Hamm
Und noch eine Stunde. Eine Stunde Verspätung. Eine Stunde Kälte. Eine Stunde
Hunger. Eine Stunde lang im Pulk. HEEEEEEEEEEYYY BABY. Laut. Mundgeruch. UH AH.
Dauerwellen. Alkohol. Karneval. Spaß. I WANNA KNOW OHUOHUO IF YOU BE MY GIRL.
Ich möchte nach Hause. Doch ich stehe in Hamm. Die Karawane zieht weiter,
singen alle immer. Jedes Jahr singen sie das. Aber hier stimmt es nicht. Hier
zieht sie nicht weiter. Hier steht sie. Bewegt sich keinen Zentimeter.
Stundenlang. Und ich mittendrin. Eine Karawane ohne Kamele. Aber eine Karawane
voller Frauen. Nichts gegen Frauen. Aber das hier sind keine. Das hier sind
Tiere, Wodkatiere sind das. Auf den gleichen Zug wie ich warten die Tiere. Und
bis er kommt, der Zug, werden die Wodkatiere um mich herum stehen und mich nicht
heraus lassen aus ihrem Rudel. SING DOCH MAL MIT, sagt ein Wodkatier zu mir. Und
wieder: HEEEEEEEEEEYYY BABY - UH AH - I WANNA KNOW OHUOHUO IF YOU BE MY GIRL.
Ich bin selbst schon fast betrunken, soviel Wodka habe ich inzwischen
eingeatmet, und ich denke nur noch, dass ich irgendwie rauskommen muss hier. Nur
weg. Flucht. Notfalls gehe ich zu Fuß nach Hause. Aber sie lassen mich nicht.
Sie halten mich fest. Ich bin gefangen. Bleibe da wo ich bin. Die Minuten
vergehen, die Stunde verstreicht. Der Zug wird angekündigt und rollt ein. Als
wir alle zusammen einsteigen, habe ich selbst eine Flasche Wodka in der Hand,
Konfetti im Haar und Luftschlangen um den Hals. Mit Rita und Margret habe ich
Brüderschaft getrunken. Vera und Anneliese haben mir ihre Telefonnummern
gegeben und ich ihnen meine.
© Anonym