Köln
Liebe Ilkes (Manfred Bischoff)
Karnevalistan brennt! (Christian Bartel)
Angewandte Wissenschaft (Toni Kalverbenden)
Die eigene Stadt - eine Wiederentdeckung (Myrite Maduse)
Köln, eine Weltstadt (R.Carlos und D.Beckham)
Das klingt wie ein Abschiedsbrief für mich. Du hast für Dich
Entscheidungen getroffen, den Zeitpunkt festgesetzt und dein unveränderliches Bild so wie
Du
es siehst. Daß dieser Brief ungeheuerlich ist, weiß ich, daß dieser Brief
mit all seinen Vorwürfen über 4 Seiten nur ganze 2 Sätze beinhaltet, in
denen
Du Dir selber einräumst Fehler gemacht zu haben, zeigt mir wie sehr Du
festhälst an Deiner Situation in der Du die Opferrolle einnimmst. Das
bestimmst ganz
alleine DU und nur DU. Ich bin nicht in der Lage Dich dabei aufzufangen.
Wenn Du Dich selbst nicht liebst, wie kannst Du jemand anders lieben? Wer
ist in
der Lage Deinen Erwartungen standzuhalten? Es ist sehr sehr schwierig für
mich (das habe ich Dir auch schon mehrmals gesagt) objektiv zu bleiben, zu
viele Gefühle kommen in mir hoch. Ich will und wollte Dich nie verletzen
...
(Deshalb nenne ich es Liebe zu Dir, aber auch Respekt, Würde und Achtung!!) Ich
habe mich sehr bewußt , obwohl ich Dich sehr vermißt habe, nicht bei Dir
gemeldet. Nur das war der Grund. Ich brauchte und brauche Abstand und Zeit
von
Dir, Deiner Krankheit, Deinen Vorwürfen. Du setzt mich so unter Druck... Es
ist
wahr daß Du überhand genommen hast in meinem Leben, ich meine damit die
Gedanken in meinem Kopf, die Situationen in denen ich auch mal die Sonne
scheinen
lassen wollte, und in mir plötzlich eine innere Stimme sagte: hey du
darfst
doch jetzt gar nicht glücklich sein, hey ilkes sagt du seist egoistisch,
weil
du immer nur an Dich denkst! Warum darf ich nicht mal an mich denken?
Warum
darf ich nicht glücklich sein? Ganz einfach, das ist mein Problem weil es
in
meinem Kopf stattfindet. Aber wie kommt es darein? Grundlos? ilkes, ich
habe
keine überirdischen Kräfte um es mit dem ganzen Planeten aufzunehmen, auch
wenn ich es manchmal gerne würde! Das hat aber nichts mehr mit
Freundschaft zu
tun. Freundschaft definierst Du so für Dich wie es Dir in Deinem jetzigen
Zustand reinpaßt und maßt Dir an, nach grad mal einer vergangenen Woche
Therapie
Konsequenzen zu ziehen . Was ist Zeit, und wir reden hier von einer Woche
wo
wir räumlich voneinander getrennt sind, in der Du in weiser Zuversicht
deine
(Trug-)Schlüsse ziehen kannst? Unsere Bindung beruht auf 12 Jahren.....
Warum
räumst Du nicht auch mir Zeit ein? Vielleicht brauche ich ja auch Zeit um
nachzudenken, alles sacken zu lassen was Dur mir an Gefühlsgranaten verbal
um
die Ohren haust, Tag für Tag seit Wochen, Monaten. Wenn Du schon meinst
Dich
mit Leuten über mich zu unterhalten: Du weißt ja wie arolinc so ist? Wer
verdammt noch mal hat das Recht sich anzumaßen, mich zu kennen? Hast Du
diesen
Leuten auch schon mal erzählt wie Du dich verhälst mir gegenüber? Glaubst
Du
ernsthaft mir die Verantwortung für alles zu geben, was Deiner Meinung
nach so
schief gelaufen ist? Meinst Du nicht ich habe auch Gründe für mein
Verhalten`? Warum wohl ziehe ich mich Zurück? Weil ich mir vielleicht
keine Gedanken
mache? Gerade weil ich mir (viel zu viel ) Gedanken mache und nicht alles
noch
schlimmer machen will. Du bist purer Egoismis ilkes! Und nicht nur das,
Deine Vorwürfe die Du mir entgegenbringst sind garantiert auch ein Teil
deines
Krankheitsbildes. An dem Du jetzt arbeitest, nicht nur du stellst alles in
Frage. Auch ich beschäftige mich sehr intensiv mit solchen Dingen sowie
mit mir
selbst, und das weißt Du verdammt nochmal ganz genau. Mit sich selbst,
bedeutet auch mit sich selbst, allein! Aber es ist halt auch eine
Lebenskunst die
Lebenslüge aufrecht zu erhalten und eine Form von Einsamkeit, für die
jeder
selbst verantwortlich ist. Auch ich bin einsam, aber es ist wichtig mit
seiner
Einsamkeit allein zu sein, und eine Kunst es genießen zu können. Wie sehr
muß
man sich dafür hassen, nicht geliebt zu werden? Auch ich möchte geliebt
werden, aber nicht für das was ich mache (Opfer bringen, immer für wen
anders da
zu sein) sondern für das was ich bin, und das scheinst Du vollkommen zu
übersehen. Was Du da gerade durchmachst ist vielleicht eine Chance für
Dich, aber
sieh daß Du es bist, die zerstört, nicht nur Dich selbst sondern auch
Freundschaften. Ich bin greifbar für Dich, ich bin aber nicht
verantwortlich für
dich! Irgendwo bin auch ich zu weit gegangen, ich dachte ich hätte die
Stärke für
jeden Punch, jeden Tritt mitten in die Fresse, weil ich denke daß es das
auch immer noch wert ist. Ob es für mich gut ist, darüber habe ich niemals
nachgedacht. Immer für andere da sein, mindwise, fuck mir geht's dabei
