Ort:  Dresden

Dresden (Oliver Brauer)

Dresden (Andreas Reikowski)

Dresden, Zwinger (Andreas Reikowski)


"Dresden", sagte sie und dann war es auch schon klar. Ich sass in Italien im Zug mit meiner Freundin und wir redeten darüber, dass ich nach dem Abi dringend mal weg wollte von zu Hause. Da wollte ich den Zivi dafür nutzen, denn den muss man ja eh machen, dann kann man den ja auch wo anders abdienern.

Dann allerdings brauchte ich nur noch eine Stadt: Nicht zu groß (das war mir Berlin damals), nicht zu klein (wie etwa Bielefeld) und nicht zu nah (Augsburg) und nicht zu weit (Hamburg). Köln fand ich doof. Und dann sagte sie "Dresden" und damit war die Entscheidung gefallen. Und obwohl ich Dresden nicht einmal kannte, malte ich schon auf meine Ordner in der Schule "Dresdner Freiheit" in Blockbuchstaben.

Wenn ich heute Dresden auf der Landkarte sehe, streichel ich dezent mit dem Finger drüber, so viel bedeutet mir die Stadt heute noch.

© Oliver Brauer


Das allerorten Renovierte, aber auch die Veränderungen seit dem letzten Mal überraschen, freuen und bestürzen mich in wildem Wechsel. Den Altmarkt erkenne ich nicht wieder vor Neubauten. In einem Hofterrain hat man einen riesigen Krater ausgehoben, der einmal den Keller eines wahrscheinlich riesigen Einkaufszentrums aufnehmen soll. Die schon errichteten Betonträger stehen wie strahlende weiße Kreuze über einem Gräberfeld.

Wenn die Leute damals, als sie ihre Häuser bauten und alles, was sie zweckmäßig fanden und das sie so gebaut haben, wie sie es eben wussten und konnten - wenn diese Leute auch gewusst hätten, dass sie Bauten errichten, die nach Zeiten für Denkmäler gelten und vor denen wir heute stehen und in Kunstführern blättern - hätten sie ihr Treiben unterlassen?
Als man an Gott glaubte, errichtete man ihm prächtige Dome wie in Köln und Magdeburg. Als man an die Technik glaubte, zog man prunkvolle Kathedralen des Verkehrs wie in Frankfurt und Leipzig hoch. Und heute, da man an den Konsum glaubt? Lässt man seine Verehrung dieses Götzen in heute passend erscheinenden Tempeln aus. Ein diffuses Gefühl für etwas Heiliges verbindet man mit dem Einkaufen oder meint es verbinden zu müssen, sonst wären sie nicht so, wie sie sind. Werden diese Tempel auch in 100 Jahren noch stehen, so wie die Dome und Klöster schon seit 1000 Jahren stehen? Wie werden unsere Enkel und Urenkel die kalten Klötze durchstreifen - auch mit einem Reiseführer in der Linken, den Fotoapparat in der Rechten? Oder was es sonst Vergleichbares geben wird? Werden sie staunen oder werden sie die Köpfe schütteln über uns, und werden sie alles wollen, nur nicht in unsere Zeit gelebt haben müssen?

© Andreas Reikowski - clickfish


Der Zwinger. Die geschwärzten Puttenengel sind in großer Zahl von ihren Podesten geholt und machen Pause von ihrem abnutzenden Dienst, hübsch anzusehen und dem Wetter ausgesetzt zu sein. Prüft man den verbliebenen Engelbestand mit oberflächlich schweifendem Blick über die herrlich nutzlose Anlage, so fällt kein Mangel auf, keine Lücke. Die Bauhütte ist eingezäunt, aber offen einsehbar, niemand arbeitet. Ein alter schwarzer Putto steht Modell für einen neuen, der aus frischem Sandstein gemeißelt halbfertig dasteht. Der Aufwand ist Wahnsinn. Aber er lohnt, um den Zwinger in seiner zarten Schönheit, in seiner wohltuenden Überflüssigkeit zu erhalten, für wen auch immer und so lange wie möglich. Am besten gefällt mir das westliche Treppenhaus, das sich im Hinaufgehen förmlich in Nichts auflöst und das den Besucher auf einen schnöden Fußweg entläßt.

© Andreas Reikowski - clickfish