Gera
Sie starrte auf das Display ihres Handys in der Hoffnung, dass ihre Augen ihr eine Täuschung vorgaukelten. Das war nicht das, was sie jetzt zu lesen gehofft hatte. Das war ein Irrtum, ja, so musste es sein. Ein ganz banaler Irrtum. Eine andere Erklärung konnte es für diesen Schwachsinn, diese unglaubliche Form von einer Message gar nicht geben. !
"Was zum Teufel ist nur in ihn gefahren? " Dachte sie. Das war nicht der gleiche Mann mit dem sie noch am Abend vorher ein Telefongespräch ganz anderer Art geführt hatte. Zwischen ihnen war doch alles klar? Er hatte es ihr immer wieder gesagt. Voller Stolz, Liebe und Zärtlichkeit.
Es gab keine Halbwahrheiten mehr, sie freuten sich darauf, sich endlich zu sehen. Beide - oder hatte sie sich so sehr getäuscht? Hatte sie sich am Ende zum Narren machen lassen? Was hatte sie übersehen oder besser - überhört? Sie ließ in Sekunden von Bruchteilen ihre wenigen Gespräche noch einmal in Gedanken vorbei laufen. Da gab es diesen Hinweis... "Überhört, dachte Laura, einfach überhört. Natürlich, ich sah die heraufkommende Gefahr, aber ich hab sie überhört, nicht wahr genommen, ignorieren. Sagte doch immer Herr Krahl, der Englisch-Dozent, was ich nicht kenne oder nicht weiß, wird eben ignoriert. " Ja, so muss es wohl gestern abend gewesen sein! >>
Sie starrte noch immer auf das Display als hoffte sie, dass sich dadurch der Text verändern würde. Vielleicht kam ja noch eine nach? Eine, wie sie sie sonst jeden Morgen erhielt: "Gumo mein lieber Engel, eine neue Woche und die gleiche Sehnsucht, müssen eben noch tapfer sein. Wünsche dir einen schönen Tag-dad dein Bernd-www.t-online.de."
Wie sehr hatte sie sich daran gewöhnt! Manchmal hatten sich ihre Nachrichten getroffen, Laura lächelte bei dem Gedanken. Doch im gleichen Moment wieder stand sie wie versteinert und begriff überhaupt nichts. Vor einigen Minuten noch hatte sie ihren <Guten Morgen Gruß> erst versendet, versehen mit lieben Worten für den Tag, sie hatten ihre eigenen Abkürzungen, damit sie Zeilen sparten: so hieß d a d = denke an dich. Und h d l = hab dich lieb.
Von all dem stand hier aber nichts, ganz im Gegenteil! Die Antwort auf ihre sms war ein Schlag ins Gesicht. Sie verstand überhaupt nichts, nur so viel, dass er sie gar nicht verstanden hatte! Er schrieb: "Du hast recht, wir haben keine Zeit dafür, lass uns bitte Freunde bleiben, wenn du das jetzt noch kannst! Bernd" Was las sie da? ........Wieso Freunde? Hatten sich denn Freunde so lieb, dass sie Sehnsucht haben, die schon weh tat? Sind sich Freunde so nahe, dass sie sich schrieben, wo sie sich überall küssen würden, wären sie denn zusammen? Die ersten Gedanken, tippte sie ein: "Du hast mich völlig falsch verstanden! "
Die Gedanken von Laura überschlugen sich in Bruchteilen von Sekunden.
Langsam legte sie das Handy auf ihren Schreibtisch und ging aus dem Zimmer. Dieser Tag begann nicht wie sonst. Sie fühlte sich von einer aufkommenden Leere umgeben, die sie nicht das Geringste begreifen ließ.
Ausgerechnet jetzt musste er wieder frei drehen und ihr weh tun. Sie hatte schon so viel andere Probleme zu bewältigen, die ihr drohten über den Kopf zu wachsen. Er wusste das alles. Und trotzdem dachte er wieder nur an sich, suchte eine Lösung für sich, sie spielte dabei keine Rolle offensichtlich.
