Bitterfeld
Ich bin noch nie hier gewesen, aber sie sagen, dass hier nichts ist.
"Die Kinder ziehen fort," sagt der smarte Reporter, "sie suchen
ihr Glück woanders. Hier sehen sie keine Möglichkeiten. Sie finden keine
Arbeit und wollen in einer anderen Stadt eine Familie aufbauen. Die alten Leute
bleiben. Für sie ist es viel schwerer, in eine andere Stadt zu gehen. Sie sehen
traurig zu, wie ihre Kinder in vollgepackten Autos hinter den schwarzen Ruinen
verschwinden."
Ich möchte einfach nicht glauben, was mir der Reporter da erzählt. Ich denke,
wir werden angelogen. Ich würde gern einmal hierher fahren, um mich umzusehen.
Diese Stadt ist bestimmt nicht wüst und leer. Sie ist sicher das genaue
Gegenteil, sie ist sicher wunderschön. Eine Stadt, wie sie sich jeder wünscht.
Voll von Blumen und Bäumen, voll von großzügig angelegten Parks.
Mittelalterliche Häuser, die eine kleine, reizende Altstadt bilden, und an
ihrer Seite eine moderne Einkaufspassage. Abends geht man in die gemütlichen
Kneipen oder genießt einfach nur die schöne Luft bei einem Spaziergang. Die
Menschen sind sicher sehr nett hier, netter als irgendwo sonst, interessanter
als irgendwo sonst. Ja. Ich glaube, dass es eigentlich schön ist hier. Viel schöner
als anderswo. Und das ist der Grund, warum sie uns anlügen, die Journalisten.
Sie selbst wohnen hier! In modernisierten Altbauwohnungen schreiben sie an
Laptops ihre Geschichten und erfreuen sich beim Blick durch das große Fenster
an der Silhouette der Stadt. Ich werde mir Bitterfeld ansehen, und ich werde
Recht behalten.
© Anonym