Dormagen
Blumen für Julia (Eduard Breimann)
Das Projekt "Lebenslinie" (Eduard Breimann)
Außer-sich-selbst (Eduard Breimann)
"Ahh!" Der Versuch, sich aufrecht zu setzen, lässt ihn kräftig aufstöhnen. Der Rücken ist steif und zwingt ihn zu einer ausgedehnten Streckbewegung. Es bringt ihm kaum Erleichterung; er hat zu lange in verkrampfter Haltung auf den Bildschirm gestarrt.
Die Uhr auf dem Schreibtisch mahnt ihn; sein schlechtes Gewissen pocht schon seit einer Stunde, macht sich bei jedem Blick auf die pulsierende Digitalanzeige stärker bemerkbar. Es ist Sonntag - gerade noch. Es wird Zeit, dass er ins Bett kommt! Er ist müde von der Arbeit und das anstrengende Wochenende steckt ihm auch noch in den Knochen.
"Die letzte Seite noch", denkt er, - und seufzt in Gedanken tief und erleichtert.
Sie ist fast fertig, die Präsentation, bestehend aus zwölf fachmännisch gestalteten Seiten. Die Überschrift des letzten Blattes - "Zusammenfassung und Beschlussempfehlung" - lässt keine weiteren Ausarbeitungen mehr erwarten. Das ist auch gut so, denn bis zum Vortrag bleiben ihm gerade noch - er schaut erneut auf die Uhr - knappe acht Stunden.
Er schreibt schnell weiter: "Es empfiehlt sich also, wie die vorhergehenden Ausführungen gezeigt haben, folgender Beschluss: Das Servicekonzept wird zum 1. Januar des kommenden Jahres eingeführt. Es wird als Projekt definiert, um eine genaue Erfolgskontrolle zu ermöglichen. Als Projektleiter benennen wir..."
Er zögert einen winzigen Augenblick, aber nur, weil er nicht sicher ist, ob er dem Vorstand vorgreifen soll. Dass er der Projektleiter sein wird, daran hat er keinen Zweifel, - und dann schüttelt er den Kopf.
"Was soll´s", denkt er. "Mut wird belohnt! Warum soll ich mein Licht unter den Scheffel stellen?"
Er schreibt seinen Namen in einer etwas größeren Schrift: "Frank Berger".
Er ist fertig - oder? Noch ein letztes Mal überfliegt er diese Abschlussseite. Nein - alles ist in Ordnung.
Dieses Präsentationsprogramm ist sein Lieblingswerkzeug. Er kann stundenlang feilen, die Möglichkeiten sind schier unerschöpflich. Animationen, Übergänge von einem Bild zum anderen, Businessgrafiken und eine kluge Raumaufteilung machen jeden seiner Vorträge zu einem Erlebnis - findet er.
"Vortrags-Freak", "Süchtig ist der", sagen seine innerbetrieblichen Gegner abfällig. Es stört ihn nicht; er weiß, wie Vorträge optimal vorbereitet und angeboten werden müssen.
Er reckt sich noch einmal, dann schaltet er die Funktion "Bildschirmpräsentation vorführen" ein und lehnt sich zurück. In Abständen von einer Minute blättert der Computer die Seiten um.
Für den Vortrag wird er den Wechsel auf zwei Minuten einstellen; einschließlich der Seitenwechsel dauert das Ganze dann dreißig Minuten, - und das ist die Zeit, die ihm der Vorstand einräumt.
Die Seiten flammen auf, schieben sich weg, machen Platz für die Nächsten. Logisch aufgebaute Titelfolgen zeigen das durchdachte Vortragskonzept:
"Entwicklung des Computereinsatzes in unserem Unternehmen", "Stand heute", "Kosten", "Mängel", Probleme beim Outsourcing", "Unser Servicekonzept" (mehrere Seiten), "Einsparungen" und dann "Zusammenfassung und Beschlussempfehlung".
Er ist beeindruckt, muss lächeln, sein Stolz auf die gelungene Arbeit lässt ihn die Rückenschmerzen vergessen. Da ist nichts mehr zu verbessern, nichts ist zuviel, nichts muss hinzu gefügt werden.
"Und das, nach diesem Wochenende", denkt er in unbändigem Stolz. "Das soll mir erst mal einer nachmachen!"
"Schuld daran sind diese Weiber!", denkt er ohne Groll, meint damit seine Frau Julia und ihre Freundin Conny, die sein Wochenende verplant hatten.
Es hatte noch ganz normal angefangen, dieses Wochenende. Am Freitagmorgen, beim gemeinsamen Frühstück, hatte Julia ihn beschwörend angesehen..
"Denk bloß an unsere Verabredung! Komm nicht so spät! Du hast sie doch nicht vergessen?"
"Natürlich nicht Julia, mein Schatz!"
Dabei hatte er ein bisschen ein schlechtes Gewissen; er hatte nicht mehr dran gedacht! Am Abend wollten sie in die Eifel fahren, sich dort mit Klaus und Conny treffen. Die wollten schon am Nachmittag los; Klaus hat Freitags schon gegen Mittag Feierabend.
Solche Sachen planten und verabredeten Julia und Conny selbständig; die Männer hätten dazu sowieso keine Zeit, hatten sie festgestellt. Sie wollten in der Eifel wandern, unterwegs einkehren, und erst am Sonntag zurück fahren.
"Heute Abend essen wir erst gemütlich im "Burghof" und trinken was; am Samstag starten wir dann früh. Conny hat eine herrliche, abwechslungsreiche Tour ausgearbeitet!", hatte Julia begeistert aufgezählt.
"Aber wir fahren erst am Sonntagabend zurück! - Ja?", hatte sie gefordert. "Wann haben wir schon mal das Vergnügen, gemeinsam ein ganzes Wochenende zu verbringen?"
Der Tag in der Firma war eigentlich auch normal verlaufen; alle freuten sich aufs Wochenende - und alle hatten einen Stein im Magen wegen der Gerüchte, dass die Abteilung aufgelöst würde.
Kurz bevor er seinen Schreibtisch abschließen wollte, hatte sein Chef, Armin Lücke, ihm eine "kleine Wochenendarbeit" aufgegeben.
"Wir müssen ihr Servicekonzept vorstellen! Tut mir leid Berger! Hab auch gerade erst davon erfahren. Am Montag um acht - im Sitzungszimmer des Vorstands sollen wir vortragen. Wie lange haben wir schon auf diese Gelegenheit gewartet, was Berger? Es ist unsere letzte Chance!"
"Ist doch wunderbar! Dann will ich mal alles mitnehmen, was ich dafür brauche."
"Sie kennen unseren Vorstand! Er verlangt Präzision! Er erwartet nachvollziehbare Aussagen, klare Beschlussempfehlungen! Geben sie ihr Bestes! Alles, das Schicksal unserer Abteilung, hängt von der Entscheidung des Vorstandes ab. Ich verlasse mich voll und ganz auf sie - zu recht, oder? Fühlen sie sich dazu in der Lage? Oder soll ich ihren Part übernehmen?"
Natürlich hatte er zugesagt. Das hätte dem Lücke so gepasst! Monatelange Vorbereitung, und dann wollte sein Chef das Projekt dem Vorstand vorstellen! Nein, so nicht. An wie vielen Wochenenden hatte er schon an seinem PC zu Hause gearbeitet? Ach Gott! Und Julia hatte selten gemeutert. Würde sie an diesem Wochenende auch nicht; da war er sich sicher. Sie würde einsehen, dass es diesmal um mehr ging.
Er würde sie einweihen; er wollte ihr sagen, wenn sie wirklich, wie die Gerüchte sagten, alle Beschaffungen und den gesamten Service nach draußen vergeben würden, dann würde ihre Abteilung aufgelöst - da führte kein Weg dran vorbei. Und er müsste die Alternative ausarbeiten; sie wäre ihre letzte Chance, und nur sie sicherte ihre Arbeitsplätze.
Er hatte alle nötigen Unterlagen eingepackt, sich vergewissert, dass im Sitzungszimmer eine Computerprojektion vorgesehen war; dann war er losgefahren, hatte sich in den Feierabendverkehr eingefädelt.
Im ersten kleinen Stau, während er das blonde Mädchen im roten Auto nebenan angestarrt hatte, da war´s vorbei gewesen mit der Ruhe.
"Mist! Das Eifelwochenende!", hatte er gedacht; - aber das musste jetzt dran glauben.
Als er dann nach Haus gekommen war, hatte Julia bereits gepackt. Er hatte sie bedrückt angesehen; sein unglückliches Gesicht war Julia gleich aufgefallen.
"Ist was?", hatte sie ahnungsvoll gefragt und schon die eiserne Rüstung angelegt. Er kannte ihre Miene aus einigen ähnlichen Fällen, in denen sie "Ist was?" gefragt hatte.
Und er hatte erzählt, hatte die Wochenendarbeit zur Überlebensfrage erklärt, sich lang und breit über das Projekt ausgelassen. Na ja, und dann hatte sie ihn nur vor die Alternative gestellt: "Die Firma oder ich!"
"Oh, verdammt!", hatte er gedacht. Das war wirklich unfair und keine echte Alternative gewesen, denn er konnte und wollte nicht auf Julia verzichten - eher schon auf die Firma. - Obwohl...
