Hirschberg
Wehmut legt sich auf seine Stimme, als er ein leises Gebet vor sich hin sagt; mehr ein Versuch, zögernd und ohne rechte Überzeugung. Dennoch, zu einem vollständigen Vergessen hat auch sein endlos scheinender Weg nicht gereicht. Eine Kindheit, eine Idylle, so denkt er. Seine Großeltern, deren Grab er so selten besucht, hat er gemocht, ja, mehr als das, er hat sie geliebt. Sie waren es, die ihm die Idylle erträglich machten, die Vaterersatz und Mutterersatz waren, so gut sie es vermochten, die ihn verstehen ließen, warum die Welt aus den Augen der Einheimischen an einem Tag zu durchschreiten war.
Freundlich grüßen die betagten Damen, deren Männer ihnen schon lang vorausgegangen sind. Viel hat sich verändert, seit er sich das letzte Mal als Einwohner an diesem Ort heimisch gefühlt hat. Kaum junge Leute, so fällt ihm auf. Die einen hat es hinaus gezogen, zu entdecken, was es hier für den unbändigen Geist nicht zu entdecken gab; die anderen blieben - vor allem unter sich, daran haben auch die Touristen nichts ändern können. Er schmunzelt. Er gehört nicht zu denen, die geblieben sind, wenngleich er nicht freiwillig ging.
Mit den wenigen Blättern in der Hand, die er vom Grab aufliest, macht er sich auf den Weg zurück zum Wagen, seine Welt wartet schon ungeduldig. Noch einmal schließt er die Lider, beschwört die fröhlichen Bilder, die bei jedem Besuch zaghafter vor seinem geistigen Auge auftauchen, dann fällt das eiserne Tor des Friedhofs hinter seinen Erinnerungen knarrend ins Schloss.