schon lange
nicht mehr gut! Das ist der gröbste Fehler den ich mir vorwerfe! Deinem
Drang nach Aufmerksamkeit, besser gesagt Deine krankhafte Vorstellung
diese bei
Menschen hervorzurufen ist mit dem was Du in deiner eigenst geschaffenen
Hölle
in der Du Dich mit Deiner Sucht nach Essen und der Auseinandersetzung mit
dir selbst hingibst für einen Menschen wie mich durchschaubar nicht aber
durch nötigen Abstand und Objektivität zu rechtfertigen. Du bist unfair! Dafür
sind
keine Freunde oder Beziehungen konzipiert, dafür gibt es professionelle
Hilfe, die Du ja bereits in Anspruch für Dich nimmst. Anstatt mal ein paar
Wochen
ins Land ziehen zu lassen und schritt für Schritt an Dir zu arbeiten,
kommst
Du einfach daher schreibst mir diesen Zeilen
Auch wenn es im wirklichen Leben nicht einfach war, diese Zeilen an mich zu schreiben, so sind sie dennoch da und das muß ich akzeptieren, ob ich es jetzt negativ oder zukunfsschauend betrachtet nur positiv sein kann. Gewisse Lebenserfahrungen habe ich ja bereits und versuche aus meinen Fehlern zu lernen. Aus jeder Kacke resultiert was Positives, manchmal braucht es seine Zeit um überhaupt den Blick dafür zu haben, aber irgendwann ergeben viele Dinge einen Sinn. Es gibt sie, die Träume für die es sich zu kämpfen lohnt. Scheiß egal wie es um meinem Glauben momentan steht, ich glaube darum geht es jetzt nicht, ebenso will ich es jetzt nicht unnötig komplizieren. Du kümmerst Dich jetzt um Dich, und das ist gut so. Ich weiß was man Dir angetan hat und daß Eltern auch Dich gefickt haben, jeder von uns hat eine eigene Sichtweise, ob wir dabei auf´m Teppich bleiben oder nicht. Deine Freundin
© Manfred Bischoff
Brinkmann tanzt faithless, eines dieser
letzten lieder vor dem heimgehn. köln
tobt, probt einen aufstand, eine frau ruft Rolf Dieter
hinter ihm her. er nimmt sie mit, er nimmt sie
wirklich ein stück mit und überlegt es sich
dann anders. es ist fast tag in köln,
er probt im taxi einen abschied und die milde witterung,
die wieder gogogirls zum rheinpark lockt.
aber er überlegt es sich ganz anders und
Brinkmann setzt sich in den zug, es ist oktober,
herbst, zeitlos, und für dickliche mädchen
mit schulterlangen schwarzen schwarzen haaren
und riesig beknopften schwarzen mänteln
und langen lederstiefeln, schwarz, auch schwarz, natürlich,
unter einem umso kürzern rock, dazwischen: nichts
als nylonbestrumpftes fleisch, für die ists auch
wieder zeit. sie wackeln durch die stadt und winken
ihm fröhlich zu. eine ruft Rolf Dieter
hinter ihm her und dann verschwindet er. westwärts.
© Crauss - Crausstrophobie
Eine Hommage an Peter Scholl-Latour
Mühsam bahnen sich die Landrover den Weg durch das zerstörte Land.
Immer wieder müssen meine Begleiter aussteigen, um größere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Halbausgebrannte Autowracks, eilig aufgestapelte Barrikaden und Bauschutt machen aus einer einfachen Fahrt eine stundenlange Tortur. Staub und Hitze sind unerträglich.
Seit wir den Posten der pakistanischen Blauhelme hinter uns gelassen haben, der die Grenzen des schmalen Einflußbereiches der Internationalen kennzeichnet, fahren wir durch verwüstetes Land.
Diese einstmals fruchtbare Hochebene, eine uralte Kulturlandschaft, zeigt nach den jahrelangen Kämpfen nurmehr ein trostloses Bild. Ich bin froh, mich wenigstens glücklicher Erinnerungen erfreuen zu dürfen, hatte ich diese doch eigentlich so reizvolle Region noch in friedlicheren Tagen besuchen können.
Vor meinem geistigen Auge erwecke ich die kahlen Flächen mit den verbrannten Stümpfen wieder zu blühendem Leben, als lange Reihen fruchttragender Apfelbäumchen von Geschäftigkeit und Prosperität kündeten. Damals hatte ich Land und Leute kennen und lieben gelernt, seine stolzen und gastfreundlichen Männer, die anmutigen und sittsamen Frauen, ihre prächtigen religiösen und weltlichen Feste und nicht zuletzt die reichhaltige und schmackhafte kulinarische Tradition.
Nichts von alledem scheint mehr vorhanden in dieser todgeweihten Mondlandschaft, die farbenfrohe und lebendige Volkskultur dieser Gegend ist dem entsetzlichen Einerlei zeitgenössischen Kriegsgerät gewichen.
Die Dörfer, die wir passieren, scheinen ausgestorben, die Fenster sind vernagelt. Sandsäcke und Wälle schützen die Eingänge der Häuser. Eingänge, die einstmals jedem Fremden offenstanden, wie es der traditionelle Ehrenkodex den Einheimischen gebietet.
Menschen sieht man kaum auf den stark beschädigten Straßen, nur ein paar alte Frauen huschen ängstlich an die Hauswände gedrückt umher, schwer beladen mit großen Bündeln dürrer Zweige, dem einzigen Brennstoff dieser armen, notleidenden Menschen.