Ihre Augen wurden feucht und zugleich wurde sie ungeheuer wütend auf sich selbst. `Verdammt noch mal, wirst doch wegen dem Kerl nicht noch anfangen zu heulen!` dachte Laura bei sich. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal wegen eines Mannes weinte.
Ihr Weg führte sie ins Zimmer ihrer großen Tochter. "Mom, ist was passiert, du guckst so. ?"
"Ja. Er hat mich fallen lassen. Ausgerechnet jetzt. Hier, lies mal. Kannst du mir sagen, was das zu bedeuten hat? Ich verstehe kein Wort. " Laura stapfte unschlüssig im Zimmer hin und her. "Verdammter Mist! Er zieht mir den Boden unter den Füßen weg, ich weiß nicht, was ich machen soll. Verstehst du mich? " Jane starrte ihre Mutter an. Sie hätte ihr gern etwas Tröstendes gesagt, aber was? Es gab nur eine Erklärung für sein Verhalten......
" Mom, das ist die andere Alte, hundertprozentig, du solltest ihn vergessen. "
Das ihre Tochter vielleicht recht hatte, dieser Gedanke kroch unaufhaltsam in ihr Hirn und fraß sich dort fest. Aber warum um alles in der Welt tat ihr dann die Gegend um diesem gottverdammten Herzen so weh?
"Ich hätte ihn niemals so nah an mich heran lassen sollen. Meine Mauer war so perfekt, niemand konnte mir weh tun. Und ausgerechnet ihm gelang es, sie zu durchbrechen… " Laura wusste in dem Moment nicht mehr, ob sie wütend auf sich selbst, enttäuscht von Bernd war oder ob da der Schmerz über etwas Verlorenes sich breit machte. `Mein Gott, wielange ist es her, dass ich jemals für einen Mann so empfand? ´ Dachte sie. Aber im gleichen Augenblick wurde ihr schmerzlich bewusst, dass es nun völlig egal war, was sie empfand, wie stark ihre Gefühle schon waren. Es spielte nicht die geringste Rolle mehr. Denn er wollte sie nicht mehr, warum auch immer.
Sie stand am Fenster, gedankenverloren schaute sie hinüber zum Teich. Dort schwamm schon zu dieser frühen Morgenstunde ein Schwan - weiß und graziös, anmutig. Er schwamm ruhig ans andere Ufer und war bald schon ihren Blicken entschwunden.
`Bernd will mich nicht.` Er wird seine Gründe haben. Nein, diesmal würde sie nicht fragen, ihn nicht versuchen zu überzeugen, dass es falsch ist, aufzugeben, bevor man es probiert hat. Sie hatte viel gelernt, seit sie ihn "kannte", nie zuvor war sie derartig von einem Mann fasziniert wie von ihm. Nein, diesmal nicht. Sie hatte ihn immer nach seinen "Ausbrüchen" zurückgeholt. Sie dachte einige Wochen zurück. Im letzten November, genau am 11.11. war sie aus Langeweile und durch einen Zufall eher, in einen Chat geraten.
Sie hatte sich durch die Internetseiten geklickt und fand es zunächst nur Recht lustig. Sie las nur, was man sich so unterhielt, bis ein gewisser "lionheart6" äußerte, er käme aus Chemnitz. Nur daher sprach sie ihn an. Sie wohnte zwar nicht in Chemnitz, sondern in Weißwasser, aber das war immer noch näher als Hessen oder NRW oder wo auch immer die anderen Chatter her waren. Sie kamen schnell ins Gespräch, denn für Laura war es kein Problem, mit anderen, auch ihr völlig wildfremden Menschen zu plaudern.
