Ort:  Eriskirch

Kleine Kulturkunde für Zuziehende nach Süddeutschland


Nach einigen Wochen im Süden lebend denkst du, du hast alles erlebt, was zu einem Kulturschock dazu gehört, aber nein, auch nach zehn Jahren, gibt es immer noch Situationen, in denen du als Nordlicht (schließlich bist du oberhalb von Ulm geboren, da fängt der Norden Deutschlands an) unermüdlich jedes Fettnäpfchen erwischst, obwohl du inzwischen ja schon immer sehr auf der Hut bist, dich den ortsüblichen Gegebenheiten anzupassen, um dich bloß nicht gleich als Neig'schmeckte zu outen.

Schon bei der Unterschrift des Mietvertrages fällt dir das Wort "Kehrwoche" auf, das bislang noch nicht zu deinem Wortschatz gehörte. Du lässt dir also von deinem Vermieter in einer fast unverständlichen Sprache erklären, dass du dich um die Sauberkeit des Hauses auch außerhalb deiner Wohnung penibelst zu kümmern hast. Treppenhaus putzen ist jetzt noch nichts Ungewöhnliches, das hast du ja schon mal gehört, dass es Häuser gibt, in denen man das machen muss, aber jeden Samstag die Straße kehren, ist dann doch schon sehr gewöhnungsbedürftig.

überhaupt ist der Samstag der Schafftag. Du freust dich auf dein Wochenende und gehst am Samstag gerne mal zum Bummeln in die Stadt oder auf den Markt und hinterher vielleicht noch mit ein paar Freunden was trinken oder legst dich einfach in die Sonne mit einem guten Buch. Weit gefehlt! Am Samstag wird in Süddeutschland mehr gearbeitet als in der ganzen Woche und es ist der lauteste Tag der Woche. Da wird das Auto geputzt, auch wenn es vor der Haustür eigentlich verboten ist, der Garten verschönert, hunderte von Rasenmähern werden gleichzeitig angeworfen, Hecken geschnitten (natürlich mit der Motorsäge), Holz für den Kachelofen gehackt, und vor allem wird nach aller Arbeit die Straße gekehrt, denn am Sonntag muss es ordentlich im Ort sein.

Überhaupt scheint das Wort "schaffe" nicht nur einem Lied zu entstammen, sondern der Lebensinhalt der meisten Südlichter zu sein. Nie siehst du eine Hausfrau ohne Schürze außerhalb des Hauses, denn sie ist immer beim schaffe. Auch wenn sie gerade mit der Nachbarin am Zaun steht und klönt, hat sie einen Besen in der Hand, oder eine Harke oder eine Schaufel, damit nur nicht der Eindruck entsteht, sie fröhne dem Müßiggang.

Mein kläglicher Versuch mal eine Nachbarin dazu zu überreden, sich zum Unterhalten doch auf meiner Terrasse zu treffen und ein Tässchen Kaffee zu trinken, erntete nur unverständliches Kopfschütteln und die Worte: "So mitten am Tag sitzt man doch nicht auf der Terrasse".

Dabei fällt mir ein, eigentlich sitzen die Südlichter seltenst auf ihrer Terrasse, denn am Samstag haben Sie ja keine Zeit wegen dem "schaffe" und am Sonntag geht man ja die nahe Verwandtschaft besuchen um sich dort den Bauch vollzuschlagen. Essen im Restaurant ist übrigens verpönt, denn schließlich ist jede Südhausfrau selbstverständlich die perfekte Köchin, die jedes Gericht mit Leichtigkeit auf den Tisch zaubert. Dass sie deshalb am Sonntagmorgen vier Stunden in der Küche verbringt, fällt den meisten von ihnen wohl nicht mehr auf.

Also blickst du im Süden unserer Lande auf Häuser mit perfekt angelegten Gärten, supersauberen Autos, megaordentlichen Terrassen und vor allem auf Fenster mit allen Arten von Gardinen, die der Erdball zu bieten hat, denn Gardinen sind eminent wichtig für ein ordentliches Haus.

Gut, du bist ein Nordlicht und magst Gardinen nicht, dann beschaffst du dir Metallrollos, die zum einen gut aussehen und zum anderen ihren Zweck als Sichtschutz durchaus perfekt erfüllen. Was passiert? Wenn du großes Pech hast, so wie wir, bekommst du Besuch vom Bürgermeister deiner Gemeinde, der dich darüber in Kenntnis setzt, dass die Nachbarschaft sich über die unsittliche Fensterabdeckung beschwert hat und es nett wäre, wenn wir uns mit ordentlichen Gardinen doch bitte dem Ortsbild anpassen. Der Bürgermeister ist jung und grinst, aber trotzdem traut er sich mit sowas zu uns, obwohl im nächsten Monat Bürgermeisterwahlen sind.

Vorsichtiges Nachfragen in der Nachbarschaft ergibt dann aber, dass speziell eine Dame ihren Gatten mehrfach dabei erwischt hat, wie er im Garten stand und in unsere nicht ganz geschlossenen Rollos glotzte. Das bringt mein Weltbild doch wieder etwas mehr ins Lot, denn nun mache ich die Rollos extra nicht mehr zu und erleuchte doch gerne die Zimmer dahinter besonders hell. Irgendwann wird sie sich dran gewöhnt haben.

Soweit zum Kulturschock im Süden, der natürlich noch durch weitere Fortsetzungen zum Thema Beruf, Arbeitseinstellung, Speisen und Getränke usw. ergänzt werden kann und eventuell auch wird.

Eine Bitte noch an alle Nordlichter: Denkt immer daran, ihr seid die Neig'schmeckten, die eine gewachsene Kultur vorfinden. Auch ihr werdet und sollt diese Kultur nicht verändern!!!


© anonym 01