Nach langer Fahrt halten wir an. Ein Panzerwagen erwartet uns. Furchteinflößende Burschen mit mißtrauischen Mienen untersuchen akribisch unsere Landrover. Mir wird zu verstehen gegeben, daß ich mich einer Leibesvisitation zu unterziehen hätte. Barsch befiehlt mir ein junger Milizionär im blauen Waffenrock, die Hände aufs Wagendach zu legen. Nicht eben sanft klopft er meinen Körper ab.
Argwöhnisch dreht der junge Mann mein Diktiergerät in den Händen; er schaut mich finster an. "Presse" sage ich und versuche zu lächeln.
Da lächelt er seinerseits und nickt. Trotzdem denkt er nicht daran, mir mein Arbeitsgerät wieder auszuhändigen. Mit einer achtlos wirkenden Handbewegung schleudert er es zu Boden, zieht lässig die Pistole hervor, die hinter seiner Gürtelschnalle steckte und feuert auf das Gerät. Von der Wucht der Projektile aufgepeitscht, vollführt es einen Veitstanz auf der staubigen Piste. Nach dem dritten Treffer bricht es vollends entzwei.
Ich fröstele. Zu sehr gemahnt die Haltung des Mannes und die mörderische Routine seiner Handgriffe an den Ablauf der nicht eben seltenen spontanen Hinrichtungen, mit denen die jungen Milizionäre Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung verbreiten.
"Peilsender" begründet der Soldat die Exekution meines Diktiergerätes. Ich wage nicht ihm zu widersprechen. Die Demut des Unbewaffneten.
Meine Begleiter, die ebenfalls gefilzt wurden, streben mit grotesk verlangsamten Bewegungen aber dennoch in sichtbarer Eile den Fahrzeugen zu. Kein Wort des Abschieds fällt, als die Landrover davonbrausen.
Nachdem man mir einen Sack über den Kopf gezogen hat, verfrachtet man mich auf den Panzerwagen, ein vorsintflutliches Modell aus russischen Beständen, das wohl noch der rote Stern geziert haben mag.
Angst steigt in mir hoch. Es kommt mir irrsinnig vor, daß ich wochenlang darauf hingearbeitet habe, mich in die Gewalt dieser Männer zu begeben, die nicht zu Unrecht im Ruf zügelloser Gewalttätigkeit stehen. Daß ich ein Vermögen gezahlt habe, um mich in diese verödete Steppe bringen zu lassen.
Der Motor des schweren Gefährts heult auf, holpernd setzen wir uns in Bewegung.
Die Besatzung des Panzerwagens schweigt, auch untereinander wird nicht geredet. Ich getraue mich nicht, dieses Schweigen zu brechen. Nach wenigen Augenblicken versinke ich in zeitloser Versenkung. Ich bin allein in absoluter Finsternis, die Welt um mich herum scheint nicht mehr zu existieren. Nach all den Bildern der Verwüstung und Barbarei scheint mir die Schwärze der Nichtexistenz fast friedvoll. Bitter muß ich jedoch eingestehen, daß der Friede des Todes, die Grabesstille die einzige Erlösung für die Bewohner dieses apokalyptischen Reiches des Krieges ist.
Die Fahrt dehnt sich endlos, mein Zeitgefühl hat mich schon längst im Stich gelassen. Und doch scheint mir, daß das schwere gepanzerte Fahrzeug die unwegsame Strecke schneller und müheloser bewältigt als unsere Rangerover. Angehalten haben wir bisher zumindest noch nicht.
Langsam kehren meine Lebensgeister, mein Optimismus wieder zurück. Die Professionalität des Kriegsberichterstatters hält Einzug:
Die wochenlange Arbeit war also doch nicht umsonst. Nach all den mißlungenen Anläufen, den zahlreichen Fehlschlägen der Kontaktaufnahme, nach zahlreichen Auseinandersetzungen mit zwielichtigen und geldgierigen Mittelsmännern scheine ich endlich das Ziel meiner Bemühungen zu erreichen.
Ich bin auf dem Weg zum Feldkommandanten der Blauen Funken.
Der Mann ist eine Legende, fast ein Phantom. Es existieren nur eine Handvoll unscharfer Fotos, denn im Gegensatz zu anderen, viel unbedeutenderen warlords scheut er das Licht der Öffentlichkeit. Kein Journalist hat ihn je zu Gesicht bekommen. Pressekonferenzen und Interviews gibt er, wenn überhaupt, nur via Satellitentelefon.
Niemand kennt seinen wirklichen Namen, bei Freund und Feind wird er nur "der Kommandant" genannt, eine erstaunliche Huldigung in dieser an "Kommandanten" bei Gott nicht armen Region. Um Dokumente zu unterzeichnen oder in öffentlichen Ansprachen benutzt er den Namen Heinz-Maria Impekoven. Es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, daß dieser nom de guerre sein Taufname ist, zu eindeutig sind die Anleihen an zwei der prominentesten Märtyrer der Blauen Funken: Heinz-Maria Mettmann und Pitter Impekoven.
Der Feldkommandant versucht offensichtlich, den Ruhm der Kriegshelden in seiner Person zu vereinigen. Die kalte Intelligenz des Strategen Mettmann und die gewaltige Durchschlagskraft des Berserkers Impekoven - das will der Feldkommandant Impekoven verkörpern.
Feldkommandant Impekoven läßt Taten für sich sprechen, die unaufhaltsame Ausbreitung der Blauen Funken, die Offensive der letzten Monate trägt tatsächlich die Handschrift eines exzellenten Strategen. Eines kühlen Planers, der Skrupellosigkeit, ja Fanatismus mit Realitätssinn und Augenmaß zu verbinden weiß.
Unbedeutend waren die Blauen Funken nie, sie sind gewissermaßen eine der seltenen Konstanten in der blutigen Chronik des Konfliktes. Und doch haben sie unter der Ägide des Kommandanten eine deutliche qualitative Steigerung erfahren. Die Truppen wirken weitaus disziplinierter, Eigenmächtigkeiten werden nicht mehr geduldet. Zahlreiche lokale Führer der Blauen Funken mußten Verstöße gegen die neuen Direktiven mit ihrem Leben bezahlen. "Da bin isch fies för" hatte der Kommandant verlauten lassen.