Es war ein sehr angenehmes Gespräch, was sie führten und nach einer Stunde dann, fragte er sie, ob sie sich am nächsten Tag denn wieder im Chat treffen wollten..... Es dauerte nicht lange, bis sie feststellte, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Vor Weihnachten war das noch. Laura rechnete kurz nach, zwei Monate waren seit dem vergangen, sie wollte aussteigen. Viel zu weit hatte sie sich aus dem Fenster gelehnt. Ihre Gefühle fuhren ständig Achterbahn, sie würde die Kurve nicht mehr rechtzeitig bekommen. Sie schrieb ihm daher noch vor Weihnachten eine E-Mail. Darin teilte sie ihm mit, dass sie sich erst wieder melden würde, wenn sie den nötigen Abstand hätte. Zu dem Zeitpunkt glaubte sie, dass es so besser wäre. Womöglich war er sogar froh über ihre Entscheidung, da brauchte er sie nicht zu treffen. Sie erinnerte sich, wie sie am Rechner saß und ihm schrieb, was sie eigentlich nicht wollte, aber tun musste, bevor sie sich hoffnungslos in ihren Gefühlen verrannte, und es dann kein Entrinnen vielleicht mehr gab. Sie wollte ihm nicht weh tun. Aber sie tat es. Und was tat er? Natürlich genau das Gegenteil von dem, was sie erwartet hatte! Mit einigen sms holte er sie zurück. Schrieb ihr E-Mails und zu Weihnachten eine e-card. Diese elektronischen Karten zu allen möglichen Anlässen, welche man über das Internet verschicken kann. Es hat nicht lange gedauert, bis sie beide wieder das gleiche vertrauensvolle Verhältnis hatten, wie zuvor. Als wäre nichts gewesen. Ihre Beziehung bekam bis Silvester sogar noch mehr Intensität und auch das Gefühl verstärkte sich - aber diesmal auch auf beiden Seiten wie sie freudig feststellte. Noch jetzt hatte sie die sms von ihm gespeichert, welche er kurz vor dem Jahreswechsel sendete. Dort schrieb er zum ersten mal - "dein Bernd". Er war kein Mann, der seine Worte nur so daher sagte oder schrieb. Sie wurden sich noch viel näher im Laufe der Zeit. Und nun das.- Laura stand noch immer am Fenster.
Sie wusste nicht, wie lange. "Mom, du hast eine Nachricht. " Jane reichte ihr das Telefon. "Bist du in Ordnung? Ich muss los jetzt, komme sonst zu spät. " Sie schaute ihre Mutter fragend an, >> verdammt<<, dachte sie, >> es hat sie wirklich getroffen. Alles schwanzgesteuerte Dreibeiner! <<
Sie wurde bald sechzehn und hatte auch schon ihre ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. "Geh nur, Jane- musst dir keine Gedanken machen, ich komme klar. Habe wieder was gelernt daraus, das war`s nun, diesmal ist er zu weit gegangen. Ich akzeptiere seine Entscheidung, auch wenn ich es nicht verstehe.
Wenn ich es nicht mache, würde ich wohl irgendwann daran zerbrechen, aber das will ich nicht. Verdammter Mist, wieso konnte er mir nur so weh tun? "
Jane antwortete nicht, reichte ihrer Mutter stattdessen wortlos das Handy. Laura nahm es und Jane drehte sich zur Treppe und lief zur Tür, die bald darauf krachend ins Schloss fiel.
Laura las die Nachricht, sie war von Bernd - es tat ihr weh, das zu lesen, aber eigentlich war sie ja selbst schuld.Sie hätte die Kurve nehmen müssen, bevor das passieren konnte. Es lohnte nicht, weiter darüber nachzudenken, wenn nur endlich dieser Schmerz in ihrer Brust aufhören würde............
Achtlos legte sie das Telefon auf den Tisch und verließ das Zimmer von Jane.