Sie hatten ein herrliches Wochenende in der Eifel verbracht, waren bis zur Ahr und zurück gewandert. Gut, in den ersten Stunden war er noch motzig, etwas angespannt gewesen, aber dann hatte er sich anstecken lassen von der allgemeinen guten Laune.
Gegen sechs waren sie heute zurück gekommen. - und er hatte nicht mehr an den Vortrag gedacht! Erst als er in seinem Arbeitszimmer den Kalender gesucht hatte, - Julia wollte einen neuen Termin mit Klaus und Conny ausmachen - da hatte es ihn eiskalt erwischt.
Er hatte sofort begonnen, sich in die Unterlagen gestürzt, gerechnet, formuliert, den Vortrag konstruiert.
"Was ist? Bist du fertig?", hatte Julia um zehn gähnend gefragt. "Ich geh schon mal ins Bett; ich bin todmüde! Frohes Schaffen - und mach nicht mehr so lange!"
Jetzt steht der Vortrag endlich! Und das, obwohl er am ganzen Wochenende gefaulenzt hat! Er spürt plötzlich ein Kitzeln im Nacken und riecht gleichzeitig Julias Parfüm. Ihre Haare legen sich auf sein Gesicht und er fühlt ihre Bettwärme.
"Komm, Schatz! Hör endlich auf! Es ist schon Montag! Du musst doch noch etwas schlafen!"
"Ich bin gleich fertig. Nur noch einmal lesen, abspeichern und ein Duplikat auf die Diskette spielen. Und außerdem, mein Schatz! - Wem verdanke ich denn die Nachtarbeit? He? Wer hat mich in die wilde Eifel entführt?"
"Conny und Klaus! Komm schon! Diese blöde Speicherei kannst du auch machen, wenn du dich rasiert hast, - vor dem Frühstück."
"Quatsch! Das geht schnell, Schatz."
Julia interessiert sich für Computer ungefähr so viel, wie die Kuh für den Sonntag. Sie weiß lediglich, dass Frank seine Brötchen damit verdient, dass man ihn ein- und ausschalten kann und dass er manchmal mehr Ärger macht als ihr Videorekorder; mehr will sie auch nicht wissen.
Frank kramt in der Schublade, sucht eine formatierte, aber leere Diskette.
"Ich bin wach geworden, weil es hier so laut ist."
"Hm? Wieso laut? Der PC ist nicht laut!"
"Ist er doch! Bin davon sogar wach geworden!"
"Quatsch! Hat dich doch noch nie gestört!"
"War auch noch nie so laut! Der hört sich einfach komisch an; er brummt!"
"Schatz, die Einzige, die brummt, bist du! Geh ins Bett, ich komm gleich!"
Frank hängt über der Schublade, wühlt und sucht noch immer nach einer leeren Diskette; stirnrunzelnd betrachtet er die beschrifteten Etiketten. Julia hat den beleuchteten Knopf am brummenden PC entdeckt. Sie fixiert ihn, noch etwas unschlüssig.
"Du sagst, du bist fertig?"
"Ja, - verdammt!"
"Na, na! Was soll das?"
"Ich meine nicht dich - ich hab mir die Hand an der Schublade geklemmt."
Er richtet sich auf, schlackert mit der linken Hand und sieht seine Frau stirnrunzelnd an.
"Was hast du gerade gefragt?"
"Ob du fertig bist?"
"Ja, Schatz - sozusagen. Nur noch speichern und sichern. Aber das hab ich dir bereits gesagt!"
"Und ich hab dir gesagt: Er brummt!"
"Er brummt nicht!"
"Na gut! Dann beweise ich es dir; du bist nämlich inzwischen taub! Du sitzt seit Stunden vor dem Kasten und kannst ihn nicht mehr hören."
Blitzschnell bückt sie sich, stößt den langen Zeigefinger auf den beleuchteten Knopf - und Frank schreit laut auf.
"Neiiiiiin!"
"Doch! Jetzt wirst du den Unterschied hören. Der brummt nämlich nicht nur, der kreischt schon!"
Der Bildschirm ist sofort dunkel; der Rechner fährt mit einem pfeifenden Geräusch herunter; einen Moment lang hört man den Ventilator noch singen - dann ist Ruhe. Draußen hupt ein Auto, ganz kurz, dann noch einmal etwas länger.
"Das ist der Freund der Tochter von Börgers nebenan; von der Britta, - du weißt schon - der hupt immer, wenn er sie nach Hause bringt."
"Bist du wahnsinnig? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was interessiert mich diese blöde Britta?"
Er kann es nicht fassen, macht ganz kurz die Augen zu. Dann kneift er sich in den Oberschenkel.
"Scheiße! Verdammte Scheiße! Sag, dass das nicht wahr ist!"
"Hör mal, wie still es ist! Jetzt müsstest du es aber selber merken; dein PC war irre laut."
"Du bist irre! Die letzte Seite war nicht gespeichert! Ich brauche eine Stunde, um das alles wieder neu zu machen! Weißt du überhaupt, was du gemacht hast?"
"Reg dich nicht auf, Schatz! Mach ihn wieder an und dann kannst du das Dings da wieder auf den Bildschirm holen - und meinetwegen speichern. Fertig!"
"Ich fass es nicht! Das Ding - quatsch - die Seite, die ist weg! Verstehst du?"
"Nein, versteh ich nicht! Wieso ist die weg? Vergisst dein PC etwas, wenn man ihn ausschaltet? - Auch wenn es nur ganz kurz ist?"
"Oh Mann! Ich hab dir gesagt: Ich muss es noch abspeichern! Dann vergisst er es auch nicht mehr! Aber du, du musstest ihn einfach ausschalten - einfach pitsch machen, ohne mich zu fragen. So etwas Saublödes hab ich noch nie erlebt! Warum hast du das gemacht?"
"Weil du nicht geglaubt hast, dass er lauter ist als sonst, - darum!"
Jetzt wird sie allmählich ärgerlich, er sieht es an ihren Augen, die schon nicht mehr die Mischung aus Müdigkeit und Ironie zeigen; sie wirken hellwach und signalisieren Kampfbereitschaft.
"Wenn das Ding da blöder ist als mein Videogerät, - das kann ich nämlich beliebig aus- und wieder einschalten, ohne dass es was vergisst - dann kauf dir einen besseren PC!"
"Komm, komm! Wird schon nicht so schlimm sein! Das Ding sichert im Zwei-Minutenabstand automatisch. Können nur Kleinigkeiten sein, die ich nachholen muss."
Er drückt mit einer Hand den Einschaltknopf und mit der anderen fasst er sie, die immer noch dicht neben ihm steht, um die Hüfte. Er spürt ihre warme Haut durch das dünne Nachthemd und will sie spontan zu sich auf den Schoß ziehen.
"Lass das! Ich bin sauer! Mach deinen Mist fertig; ich geh schon mal ins Bett! - Kannst ja gleich aufbleiben."
So ist sie immer! Wenn man nachgibt, dann legt sie noch einen drauf und spielt ihn an die Wand.
"So sind alle Frauen!", pflegt Klaus zu sagen, wenn sie ihre Erfahrungen mit Frauen austauschen.
Er sieht ihr nach, schaut nachdenklich auf ihre nackten Beine, als sie raus läuft und nimmt sich allerhand vor.
Dann hört er das Geräusch und dreht sich zum Bildschirm. "Blue Screen!"
"Nein! Bitte nicht!", flüstert er entsetzt; aber das hilft nicht.
Dieses Blau mit den weißen Buchstaben und Ziffern ist ihm ein Graus. Er hasst es wie sonst kaum etwas.
Und dann der furchtbare Text: "Windows 98 Ein schwerer Ausnahmefehler ist bei 0028: C001539A aufgetreten. Die aktive Anwendung reagiert nicht mehr".
Ihm wird schwindelig; fast eine Minute lang starrt er den Bildschirm an; dann kommt langsam wieder Leben in ihn. Das Geräusch! Da ist wirklich ein Geräusch, dass so nicht normal ist.
Er lauscht, hält die Hand ans Gehäuse. Es ist die Platte - nichts anderes! Also, schnell ausschalten! Das Geräusch erstirbt, der Bildschirm ist wieder dunkel. Er wartet etwa eine Minute, starrt seine unordentlich herum liegenden Unterlagen an. Er wagt nicht weiter zu denken, als bis zum nächsten Systemstart. Manchmal erledigt sich so ein Problem von ganz alleine - warum auch immer.
"Er muss hochfahren! Er muss!"
Zunächst sieht alles normal aus, dann - er hält den Atem an - kommt der erste Plattenzugriff. Nicht einmal mehr bis zum Blue Screen kommt er; der Bildschirm bleibt schwarz.
Das Geräusch ist viel alarmierender als vorher; es hört sich an, als ob auf der Platte gehobelt würde. Frank wartet noch ein paar Sekunden, dann schaltet er ab. Der Rechner ist hin! Es ist aus! Seine ganze Arbeit, das Ergebnis vieler Stunden, ist weg!
"Juliaaa!"
Er schreit so laut, dass sie wohl vor Schreck aus dem Bett gesprungen sein muss. Sie steht schon in der Tür, hat die Augen weit aufgerissen.