Die kleineren Verbündeten, ehemals unzuverlässige Bundesgenossen, die primär auf eigene Rechnung arbeiteten, wurden dem direkten Kommando Impekovens unterstellt. Das Damenkommittee Brühl 1864 e.V. dessen unangefochtenes Herrschaftsgebiet bis vor einigen Jahren noch bis an die Grenzen Sechtems reichte, verkündete sogar vor einigen Monaten die eigene Auflösung und unterstellte sich offiziell den Funken.
Es sickerte durch, daß Impekoven die Damen mit beträchtlichen Summen an sich gebunden haben soll, daß er aus dem bewaffneten Arm des Kommittees eine Prätorianergarde schmieden will, die einzig und allein ihm persönlich verantwortlich ist.
Impekoven dementierte nicht.
Auch hinter dem Massaker im Ramersdorfer Dorfkrug vermuten viele Impekoven als Drahtzieher. In diesem unscheinbaren Gebäude fand eine der schillerndsten Figuren der Karnevalskriege ein grausames Ende:
Prinz Klaus-Dieter XXVI., ein erfolgreicher Emporkömmmling; eitel, despotisch und skrupellos. Seine Legitimität war sogar in seinem eigenen Reich, der rechtssrheinischen Stammesföderation Li-Kü-Ra (Limperich-Küdighoven-Ramersdorf) Zeit seines Lebens nicht unumstritten.
Er hatte sich gegen den Willen der mächtigen Clans durchgesetzt, hatte geschickt die Animositäten zwischen den Wisskirchens und dem Kohlscheidt-Clan gefördert. Nachdem der Thronprätendent der Wisskirchens einem nie aufgeklärten Attentat zum Opfer fiel, schürte Klaus-Dieter Beerendonck, damals noch einfacher Rittmeister der Ehrengarde, die Anti-Kohlscheidtschen Ressentiments in der Stammesföderation und machte so die Einigung auf einen gemeinsamen Kandidaten unmöglich. Beerendonck forcierte einen Bruderkrieg, bei dem fast die gesamte männliche Linie des Hauses Kohlscheidt liquidiert wurde und präsentierte sich beim einfachen Volk als einzigen Ausweg aus der Misere.
Unterstützt von seiner Hausmacht in der Ehrengarde, die er durch Söldner aus dem ehemals niederländischen Utrecht aufstockte, holte der Rittmeister zum coup d´etat aus. Die niederen Schichten, die schon im jahrelangen Krieg gegen das Beueler Matriarchat der unverwüstlichen Nicole LXXI. hohen Blutzoll gezahlt hatten, ließen sich recht einfach gegen die rechtsrheinischen Granden mobilisieren: Klaus-Dieter XXVI. schien der langerwartete Silberstreif am Horizont zu sein.
Beerendonck krönte sich schließlich in einer Nacht-und Nebel Aktion selbst und ließ den Elferrat, den Rat der Alten, von seinen bewaffneten Söldnern zusammentreiben. Dieser sah sich vor die Wahl gestellt, entweder vom aufgepeitschten Mob gelyncht zu werden oder die Regentschaft Klaus-Dieters XXVI. zu bestätigen.
Hatte man dem Regenten seine mindere Abstammung noch zähneknirschend nachgesehen, hatte sie sogar stillschweigend akzeptiert, so bekam die Oppositionsbewegung gegen Beerendonck wieder Auftrieb, als erste Zweifel an der Rechtgläubigkeit des Prinzen aufkamen.
Als Pedro Garcia Gonzales, Redakteur der bekannten uruguayische Zeitung "Veridad" diesen Gerüchten nachging und auf einer spektakulären Pressekonferenz in Montevideo verkündete, er könne unumstößliche Beweise präsentieren, daß Beerendonck nicht nur westfälischer Abstammung sondern überdies evangelisch sei, kam es zur Eskalation.
Der Prinz setzte ein hohes Kopfgeld auf Gonzales aus. In einer zu trauriger Berühmtheit gelangter Büttenrede kündigte er an, " alle Feinde des Frohsinns mit eiserner Faust zu zermalmen", wo immer sie sich auch versteckten: "Und sei es auf Palmen", wie der unvermeidliche Reim auf diese kaum verhohlene Drohung lautete.
Er sollte, zumindest im Falle des P.G. Gonzales Wort halten, zur angekündigten spektakulären Veröffentlichung kam es nicht mehr. Die Schergen des Prinzen leisteten ganze Arbeit, sie sprengten nicht nur das Gebäude der "Veridad" in die Luft, sondern auch das Privathaus des Herrn Gonzales, wo sich dieser mit seiner Geliebten, der italienischen Opernsängerin Castafiore aufhielt. Ferner legten sie das Krankenhaus in dem Senora Gonzales als Kinderärztin wirkte und die Schule, welche die drei Buben Marco, Diego und Aristophanes Gonzales besuchten in Schutt und Asche. Eine Bombe im Friseursalon des Cousins väterlicherseits, Hiejo Xerxes Gonzales konnte rechtzeitig entschärft werden.
Die internationale Gemeinschaft reagierte prompt, der chinesische Präsident bezeichnete den entschlossenen Kampf gegen den Karnevalismus als "dringlichste und ehrenvollste Verpflichtung der gesamten Menschheit" und Beerendonck als "das bösartigste Krebsgeschwür des menschenverachtenden Karnevalismus". Die humanitäre Hilfe an die Stammesföderation wurde eingestellt, sämtliche Auslandskonten Beerendoncks eingefroren, das Rote Kreuz weigerte sich, den allsonntäglichen Zug zu begleiten.