Sie kümmerte sich um ihre jüngere fünfjährige Tochter, zog ihr die Sachen an und legte ihr die Zahnbürste zurecht. Sie schaute nach ihrem elfjährigen Sohn, aber er hatte die Wohnung schon verlassen. All diese Dinge tat sie, ohne sich darüber im klaren zu sein, was sie tat. Sie ging in die Küche und räumte das Frühstücksgeschirr ihrer Kinder in die Spülmaschine. Ihr war nicht nach essen und so nahm sie nur Kaffee mit Zucker und Sahne. Sie zwang sich, nicht mehr darüber nachzudenken, was ihn bewogen hatte, sich gegen sie zu entscheiden.
" Es ist, wie es ist-mehr gibt es nicht mehr zu sagen. "
Laura fuhr mit ihrer Tochter zum Kindergarten. Sie wendete, um in der Parktasche halten zu können und half der Kleinen aus dem Auto. "Mama, was ist denn heute für ein Tag? ", ihre Tochter sah sie fragend an. "Heute ist Dienstag, mein Spatz. ", Sie lächelte sie an und nahm ihre Hand, damit sie beim Treppensteigen nicht stolperte. "Mama, liest du noch vor, was gibt`s denn zu essen? " Ihre kleine Hand zeigte auf den Speiseplan, der gleich neben der Eingangstür angebracht war. Auch das las sie ihr noch vor, bevor sie dann Hand in Hand zur Garderobe gingen. Sie half ihr, die Sachen aufzuhängen und die Hausschuhe anzuziehen.
Als sie an die Tür zum Spielzimmer klopften, machte sich das Mädchen von ihrer Mutter los und lief zu ihren Freundinnen. Sie rief ihren Namen, da drehte sie sich noch mal zu ihrer Mutter um und winkte ihr zum Abschied. "Tschüß, Mama!" "Tschüß, mein Kind!", Antwortete Laura und ging langsam zur Tür. Sie lief zu ihrem Auto und stieg ein. Sie ignorierte den aufkommenden Schmerz in der Rückengegend und fuhr nach Hause.
Den Vormittag verbrachte sie damit, sämtliche Schreibarbeiten zu erledigen, die liegengeblieben waren. Aber irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Diese bohrende Frage nach dem <<Warum? >> Ließ sie einfach nicht zur Ruhe kommen. Sie hatte sein Bild auf dem Monitor, sie schaute ihn an, sah seine Augen, und in Gedanken zogen all seine Mails an ihr vorbei. "Verdammt, Bernd - Warum? " , Sie wusste, diese Frage blieb. Und unbewusst griff sie nach dem Telefon, sie schaute auf die Uhr und wusste, dass er jetzt Mittagspause hatte. Sie wollte eine Antwort, jetzt. Die junge Frau war sich sicher, sie würde nie mehr zur Ruhe kommen. und was hatte sie denn noch zu verlieren? Was ihr wichtig war, hatte sie nicht mehr, er sollte wenigstens so fair zu ihr sein, und es ihr erklären! So viel musste sie ihm doch wert sein. Sie tippte mit zittrigen Händen "Warum, Bernd? Warum, in drei Teufels Namen? Ich habe dir doch gar nichts getan, außer dich lieb zu haben. " Laura drückte auf senden.
Blieb die Frage, ob er überhaupt antworten würde. Wäre nicht das erste Mal, wie sie sich schmerzlich erinnern musste.
Doch, Bernd antwortete, "er konnte die Sehnsucht nicht mehr ertragen, die Sticheleien... er wollte es einfach nicht mehr. " So schrieb er. Also doch, seine Ex-Freundin - wenn es denn eine Ex war..... Wieso verstand sie ihn auch noch?