"Frank! Was ist?"
"Was ist? Was ist?", äfft er sie nach und guckt sie wütend an.
"Erst hast du mich dazu gebracht, das Wochenende zu verplempern; dann nervst du mich mit dem "Mach endlich Schluss!"; und der Gipfel kommt, als du den Rechner ausgeschaltet hast. Es ist alles weg - alles, was ich bis eben gemacht habe!"
"Oh mein Gott! Aber das kommt doch nicht vom Ausschalten? Oder? Kann der das auch nicht verkraften?"
"Hör auf! Wenn du nicht hier rein gekommen wärst, hätte ich längst alles auf Diskette gehabt! Aber nein! Du musstest ja die besorgte Ehefrau spielen - wegen fünf Minuten, die ich noch gebraucht hätte. Es ist deine Schuld - und du weißt, was auf dem Spiel steht!"
"Weißt du was? Ihr seid beide blöde - du und dein beschissener Computer!"
Er sieht ihr diesmal nicht nach und nimmt sich nichts mehr vor. Er ist ratlos und seit langer Zeit erstmals wieder so richtig verzweifelt. Er hat keinen Ersatz; es gibt keine Hoffnung auf eine Lösung. Er wird um acht Uhr in der Vorstandssitzung erscheinen - und sich bis auf die Knochen blamieren.
"Mistkiste, - saublöde! Hättest wohl noch ein paar Minuten warten können!" Er schlägt mit der geballten Faust wütend auf das hohl klingende Gehäuse.
Gedankenlos blättert er durch den Wust von Handzetteln, fegt die gelben Merkerblättchen auf einen Haufen, starrt die drei Aktenordner mit den gesammelten Belegen und notierten Gedanken an. Er sitzt ganz versunken und bemerkt erstmals die Stille dieser Sommernacht. Dann hört er sie! Sie schluchzt und weint.
"Was soll das denn?", denkt er wütend; erst vor ihrem Bett befällt ihn das Mitleid.
"Schatz! Komm, war nicht so gemeint. Ich liebe dich! Ich krieg das schon wieder hin; kennst doch deinen Schatz. - Der findet immer eine Lösung."
Sie lässt sich streicheln - ein gutes Zeichen - und auf die Stirn küssen.
"Ich fang jetzt was anderes an. Bring mir, wenn's hell wird, einen Kaffee. Ich muss mich ranhalten!"
Und dann legt er los. In der untersten Schublade findet er einen Stapel Overheadfolien und knallt sie auf den Schreibtisch. Folienstifte sucht er länger; er hat sie ewig nicht mehr benutzt.
Dann lehnt er sich zurück und denkt nach. Wie soll er anfangen? Wie viel kann er noch aufbereiten? Er muss sich beschränken, stark beschränken.
Dann beginnt er vorsichtig, noch ohne Konzept. Es geht erst ein wenig mühsam und die erste Folie ist nach einer Minute Schrott. Der zweiten ergeht es nicht besser; aber dann läuft´s.
Er lässt die ganze Historie weg, fasst die heutige Situation, die Mängel und die immensen Kosten auf der ersten Folie zusammen. Die zweite enthält die Lösung - knapp formuliert - und die zu erwartenden Einsparungen. Zum Abschluss formuliert er den alten Beschlussvorschlag - ohne seinen Namen als Projektleiter einzusetzen.
Dann sieht er auf die Uhr. Nicht mal zwei Stunden Arbeit! Er legt alle Unterlagen zusammen und packt ein. Es ist drei Uhr, als er die Bettdecke über den Kopf zieht. Julia tut so, als ob sie schläft - er kennt ihre Schlafgeräusche genau.
"Aas! Liebes Aas!", denkt er müde und ist schon eingeschlafen.
"Na? Bist du fertig geworden?", fragt sie mit unschuldiger Stimme, schüttet ihm einen Kaffee ein und guckt so, wie sie immer guckt, wenn alles wieder gut sein soll nach einem üblen Abend.
"Hm! Ist nicht besonders geworden, aber es muss reichen. Was soll ich machen?", sagt er undeutlich mit vollem Mund.
Er fährt mit einem fürchterlichen Gefühl in die Firma. So hat er sich noch nie gefühlt und er ist schon zehn Jahre lang dabei. Er weiß, was auf ihn wartet - und wer auf ihn wartet.
Im Vorzimmer gibt er der Vorstandssekretärin seine dicke Mappe mit allen Unterlagen; er behält nur die zwei Overheadfolien. Gerade als er an der Tür des Sitzungszimmers klopfen will, geht die Tür auf. Sein Mitarbeiter, Gruber, zuständig für die Hardware und alle Sonderaufgaben, kommt ihm entgegen. Er zwinkert mit den Augen und flüstert ihm mit wichtiger Miene zu: "Alles klar, Chef! Die Kiste läuft; sie müssen nur noch die Diskette rein legen!"
"Danke!", murmelt Frank und geht rein.
Da sitzen sie! Zwölf Vorstandsmitglieder und dazu sein Chef, Armin Lücke. Der Vorsitzende, Dr. Oskar Ludwig, hat den Platz am Kopf des Tisches. Dreizehn Gesichter sind auf Frank ausgerichtet.
Auf dem Tisch liegt vor jedem Platz ein weißer Block und darauf, diagonal ausgerichtet, ein Kugelschreiber mit dem Firmenlogo; und ebenfalls ordentlich im Lot, direkt vor den Notizblöcken, stehen je ein Glas und eine Wasserflasche.
"Guten Morgen!" Seine Stimme ist rau und er spürt den Eisenreifen um die Stirn, den er immer hat, wenn er nicht ausgeschlafen ist.
"Morgen, Berger. Sie können direkt anfangen. Wir haben nicht viel Zeit. Lücke, ihr Chef, meint, sie brauchten dreißig Minuten? Überziehen sie nicht!"
Er geht mit einem schnellen Schritt zum PC, der leise vor sich hin brummt. Der Beamer bläst ihm warme Luft ins Gesicht. Mit blindem Griff findet er den Ausschalter und drückt ihn rein.
"Soll der doch zum Teufel gehen!", denkt er und legt seine beiden Folien auf den Tisch, neben den Overheadprojektor. Die Glasplatte ist staubig und fleckig; blitzschnell wischt er mit dem Ärmel drüber.
"Mit dem hat wohl schon ewig keiner mehr gearbeitet", denkt Frank und dann blickt er in die Augen von Armin Lücke. Eiskalt ist noch warm gegen diesen Blick aus dem blassen Gesicht. Dann senken sich die Augen von Lücke und bleiben an den gut sichtbaren zwei Folien hängen.
"Herr Dr. Ludwig, meine Herren! Sie wissen, was das Thema meines Vortrages ist - und was für uns alle auf dem Spiel steht. Ich habe deshalb nur die wesentlichen Punkte für sie zusammengefasst und auf alle Schnörkel, Rückblicke und sonst was verzichtet; ich will sie nicht mit Kleinkram und Details langweilen. Sie sollen auch nicht durch eine blendende Computerpräsentation abgelenkt werden; es geht um zuviel. Sie brauchen Entscheidungskriterien - und die bekommen sie von mir. Wenn sie Fragen haben, - ich kann ihnen jederzeit weitere Auskünfte geben."
Nur der Vorsitzende, Oskar Ludwig, nickt
ernst. Frank schaltet den Projektor an, legt die erste Folie auf; dann sieht er die Vorstandsmitglieder an, einen nach dem anderen, während er präzise - jeweils in fünf Minuten pro Folie - die Hauptpunkte des Vorhabens darlegt. Keiner fragt, und keiner sieht gelangweilt weg.
Da ist zwar gespannte Aufmerksamkeit spürbar; aber aus den Gesichtern kann Frank keine Zustimmung ablesen; die Männer sehen ihn ruhig, kalt und berechnend an. Er spürt plötzlich die Müdigkeit in den Beinen und im Rücken; er kann in den unbeweglichen Gesichtern keine Akzeptanz, kein Verständnis, kein Wohlwollen ablesen.
"Es geht den Bach runter!", denkt er und ist froh, als er endlich fertig ist.
"Das war´s, meine Herren. Ich hoffe, ich habe ihre Geduld nicht über Gebühr in Anspruch genommen."
Eine entsetzlich lange Minute ist es totenstill im Raum; Lücke sieht ihn immer noch mit diesem kalten Blick an, der ihm schon andeuten soll, was ihn erwartet.
Die Vorständler haben keinen Schluck Wasser getrunken; sie haben ihre Notizblöcke nicht bekritzelt. Sie sehen ihn an, als erwarteten sie den letzten, den erlösenden Satz. Dann erhebt sich endlich der Vorsitzende Dr. Oskar Ludwig, sieht erst seine Vorstandskollegen an, dann blickt er Frank in die Augen.
"Berger! Das war fabelhaft!", sagt er und lächelt erstmals.
"Meine Herren! Wir haben fast zwanzig Minuten eingespart! Und wir haben einen sehr, sehr guten Vorschlag gehört. Und - seit langer Zeit den besten, den kürzesten, den effektivsten Vortrag. Ich habe mich an meine eigenen Vorträge erinnert - ist schon lange her."