Als die internationale Ächtung des Prinzen auch den Handlungsspielraum der als gemäßigt geltenden Karnevalisten zu beinträchtigen drohte, begann der Stern des Rittmeisters zu sinken. Der bedrängte Beerendonck, dessen Reich zuletzt nicht weiter als bis zur Hosterbacherstraße reichte, verschanzte sich schließlich mit den letzten Getreuen im Dorfkrug und drohte, die letzte der Patriot-Raketen, die ihm noch im ehemaligen Biergarten der Schänke geblieben war, mit selbstgezogenen Milzbrandbakterien zu bestücken.
Während eine internationale Delegation, angeführt vom irakischen Außenminister zu verhandeln versuchte, stürmte eine unbekannte Gruppe das Gebäude und richtete ein entsetzliches Blutbad an. Die Getreuen des Prinzen wurden füsiliert, der Herrscher selber wurde wie ein gemeiner Soldat im Kölschfaß ersäuft. Der ehrenvolle Tod der Selbstentleibung zur traditionellen Schunkelmusik, der nach dem strengen Moralvorstellungen der fasteloovenistas jedem närrischen Fürsten offensteht, blieb ihm verwehrt.
Neutrale Beobachter behaupten anhand der Taktik die Handschrift des "Kommandanten" erkannt zu haben, außerdem wollen finnische Journalisten nach geglückter Aktion Zeuge einer eine sogenannte "dreifach donnernde Rakete" geworden sein, die exakt dem überlieferten Ritus der Blauen Funken gefolgt sei. Filmaufnahmen existieren davon leider nicht, so war es ein Leichtes für den Kommandanten sich von dieser Aktion zu distanzieren und jegliche Beteiligung seiner Truppen zu dementieren.
Der Eindruck drängt sich auf, daß die Erstürmung des Dorfkruges vom Weltsicherheitsrat gedeckt wurde, zumindest konnten die Angreifer, die nicht nur die Patriot, sondern auch den vergoldeten Prunkwagen des Prinzen erbeuteten, in aller Seelenruhe abziehen.
Kurze Zeit später akklamierte eine Vollversammlung der Stammesföderation Li-Kü-Ra das Kinderprinzenpaar Kevin LXXI. und Deborah XII. zum rechtmäßigen Herrscherpaar. Bis zur Volljährigkeit der Tollitäten wird der Festausschuß des Elferrates die Geschicke der Föderation treuhänderisch leiten. Eben dieser Ausschuß wird aber von Männern dominiert, deren Schicksal auf die eine oder andere Weise mit dem des Kommandanten verbunden ist:
Friedrich Höhnscheidt ist mit dessen Tochter vermählt, Siggi Nettenkötter ein Kriegskamerad aus alten Tagen und Rudolf Hasenbrinck schließlich, ein schwerreicher Geschäftsmann, ist schon aus ökonomischen Gründen auf die Freundschaft und das Wohlwollen des Kommandanten angewiesen, will er seine einträglichen Geschäfte im Hoheitsgebiet der Blauen Funken fortsetzen.
Es ist also anzunehmen, daß Impekoven nun auch hier, in der ehemals unabhängigen Stammesföderation die politischen Geschicke wesentlich mitbestimmen dürfte, wenn auch vorerst hinter den Kulissen...
"Mer losse de Dom in Kölle, denn do jehöt de hin..." Das Radio wurde angedreht.
Die eigentlich so verträumte melancholische Volksweise, hier jedoch martialisch geschmettert von einem mit ohrenbetäubender Blasmusik unterlegtem Männerchor bringt mich jäh von den Verwicklungen internationaler Politik zurück auf den Boden meiner persönlichen Realität.
Die Musik verstummt, eine herrische Stimme tönt blechern: "Ein dreifach Donnerndes Kölle..." "Alaaf" röhren die rauhen Stimmen meiner Begleiter. "De Blauen Funken..." brüllt die Stimme. "Alaaf" tönt es zurück. "De Kommandant....", abermals ist ein kerniges "Alaaf" die entschlossene Antwort. " Heh is Radio Närrisches Kölle, de Kampf jeht wigge." dröhnt die Stimme. Jetzt wieder Musik, das trutzige Lied erklingt noch einmal.
"De Dom vun Kölle" das ist für den gläubigen Karnevalisten mehr als nur die traurig-wütende Erinnerung an das einstige Wahrzeichen dieser Stadt, das in der kurzen aber blutigen Regierungszeit der Protestantisch-antikarnevalistischen Front (zur Förderung des Hochdeutschen), PAKF(FDH) trotz der massiven Proteste aller drei Päpste und des weniger massiven Protestes der asiatisch dominierten UNESCO gesprengt.
"De Dom" ist das Credo dieser einfachen, aber aufrechten Menschen, die süße Verheißung des Rosenmontagszuges, des großen Zuges durch ganz Köln, von dem die Alten nicht müde werden zu berichten. Der Karnevalismus ist eben nicht nur, daß kann gar nicht oft genug gesagt werden, das obszön grausame Bomben und Morden fanatischer Terroristen, sondern gleichsam die geistige Lebensader dieses Landes, die jahrhundertealte Tradition dieser Region.
Hinter dem ohrenbetäubendem Lärm des scheppernden Radios lassen sich jetzt auch, leise aber deutlich, andere Stimmen vernehmen, eine Geräuschkulisse betriebsamer Geschäftigkeit. Wir scheinen uns dem Lager der Blauen Funken erreicht zu haben. Merklich verlangsamt der Panzerwagen seine Fahrt.
Meine zeitliche Orientierung hat mich, in der Dunkelheit meines textilen Gefängnisses, völlig im Stich gelassen. Ich kann nur Vermutungen anstellen, wie lange die Reise gedauert haben mag. Es mögen vier Stunden, es könnten aber auch acht Stunden gewesen sein.