Ihr Rücken schmerzte immer mehr, bald schon gab es keine Sitzhaltung mehr, die sie ausprobieren konnte, um halbwegs schmerzfrei am Rechner arbeiten zu können. Jede abrupte Bewegung galt es zu vermeiden, denn eine Verschlechterung war dann mit Sicherheit die Folge. Diese Art von Schmerzen war ihr nicht unbekannt, sie ahnte, dass sie sich eine Entzündung zugezogen hatte. Blieb noch zu erraten, was es wohl diesmal sein könnte: entweder die Nieren - das wäre im aller ungünstigsten Falle - vielleicht auch die Eierstöcke, blieb noch ein Harnwegsinfekt als letzte Möglichkeit. Egal, was es war, es bereitete zunehmend unangenehme Schmerzen. Laura fluchte vor sich hin. Es gelang ihr immer weniger, diese Schmerzen und dieses dämliche Gefühl in ihrer Brust zu ignorieren.
Beides ging nicht.
Ihr war zumute, als zöge ihr jemand den Boden unter den Füßen weg. Das Gefühl, etwas zu verlieren, machte sich in ihr breit. Sie setzte sich wieder an ihren Computer, schaltete ihn ein und begann sich durch die Programme zu klicken. Laura musste irgendetwas tun, um sich abzulenken.
Sie tat es völlig ziellos, sie wusste überhaupt nicht, was sie da las. Vor Augen hatte sie nur diese Nachrichten von ihm. Es gab einfach kein Entrinnen aus diesem Teufelskreis. Ihre Finger waren kalt und ihr Gesicht war ganz weiß geworden, die Augen füllten sich zunehmend mit diesem salzigen Nass, das sie eigentlich mit aller Macht versuchte, nicht hervor brechen zu lassen.
Ihre Gedanken drehten sich, sie wollte damit aufhören, sie verfluchte ihre Weichheit, ihre Unfähigkeit, diese Dinge nicht so nah an sich heran zu lassen. Irgendwann stand sie auf, ging die wenigen Schritte zum Schrank und legte eine CD ein. Auch das tat ihr zweites Ich. Sie hätte später nicht sagen können, was sie ausgesucht hatte. Wahllos griff sie nach einer CD.
Erst als die Musik begann zu spielen, wurde ihr bewusst, was sie ausgewählt hatte- es war Bruce Springsteen "Tunnel of love". `Natürlich`, dachte Laura- `genau das hat mir jetzt noch gefehlt! Nun auch noch die Musik, die uns beide verbindet...... `Was, eigentlich musste denn noch geschehen? Ihr war kalt. Sie fühlte sich elend und die Musik tat ihr übriges, um sie noch melancholischer werden zu lassen.
Dennoch stand sie wie gelähmt am Fenster, starrte auf den kleinen Teich. Sie sah wieder den weißen Schwan - sie beobachtete, wie er den Kopf ins Wasser tauchte, so weit, dass von dem wunderschönen langen Hals des Tieres nur noch ein kleines Stückchen heraus ragte.
Wie sehr sie ihn jetzt beneidete! Er wusste nichts von den irdenen Schwächen der Menschen, die sich das Leben unnötig schwer machten. Könnte er denken und vielleicht sogar reden und wüsste er um die Dinge, die Laura im Augenblick bewegten, dann hätte er womöglich über so viel Unverstand nur mit seinem wunderschönem Kopf gewackelt. Laura lächelte plötzlich----gern würde sie mit ihm darüber reden! Mein Gott, war sie denn jetzt völlig durchgeknallt? Gab es denn nun gar kein Entrinnen mehr? Ein Schwan, mit dem man redete - etwas Verrückteres ist wohl kaum vorstellbar. Aber er hatte es leicht. Gefiel ihm das Weibchen, umwarbt er sie und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Er beschützte sie, ließt ihr die dicksten Happen... - all das tat er aus reiner Hingabe. Und wenn es so etwas ähnliches wie Liebe zwischen den beiden gibt, dann ist diese so groß und mächtig, dass nichts sie erschüttern kann. Er würde alles für sie tun-einfach alles. Sie gegen jeden und alles verteidigen, niemanden an sie heranlassen, der ihr etwas böses wollte.
