Ort:  Horst

Zehn Jahre Horst

Zehn Jahre Horst. Heißt, seit zehn Jahren wohne ich in Horst. Eigentlich ist das kein Name für einen Ort. Schaut jemand in das Postleitzahlenbuch, dann findet er ein Horst nach dem anderen und weiß wahrscheinlich nicht, welches das gesuchte ist.
Wer aus einer Großstadt auf das Dorf zieht, erlebt vieles anders, erobert eine neue Erfahrungswelt und findet doch vieles Bekannte wieder. In Horst jedoch findet man Bekanntes, welches nicht mehr Platz in dieser Landkarte hat, da dieses Bekannte an bekannte und fremde Länder erinnert.
Namen sind es, die Assoziationen aus ihren Träumen erwecken. Namen der Nachbarorte sind es, die in ihrer Skurrilität Exotik verstäuben.
Fahre ich nach Osten, über Klein Offenseth-Sparrieshoop und Groß Offenseth-Aspern bin ich schon bald in Brande-Hörnerkirchen oder Bokholt-Hanredder. Im Norden hornt und reiht es gewaltig: Westerhorn, Lutzhorn, Osterhorn, aber auch Niederreihe und Oberreihe, während im Westen mystische und fremde Länder liegen: nach Himmel und Helle kommen Sommerland und Grönland. Kalt wird es im Süden: Sibirien, obwohl daneben Kiebitzreihe nach sommerlichem Vogelflug riecht.
So ist dieses Allerweltnamensdorf umgeben von fremd klingender Exotik, obwohl alle diese anderen Dörfer sicher auch in einer ähnlichen, das Jahr unterteilten Struktur leben. Zu dieser gehören in Horst der Weihnachtsmarkt, jedes Jahr am ersten Advent.
Das Besondere an ihm ist nicht das Allerlei, welches jeden Weihnachtsmarkt auszeichnet und unterschiedslos gleichstellt mit dem des Nachbardorfes. Das Besondere ist die eine Bude, an der es heißen Fliederbeersaft mit Rum zu trinken gibt. Diese Bude ist auch nicht mit den sonst obligatorischen Glühweinständen großstädtischer Weihnachtsmärkte vergleichbar, denn hier auf dem Weihnachtsmarkt findet das gemeinsame Trinken statt, was andernorts zu Erntedank oder zur Maifeier stattfindet. Und dann stehen die Horster dort am Stand, den Fliederbeersaft mit dem doppelten Schuss Rum in der Hand, und reden über die Verwandten und Bekannten aus Klein Offenseth-Sparrieshoop oder andere verwandte Orte, und fühlen sich dabei der Welt so nah.

© Cord Buch