Endlich halten wir an. Meine Begleiter helfen mir erstaunlich aufmerksam und hilfsbereit aus dem Wagen.
Immer noch von Dunkelheit umfangen, werde ich nun geführt. Ich zähle die Schritte, nachdem wir eine Strecke von ca. 150 Metern zurückgelegt haben, werde ich in ein Gebäude geführt. Es muß ein festes, wahrscheinlich aus Steinen erbautes Haus sein, die Akustik ändert sich schlagartig, meine Ohren registrieren die harten Begrenzungen von festen Mauern.
Mit sanftem Druck werde ich auf einen Stuhl bugsiert, und endlich, endlich nimmt man mir den Sack vom Kopf. Das Licht sticht mir in die Augen, nur langsam gelingt es mir, die Konturen meiner Umwelt wahrzunehmen, immer wieder verschwindet sie hinter Schleiern aus Tränen und Schmerz.
Ich sitze in einem kleinen fensterlosen Raum, schmucklos und karg möbliert: ein Stuhl ein Tisch. Eine Neonröhre an der Decke taucht den Raum in ein kaltes weißes Licht.
Ein Mann tritt auf mich zu, der reich bestickten Kappe nach zu urteilen, ein altgedienter, ranghoher Karnevalist, mustert mich kurz, salutiert zu meiner Überraschung und spricht würdevoll: "De Kommandant möß normal jleich do sin...."
© Christian Bartel - Hanebüchlein
Nach Köln. Eine Stadt mit Umlaut bitte. Ö- da wird´s anspruchsvoll. Undurchschaubarer als eine einfache Komposition wie Dortmund. Kürzer als ein weitentferntes Leipzig. Dort werde ich liegen. Mit ihm, auf ihm und neben ihm–mitten drin. In Köln.
isch han ne dicke ömmes op de schäl sick lije lasse, nit dat ed driss is he aber sischer ist dat ne fiere werd.
© Erdal - Wortgewicht
Der Saal war voll, die Bühne leer. Die Decke über ihm sah merkwürdig aus – wie eine riesige Torte, ja: mit Käse-Sahne überzogene Biskuits schienen die Decke zu bilden. Michael fielen die großen, an der Decke aufgehängten Stahlbalken auf, die wiederum Dutzende großer Scheinwerfer hielten. Irgendetwas Unsichtbares, von den weißen Wölbungen Verdecktes gab dieser hängenden Käse-Sahne-Torte ihre Stabilität. Michaels eingebauter Physiker meldete sich zu Wort und entschied sich kühl für Stahlbeton. Die Zugkräfte in der Decke wurden, wie er sich entsann, von den netzartig verflochtenen Armierungseisen aufgefangen, die Druckkräfte vom Beton, einem abgehärteten Gemisch aus Zement, Kies und Sand. Das Bindemittel Wasser war vor vierzig Jahren verdunstet, als man die Decke gerade frisch eingezogen hatte.
Der Gürzenich war aber viel älter. Er war – hier übernahm der Historiker das Staffelholz – rund fünfhundert Jahre alt. Vor der Betondecke war dort, das heißt, sicherlich viel tiefer, eine Holzdecke gewesen; lange krumme Eichenbalken hatten früher die Zug- und Druckkräfte aufgenommen und an die steinernen Außenwände abgegeben. Jene Eichenbalken, die die Erbauer des Gürzenichs im 15. Jahrhundert dort hochgehievt und mühsam eingesetzt hatten. Diese Eichenbalken – Michael sah sie förmlich vor sich, über sich. Sie waren krumm und von tiefen, klaffenden Spalten durchzogen, sie knackten jede Nacht, wenn sie sich in der Kühle etwas zusammenzogen. Sie trugen geduldig die Decke, als die Stadtschöffen unter ihnen überlegten, ob sich Köln der von Martin Luther ausgerufenen Reformation anschließen solle; als ihre Enkel im Dreißigjährigen Krieg mehrfach rechtzeitig die Seite wechselten, um zu verhindern, daß die Stadt vom nahenden Heer der Kaiserlichen, der Schweden oder Franzosen geplündert würde; als anderthalb Jahrhunderte später ein französischer Offizier unter ihnen das Kommando übernahm und die Köpfe der damaligen Stadtschöffen über dem Code Napoléon rauchten; als die rheinischen Liberalen, voran der Fabrikant Gustav Mevissen, ein Hoch auf Robert Blum ausbrachten, den tapferen Sohn der Stadt; als sie ihn ein halbes Jahr später betrauerten und ein Vierteljahrhundert später vergaßen; als Karl Marx dort den Mitgliedern des “Demokratischen Arbeitervereins” den Kapitalismus und den Klassenkampf erklärte; als Helene Lange eine flammende Rede über die schlechten Ausbildungsmöglichkeiten unverheirateter Frauen hielt und die Gründung des Kölner Frauen-Fortbildungsvereins anregte; als die Kölner Unternehmer beschlossen, für Bismarck in Bayenthal einen Turm zu bauen; als man im Ersten Weltkrieg draußen eine fünf Meter hohe Holzfigur aufstellte, den »Kölschen Boor«, und jeder patriotische Kölner gegen eine Spende für die arme Armee einen Nagel in den Bauern schlug; als man unter jenen Balken gegen den »Schandvertrag von Versailles« und die »Versklavung noch der Enkel« hetzte; als Hitler draußen vor dem Fenster dort eine Parade der frisch in Köln einmarschierten Wehrmacht abnahm und sich hier unter den Balken vielleicht einer still und bange fragte, wo das alles enden würde.