Unbewusst beneidete Laura in diesem Moment das Schwanen - Weibchen. Sie war wenigstens nicht so allein.....
Sie bewunderte diese Tiere, am schönsten fand sie es, wenn sie sich in die Luft erhoben und mit weiten Schwingen über ihr Haus hinweg flogen, um dann sicher und sanft im See zu landen. Diesen Anblick genoss sie jedes Mal aufs Neue.-
Laura hatte Fieber und unendliche Schmerzen. Es gab keine Stelle ihres Körpers, die nicht mehr weh tat. Sie konnte nicht mehr klar denken, fror wie ein Himmelhund - auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie denn ein Himmelhund fror- jedenfalls hatte sie Schüttelfrost. Lag im Bett und bekam von den Schmerzen einen Kreislaufkollaps.
Als der Arzt kam, registrierte sie es nur noch im Unterbewusstsein..... sie hatte Albträume, lag schweißgebadet in ihrem Bett wollte am liebsten sterben. Sie fühlte sich elend. Und sie dachte an Bernd, immer wieder besuchte er sie in ihren Träumen.
Das Treffen, was sie sich beide mal wünschten, es wäre fast Wirklichkeit geworden. Aber nun war alles anders- er hatte den Kontakt abgebrochen.
Lauras Rechner blieb aus, sie war nicht in der Lage........
Zwei Tage lang verließ sie nur zur Toilette das Bett. Es kam auch keine Nachricht mehr von ihm. Also, warum hätte sie sich die Mühe machen sollen?
Ihr war alles egal geworden. Vom Fieber geschwächt, körperlich wie auch seelisch, fand sie keinen richtigen Lebensmut mehr. Am dritten Tag dann, sah sie das Handy aufblinken - es kam eine Nachricht an, es stand auf lautlos und vielleicht hätte sie es auch übersehen und die sms erst viel später bemerkt. So aber schaute sie nach - es war Bernd.
Ihr Atem beriet ins stocken, ihre Gedanken verloren die Richtung. Sie zögerte noch, die Kurznachricht zu lesen. Lara hatte beschlossen, abzuschließen, mit ihm - mit ihm, den sie liebte und der dennoch unerreichbar für sie war. Was wollte er denn noch? Soll er sie doch in Ruhe lassen! Am liebsten hätte sie es gegen die Wand geschleudert... sie verspürte Wut in sich hochsteigen- sie las: >>Verdammt- ich liebe dich auch...... << ----
Die Autobahn war vollgestopft. Sie kam von Richtung Ulm, sie hatte ihre Schwester besucht - Bernd kam von Gießen. An der A4, hinter dem Hermsdorfer Kreuz, hatten sie sich ausgemacht, sich zu treffen.
Laura geriet in einen Stau, es schneite und sie hoffte, es würde sich bald alles normalisieren und der Stau sich möglichst schnell auflösen. Ausgerechnet jetzt! Konnte denn nicht einmal in ihrem Leben etwas glatt laufen? So kurz vor dem Ziel.... es war zum verzweifeln.
Immer wieder lagen irgendwelche Steine im Weg- warum es so war- nicht durchschaubar.
Das Handy klingelte- es war Bernd- er wartete bei Mc Donalds an der A4 bei Gera.
Es dauerte ewig, bis sie weiterfahren konnte. Endlich sah sie dann das Schild, nach dem sie die Autobahn verlassen musste, und nun sah sie auch von weitem schon das Mc Donalds Schild leuchten. Es war Februar, kalt, es schneite und sie dachte daran, dass er dort war, um sie zu sehen, er wartete schon über eine Stunde auf sie.....
