Ort:  Gießen

Linda und Jana (Anonym)

ach hütte und nackt (Schnapp)


Linda und Jana

für Matthias

Gießen-Bahnhof. Endlich da. Matthias holt mich ab. Er ist genauso nervös wie ich, das merke ich sofort. Wir sehen uns an, und wir wissen, dass heute etwas Besonderes passiert.

„Kommt Ihr auch aus Deutschland?“ hatte Linda uns gefragt. Genau die richtige Frage. Genau diese Frage war uns nicht eingefallen. Wir hatten uns schon die ganze Zeit überlegt, wie wir mit diesen beiden schlanken stahlblauäugigen wunderschönen blonden Mädchen ins Gespräch kommen können. Abends hatten wir mit Sonnenbrand im Appartement gelegen, Type O Negative gehört und gelitten, weil wir keinen Ausweg wussten. Und dann hatte es Linda, die ältere der beiden, selbst in die Hand genommen, uns angesprochen und ihre Schwester Jana zu uns gerufen. Von da an spielten wir zu viert Billard, hockten zusammen in der völlig beknackten Clubdisco und fuhren mit dem Boot raus auf´s Meer. Der Club in Tunesien, in dem nichts funktionierte und nichts schmeckte, wurde ein paar Tage lang zum Himmel auf Erden.

In Gießen unterwegs. Wir fahren in einen Supermarkt, schnappen uns einen Wagen und legen los. Weil wir so unsicher sind, kaufen wir fast das ganze Sortiment. Sechs verschiedene Sorten Schokolade, weil Jana einmal kurz erwähnt hat, dass sie „manchmal gern was Süßes isst“. Außerdem sieben verschiedenen Sorten Pizza, Schwarz- und Weizenbrot, Toast, Marmelade, Nutella, Käse, Joghurt, Milchreis, Tiramisu, Gummibärchen, Joghurt Gums, Lakritze, Weißwein, Rotwein, Bier, Wasser, Cola, Fanta und Multivitaminsaft. Das Beste ist, dass wir bei jedem einzelnen Teil, das wir in den Wagen legen, debattieren, ob wir es wirklich nehmen sollen. Sicher ist sicher, denken wir uns. Wir wollen keine Fehler machen. Wir sind Perfektionisten. Durch und durch.

Der Zug rollt ein. Sie steigen aus und begrüßen uns, lächeln. Wir tauschen ein paar Nettigkeiten aus, und sie folgen uns, setzen sich hinten in den Wagen. Matthias sieht mich an, und ich sehe Matthias an. Die Unsicherheit ist der totalen Panik gewichen. Was haben wir da bloß im Rückspiegel. Zwei Wunder in blond und ganz schwarz gekleidet. Hinreißend. Wir fahren los. Besichtigen eine Burg, machen Fotos. Abends essen wir beim Italiener, während die Tiefkühlpizzen zuhause im Kühlschrank vor sich hin frieren. Wir sitzen am Tisch, essen und erzählen uns Witze. Eigentlich langweilig. Aber der Anblick von Linda und Jana reicht uns schon. Was könnte es Besseres geben?

Nie denken wir ernsthaft daran, dass was laufen könnte. Es läuft auch nichts. Matthias liegt auf seinem Sofa, ich auf zwei zusammengeschobenen Sesseln, und die beiden Elfen schlafen im Bett. Es genügt uns schon, sie in langen T-Shirts durch den Raum huschen zu sehen. Die Mädchen schlafen, wir schlafen nicht.

Am nächsten Tag verabschieden wir die beiden am Bahnhof. Wir gehen zurück zum Auto, lassen uns in die Sitze fallen und atmen aus. Wie sehr ein Tag ein Leben verändern kann.

© Anonym


ach, hütte und nackt

wie lange noch
werden wir
unter unseren
untertassen stehen
und uns wundern

© Schnapp