Ort:  Heidelberg

Heidelberg-Weststadt (Felciatello)

Das Ding (Matthias Roth)


Heidelberg-Weststadt
Muse, Musebrot, Müßiggang

In welcher Straße der Weststadt läßt es sich am angenehmsten wohnen, wo stehen die eindrucksvollsten, schönsten Häuser, wo ist die grünalternative, linksliberale Szene am homogensten ?

Schwer zu sagen, denn so vielfältig wie die Baustile dieses im späten neunzehnten Jahrhundert und vorallem um die Jahrhundertwende entstandenen "besseren" Wohnviertels sind, so vielfältig dürfte auch der soziale Status seiner Bewohner sein.

Sicher ist dies der Stadtteil in Heidelberg mit den meisten Stimmen für die Grünen, die hier bei Wahlen die einfache Mehrheit haben, es gibt aber auch viel kleine Leute in Altbauwohnungen die noch eine Gemeinschaftstoilette im Treppenhaus haben, Häuser die in Blockbauweise ganze Straßenzüge füllen. Hier versteht man, weshalb die Weststadt auch als Musebrotviertel bezeichnet wird, oder besser wurde. Im Sinne eines Wohnquartiers in dem viele kleine Beamte oder sonstige Kleinbürger wohnen oder gewohnt haben, die sich angeblich viel von selbsthergestellter und deshalb billiger Marmelade (vulgo: Mus) ernährt haben sollen.

Der Grund weshalb dieser Stadtteil jedoch vorallem bei der zuerst genannten Szene so beliebt ist, sind die immer noch eindrucksvollen Villen mit großen Gärten, oder andere großzügige Häuser mit mehreren wunderbaren Altbauwohnungen, die heute leider oft zweckentfremdet werden. Beispielsweise von vielen Anwaltskanzleien ( die Gerichte sind in der Bahnhofstraße, die den Stadtteil zur Innenstadt hin begrenzt) oder auch Behörden oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen wie der Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer prächtigen Villa mit großem Park in der Häusserstraße.

Viel akademische Müßiggänger, ernsthafte Wissenschaftler, Lehrer, ergraute ehemalige Alternative und jetzige Bonvivants der früheren 68er
Szene, oder auch verbissene Grüne fühlen sich zu diesen bürgerlichen bis großbürgerlichen Häusern und Wohnungen hingezogen.

Deren Baustile reichen von echtem Jugendstil, über Neobarock, Neoklassizismus, Neorenaissance, Fachwerk usw., bis zum Neubau der Synagoge in der Häusserstraße, der entfernt an Richard Meyers Architektur erinnert.
Eine besonders eindrucksvolle Mischung der zumeist historisierenden Baustile ist in der relativ kurzen Goethestraße zu finden, die jedoch gerade unter der Mächtigkeit eines Teils des Synagogenkomplexes, der hier angrenzt, leidet.
Wer sich Zeit nimmt (45 min.) und Muse hat, kann sich einen komprimierten Eindruck von der Vielfältigkeit und dem Reiz der Weststadt verschaffen, indem er vom südlichen Ende der Sofienstraße aus durch die Gaisbergstraße bis zur Dantestraße, dann nach Westen über die laute Hauptverkehrsader Rohrbacherstraße b i s und dann Richtung Norden d u r c h die Häusserstraße bis zur Bahnhofstraße geht, schlendert, wandelt.

Er wird dann den nahen Wald riechen können, in manchen Gärten Feigenbäume und andere exotische Pflanzen sehen, an vielen Fassaden Jugendstilornamente, manchen alten gußeiserenen oder hölzernen Balkon, wunderschöne Erker und vieles mehr aus einer anderen Zeit entdecken und trotzdem durch kein Museum gehen, sondern durch einen lebendigen Stadtteil.