Je näher sie kam, um so ruhiger wurde sie. Ihr schien es, als kenne sie ihn schon ewig, sie traf keinen Fremden mehr. - nein, er war ihr vertraut. Ihre anfängliche Aufregung wich der leisen Freude auf den Menschen, den sie so gern sehen wollte. Für den sie alles getan hat, um den sie sich bemüht hatte, wie noch nie zuvor in ihrem Leben..... sie hat gebaggert bis er seinen Widerstand aufgab, seine Angst überwand, hat ihm die Zeit gegeben, die er brauchte, um selbst den Wunsch zu haben, sie nun doch endlich sehen zu wollen.
Es war ein schwieriger, aber sehr liebevoller Weg.
Der junge Mann wartete geduldig. Er nutzte die Zeit und aß inzwischen eine Kleinigkeit.
Die Zeit verging nur langsam, er war ein wenig mehr aufgeregt, denn es kam auch immer mal der Gedanke bei ihm auf, wie es wohl sein würde, wenn sich herausstellte, dass sie sich doch nicht so sympathisch sind, wie sie dachten..... Sich schreiben und telefonieren waren nun mal was anderes als sich dann gegenüber zu stehen.
Sie hatten sich von innen nach außen kennen gelernt - nicht, wie es sonst üblich war, von außen nach innen. Sicher hatte er auch schon andere online- Kontakte, aber er war nie vorher mit einer Frau so weit gegangen oder gekommen wie mit Laura. Er dachte an sie und rief sich ihre Bilder ins Gedächtnis - ob sie wohl wirklich so aussah?? Er lächelte still vor sich hin und musste an ihre hartnäckige Art denken, mit der sie ihn stets zurück geholt hatte. Was hatte sie nur an sich? Wie oft wollte ich es knicken, ja sie regelrecht los werden! - Und dann, wenn sie bereit war, es zu akzeptieren, konnte er sie nicht gehen lassen, dann vermisste er sie. Von ihr fühlte er sich verstanden, sie fing ihn auf, wenn es ihm schlecht ging, sie machte ihm jedes Mal Mut, wenn ihn wieder Depressionen einholten. Immer, wenn er mit diesem gottverdammten Leben nicht zurecht kam, war sie für ihn da gewesen. Er dachte daran, wie oft er ihr weh tat - doch sie ließ ihn trotzdem nie fallen. Nun endlich würde er sie sehen... er hatte ihr den Vorschlag gemacht, und sie war sofort drauf eingegangen... sie müsste gleich da sein, nach ihrem letzten Anruf zu urteilen.
Ja, es war eine gute Entscheidung, die er traf. ` Es wäre unmöglich gewesen, jemals zur Ruhe zu kommen, wenn ich sie niemals hätte wirklich sehen können...` - dachte er.
Er sah hinaus in die Dunkelheit hinüber zum Parkplatz, den er von seinem Platz aus gut einsehen konnte. Das Fast Food Restaurant war ganz gut besucht - er sah auf die Uhr- es war viertel nach sechs, sie müsste jeden Moment kommen...... Unruhig geworden spähte er zum Parkplatz hinüber und da sah er einen VW Golf einbiegen, sah die Silhouette des Fahrers. Er erkannte im selben Augenblick, dass es eine Frau war, und im Bruchteil einer Sekunde wusste er, dass sie es war...... die Frau, auf die er so lange gewartet hatte, die Frau, in die er verliebt war, für die er all seinen Mut zusammengenommen hatte, um sie zu sehen.
Er stand auf und ging mit gleichmäßigen Schritten zur Tür.
Laura fuhr auf den Parkplatz und blieb wie selbstverständlich neben dem silbergrauen Peugeot stehen, sah das Nummernschild und begriff, sie hatte ihr Auto unbewusst neben seinem geparkt....
