz, die Lichter werden eingeschaltet, und die Leute träumen. Sie wünschen sich einen Ausweg. Mehr Licht. Mehr Farben. Mehr Schönheit. Und schütteln dann mit dem Kopf und lächeln dabei. Und sie denken, dass sie eigentlich alles haben, dass sie zufrieden sein können mit ihrer Stadt. Sie denken, dass hier ihre Liebe ist, dass sie hier ihre Freunde haben, dass hier ihre Heimat ist. Heimat. Der Bus biegt ab. Es wird noch dunkler. Die Außenbezirke. Die Haltestelle wird angesagt. Die Tür geht auf, und ich verlasse den Bus, die Tür schließt sich, der Bus fährt weiter, und ich stehe auf dem Bürgersteig. Bleibe stehen. Gehe nicht automatisch nach Hause wie sonst immer. Blicke mich um. Sehe genau hin. Nicht nur Lichter sehe ich. Ich sehe auch die Umrisse der Gebäude und den Umriss meines eigenen Hauses. Ich stehe in meiner Heimat. Ich blicke direkt in meine Heimat. Oben, unten, vorne, hinten, links und rechts ist meine Heimat. HEIMAT, sage ich, und ich drehe mich langsam, ganz langsam einmal um mich selbst. Ich zweifle einen Moment, zweifle daran, dass alles seinen guten Weg nimmt. Ich zweifle und gehe dann doch. Setze meinen Weg fort. Nach Hause. Zurück nach Hause. Die anderen schaffen es doch auch.

© Anonym


Bielefeld, ist eigentlich total egal, hier würde ich nicht leben wollen, wenn nicht die Uni hier wäre. Die Uni ist das fetteste an der ganzen Stadt. Von der Stadt aus kann man die Uni zwar nicht sehen, aber von der Uni aus kann man die Stadt sehen. Und von der Uni aus betrachtet, scheint ganz Bielefeld der Uni zu Füßen zu liegen, die Stadt scheint nur wegen der Uni da zu sein. Eine Burg aus Beton, ein Palast des Wissens. Geschaffen von einer unstillbaren Leidenschaft für die Vernunft, so scheint es. Beton, unverputzt, Glas und Stahl, die wunderbarsten Geschenke des 20ten Jahrhunderts an die Architektur und die klare Line und der rechte Winkel. Der Sieg des Rechten Winkels.
Ich wohne auf dem Campus; 5 Minuten zu Fuß von meinem Bett bis in den Hörsaal. Von meinem Wohnzimmerfenster aus kann ich sie da liegen sehen, an die Nordflanke des Teutoburger Waldes geschmiegt. Bei Nacht heller erleuchtet als Neuschwanstein, das Wissen scheint nachts aus den Korridoren nach draussen zu strahlen wenn alle Leute weg sind. Überhaupt der Teutoburger Wald in ihrem Rücken - wunderbar. Wenn ich auf T8 in einem Seminarraum der Philosophie sitze und über den Naturzustand und Römisches Recht diskutiere, kann ich direkt in den Teutoburger Wald sehen, die riesigen Laubbäume und die Heerscharen Hermanns, die dort die Römischen Legionen platt gemacht haben. Raben flogen in der Luft und es war ein Moderduft, wie von Blut und Leichen, wie von Blut und Laheichen. Und nur einen Schritt von all dem entfernt die schlichten hoch aufragenden Türme der Universität, das fetteste an der ganzen Stadt, ich scheiß auf Traditionsuniversitäten und pitoreske mittelalterliche Gässchen.

© Benjamin Birkenhake - www.benjaminbirkenhake.de


Meine Stadt

immer durch die strassen,
immer,
immer.

wieder blaues licht, wieder
neonfarben, ein einzelnes
lachen, ein vielfaches,

durch das gewundene
geräusch,
das wund gewordene geräusch
der sprache,

wieder bleicher lärm, wieder
schweigend, ein lärmendes
einzeln, ein vielfaches

durch das dämpfende
pochen,
das

ein einzelnes schweigen,
ein vielfaches

ich mache kehrt und
mache nicht kehrt,

ich bleibe bei dir,
stadt, weil ich nicht
bleiben will.

© Florian Beer


In der Stadt

kraniche mit belegter stimme.
sie nisten auf baustellen, sie
bauen aber auch ihre nester
selber, technische kräne
sind hier netzlos und
ästeln alles voll.

es gilt:
betreten verboten.