© Felciatello - Im Netz


Das Ding

In Heidelberg haben sie – es ist noch nicht lange her – wieder mal so ein Ding hingestellt, beim Hauptbahnhof, d.h. eine Firma hat es da hingestellt, direkt vor ihr Glas-und-Stahl-Foyer, also mitten auf die Straße, die darum auch darum herum verlegt werden musste. Die einen, vor allem die Auftraggeber und der Künstler, sagen, es sei ein Pferd, die anderen, zum Beispiel viele der am Hauptbahnhof ankommenden Touristen, meinen, es sei ein Huhn – klar ist: Es steht auf drei Beinen, schimmert oder glitzert, je nachdem, ob es regnet oder ob die Sonne scheint, wie Mutters Küche nach dem Sonntagsmahl, als alle hatten antreten müssen, sich den Fernsehnachmittag mit Fury oder Flipper und Kakao und Kuchen zu verdienen: in Edelstahl. Hin und wieder dreht sich etwas an diesem hohen Objekt, das weithin sichtbar ist, und manchmal blinkt es bunt wie ein Plastikweihnachtsbaum im Abendwind.
Wie das so ist in einer kleinen Stadt: Es bildeten sich bald zwei Fraktionen. Die einen halten es für Kunst, die anderen sind empört über so viel Kitsch an derart exponierter Stelle. Der Künstler, der hier sicher ungenannt bleiben will, hat sich viel dabei gedacht, wahrscheinlich etwas zwischen Urpferdchen und Computertechnologie, also im Grunde alles. Mir fiel nur auf, dass in Karlsruhe auch so ein Ding auf drei Beinen steht, vor dem Theater. Dort heißt es "Musengaul", ist weitgehend aus Holz und Bronze und hat einen riesigen Handfeger als Schweif, wird also durch eine originelle Sperrmüllnote akzentuiert. (Ob der dortige Künstler mit dem hiesigen identisch ist, hatte ich keine Zeit zu eruieren. Es ist auch einerlei: Denn entweder fällt ihm nichts Neues ein außer tierähnlichen Objekten auf drei Beinen, oder aber er hat die dreibeinerne Idee bei seinem Kollegen geklaut - beides spricht nicht für ihn.)
Mir ist das Heidelberger Pferd oder Huhn ziemlich wurscht. Es steht nun einmal da, zieht die Blicke auf sich und sieht manchmal, etwa wenn man von der Montpellier-Brücke herüber schaut, sogar ganz hübsch aus neben dem gläsernen Kubus der spendablen Firma. Ich steh' sowieso nicht auf solche hübschen Spielereien und denke, dass die so genannte "Kunst im öffentlichen Raum" sowieso immer irgend jemanden stört. Die einen lieben eben Tinguely, die anderen, und zu diesen gehöre ich, sagen: wenn schon, dann einen Richard Serra. Diesen Künstler mag ich besonders, schon aus dem Grund, weil selbst die New Yorker eine seiner stählernen Sperren bei Nacht und Nebel wieder abmontiert haben, so sehr fanden sie, dass seine Kunst im Wege steht, den Platz verschandelt, für den sie entworfen wurde, und dem Image der dort angrenzenden Firmen schadet. Genau das zeigt, dass es gute Kunst war: denn Kunst, die einem Firmenimage nicht schadet, ist Werbung. So wäre mir ein Serra gerade natürlich lieber gewesen: Kunst muss (ver-)stören, sonst ist sie Ornament und nützt nur jenen, die sich gerne damit schmücken, sie zu unterstützen, tatsächlich aber nur ihren eigenen Eventwert fördern. Doch dazu hat man ja noch nicht einmal in Berlin denn Mut, geschweige denn in Heidelberg, und nicht umsonst hat sich Serra von seiner Zusammenarbeit mit dem hier auch ungenannt bleiben wollenden Künstler des jetzigen "Mahnmals" zurückgezogen.
In Heidelberg also nun dieses Ding, ein herzliches Willkommen für jeden Besucher der Stadt, der aus dem Bahnhof kommt. (Dort steht neuerdings auch noch die Bronze eines Gepäckträgers – es ist von Vorteil, dass man sie leicht übersieht.) Doch in der leiblichen Stadt am Neckar gibt es noch mehr solche "Dinge" zu sehen. Ein hässliches großes Teil steht am Adenauerplatz. Ich liebe es, das sage ich gleich. Es ist hässlich, aber ich liebe es. Im Gegensatz zu all den anderen "Skulturen", die mir jetzt einfallen, in der Hauptstraße etwa, am Anfang der Unteren Straße oder am Kornmarkt, rauscht hier das Wasser aus der Höhe herab und verwandelt den ganzen Platz in eine Art Vordusche für sommerlich-staubgeplagte Stadtlungen. Im Winter stellt er seine Funktion ein, das ist der Nachteil. Aber von Mitte April etwa bis vielleicht Ende Oktober erfüllt er seine Aufgabe bestens.
Als ich noch von außerhalb mit dem Fahrrad in die Innenstadt fuhr, war der Brunnen am "Adi" der erste und notwendigste Stopp vor den staubtrockenen Gassen der Altstadt. Hier konnte ich wieder durchatmen, tief Luft holen, einen Augenblick entspannen. Wenn die Straßen glühen ist diese wasserspeiende Großplastik eine Wohltat. Ich hatte das Glück, den Konstrukteur Scheidhauer kurz vor seinem Tod persönlich kennenzulernen: ein kleiner, gedrungener, kahlköpfiger Mann mit Händen so groß und kräftig wie Bratpfannen. "Ich mag diese Pieselbrunnen nicht", sagte er mir damals, "die in der Stunde eine Tasse Wasser umwälzen: und an diesem Platz kann man nur etwas bauen, was das Klima im Sommer vollkommen verändert: Tonnen von Wasser müssen da fließen, dann tue ich etwas für die Menschen, die diesen Platz aufsuchen." So in etwa erklärte er mir sein Konzept. Ich bin noch heute froh darüber, auch wenn der riesige Stahlkoloss keine Schönheit an sich darstellt: Seine Idee war goldrichtig.
Für wasserlose Bildhauerei hat man in Heidelberg sonst wenig Sinn. Auch am Bismarckplatz steht ein Kunstwerk, das ein berühmtes Bildhauerpaar schuf: Mir ist es lieber als vielen anderen und vor allem lieber als der alte Bronzekopf vom alten Namensgeber des Platzes, der auch kräftig umpieselt wird, allerdings nicht vom städtischen Leitungswasser. Wer in Heidelberg ein Fan von Skulpturen ist, muss in die Höfe von Kliniken und Fakultäten der Universitäten gehen. So ist das in einer Stadt, die selbst zur Skulptur geworden ist, seit es Objektive gibt, durch die jeder schauen kann und die Alte Brücke, Schloss und Heiliggeistkirche ineins schnurren lassen: Ein romantisches Gesamtklischee, das kein Bildhauer übertreffen kann? Vielleicht fehlt ja doch nur ein Künstler, der so ein richtiges Ding da hinsetzt, so etwas wie den Sphinx vor die Pyramiden: Was wäre das eine heute ohne das andere?

© Matthias Roth