Elf Köpfe nicken heftig zustimmend, - nur Lücke nicht - und zwölf Gesichter lächeln Frank jetzt an. Der Lücke ist noch immer blass und schaut aus, als hätte man ihm das Konto abgeräumt.
"Also, Berger! Wir haben keine Fragen - oder, meine Herren?", fragt der Vorsitzende, wartet aber nicht auf die Reaktion der Vorständler.
"Ich schlage vor, dass wir am 1. Januar mit dem Projekt beginnen, so, wie sie es vorgeschlagen haben, Berger. Sie übernehmen die Gesamtleitung und sie persönlich berichten alle - sagen wir mal - also, alle sechs Monate hier im Vorstand über den Fortschritt. Alles klar, Berger?"
Frank nickt, ist wie betäubt, greift seine zwei Folien und verbeugt sich.
"War mir ein Vergnügen!", murmelt er tonlos und geht rückwärts raus. Er wartet nicht mehr auf seinen Chef Lücke, nimmt die Unterlagen entgegen, die ihm die Vorstandssekretärin hinhält - und dann flitzt er raus. Er will nach Hause - sofort; sie können ihm jetzt alle den Buckel runter rutschen.
Im ersten Blumengeschäft am Weg kauft er einen herrlichen Strauß - einen bunten, mit drei Blumensorten, wie sie es liebt. Als er die Haustür aufschließt, kommt Julia entsetzt aus der Küche gerannt; die langen Haarfransen hängen ihr im Gesicht, sie hat Geschirr abgewaschen, und sieht verschwitzt aus.
"Frank! Was - was ist? Haben sie dich gefeuert? Warum bist du schon hier? Sag schon!"
Und dann küsst er sie, wuschelt ihre Haare und legt den Blumenstrauß auf den Garderobenschrank.
"Ich liebe dich! - Und der PC ist saublöd - und ich auch - manchmal! Alles ist gut gegangen, Julia! Ich freue mich auf unser nächstes Wochenende!"
ER sah auf den Rücken des Mannes herunter, beobachtete den Kopf, dessen lange Haare sich auf dem Tisch ausbreiteten. ER wusste, lächelte still und verstehend.
Der Mann lag fast mit dem ganzen Oberkörper auf einem Tisch, der ähnliche Ausmaße hatte, wie die bedeutungsschweren Platten, auf denen Generalstäbe ihre Landkarten und Messblätter ausbreiten. Ein riesiges Buch bedeckte den Tisch, ragte an einem Ende sogar leicht über die Tischkante hinaus.
Seine Nase berührte fast das gelbliche Papier. Er blickte starr auf die aufgeschlagenen Seiten, blätterte nicht um, ließ seine Blicke immer wieder über die Eintragungen wandern; sein ausgestreckter Zeigefinger fuhr über das Papier, verharrte, glitt weiter, stockte erneut und blieb dann lange an einer Stelle haften.
Eine kräftige, tiefblaue Linie begann ganz links, verlief zunächst völlig gerade, schwang sich später leicht auf und ab, formte Bögen, fand aber immer die Gerade wieder. Zahlreiche dünne, farbige Linien begleiteten, berührten, trafen und kreuzten diese zentrale Markierung.
Diese Linien tauchten plötzlich auf, endeten oft schon nach kurzer Strecke. Sie kamen von allen Seiten auf die Hauptlinie zu, trugen ihre eigenen Seitennummern zur Identifikation. Ein filigranes Wirrwarr, rätselhaft und geheimnisvoll, füllte fast das ganze Blatt, dessen Überschrift: "Lebenslinie!" hieß.
An einigen Stellen waren Daten und Bemerkungen eingetragen: "Geburt 3. Mai 1965, 16.01 Uhr" am Startpunkt der Linie, und weiter, neben einer Stelle, die leicht anstieg: "Beginn Studium 1989". Am Ende wurde die Linie pechschwarz, dann war sie weg. An diesem Punkt traf sie sich mit einer anderen blauen Linie. "Unfalltod, 12. Mai 2000, 10.32 Uhr" stand an der Schnittstelle beider Linien.
Hier blieb sein Finger hängen, als wäre er festgewachsen, bedeckte den Schlusspunkt einer abwechslungsreichen Lebenslinie.
"Wir sind IHM und seiner Willkür hoffnungslos ausgeliefert", murmelte er sehr leise, resigniert; aber ER hatte es dennoch gehört und schüttelte den Kopf.
"Ich bin immer verantwortlich, wenn es unangenehm wird."
"Unangenehm? Es war mein Leben, das da ausgelöscht wurde! Meins! Und das ist mir mehr als unangenehm!", stieß er erregt hervor und sah IHN wütend an.
"Dein Leben ist so wertvoll wie jedes andere, - aber auch nicht mehr. Mach nicht so ein Aufhebens darum! Willst du wissen, wie viele Lebenslinien in der selben Sekunde abgeschlossen wurden?"
Fast hätte ER die Stimme nicht gehört, die zum Papier hin sprach.
"Nein! Mich interessiert nur meine eigene - und die sieht ziemlich beendet aus. Du hast "Schnipp" gemacht und mein Leben ausgelöscht - einfach so!"
"Nicht ich! Nicht einfach so. Dein Unfallgegner und du; ihr habt es getan. Du hattest es eilig, warst auf dem Weg zu einem Termin. Erinnere dich! Landstraße und 120 Stundenkilometer!"
"Der andere hat es vollendet", fügte ER nach einem stillen Augenblick hinzu. ER zeigte auf die dünne blaue Linie, die aus dem Nichts auftauchte und am schwarzen Ende die Lebenslinie traf.
"Er hat geträumt, war ebenfalls zu schnell, wechselte auf deine Spur. Ihr beide wart es also, die schnipp gemacht habt, - kein anderer. Es war Zufall!"
"So geht es aber nicht. Den Zufall entscheiden lassen, heißt Chaos zulassen. Auch ein Menschenleben muss geplant werden! Du hast von Planung, von geordnetem Abwickeln offensichtlich keine Ahnung."
"Aber du hast sie?", fragte ER, weiter milde lächelnd.
"Oh ja, ich habe sie! Ich habe es schließlich gelernt! Zwei Jahre lang habe ich nichts anderes getan. Ich war der Beste! Meine Projekte hatten einen Ruf! Was sage ich! Es waren einfach Superprojekte, und niemand zweifelte jemals daran, dass sie gelingen. Ich hab sie alle zum Ziel geführt!"
"Du bist nicht zufrieden mit meiner Arbeit?"
"Ja, verdammt - entschuldige! Ich meine, da muss man doch einfach unzufrieden sein. Wenn ich nur ein einziges Projekt so aufgesetzt hätte, wie du es milliardenfach tust, - man hätte mich gefeuert!"
"Was würdest du an meiner Stelle tun?"
"Ich?" Er richtete sich erschrocken auf, drehte sich zu IHM um und blickte seinem Gegenüber in das freundliche Gesicht.
"Ich? - Ich würde eine Planung machen, die sich gewaschen hat - für jeden Menschen einen eigenen Plan. Ich würde ihnen ein erfülltes Leben, ein gutes - und spätes - Ende zuteilen. Nicht so ein zufälliges Ausknipsen, als wär das alles nichts."
"Ein großes Ziel! Du könntest dich übernehmen. Aber - nun ja! Möchtest du es einmal versuchen? Willst du deine Kenntnis, deine Erfahrung benutzen, um an einem, aber wirklich nur an einem Menschen diese - wie nennst du es noch - diese Projektplanung anzuwenden?"
Er schaute so ungläubig, dass sich das Lächeln seines Gegenübers in offenes, herzliches Lachen verwandelte.
"Willst du mich verspotten?"
"Nein! Ich spotte nie! Ich meine es ernst! Versuch es - aber sei vorsichtig! Es ist ein Mensch, den du in deinem Projekt behandeln wirst; Menschen sind sehr empfindsam, - fast überempfindlich, wenn sie merken, dass sie verplant werden. Sie haben ihren eigenen Kopf!"
Er richtete sich hoch auf. Das war eine Aufgabe nach seinem Geschmack; sie reizte ihn maßlos. Was konnte er schon verlieren?
"Gut! Ein Versuch kann nicht schaden!"
"Also machst du es? Ich gebe dir freie Hand."
Er saß nun schon seit Tagen vor einer neuen Seite in dem Buch der Lebenslinien. Er hatte einen kräftigen Strich quer aufgetragen, über das ganze Papier. Völlig gerade, wie mit dem Lineal gezogen, begann sie ganz links am Blattrand und endete äußerst rechts, am gegenüber liegenden Ende.
Sie begann gelb, wurde rosa, hellrot, rot, violett, blau und endete schwarz. Kleine Kästchen markierten jeden Farbwechsel. Fein, wie ziseliert, waren Worte darunter aufgetragen: "Geburt", "Kindheit", "Jugend", "Erwachen", "Alter", "Gebrechen", "Tod".
Eine zweite, gestrichelte, Linie lag eng daneben, beschriftet mit "Kritische Phasen" und wurde unterteilt durch kleine Dreiecke. Sie trugen Anmerkungen wie: "Die ersten drei Jahre", "Pubertät", "Midlifekrise", "Wechseljahre", "Hohes Alter".