© Florian Beer


Dummheit

Wir fahren zu Saturn nach Bielefeld. Wir, das heißt ich, mein Bruder und meine Mutter (ich weiß, dass der Esel sich immer zuerst nennt - doch genau das trifft an diesem Tag auf mich zu). Wir wollen einen Computer kaufen und holen zunächst einen Einkaufswagen. Mein Bruder gibt mir ein Fünf-Mark-Stück, und ich hole den Wagen. Ich wundere mich, dass man hier fünf anstatt einer Mark als Pfand in den Wagen stecken muss. Doch schon wenig später, als wir wieder an unserem Auto stehen, ist mir das egal. Denn soeben haben wir einen Super- Computer gekauft. Ich stelle mir vor, wie ich vor diesem High-Tech-Vergnügen sitze und die neuesten Spiele „zocke“. Unterbewusst nehme ich wahr, wie mir meine Mutter sagt, dass ich den Wagen wegbringen solle.

Ich schnappe mir also den Wagen und will ihn wegbringen. Da das Autohaus in Bielefeld im dritten Stock ist, muss ich erst wieder nach unten ins Geschäft. Doch ein hilfsbereiter, sympathisch wirkender junger Mann fragt mich, ob er nicht den Wagen mit nach unten nehmen soll. Natürlich denke ich nicht an die fünf Mark und sage auch noch total bescheuert: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gerne!“ Der Mann geht lachend in den Aufzug mit meinem Einkaufswagen und dem Geld meines Bruders und ich gehe zurück zum Auto. Zufrieden setze ich mich in das Auto. Mein Bruder guckt mich erwartungsvoll an. Ich weiß nicht, was er von mir will. Dann fragt er mich, ob ich ihm die Fünf Mark nicht zurückgeben wolle. Ich erzähle ihm die Geschichte und zusammen mit meiner Mutter lacht er sich ungefähr 20 Minuten lang kaputt. Meine Mutter meint, dass ich ihm das Geld wiedergeben müsse. Doch damit ist meine bescheuerte Aktion ja nicht vergessen, denke ich mir und bin fassungslos, was ich für ein Esel war. Das Wort Dummheit verbinde ich von nun an immer mit „Saturn-Bielefeld“.

© Dominik Steinhoff


Paris ist nicht Bielefeld

"Ich war in Paris", sagt sie am Telefon, und es hat ihr Spass gemacht. Sie war
-auf dem Eiffelturm
-im Louvre
-auf der Shangseeliesel
-im Centre Pompidou
-in Montmartre
-in der Metro.
"Ich bin von nem SDF angelabert worden," erzählt sie, und ich erinnere mich an den Französisch-Unterricht, und da hieß SDF "Sans Domicile Fixe", also Obdachloser, und das hört sich freundlicher an als Penner.
Gestern bin ich von einem Bielefelder SDF angelabert worden, und meine kleine Schwester und ich haben uns ganz lange mit ihm unterhalten. Am Ende hat er geheult vor Freude, und ich bin nach Hause gegangen weil ... ich mich ganz eigenartig gefühlt hab.
"Ich hab dich vermisst," sagt die Stimme im Telefon. "Schade, dass du nicht dabei warst. Naja, Paris ist eben nicht Bielefeld." Und irgendwie irgendwo irgendwann macht das Sinn.

© MX Verollet - Popkombinat


| | | | | | | ||| || | | | > ###########

Es lebt der Mensch von dem
Was die Natur hat ihm und ihr gegeben
Und das reicht uns gar zur Genüge
Hier zu einem wunderbaren Leben.

Denn es regnet, Sie mögen es kaum glauben
Bindfäden bei uns aus des Himmels Pforten
Uns zu beglücken und bereichern
Weit mehr als an den meisten andren Orten.

Kein Wunder denn
Dass an diesem Platz
Die textile Industrie
Sich so verbreitet hat.

[Beiseite. Erst ruhig, dann voller Wut.] Lassen Sie sich bitte nicht täuschen, mein verehrtes Publikum! Es heißt, es seien Katzen und Hunde. Können Sie sich das vorstellen? KATZEN UND HUNDE! Ja, haben diese Menschen denn niemals Katzen und Hunde gesehen? HABEN DIE DENN VIELLEICHT EINE AHNUNG, WIE ES IST, VON EINER KATZE ERSCHLAGEN ZU WERDEN?! Auf sie sollten wir die Hunde hetzen, die nicht vom Himmel fallen! Auf dass sie endlich aufhören, so PENETRANT HERUMZUHEULEN! [Nach kurzem Innehalten. Energisch.] ES SIND BINDFÄDEN!

Die uns, mit Geduld gesplissen
Und mit geschickter Hand erneut versponnen
Die Seidenraupen längst vergessen ließen.

Und so schon seit Jahrhunderten
Wiederfährt uns gar viel Glück und mit ihm Reichtum
Und es blühet und gedeiht
Das ostwestfälisch' Leinewebertum.

 

©  Stephan Zander - http://www.stephanzander.de