Sie stieg aus dem Wagen und griff sich dabei ihren Mantel vom Beifahrersitz...... noch bevor sie ihn sich anzog, sah sie ihn kommen...... er kam direkt auf sie zu, er muss sie gesehen haben, als sie auf den Parkplatz einbog........... nur noch wenige Schritte brauchten sie - ihr kam es vor wie ein Traum und zugleich auch so selbstverständlich. Er war ihr vertraut, sie erkannte ihn so wie er auf den Bildern war- es gab nichts fremdes zwischen ihnen, nichts, was sie entfernt hätte - nein, es war so, wie es sein sollte, aber nur sehr selten ist. Der Funke sprang sofort über, ihre Herzen begannen einen Takt schneller zu schlagen. Sie sahen sich eine Sekunde lang an, dann umarmten sie sich. Bernd hielt sie nur fest, er spürte, wie sie zu zittern begann, es war die Anspannung, die nun mit aller Macht in ein nicht enden wollendes Gefühl überging. Sie nahmen sich auf - ihren Duft, ihre Stimme, ihre Blicke trafen sich und beide wussten, es gab kein Zurück mehr. Es war das, was beide so sehr vermisst hatten, was sie im Leben gesucht hatten, bis dahin niemals fanden und erst jetzt in diesem Augenblick sich so nahe waren, wie sich nur selten die Menschen kommen.
Ihre Seelen trafen sich, verschmolzen miteinander und beide spürten nicht, wie die Kälte des sich mit letzter Kraft aufbäumenden Winters versuchte, Besitz von ihnen zu ergreifen. Ihre Herzen waren warm und sie hatten sich endlich und nach so langer Zeit und nach all den Schwierigkeiten nun doch noch gefunden - nur das zählte für sie.
Er hielt sie ganz zärtlich und doch so fest, als ob er Angst hatte, dass sie gleich wieder gehen könnte- jetzt, wo er sie endlich sehen konnte, ihren Duft aufnahm, ihre Wärme spürte.
>>Ich hab dich kommen sehen und ich hab dich am Profil sofort erkannt.<< sagte Bernd. Laura sagte nur: >>Endlich, ich hab so sehr darauf gewartet, es mir gewünscht und vorgestellt - du bist genauso, wie ich es mir erträumte, Bernd!<<
Darauf mit Worten noch zu antworten, wäre fehl am Platze gewesen und so tat er, wonach ihm der Sinn stand und küsste sie zärtlich. Es dauerte eine Weile, bis sie sich in die Augen schauen konnten, so sehr schon überkam sie dieses nicht enden wollende Gefühl der bedingungslosen Liebe. Alles um sie herum versank für kurze Zeit- nichts von der rauen Wirklichkeit war noch irgendwie von Bedeutung für die beiden jungen Menschen, die eigentlich schon fast in der Mitte ihres Lebens angekommen waren, die die Höhen des Lebens bereits kennen gelernt hatten und mit noch mehr Enttäuschungen klar kommen mussten.
Doch all das zählte in diesen Sekunden nicht. Und jeder, der vorüberging, wäre niemals auf die Idee gekommen, dass die zwei sich an diesem Abend zum aller ersten Mal in die Augen sahen.......
Sie zitterte immer noch ein wenig, aber noch spürbar für ihn, daher drückte er sie noch fester an sich und strich ihr liebevoll übers Haar. Schon lange nicht mehr hatte er sich so wohl, so angekommen gefühlt.
Laura ging es nicht anders----- das war es, was sie wollte.
Ihn wollte sie, so wie er sie wollte..............
Das Wochenende, was sie beide verbrachten, war unvergesslich. Nie zuvor erlebten sie eine solche Macht von Gefühlen, nie zuvor waren sie einem Menschen näher gewesen, als in diesen Stunden....... es schien, als gäbe es nichts, was sie auseinanderbringen könnte.
Sie hatten sich gefunden, sie fühlten eine übergroße Liebe, eine Liebe, die alles überbrücken würde, eine Liebe, die allen Schwierigkeiten zum Trotz alles überdauern würde.....
Egal, was die Realität des Lebens noch bringen würde.
------------Doch dann kam alles ganz anders.......... -----------