Einige Beziehungslinien starteten gleichzeitig mit der Lebenslinie. Eine für den Vater, eine andere für die Mutter; beide begannen mit dem Punkt "Geburt". Sie liefen, die Lebenslinie fast berührend, völlig gleichmäßig, ohne je die Linie zu verlassen.
Eine Fülle weiterer Striche begann später. Manche waren nur kurz, andere dagegen sehr lang; sie querten, berührten die Lebenslinie oder begleiteten sie mit leichtem Abstand eine Weile.
"Kindergärtnerin", "Lehrer, "Arzt", "Freund", "Kollege", "Ehefrau", "Kind", war da zu lesen. Sie begannen meistens an sogenannten Meilensteinen. Die hießen Kindergarten, Schule, Beruf, Hochzeit, Geburt des Kindes, und so weiter.
Alles war akribisch, sauber, fein und maßstabsgerecht gezeichnet.
Er arbeitete bis zum späten Abend, dann legte er den Stift entschlossen aus der Hand. Sein Rücken schmerzte und er richtete sich mühsam auf.
Er war bereit, es konnte beginnen. Sein Gesicht war rot gefärbt, zeigte weißliche Flecken unter den Augen. So war es immer gewesen, wenn er vor einem neuen Projekt gestanden hatte. Er fieberte vor Aufregung und Anspannung; dieses Lampenfieber hatte er nie verloren.
"Ich bin soweit! Wen nehmen wir für mein Projekt?"
ER konnte sein Lächeln nur mühsam unterdrücken, als er "mein Projekt" hörte und in das vom Eifer rot angelaufene Gesicht sah.
"Ich sehe, du hast einen umfangreichen Plan gemacht. Hast du alles bedacht? Es ist eine fremde Materie, ein ganz anderer Stoff!"
"Ich habe meine gesamte Erfahrung eingebracht, mein ganzes Wissen und meine umfangreiche Schulkenntnisse benutzt; ich habe an alles gedacht, was menschenmöglich ist."
"Ob das ausreicht? Eine Lebenslinie ist mehr als ein Projektverlauf! Sie hat zwar auch einen Anfang und ein Ende, aber sie entwickelt sich ganz anders, erlebt Einflüsse durch Wachsen, Reifen, Gedeihen, Verzehren, Vergehen! Eine Lebenslinie führt von einer bereits gelebten Station zu einer, die vor ihr liegt, - völlig im Dunkeln."
"So ist es in all meinen Projekten; nichts unterscheidet sie voneinander!"
ER sah ihn nachsichtig an, trug weiter sein väterliches Lächeln. Sein Blick glitt zu der wunderschönen, sauberen Zeichnung "Lebenslinie".
"Aber bitte denk daran: Es ist die Linie eines Lebens! Er wandelt vor dem vordersten Punkt der Linie, nicht auf ihr, nicht auf einer vorgefertigten Strecke! Er verlässt ständig einen bekannten Ort, vielleicht voller Wärme und Behaglichkeit, und geht zum nächsten Punkt. Er nimmt alle Erfahrungen und Eindrücke mit. Auch die, meist nicht bewusst gestellte, Frage nach dem Sinn trägt er mit sich. Und manchmal fragt er sich: Was mache ich falsch? Was muss ich ändern? Was tue ich selbst für den Sinn meines Lebens? Und dann ändert er vielleicht seinen Kurs. Dann ist deine Soll-Lebenslinie plötzlich weit weg von der gelebten Linie."
"Genau das darf nicht passieren! Dass du das überhaupt zulässt! Das ist doch das ganze Übel! Man muss sich an Pläne halten. Ich führe den Menschen mit diesem Plan zum vollständigen Glück, zu einer guten Ausbildung, einer harmonischen Familie, zu gutem Einkommen in einem Beruf mit Zukunft - letztendlich also zu einem erfüllten Leben."
"Das hört sich gut an. Du hast wirklich nichts vergessen?"
"Nichts, nichts habe ich vergessen. Lass uns endlich beginnen!"
"Nun, wir werden sehen. Ich lasse die wirkliche Lebenslinie, in kräftigem Blau, neben deiner schönen Soll-Linie verlaufen; da siehst du gleich alle Abweichungen."
"Wunderbar! So ähnlich haben wir´s auch immer gemacht! Also beginnen wir!"
ER tippte auf die fein gemalte Soll-Lebenslinie, sein Finger ruhte einige Sekunden auf dem Anfangspunkt.
"Hier ist es, das Leben; es beginnt gleich. Wenn du meinen Rat brauchst, - du weißt, wo ich bin!"
"Das wird nicht nötig sein!"
Er beugte sich über das Buch und las: "Holger Bachmann."
""He!", rief er erstaunt. "Du kennst seinen Vornamen, obschon er noch nicht begonnen hat?"
"Aber ja! Du zweifelst doch nicht daran?"
"Nein, nein! Es ist nur so - nun, einfach ungewöhnlich. Und wenn sie sich anders entscheiden?"
"Das passiert nicht. Er wird Holger heißen!", sagte ER sehr sicher. "Und mit dem Umstand, der ihn ins Leben gestoßen hat, setzen wir - jetzt - den Anfangspunkt seiner Lebenslinie!" Dabei berührte ER erneut ganz leicht eine Stelle auf dem Papier und ein blauer Punkt wuchs heraus, der Anfang einer Linie.
"Das Drama des Lebens beginnt", sagte ER ruhig und eher nebensächlich.
"Das Projekt Leben hat begonnen!", rief er euphorisch.
Er hieß also Holger und am Startpunkt seiner Lebenslinie, deckungsgleich mit der Soll-Linie, stand das Datum 12. Juni, 19.03 Uhr.
Fast verdeckt, so eng lag sie an, entwickelte sich eine Linie, an der "Mutter" stand. Etwas weniger eng verlief eine zweite Linie, an der "Vater" geschrieben war.
Zwei feine, gelbliche Linien wuchsen wenig später aus dem Nichts, verliefen so eng mit der Lebenslinie, dass sie fast mit ihr verschmolzen. "Großvater" und "Großmutter" war jeweils am Anfang dieser Linien vermerkt.
"Teufel auch!", flüsterte er. "Die habe ich glatt vergessen! Ist aber nicht projektentscheidend", setzte er entschuldigend hinzu.
Und es begann der ganz normale Lauf eines menschlichen Lebens. Täglich stand er vor seinem Projekt und betrachtete zufrieden die Entwicklung. Die Lebenslinie von Holger und seine Soll-Linie lagen übereinander, waren fast nicht zu unterscheiden. Holger lernte Laufen, konnte unverständliche Laute brabbeln, und dann kamen die ersten richtige Worte, später ganze Sätze. Jeder Fortschritt schlug sich in kleinen Anmerkungen nieder; es war die kritische Phase bis zum 3. Lebensjahr.
ER kam hin und wieder vorbei, sah auf die Linien und Bemerkungen. Oft ging er ohne ein Wort weiter, nickte höchstens anerkennend; aber heute blieb er stehen.
"Es sieht gut aus. Bist du zufrieden?"
"So zufrieden, wie man als Projektleiter eines solchen gut durchdachten und optimal verlaufenden Projektes nur sein kann", lachte er und zeigte auf die deckungsgleichen Linienverläufe.
Nun", sagte ER, "noch ist Holger in der Phase der Fremdbestimmung. Seine Eltern, seine Großeltern prägen seine Lebenslinie. Später werden es Kindergärtnerinnen und Lehrer sein, die sie beeinflussen oder bestimmen. Was aber, wenn er beginnt, selbstbestimmt zu handeln? Wann, glaubst du, beginnt diese eigenbestimmte Lebenslinie?"
"Später! Viel später! Ich habe ihm alle zur Seite gestellt, die er braucht. Ihre Erfahrungen und ihre Fürsorge werden ihn leiten, prägen; sie machen ihn fit für alle künftigen Aufgaben."
"Du bist so sicher. Du hast tatsächlich nichts vergessen?"
"Nein! Nichts! Besonders stolz bin ich auf die umfassende Berücksichtigung von "Gelegenheiten!" Das wär nicht jedem eingefallen! Sagt dir das was?"
"Du meinst...?"
"Ja sicher! Schau - hier!" Er zeigte auf einen Meilenstein und die rosarote, haarfeine Beziehungslinie, die sich dort anschmiegte.
"Sein Diplom! Und an diesem Tag kommt sie - die Gelegenheit! Sie ist die Gelegenheit! Ein Mädchen ist im Plan vorgesehen. Und wenn er sie ergreift, - ich meine die Gelegenheit - dann läuft alles nach Plan."
"Und wenn nicht?", fragte er geduldig.
"Sieh es einmal so: Gelegenheiten kommen natürlich unbeeinflusst auf ihn zu. Es sind kommende Augenblicke, die - wenn er sie verpasst - von der Gegenwart direkt in die Vergangenheit verschwinden, ohne die Gegenwart berührt zu haben; sie werden einfach nicht realisiert. Diese Gelegenheiten verpassen, heißt, die Linie wird nicht verändert, bleibt wie sie ist."
Er lächelte jetzt fast so sanft wie ER: "Aber Holger wird sie sehen, wahrnehmen, erkennen und berücksichtigen! Dafür habe ich gesorgt! Ich habe die richtigen, die wichtigen Gelegenheiten für ein gutes, glückliches Leben eingeplant."
