Hamburg
Da ist die Elbe (Andreas Reikowski)
Kiel-Hamburg (Gilbert Dietrich)
Hamburg Jenischpark (Andreas Reikowski)
Cafe Lunatical (Sascha Conrad)
1995. Ich gehe über den Bürgersteig. Um mich herum mehr Sticker als Menschen. Sticker, die die Welt retten sollen, wenn es die Menschen schon nicht schaffen. Sticker, die die Menschen zum Glauben bringen sollen, wenn es die Kirche schon nicht schafft. In Gesichter einbetonierte grinsende Münder. Überall beste, allerbeste Laune. Und überall Lieder. Gitarren. Schalmeien. Mundharmonikas. Die Herde zieht umher. Sie alle erzählen sich, wie gut sie selbst und wie schlecht die anderen sind. Und fühlen sich danach erleichtert, fühlen sich befreit. Hosianna. Ja, wir sind gut. Und das reicht. Zumindest am Kirchentag.
In großen Gruppen schlendern wir durch die Stadt, so wie am Tag zuvor. Wir haben unsere Vornamen auf Kreppbandstücke geschrieben und auf unsere Pullis geklebt. Wir tragen bunte Zöpfe im Haar. Wir haben Reiseführer, Brustbeutel und eingepackte Brote in Tupperdosen dabei. Das Mädchen neben mir singt und versteht nicht, warum ich nicht mitsinge.
An einem Fotoladen bleibe ich kurz stehen, um mir ein paar Hochzeitsfotos anzusehen. Das mache ich eigentlich immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Ich lasse meinen Blick von einem Foto zum nächsten schweifen. Seltsam, dass sich viele Leute so ähnlich sehen, wenn sie heiraten. Vielleicht suchen sie nur sich selbst. Sie suchen Jahrzehnte, bis sie jemanden gefunden haben, der ihnen halbwegs ähnlich sieht und halbwegs ähnliche Marotten hat. Und dann heiraten sie.
Ich bin nicht verheiratet. Ich stehe nur hier in Hamburg in der weitläufigen Fußgängerzone und habe den Anschluss verloren. Die anderen sind verschwunden, sind wohl in die nächste Seitenstraße eingebogen. Ich höre sie aus der Entfernung lachen und singen. Als ich mich aufmachen will, um ihnen hinterherzulaufen, merke ich plötzlich, dass alles so viel besser ist, allein. Ich bleibe stehen. Das also ist Hamburg, spüre ich nun zum ersten Mal, seitdem ich hier bin. Hamburg. Die kühle Luft streicht mir sanft über die Wangen. Ich atme tief ein. Mein Kopf ist plötzlich ganz klar, und ich fühle mich frei und leicht. Ich könnte überall hingehen, das weiss ich in dieser Sekunde. Ich könnte ein Schiff nehmen und einfach verschwinden, für immer. Einfach alles zurücklassen. Alles loslassen. Irgendwo ganz neu anfangen. Diese Gewissheit ist atemberaubend. Ich verdanke sie Hamburg.
© Anonym
Es war auf einem Schulsportfest, und ich war ungefähr 14 Jahre alt. Irgendwie hatte ich mich zu den harten Jungs hinter die Turnhalle verirrt. Ein wenig abseits stand dieser Typ von dem ich bis zu diesem Tag gar nicht wußte, daß er raucht. Ich glaube niemand wußte das. Vielleicht hatte er auch gerade erst damit angefangen, keine Ahnung. Auf jeden Fall sah er verdammt cool aus, so als ob er mit der Kippe im Mundwinkel geboren wäre. Obwohl ich nie eine besonders ausgeprägte Sympathie für den Typ hatte gesellte ich mich zu ihm. Ich wollte selbst nicht abseits stehen und konnte dadurch auch erreichen, daß er sich durch meine Präsenz nicht mehr ganz so isoliert fühlt, das brachte Punkte.
Ich war in der Schule zwar nie besonders gefragt, aber im Laufe der Zeit konnte ich mich einigermaßen etablieren. In Englisch schrieb ich nur Einser, in Mathematik dafür einen Sechser nach dem anderen. Das schaffte den Ausgleich. Ich hatte gerade soviel drauf um das goldene Mittelmaß zischen Streber und Loser zu erfüllen. Als es mit den Markenklamotten anfing hab' ich mich rausgehalten. Wir hatten nicht das Geld und wenn wir es gehabt hätten hätte ich die Sachen nicht in der Schule angezogen. Aber ich hatte ein vorzeigbares Mountain Bike, und jetzt fing ich sogar noch an zu rauchen ohne jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen. Das hatte schon fast ein bißchen was von Clint Eastwood. Aber nur fast, und auch nur ein bißchen. Ein ganz kleines bißchen wahrscheinlich nur, wenn überhaupt. Aber immerhin.
