Ort: Braunschweig

An Ralf denken (Anonym)

Juanita-Kiteless (Johannes Rose)

Leuchtend (Bjoern Kuhligk)


An Ralf denken

Wenn ich an Braunschweig denke, dann denke ich an meinen Zivildienstlehrgang. Ich wohnte mit Leuten auf einem Zimmer, die allesamt problematisch waren. Einer war so nervös, dass er die ganze Zeit durch den Raum lief und redete. Ich weiß noch, dass er immer seinen rechten Daumen an der Kuppe des Zeigefingers rieb. Der zweite hatte die 80er Jahre noch nicht verlassen. Er war gewissermaßen erst in die 80er eingestiegen und probierte nun die für ihn neue Mode aus. Föhnfrisur, Schnauzbart und Pulli in der Hose. Der dritte soff die ganze Zeit, und ich kann mich noch an seinen Namen erinnern: Ralf. Ein Pils nach dem anderen, jeden der drei Tage ab 15 Uhr nur noch Pils. Immer wenn ich an Ralf denke, fällt mir nur dieses eine Bild ein: Ralf, am Tisch sitzend, und auf dem Tisch: eine Flasche Pils. Trinken: Das war das einzig Sinnvolle hier. Abends sind wir immer besoffen um die Tischtennisplatte gerannt, bis uns die Augen wehtaten und die Beine. Danach gingen wir in die Stadt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo wir überall gewesen sind und was wir dort getrunken haben. Eins aber weiß ich noch: Auf dem Rückweg mussten wir auch an einer Baustelle vorbei, und das nahm Ralf zum Anlass für einen kleinen Diebstahl. Er schraubte einfach eine dieser gelben blinkenden Lampen aus ihrer Verankerung und nahm sie mit. Als wir zurück in unser Zimmer kamen, stellte Ralf die Lampe vor das einzige Fenster, wo sie munter vor sich hin blinkte. Die Batterie hielt bis zum Ende des Lehrgangs. Wir konnten alle nicht schlafen, aber keiner machte die Lampe aus, weil Ralf, der sie geklaut hatte, es sicher nicht geduldet hätte.

© Anonym


Juanita-Kiteless


Es ist 1996, glaube ich oder später, die Jahrezeit habe ich vergessen. Ich bin allein und ich sitze in einem Zug, einem IC von Bielefeld nach Berlin irgendwo kurz hinter Braunschweig. Es ist hell draußen und der Zug rast durch die Gegend. Eine Gegend voller Felder und kleiner Baumgruppen, manchmal, einen halben Atemzug lang, Häuser, Straßen, am Horizont sind weit entfernte Wolkenberge.
Das Abteil ist grün und orange, es sind kaum Leute da, es gibt viel Platz und was menschliche Geräusche angeht: viel Ruhe.
Ich fixiere einen Aufkleber am Rand des Fensters und beobachte, wie sich im Rest meines Sichtfeldes die Welt draußen zu bunten, waagerechten Linien verwandelt, wie eine Farbpalette, durch die man einen Kamm gezogen hat. Auf dem Tisch vor mir liegt das Buch , in dem ich gelesen habe, es vibriert im Takt der Maschine. Ich beginne nachzudenken. Warum ich in dem Zug sitze. Ich weiß nicht, ob sie mit mir reden wird und wenn ja, was sie mir sagen wird. Woher nehme ich die Gewissheit, das es gut wird? Ich habe die Gewissheit, sonst säße ich nicht im Zug
Schräg gegenüber sitzt ein Mann, er ist gerade eingeschlafen, sein Kopf ist auf die Seite gefallen. Er ist alt, aber sieht aus wie vierzig. Auf seinem Tisch liegt Schokoladenpapier und die Zeitung, in der er gelesen hat, bis er müde geworden ist.
Ich sehe nach draußen, hole meinen Walkman aus dem Rucksack, schalte ihn ein und drehe die Lautstärke auf. Ich schalte den Zug ab.
Die Musik rauscht wie ein von der Regenzeit angeschwollener Strom durch meine Adern.

your rails. you're thin. your thin paper wings. your thin paper wings. in the wind. dangling. your sun. fly high. your window shattering. your rails. you're thin. your thin paper wings. sugar box. sugar boy. riding in. sugar box. sugar boy. handheld candle. sugar boy. your rails. you're thin. your thin paper wings. your thin paper wings. in the wind. dangling. your sun.fly high. your window shattered in the wind. your coca cola sign rattling.

Ich weiß nicht, was sie sagen wird. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wohin sich am Ende dieser Reise alles wenden wird, was aus dem schlaflosen Nächten werden soll.
Ich höre den Zug nicht mehr, ich spüre die Bewegung nicht mehr. Ich sehe nur noch die Bilder vor dem Fenster, Felder, Bäume, Häuser, verschwimmen.
Ich habe diesen Song im Körper, der Blick aus dem Fenster ist egal und mit ihm der Zug, sie ist egal, ich bin es auch, der Mann gegenüber ist egal, wann ich ankomme, wohin ich dann gehe, woher ich komme, die Nächte...

resonator. homeless trees. gathering. outside your window bootleg babies call to you and lie among the mosquitoes. that summers fever coming. cats are gathering outside your window. homeless trees. bootleg babies calling to you. lie among. lie among the mosquitoes. your rails. youre thin. your thin paper wings. get up in your sun. fly high. dangling. dangling. your window shattered in the wind. the sun on your coca cola sign. your rails. your thin paper wings. paper wings. resonator.

Als ich ankam, war ich nicht mehr der, der ich bei der Abfahrt gewesen war.

there is a sound on the other side of this wall. a bird is singing on the other side of this glass. footsteps. concealed. silence is preserving a voice. walking in the wind at the waters edge comes close to covering my rubber feet. listening to the barbed wire hanging. there is a sound on the other side of this wall. a bird is singing on the other side of this glass. footsteps. concealed. silence is preserving a voice. silver chain. thrown away. broken wing.

© Johannes Rose - Texteratur


Leuchtend


Ich hebe den Plastikbecher
auf die Dunkelheit, sage ich
und meine nur deine Abwesenheit
die ich Stunde um Stunde umkreise
draußen der Zement der Stadt
später das aufflackernde Grün
der Felder, Bahnübergänge, an denen
der Asphalt geschnitten / ich trinke
auf mein einsames Herz, darin die Tage
müssen anders werden, die Nächte
auch / ich weiß dir eine Hand
voll Zeilen zuzueignen, das ist
du weißt, schon viel

© Bjoern Kuhligk