Schwarz und zerschrunden vor Alter waren sie doch noch elastisch genug, den Schlag abzufedern, als die Phosphorbombe dort, nahm Michael einmal an, bei den Scheinwerfern, die Bohlen der Decke und die darunter aufgehängten Holzkassetten durchschlug und ihre brennenden Phosphorspritzer auf den schweren Vorhängen, den altersbraunen Gobelins, dem klobigen Tisch und den zierlich gearbeiteten Intarsien des Wandschranks hinterließ. Man hätte das Feuer vielleicht noch löschen können, wenn Leute da gewesen wären, das zu tun, aber die Leute saßen kreidebleich in ihren Kellern und Bunkern und beteten, daß sie nicht getroffen würden; die Feuerwehr fuhr todesmutig aus, aber sie kam nicht bis hier durch, weil es überall ringsum genauso brannte. Die Eichenbalken bestanden zu neunzig Prozent aus Kohlenstoff, vermerkte der Chemiker in Michaels Kopf. In der Hitze, die der brennende Phosphor abstrahlte, lösten sich die Bindungen zwischen den Kohlenstoff-Atomen der Zellulose, die Kohlenstoff-Atome verbanden sich, jedes für sich, mit jeweils zwei Sauerstoff-Atomen aus der Luft, wurden selber zu heißer Luft und stiegen in der Rauchsäule tausend Meter nach oben, wurden in alle Winde verweht. Die Eichenbalken, die 450 Jahre lang die Decke getragen hatten, lösten sich jetzt, in einer einzigen Stunde, zum größten Teil in Luft auf, genau wie die Vorhänge, die Gobelins, der riesige Tisch, die feinen Intarsien. Die Decke stürzte ein. Die Decke darüber war schon eingestürzt, der Dachstuhl ebenfalls. Drei, vier Tage später regnete es in allen Etagen des Gürzenichs, der Regen verwandelte die restlichen zehn Prozent der Balken, die Asche, in Schlamm. Später, als die Leute wieder da waren, schaufelten sie den Schlamm in Loren und kippten ihn am Hansaring oder ein Stückchen weiter im inneren Grüngürtel ab, sangen »Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien«, zogen eine Betondecke in den Gürzenich ein und verkündeten in der Kneipe, deren ursprünglich fünfstöckiges Haus nur noch aus dem Erdgeschoß mit der Kneipe bestand: »Et hätt' noo immer jot jejange!«
Diese Stadt kann sich sehen lassen.
Nach all den Jahren, ja Jahrzehnten des “Immi”-Seins, so heißen hier die Zugewanderten, Hiergebliebenen, egal wie lange sie hier schon verweilen, entdecke ich den Wert meiner Wahlheimat als Touristinnen-Attraktion.
Mir sind diese Auswärtigen, die gleich als TouristInnen erkennbar sind, irgendwann aufgefallen, dann immer wieder, immer wenn ich die wie für sie angelegten, für sie übrig gelassenen Stadtzonen betrete, für mich als Touristin in der eigenen Stadt wiederentdecke.
Meist, aber relativ selten, gerate ich aus welchen Gründen auch immer, nur meist nicht dem des Einkaufsbummels, in das Einkaufszentrum der Stadt mit seinen Fußgängerzonen und seinem tagsüber schier unerträglichen Gewusel. Dabei will ich eigentlich nur zum Amt oder zum Bahnhof. Flankiert von Schmuck- und Gemüseständen, BettlerInnen und StraßenmusikerInnen in ihrer multikulturellen Vielfalt bin ich ersichtlich bemüht, diese geschäftige Zone schnell und ohne anzuecken zu durchqueren. (Die Polizei hat gelernt, sich hier zurückzuhalten, so scheint mir.) Abends ist es hier dann menschenleer. Nur die Kinos locken.
Hier fallen BesucherInnen der Stadt ja weniger auf, genau wie am nahegelegenen Strom mit seiner bei schönem Wetter begehrten Uferpromenade (entlang einer vielbefahrenen
Hauptstraße). Ich entdecke immer wieder die Hochwasserschutzbereiche, die Auen, nur bei Niedrigstwasser zugängliche in die Kaimauern eingelassene Treppchen und Bänke, ein wunderschönes Atlantis nach dem anderen taucht wieder auf. (Ich gebe zu, ich bin aber auch immer wieder eine der vielgeschmähten HochwassertouristInnen.) Letzlich habe ich sogar das noch geschlossene Kurhaus entdeckt, meine Wahlheimat als Kurort – ich war echt verwundert.
Reisebusse und Hotelschiffe, die oft verlassen am Ufer parken bzw. ankern, künden von meist unsichtbaren TouristInnen. (Ach ja, und die vielen Ausflugsboote habe ich noch gar nicht erwähnt.)
Am Hauptbahnhof, am Rande des Einkaufszentrums gelegen (oder ist es umgekehrt?), herrscht ein immer reges Gewimmel, ein stetiges Kommen und Gehen. RucksacktouristInnen fallen direkt auf, egal ob einzeln oder in Ansammlungen meist Jugendlicher. (Alle anderen auffälligen Erscheinungen sind scheint´s vertrieben, dürfen allenfalls in der Nähe Station halten, in der Notstation, wo keiner sie mehr bemerkt.) Sollte eine Demo sein, immer wieder wacht das Auge des Gesetzes über einreisende Unerwünschte, ob MigrantInnen oder Politische.
Wenn ich die Treppen hochsteige zum Platz vor dem Wahrzeichen der Stadt, beginnt es endgültig: ein Gedränge, das schier unglaublich ist und selbst die Menschenmassen im Bahnhof übertrifft. Oft ist ein Durchkommen nur
erschwert möglich.
Entlang der Treppen sitzen sie, die Punks und andere, die ihre Lebensweise mit mehr oder minder angeblich aggressiven Betteln zu unterstützen suchen, eine Nische in dieser Gesellschaft gefunden haben und friedlicher sind als ihr Ruf.