"Ja, ich sehe es. Du hast an viele Dinge gedacht; aber ob du alles bedacht hast? Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als du denkst."
Er lachte leicht und locker. "Da spricht der Neiderfüllte, der hier mal nicht Verantwortliche; - gönn mir ruhig den Erfolg."
"Ich würde mich freuen - für Holger!"
Die Zeit verging mit himmlischer Geschwindigkeit. Inzwischen gab es leichte Schwünge, kleinste Bögen, die Holgers Lebenslinie von der Soll-Linie unterschieden. Doch er war nie wirklich beunruhigt; solche Abweichungen bedeuteten nichts! Einmal war Holger schwer an Bronchitis erkrankt, musste im Krankenhaus kuriert werden. Feine grüne Linien von Ärzten und Krankenschwestern berührten Holgers Lebenslinie und verschwanden wieder.
Die erste kritische Phase war überstanden; der Meilenstein "3. Lebensjahr" brachte Holger in den Kindergarten. Es sah alles völlig normal aus. Inzwischen hatte er seine täglichen Beobachtungen eingestellt, kam nur noch wöchentlich; das Projekt ließ es zu. Den Absturz der Linie verpasste er deshalb. Als er mehr zufällig vorbeischlenderte, die Hände auf dem Rücken, einen gelangweilten Blick auf Holgers Lebenslinie werfend, blieb er wie angewurzelt stehen.
Diesmal war er wirklich beunruhigt; seine Stirn legte sich in Falten, und er trat mit raschen Schritten ganz nahe an den Tisch heran, beugte sich tief über das Papier.
"Was soll das? Was bedeutet das?"
Er hörte IHN hinter sich hüsteln. Es machte ihn sofort wütend, er fühlte sich kontrolliert und beobachtet.
"Nun? Siehst du, was ich sehe?", fragte ER mit seiner gütigen Stimme, die ihn heute rasend machte.
"Na und? Ein kleiner Einbruch, nichts Besonderes. Haben wir gleich!"
"Gefühle sind das!"
"Wie bitte?"
"Ich sagte Gefühle - menschliche Gefühle. Hast du daran gedacht?"
"Natürlich hab ich daran gedacht! Hör auf! Du bist kein Controller! Ich führe das Projekt! Halte dich raus!"
Die ruhige Gelassenheit, der wissende und alles verzeihende Blick, dieses altväterliche Lächeln regten ihn maßlos auf; er konnte es nicht mehr ertragen. Er drehte sich brüsk weg, lehnte sich über die Tischplatte und studierte die kleinen, haardünnen Kommentare.
"Verlassensangst!", "Versagensangst!" und "Trauer!" stand neben der abfallenden Lebenslinie.
"Verflucht! - Entschuldigung, aber das gibt´s doch nicht! Kindergärtnerin, Spielkameraden, alles ist bestens geregelt und dann das!"
"Holger hat Empfindungen! Erinnerst du dich, als ich dich vor einiger Zeit fragte, ob du weißt, wann neben der Fremdbestimmung eine Selbstbestimmung beginnt? Ahnst du etwas?"
"Quatsch! Dummes Zeug. Die Gefühlswelt eines solchen Knirpses werde ich wohl noch im Griff haben! Und außerdem: Ein Dreijähriger hat keine Selbstbestimmung - er wird geleitet!"
"Oh nein! Sieh doch hin! Was geschieht da? Er fühlt sich nicht wohl im Kindergarten. Er ist klug, sehr empfindsam - und ängstlich. Er denkt, seine Mutter, sein Vater, wollen ihn abschieben. Ist das so falsch? Er wird erreichen, dass man ihn rausnimmt."
"Nicht gegen den Plan! Schluss! Das Problem ist erkannt. Wir nehmen ihn raus und warten ein Jahr. Solche Soll-Ist-Anpassungen sind nicht neu, gehören zu jedem Projekt."
Er radierte seine Soll-Linie, zeichnete neu und richtete sich zufrieden auf.
"So wird das gemacht, mein Lieber! Einen erfahrenen Projektleiter werfen solche Dinge nicht um."
Tatsächlich war alles wieder in Ordnung. Soll- und Ist-Linien waren in kurzer Zeit wieder auf gleicher Höhe. Holger machte sich prima und genoss dann später, als Vierjähriger, die neuen Erfahrungen im Kindergarten.
Die Schwankungen, die ab dem fünften Lebensjahr auftraten, wirkten zunächst nicht beunruhigend. Aber dann wurden sie häufiger; zittrig zogen sich die starken Bögen der Lebenslinie. Es hätte ihn eigentlich beunruhigen müssen, aber Holgers Linie kehrte immer wieder zur Soll-Linie zurück.
Die Beziehungslinie seines Vaters wich dagegen immer weiter ab, war schon ein beträchtliches Stück weit weg; er übersah es einfach!
Als die Beziehungslinie des Vaters plötzlich verschwand, sich die Linie der Mutter deutlich entfernte, die Linien der Großeltern sich dafür enger an Holgers Linie anschlossen, da hätte er da sein müssen, da hätte er den Absturz erleben können.
Er kam erst einige Zeit später, als Holgers Linie sich schon weit, sehr weit vom Soll wegbewegt hatte.
Da waren schon die grünen Linien der Ärzte alarmierend häufig vertreten, hatten sich die Linien der Großeltern noch enger an Holgers angeschlossen.
"Himmel! Verdammt! Was ist los? Oh, mein Gott!"
"Du hast ein Problem?"
"Ich hab dich nicht gerufen!", schrie er und stürzte sich auf den Tisch.
"Ich dachte, ich hätte was gehört."
"Nein! Verdammt! Was ist da passiert? Oh, verflucht! Der Vater! Er ist weg, einfach weg! Mist! Was ist da los?"
Fieberhaft suchte er die Seitennummer, die an der Linie des Vaters stand, blätterte hastig, riss dabei fast das Buch auseinander. Da war sie, die Lebenslinie des Vaters! Sie schlug Kapriolen, warf Bögen und zeigte auffällige Wechsel der tangierenden, begleitenden Linien.
"Verlassen der Familie!" und "Neue Beziehung!" las er fassungslos.
"Schweinehund, elender!", brüllte er und knallte die Seiten zurück.
"Todesangst!" und "Unendliche Trauer!", und auch "Schmerz", "Unglückliche Vaterliebe!" und "Wilde Wut!" stand an Holgers Linie. Er versuchte, die Zusammenhänge schnell und präzise einzuordnen.
Die Texte "Seelisch erkrankt!", "Tiefe Depression!" und "Lebensangst!" mischten sich mit den grünen Ärztelinien.
"Das war nicht geplant!", murmelte er und schielte zu IHM rüber.
"So etwas musste kommen! Gefühle sind stark; ob Angst, Glück, Liebe oder Hass - sie sind die treibende Kraft; du hast sie doch ausreichend berücksichtigt?", fragte ER und trat näher heran.
Er zitterte vor Wut, hob anklagend den Zeigefinger gegen IHN.
"Du! - Du Alleswisser! Du meinst, jetzt hättest du es mir bewiesen, ja? Natürlich! Wie konnte ich das vergessen! Du weißt ja alles, - du weißt alles besser!", schrie er giftig und ohne einen Funken Respekt.
"Mein Lieber! Es sind wirklich die Gefühle, die du nicht ausreichend bedacht hast! Willst du es nicht korrigieren? Willst du deinen Plan nicht noch einmal anpassen?"
ER sagte es so ruhig, so gelassen, dass er ihn nur wütend, verletzt und hilflos anstarren konnte.
"Sei nicht böse. Es sind wirklich starke Emotionen, die hier auftreten. Jeder Einzelne ist eng verbunden mit den Lebenslinien seiner Eltern, mit ihrer Liebe und ihren Idealen. Er ist so eng mit ihnen verbunden, dass eine Trennung wie ein chirurgischer, schmerzhafter Eingriff wirkt. Genau das macht Holger gerade durch."
Er tat so, als hätte er nichts gehört, beugte sich über die Lebenslinie von Holger und runzelte die Stirn.
"Es könnte gehen; ich könnte es reparieren", dachte er und legte los. "Ja! Ja! Ich werde es ihm zeigen!"
Er radierte, strichelte, zeichnete, schrieb und als er fertig war, hatte Holgers Soll-Lebenslinie ein neues Aussehen bekommen. Die begleitenden Linien waren jetzt die der Großeltern, die Vaterlinie war völlig weg und die der Mutter berührte Holgers Linie nur noch in gleichbleibenden Abständen.
ER lächelte und nickte anerkennend. "Du bist gut!" Und da hatte er IHM schon verziehen, fühlte sich geehrt.
Die Meilensteine "Einschulung" und "Wechsel ins Gymnasium" wurden problemlos passiert. Er entwickelte sich gut, erhielt ausgezeichnete Noten und sein Abiturzeugnis war eines der besten. Aber dann geschah etwas Ungewöhnliches.
Er konnte den Beginn der Krise diesmal erleben. ER hatte ihn am Plan aufgehalten, ihn in ein Gespräch verwickelt. Aus den Augenwinkeln sah er die Veränderungen, die aus dem Nichts erscheinenden Schriften, die Verlagerung der Lebenslinie.