Da war also diese Zweckgemeinschaft hinter der Turnhalle. Wir standen da, quatschten dummes Zeug und auf einmal bot er mir eine seiner Marlboros an. Aber nicht so wie es die anderen schon oft getan hatten. Vielmehr so, als ob man jemandem die Tür aufhält ohne sich nach ihm umzudrehen. Das war schon fast eine selbstverständliche Geste der Höflichkeit. Ich glaube er hätte in diesem Moment und in aller Zukunft nie auch nur ein einziges Wort darüber verloren wenn ich abgelehnt hätte. Er hätte das Päckchen wahrscheinlich einfach wieder eingesteckt und das wär's dann gewesen. Es mag bessere Orte und Gelegenheiten für die erste Zigarette geben. Aber wenn man sie heimlich hinter der Turnhalle von einem echten Raucher und nicht von einem der harten Jungs bekommen hat geht das doch auch in Ordnung, oder?
Da ist die Elbe, da ist sie ja. Sie bringt Wasser mit, das ich durchaus schon einmal gesehen haben könnte - in Dresden vielleicht? Ich weiß nun, wo sie ab dem Elbsandsteingebirge so entlangkommt und wie schmal sie in Wirklichkeit an manchen Stellen ist. Wo sie herkommt, weiß ich noch nicht persönlich, nur aus dem Buch, aber was ist ein Buch? Was ist ein Buch gegen das leise Gurgeln an den Gierfähren? Was gegen den Geruch, den nur die Elbe hat? Was gegen die Auwälder und die Ortschaften, was gegen den Himmel und das Moos auf den Stufen im Gebirge? Wie die Elbe ausgeht, was weiß ich, und das kann ich singen: Meerbreit geht sie aus, der Strom.
© Andreas Reikowski - clickfish
20:05
IC 607, 20:05 irgendwo zwischen Kiel und Hamburg erinnere ich mich an die gute alte Zeit (sagen wir zehn Jahre früher), als Laptops noch nicht so verbreitet waren. Der Mann, der damals mit seiner Mutter und seiner Tochter neben mir gesessen hätte, hätte keinen Laptop auf den Tisch zwischen die Sitze gestellt. Damals hätten wir nicht alle Rod Stewart hören müssen, nur weil sein Laptop mp3 files lesen konnte. Vielleicht hätte er einen Walkman benutzt. Bei dem lag nämlich der Reiz gerade darin, daß ich nicht hörte, was er hörte. Zwischen Kiel und Hamburg.
20:08
IC 607, 20:08 irgendwo zwischen Kiel und Hamburg erinnere ich mich an die gute alte Zeit (sagen wir zehn Jahre früher), als Laptops noch nicht so verbreitet waren. Der Mann, der damals mit seiner Mutter und seiner Tochter neben mir gesessen hätte, hätte nicht mit seiner Tochter auf den Bildschirm gestarrt und auf Knöpfe gedrückt, während seine Mutter ihm etwas von einer Bekannten erzählte, die an Dickdarmkrebs gestorben war. Damals hätte er vielleicht ihre Angst entdeckt, wenn er nicht Walkman gehört hätte. Zwischen Kiel und Hamburg.
20:18
IC 607, 20:18 irgendwo zwischen Kiel und Hamburg erinnere ich mich an die gute alte Zeit (sagen wir zehn Jahre früher), als Laptops noch nicht so verbreitet waren. Der Mann, der damals mit seiner Mutter und seiner Tochter neben mir gesessen hätte, hätte nicht mit seiner Tochter auf den Bildschirm gestarrt und auf Knöpfe gedrückt und seiner Mutter Antworten, wie "Ja?", "Ach ja?" und "Hhm" gegeben. Vielleicht hätte die alte Frau den beiden noch etwas zu sagen gehabt. Vielleicht aber hätte der alten Frau auch vor zehn Jahren niemand zugehört.
© Gilbert Dietrich - www.neeneenee.de/literatur
Ein Sonnenuntergang im Jenischpark im Hamburg an einem lauen Abend im Mai,
wenn die Wipfel der Eichen, erst von der verblutenden Sonne durchstrahlt, in dem Maße schwärzer und schwärzer werden, wie der blasse Himmel dunkler und immer dunkler wird, so dass es scheint, als würden die Schattenrisse der Wipfel einem riesigen Sägeblatt gleich den Himmel sanft, aber so unerbittlich zerreißen wie mein Herz, das in diesem Moment usw.
© Andreas Reikowski - clickfish
Das Mobilar ist schon ein wenig abgegriffen, der ganze Laden passt eigentlich gar nicht in dieses Viertel. Ringsrum nur Moderne und direkt gegenüber das größte Verlagshaus der Stadt, dahinter Passagen, Arkaden und die Kanäle. Dann kommt der Hafen und schließlich das Meer. Aber das kannst Du von hier nicht sehen. Es ist einer der Läden in denen sie ihre Mittagspausen machen. Ich nehme mal an, dass sie das tun. Ich war noch nie Mittags hier. Tagsüber herrscht hier rege Geschäftigkeit, doch wenn sie sich wieder in ihre Vororte verzogen haben lässt es sich aushalten. Graue Täler in der Nacht. Es gibt zu dieser Stunde nichts, was sich in ihren Fassaden verirren und sie mit Leben füllen könnte. Das Licht ist zu müde und der Schatten zu stolz.