Auf den Bänken vor den Stadttorresten aus römischer Zeit, sitzt jung und alt bei gutem Wetter und sonnt sich. SkaterInnen sausen auf dem leeren Platz hinter dem beeindruckenden Dom von Treppe zu Treppe, immer auf dem Sprung. Manchmal, immer öfter, ist hier stattdessen ein Markt oder ein Fest, wie auf anderen Plätzen dieser Stadt, immer gut besucht, immer übervoll. (Junkies und Obdachlose wurden und werden von dort in die Vororte vertrieben, die Plätze immer freundlicher und schöner, wie sicherheits- und sauberkeitsbewusste aktive BürgerInnen meinen).
Ach ja, die TouristInnen. Am meisten fallen sie vor dem Dom auf, mit ihren Kameras, mit ihrem oft fremdländischen Aussehen, Akzent und Sprache. (Sie sehen deutlich anders aus als die vielen multikulturellen EinwohnerInnen dieser Stadt, die auf dem Markt, in der Bahn, auf der Straße, mit ihrem Geschäft diese Stadt bereichern. Wieviele Sprachen sind immer wieder zu hören? Ein immer mehr vertrautes Bild, eine immer vertrautere Geräuschkulisse.)
Dieser Domvorplatz wird dann auch so gerne für politische Aktionen genutzt, die nicht immer geduldet werden, aber
durch die TouristInnen auch geschützt sein können in dieser
politisch manchmal zwanghaft sauber gehaltenen Stadt.
Irgendwann habe ich die Altstadt wieder entdeckt, so klein, so fein mit ihren Gässchen. Und halt die Uferpromenade. Selbst der Dom mit seinem imposanten Äusseren, der auch vom Inneren so beeindruckt, lockte mich notorische Vorchristin hinein. Und ich entdecke all die 100 Kirchen, Parks und Biergärten, all die Ausflugsziele.
Irgendwann war einfach klar, dass ich in einer TouristInnen-Attraktion lebe, die vielen stadtbegeisterten Auswärtigen brachten mich auf den Geschmack. Es bedarf einer Umgewöhnung, den eigenen Ort so zu betrachten, ist aber reizvoll für eine, die selber gerne TouristIn ist an anderen Orten, in anderen Ländern (ich nenne mich nur lieber Reisende). Die Mentalität der Einheimischen und Zugereisten in Urlaubsorten erschliesst sich dabei so ganz nebenbei.
Klar, mein Wohnort, besteht aus viel mehr, hat viele, oft von Hauptstraßen durchschnittene Oasen wie den Stadtwald ringsum und, jenseits all der eingemeindeten Dörfer, Felder. Seen gibt es reichlich, meist alte Baggerlöcher, und halt viele Kulturen, einfach stattlich.
Trotz allem, die Armut zeigt sich hartnäckig überall, in Person von BettlerInnen und Obdachlosen, Junkies, SäuferInnen und Punks (wo sind all die Grufties von früher hin?). Sie lassen sich zum Glück nicht einfach vertreiben, aus dem Angesicht von BürgerInnen und BesucherInnen, auch wenn “aus den Augen aus dem Sinn” das Motto mancher politisch Maßgebender zu sein scheint.
Und jeden Tag, wenn ich den Weiher nahe meiner Wohnung aufsuche, entdecke ich den Freizeit- und Wohlstandsmüll, den die allzeit Sonnenhungrigen immer wieder gedankenlos hinterlassen. Viel sinnvoller als die Gestrandeten des Kapitalismus zu vertreiben, wäre es, sich um die Verschandelung der Natur zu kümmern, dem vorzubeugen.
Auf meinen manchmal ungeplanten Reisen durch meine Stadt entdecke ich auch unbekannte Gebiete, Industriezonen und dergleichen mehr, die meist erst einen Reiz als nächtliches Panorama oder als Industriebrache entwickeln, die es für Natur und Mensch wiederzugewinnen gilt. Irgendwo eine Brücke zu unterqueren, Kopfsteinpflaster mit dem Fahrrad entlangzueiern und im Dunkel ein einsames riesiges Amtsgebäude zu entdecken und plötzlich auf einem Eisenbahnsanierungsgelände die letzten einfahrenden Loks, ist schon ein einmaliges Schauspiel.
Entdecke in deiner Stadt mehr davon.
Von welcher Stadt ich Euch erzähle? Der, in der ich schon 30 Jahre wohne.
Wer es noch nicht entdeckt hat, es ist die mit der 5. Jahreszeit, die auf allen Straßenfesten das ganze Jahr zu dauern scheint.
Es ist die, deren stadteigene Sprache genauso heißt wie das stadteigene Bier.
© Myrite Maduse - Im Netz
Informationen
50° 56' 33,2607" nördl. Breite
06° 57' 32,3136" östl. Länge
40.515 ha Stadtgebiet
1.017.721 Einwohner
513.261 Haushalte
9.526 Sterbefälle
102.524 Schüler(innen) an allgemeinbildenden Schulen
1.734.102 Gäste
2.235.964.000 DM gesamte Netto-Steuereinnahmen 1999
Sehenswuerdigkeiten
In der schoensten Stadt der Welt darf es natuerlich auch nicht an kulturellen Attraktionen fehlen.
Der Dom,Koeln Arena,Rhein Energie Stadion,Filharmonie,und zahlreiche Museen bieten abwechslung und sind Ziel tausender Gaeste jaehrlich.
Persoenliche Meinung
Ich Liebe meine Stadt sehr.Allei schon weil hier der beste Verein Deutschlands spielt, der 1.FC Koeln.
Zentral liegende Einkaufsstrassen machen das ein kaufen hier zum puren vergnuegen.
Ich koennte mir keinen schoeneren Ort zum leben aussuchen als Koeln.Und ich hoffe das unsere schoene Stadt uns noch sehr lange erhalten bleibt.
© R. Carlos und D. Beckham