"He! Was macht er da?"
Er hatte mit schnellem Blick erkannt, dass da ein ungeplanter Fremdeinfluss einwirkte. Er starrte und schüttelte den Kopf. Eine dünne, hellrosafarbene Linie war herausgewachsen, lief jetzt dicht neben Holgers Linie her; sie war einfach da. "Gelegenheit! Anne!" stand neben der Linie und weiter war zu lesen: "Seine erste Freundin!".
"Na und? Eine zufällige Gelegenheit. Das ist nichts für ein ganzes Leben! Das kommt später; er ist noch zu jung", beruhigte er sich selber.
Dann wurde es ernst! Plötzlich erschienen die Worte "Zweifel an der Richtung, am Ziel!" und "Zukunftsangst!", und darunter purzelten Holgers Gedanken aufs Papier: "Ist das mein Ziel? Ist das der richtige Weg? Stimmt die Richtung?"
"Moment mal! - Was will er denn? Warum plötzlich diese Zweifel? Was quält ihn? Es ist doch alles richtig! Das Projekt läuft doch bestens! Verdammt! Was hat ihm dieses Weib da eingeflüstert?"
"Fluchen hilft nicht. Sie hat etwas in ihm angerührt und in Gang gesetzt. Er steht an einem möglichen Scheitelpunkt und blickt zurück in seine eigene Vergangenheit. Er schreitet in Gedanken zurück auf seiner Linie, betrachtet, gräbt, will aufarbeiten und verstehen. Schau nur! Und gleich, wenn er verstanden hat, dann wird er versuchen voraus zu denken, in seine Zukunft zu blicken."
"Und? Und was soll das alles?", rief er zweifelnd.
"Er glaubt nicht, das es richtig wäre, ein Studium der Informatik zu beginnen; er hat Zweifel, was seine Zukunft angeht. Er hat Angst davor, den falschen Beruf zu ergreifen, den, der in deinem Plan für ihn vorgesehen ist."
"Was will er denn machen? Sehe ich das richtig? Er will seine Zukunft kaputt machen? Er will nicht studieren?"
"Sieh nur! Er entscheidet sich! Oh ja, ich sagte es ja. Er ist ein kluger Junge."
"Ein kluger Junge, sagst du? Ein Versager! Ein Ignorant ist das! Und du? Du denkst, er macht es schon richtig, was? Du hast keine Ahnung vom wirklichen Leben!"
"Doch! Ich denke doch. Sieh nur, was er beschlossen hat!"
"Berufsentscheidung: Krankenpfleger!", lasen sie und die hellrosafarbene Beziehungslinie schmiegte sich enger an Holgers neu entwickelte Lebenslinie.
Die Worte "Große innere Zufriedenheit!", "Glück", "Die große Liebe" tauchten ein wenig später auf. Er warf voller Wut den Stift auf das riesige Buch.
"Idiot! Dämlicher Idiot! Ich werfe die Klamotten hin! Soll er doch, dieser..."
"Nun, nun! Du hast einfach etwas übersehen. Du hast die Wirkung der nicht planbaren Fremdeinflüsse nicht genügend berücksichtigt. Sie hat ihm die Augen geöffnet, hat ihm geholfen. Er ist jetzt glücklich. War das nicht auch dein Ziel?"
"Nein! - Ich meine ja, - aber nicht so. Was ist mit meinem Projektziel? Wie kann ich planen mit solchen Fremdeinflüssen?"
"Ohne Fremdeinflüsse kann er aber nicht leben. Er wär nicht da, wenn ihm andere nicht das Leben geschenkt hätten; er würde nicht mehr leben, wenn andere sein Leben nicht erhalten hätten; er hätte niemals so gelebt, wenn ihn andere nicht auf ihre Art geschult, beeinflusst hätten; Fremde können ihm durch Zufall oder mit Absicht das Leben nehmen. Denk an deine eigene Erfahrung!"
"So kann man das Projekt aber nicht fahren! Ich verlange den Zugriff auf alle Lebenslinien, die ihn berühren, tangieren, kreuzen oder sonst wie beeinflussen! Ich muss sie alle im Griff haben!"
"Bist du Gott?"
"Ich bin der Projektleiter! Und mein Projekt verlangt nach dieser Maßnahme!"
"Es geht nicht! Du kannst nur alle oder keinen! Hast du noch immer nicht verstanden? Hast du nicht begriffen, dass es eine unendliche Kette ist? Jede Begegnung, ob lang oder kurz, ob nah oder entfernt, ob intensiv oder locker, wirkt sich auf die Lebenslinie aus; sie alle beeinflussen und verändern. Und sie alle haben wieder eigene Berührungen, Begegnungen, es hört nicht auf. - Nur an einer Stelle, ja da hört es auf. Beim Sterben sind sie alle allein. Freunde haben sich zuerst zurückgezogen, die Familie später, die Ärzte resignieren und sind nur noch im Hintergrund da. Tod, das heißt Einsamkeit. Der Augenblick, in dem der Lebensfaden abgeschnitten wird, die Lebenslinie endet, ist von grenzenloser Einsamkeit gekennzeichnet."
ER sah ihn sehr ernst an, strich ihm mit der weichen Hand ruhig über den Arm, der sich auf dem Buch abstützte. Er starrte dumpf auf die Linien und Texte, aber er sah sie nicht.
"Ich hab also versagt. Willst du mir das sagen? Erst habe ich die Gefühle und Emotionen vernachlässigt, dann die zufälligen Begegnungen und dann das Eigenleben der begleitenden Linien. Mehr kann man ja wohl nicht falsch machen!", seufzte er voller Selbstmitleid und hoffte auf Trost durch IHN.
"Willst du es noch einmal versuchen? Möchtest du noch einmal korrigieren? Du kannst es doch; du sagst ja selber, du wärst der Beste."
Er sah ihn lange an, sein eigenes Leben schoss ihm durch den Kopf. Seine spontanen Entschlüsse, seine überraschenden Kehrtwendungen, seine oft bewunderten Kapriolen, hatten sein Leben bestimmt; so war er glücklich gewesen. Hätte er es hingenommen? Wär er damit einverstanden gewesen, nach Plan zu leben?
Er schüttelte langsam und sehr nachdenklich den Kopf. Er fühlte den forschenden Blick und dann hatte er sich entschlossen.
"Nein! Ich gebe auf. Vielleicht kann man wirklich nicht alles planen!"
"Du sagst es! Man darf sie nicht verplanen, selbst wenn man könnte. Wozu auch? Stell dir nur das langweilige Leben vor, wenn alles geplant wäre, ihr Leben wie auf Schienen verlaufen würde. Grässlich, nicht wahr? Wie sagt ihr doch? Jeder ist seines Glückes Schmied!", fügte ER lächelnd hinzu.
"Trotzdem ist es ist mir zu wenig! Es befriedigt meine Vorstellung von Effektivität und Vollkommenheit nicht", sagte er trotzig und immer noch enttäuscht.
"Ich habe ihnen so viel mitgegeben, dass sie ihr Leben alleine planen können; sicher ist dabei nichts vollkommen. Aber das macht selbstbestimmte, eigenverantwortliche Menschen aus ihnen. Ich will ihnen nicht die Freiheit nehmen, Fehler selber zu machen - und zu korrigieren."
"Du hast also gewusst, dass mein Projekt scheitern würde?"
"Ja."
"Und hast mich arbeiten lassen? Warum? Hat es dir gut getan, mich aufsitzen zu lassen? Wolltest du eine Selbstbestätigung?"
ER lächelte wieder und schüttelte den Kopf. "Die brauche ich wohl nicht. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!", sagte er leise. "Hättest du mir geglaubt? Würdest du mir abgenommen haben, dass es unmöglich ist?"
"Und Holger? Was wird aus ihm?"
"Wissen wir es? Wollen wir es wissen? Das Projekt "Leben" ist tot!"
ER berührte die Soll-Linie mit seinem Zeigefinger und sie verschwand spurlos; das Projekt "Leben" war ausgelöscht! Holgers Lebenslinie lag als kräftige, blaue Markierung vor ihnen und wuchs.
"Er wird sein Leben alleine gestalten; er wird scheitern und Erfolg haben; er wird glücklich und traurig sein; er wird verzweifeln und voller Kraft seinen Weg nehmen. Lassen wir ihn seine Lebenslinie ziehen! Sie wird einmalig sein, wie alle anderen auch."
ER sah verträumt in die unendliche, himmlische Ferne, legte ihm leicht den Arm um die Schulter; und dann gingen sie in den unendlichen hellen Raum.
Es ist endlich wieder Lichtzeit. Sie schwebt körperlos in einem konturlosen Raum. Sie ist entspannt
- wie immer, wenn die Dunkelzeit der Lichtzeit weicht. Sie treibt in den unendlich langsamen
Wogen seismischer Rhythmen, wie in einem Ozean, bewusstseinsfern, hilflos und ungeschützt.
Aber sie ist sicher hier – das weiß sie einfach. Und sie will nie mehr weg, nie mehr zurück in diese
andere Welt, von der ihr die Träume erzählen. Hier ist alles gut und ohne eine Zukunft, die man
fürchten muss.
Trotzdem ist sie heute beunruhigt; da ist etwas, dass sie noch nicht kennt. Sie fühlt einen
seltsamen Druck, die sich schwer auf ihr Gemüt legt. Also horcht sie in sich und in den Raum;
erforscht dieses neue Gefühl, sucht nach Erfahrung und nach Gründen.
„Vielleicht sind es diese Geräusche?", denkt sie träge.
„Warum bedrückt mich das?" - „Was ist es?" – „Woran erinnert es mich?"
Ihre Gedanken reihen sich sorgfältig, warten ab, bis der vorherige abgeschlossen ist. Sie hat
genug Zeit.
Als würde ein Plattenspieler mit viel zu langsamer Umdrehung laufen; verzögert, weit gedehnt,
perlen die Töne in ihr Bewusstsein; die Melodie ist gerade noch erhalten, zeigt ihre Schönheit auch
in dieser verlangsamten Form. Die Töne sind sehr leise, gedämpft wie durch dichten Nebel.
Noch nie sind solche Töne zu ihr durchgedrungen. Sie verdrängen die lautlos-dröhnende Tiefe, in
der sie schwebt. Einzelne Tonfolgen, kurz, zerhackt, die ihr immer ein Rätsel waren, die kennt sie.
Heute aber laufen sie fast ungehindert, in langer Folge, in ihr inneres Ohr. - Heute ist die Lichtzeit
auch klarer als sonst! Der leichte Nebel fehlt und weit hinten ist ein strahlendes Viereck.
Die Klänge berühren sie, laufen in Wellen, wie das klare, warme Wasser eines Sees, durch ihren
Geist. Sie lässt sich treiben, sucht nach ihren Träumen.
Die Traumbilder kommen nur in der Lichtzeit; in der Dunkelzeit, wenn alle Töne verklungen sind,
zieht sich ihr Geist in eine Tiefe zurück, die keine Träume zulässt. Endlich: Ein neuer Traum füllt
ihr Bewusstsein, Bilder strömen bunt und lebendig vor ihre Augen.
Sie betrachtet die junge Frau, die in einem hellen, weiten Kleid barfuss über einer Wiese schwebt.
Auf den Zehenspitzen tanzend, berührt sie kaum die Grashalme; ihr Gesicht ist zur Sonne gedreht.
Das Haar schimmert blond-weiß und die ausgestreckten Arme fahren in Abständen in den Nacken,
werfen die langen, seidigen Haare in die Luft; sie schweben flirrend und legen sich wie in Zeitlupe
auf die Schultern zurück. Dann dreht sich das Mädchen leicht, in der Hüfte schwingend, und sie
sieht ihr lautloses Lachen.
Sie weiß durch viele Träume, dass sie es selber ist, die da tanzt, die jetzt zu dem jungen Mann
blickt, der ausgestreckt auf einer bunten Decke liegt und sie fordernd, verlangend ansieht. Ihn will
sie nicht sehen, und sie schaltet den Traum ab.
Die Wellen der Musik werden unregelmäßig; andere Töne laufen quer durch, hart und
unrhythmisch.
„Du spinnst! Das ändert sich nie mehr! Guck sie doch an! Und mach endlich die Musik aus!"
Ihr Geist zittert, spürt Gefahr und will sich verstecken. Aber in ihrem Raum gibt es keinen
Schlupfwinkel; sie schwebt offen und ohne Deckung, liegt bloß und verletzlich vor dieser Stimme.
Es ist unmöglich für sie, die Klänge und Worte zu ordnen und zu begreifen. Aber ihre Töne, und
die Wellen, die sie machen, sind eindeutig böse – wollen sie vernichten.
„Das werde ich nicht! Sie freut sich über Musik, das weiß ich!", sagt eine sanfte, leise Stimme.
Das ist die gute Stimme, die sie so gerne hört. Sie vertraut dieser Stimme – schon immer; sie ist
ihr Schutz und ihre Zuflucht in den seltenen bösen Träumen.
Sie kann sich Tausende Geschichten träumen, in denen diese Stimme vorkommt. Oft sind die
Träume gut, lassen sie in Gedanken lächeln; aber manchmal kommen andere Träume, die ihr
Angst machen wollen. Sie weiß nicht genau, wie sie diese Stimme nennen soll, aber es ist ihr auch
nicht wichtig.
„Du spinnst doch wirklich! Seit wie vielen Monaten liegt sie jetzt hier? Zehn? Zwölf? Egal; sie wird
noch zwanzig Jahre so da liegen, wenn wir nichts dagegen tun!"
Ihr Geist verkrampft sich; ein stechender Schmerz durchschießt sie. Sie hat keine Möglichkeit
diesem Schmerz auszuweichen, oder ihm Ausdruck zu geben; sie kann nicht schreien, nicht
weinen. Ihr Leiden beginnt bereits, als das erste Wort dieser Stimme auf sie eindringt, und ohne
den Sinn zu begreifen, spürt sie den Angriff.
„Ja, ja! Elf Monate! Na und? Es ist mein Kind! Meine Tochter! Und sie lebt! Du, - du - du weißt
doch nichts, gar nichts! Für dich ist sie nur eine Hirntote mit einem primitiven pflanzlichen Leben.
Du glaubst, du kannst sie ausreißen wie Gemüse oder Unkraut, ja?"
Die Wut in der vertrauten Stimme ist fast noch schwerer zu ertragen als die böse Stimme. Sie fühlt
die kantigen Wellen, die ihren Geist treffen; sie spürt ihre wachsende Angst und ihr Entsetzen.
„Wer sind sie?" – „Was wollten diese Stimmen von mir?" - „Ich will euch nicht hören; lasst mich!"
Sie versucht in Träume zu flüchten, aber es geht nicht. Sie muss bleiben und abwarten.
„Du bist bettelarm geworden, erhältst nur noch Sozialhilfe und gehst nie mehr aus dem Haus! Ich
will mit dir tanzen gehen; ich will mit dir am Strand liegen; ich will, dass du wieder mal lachen
kannst. Du bist nur noch ein Wrack – sieh dich doch an! Füttern, den Hintern abwischen, waschen,
massieren, eincremen und was weiß ich, was du mit diesem Torso machst. Und sie riecht! Es ist
nicht mehr auszuhalten! Ist dieser Haufen Fleisch ohne Gehirn das alles wert?"
„Hör auf! Wenn Adolf noch regieren würde, wärst du längst losgerannt und hättest sie zur
Euthanasie angemeldet! Du Unmensch! Du machst mir Angst; Leute wie du machen es sich
einfach: Lebenswert oder Lebensunwert! Mehr kennt ihr nicht! Warum hab ich dich nur mal
geliebt? Ich brauchte deine Hilfe und nicht deinen Hass!"
Sie muss weg von hier; sie will diese Stimmen nicht mehr hören! In riesigen Wellen überspült sie
die Angst!
„Ich will nicht!" – „Bitte, - bitte!" – „Lasst mich in Ruhe!", schreit sie lautlos.
Sie spürt die anströmende Panik, die von jeder Wortwelle angeschoben wird, die sie überflutet.
Dann - endlich - kommt ein Traum und sie will aufatmen, entspannen.
Sie sieht die junge Frau, die sie selber ist; sie trägt immer dieses helle, weite Kleid. Es ist dunkel,
Straßenlampen scheinen, grelle Autolichter blitzen. Sie sitzt in einem Auto, die Hände am Steuer
verkrampft; sie weint. Ihre Augen sind geschlossen; sie rast direkt auf einen Bus zu. Sie stemmt
die Arme auf das Lenkrad, reißt die Augen weit auf; sie schreit und schreit; gellende Schreie toben
ihr durch das Bewusstsein, und sie will den Traum abschalten. Dann ist alles schwarz und plötzlich
ist wieder Hellzeit.
Sie hasst diesen Traum, der schon mehrfach da war. Und trotzdem haben ihr die Angstschreie
heute geholfen. Die Frau hat stellvertretend für sie geschrieen, hat für sie alle Angst und Panik in
die feindliche Welt gebrüllt. Jetzt kann sie ihren Geist erschöpft zurückfallen lassen.
„Wenn es nach mir ginge, würden wir ihr helfen, dieses unwürdige Leben zu beenden. Frag sie
doch mal! Wenn sie antworten könnte, dann würde sie sagen: Mama, mach Schluss mit diesem
Zustand! Töte mich endlich!"
„Halte den Mund, du Ungeheuer! Verschwinde! Raus, raus, raus!"
„Sie wollte doch selber Schluss machen, damals. Das hast du doch auch gesagt! Wegen diesem
Idioten, der sie betrogen hat, der ihr ein Kind angedreht hat und dann abgehauen ist. Stimmt das
nicht? Warum sollte sie jetzt, ohne jeglichen Verstand, weiter leben wollen? Sag´s mir!"
Wieder diese Schmerzen; stechende, rasende Schmerzen in ihrem körperlosen Verstand. Der
Traum ist wieder da. Sie sieht die junge Frau auf der regennassen Straße liegen, rot gekleidete
Männer um sie herum. Grelles, blitzendes Blaulicht, das Gesichter neu zeichnet. Sie kann die
aufgerissenen Augen der Gaffer erkennen, die sich an die Absperrung drängen.
„Los, raus jetzt! Endgültig! Wir sprechen über sie, über