Ort:  Langenfeld

Der 100. Gast (Simon Nikolaus)

Besuch beim Zahnarzt (Simon Nikolaus)


Der 100. Gast

Eine Kriminalgeschichte

Er öffnete das Fenster mit einem Taschentuch, das er sofort in seine Hosentasche steckte, nachdem er das Fenster geöffnet hatte. Sein roter Pullover, seine braune Jeans und sein dunkelblauer, offener Mantel wurden durch das dämmrige Licht dunkel gefärbt. Wie erwartet lagen die Schlüssel zu Browns Arbeitszimmer auf dem Küchentisch. Der alte Brown würde auf der Stelle tot umkippen, wenn er erfahren würde, dass seine treue Köchin Magda Welsh an dem heutigen Geschehen nicht unbeteiligt gewesen war. Leise waren die Stimmen aus dem Nebenzimmer zu hören. Neunundneunzig Gäste hatte sich der alte Brown, mehrfacher Millonär dank hervorragenden Aktiengeschäften, zu seinem 99. Geburtstag eingeladen. Lange würde er es nicht mehr tun, sagte Magda immer. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich wieder zu als er die Küche verließ und die Treppen zur oberen Etage hochstieg. Teure Gemälde hingen an den Wänden und er, Konrad Welsh, konnte seinen Blick nicht von ihnen reißen. Das Arbeitszimmer war natürlich verschlossen. War nicht anders zu erwarten gewesen. Wo hatte Magda noch gleich gesagt, wo der alte Sack seine Schlüssel aufbewahrte? Er hatte keine Zeit, lange zu überlegen und ging einfach in Browns Schlafzimmer. Er kannte das Haus gut genug, dank Martha. Er wusste, dass das Schlafzimmer genau gegenüber dem Arbeitszimmer lag.
Vorsichtig betrat er den unverschlossenen Raum und tastete sich in dem Dunkel voran. Angewidert packte er an den nikotingelben Schalter um das Licht anzuknipsen. Nun ging die Sucherei los. Die erste Suche verlief erfolglos. Der Alte hatte weder unter seinem Kopfkissen, seiner Bettdecke noch in seiner Schlafkommode irgendwelche Schlüssel. Vielleicht war er nachlässig. Er versuchte es im Schrank. Eine grüne Jagdmütze polterte auf den Boden als er ihn öffnete. Welsh untersuchte alle drei Jacken und wurde in der letzten fündig. In einer blauen Tweed-Jacke waren ein Schlüssel sowie ein ganzer Schlüsselbund. Zunächst wollte er den einzelnen Schlüssel ausprobieren. Er ging über den Flur zum Arbeitszimmer und probierte ihn aus. Erfolglos. Als er gerade auf Höhe des Bettes angekommen war, vernahm Welsh Stimmen auf dem Gang. Hoffentlich war das nicht der alte Brown, der seinen Gästen sein Haus zeigte! Doch es war nur eine Person. Sofort bemerkte die junge Blondine den gutaussehenden Mann Ende dreißig am Ende des Bettes stehen. Sie war nicht sein Typ. Schnell hatte er sie überwältigt, ohne dass ein Geräusch nach draußen gedrungen wäre. Als er sie mit dem Gürtel des alten Brown gefesselt hatte, überlegte Welsh, wie er sie auf Dauer ruhigstellen konnte, ohne sie zu töten. Er entdeckte Schlaftabletten auf der Nachtkommode und zwang die Blondine, eine Tablette ohne Wasser zu schlucken. Die junge Frau lies die Tablette auf der Zunge zergehen, ehe sie zusammenbrach und auf das leere Bett fiel. Jetzt hatte Welsh Zeit, um die einzelnen Schlüssel des Schlüsselbundes auszuprobieren. Erst der drittletzte passte in das Schloss zum Arbeitszimmer zur großen Freude des nächtlichen Einbrechers, der fast an die Decke gesprungen wäre, als er wieder eine Stimme auf dem Flur hörte. ,,Wo bist du?", fragte sie, eine tiefe weibliche Stimme. Die Person bemerkte, dass die Tür zum Arbeitszimmer nur angelehnt war und trat ein.
Zuerst bekam Welsh die Pistole zu Gesicht. Dann sah er sie. Magda hatte ihre Kochschürze umgebunden und lächelte scheu. Er wandte sich dem Wandtresor zu und öffnete ihn mit den Schlüsseln, die Magda Brown vor einigen Tagen gestohlen hatte. Es lagen zweierlei Dinge in dem Wandtresor, der versteckt unter einer originellen Fälschung der Mona Lisa lag. Einmal das Geld: Siebenundzwanzig Millonen Euro. Und einmal das Testament. Welsh konnte nicht anders und warf einen Blick drauf. Er stockte als er sah, wer als Haupterbin eingesetzt war: seine Frau Magda.
,,Du solltest wissen, dass Brown von seinem Arzt noch höchstens drei Wochen bekommen hat!", flüsterte sie. Dann schoss sie.

© Simon Nikolaus


Besuch beim Zahnarzt

Es begab sich zum Anfang des Jahres, so etwa im Februar, dass ich mich anlässlich enormer Zahnschmerzen an einem Backenzahn entschlossen habe, einen Zahnarzt aufzusuchen. Zuvor war mir die Praxis des Dr. Altmann, ein Tipp von unserem Nachbarn Neumann, empfohlen worden. Zwei Wochen später bekam ich auch schon, aufgrund meines Drängens hin, einen sehr frühen Termin für einen Mittwochvormittag 8.00 Uhr. Dieser Termin passte mir überhaupt gar nicht, aber was sollte ich machen, ich hatte schließlich Schmerzen. Also fuhr ich mit dem alle 20 Minuten verkehrenden Bus der Linie 791 frühmorgens, eigentlich hätte ich Schule gehabt, in die Stadt. Beim Eintreffen stellte ich mich als der neue Patient vor und bekam zum Dank einen Haufen Zettel, die ich allesamt ausfüllen dürfte, die Zahnarztgehilfin versicherte mir, dass dies nur beim ersten Zahnarztbesuch gemacht werden musste. Nun gut, 20 Minuten später war ich mit dem Schreibkram auch schon fertig und händigte der freundlichen Assistentin den Papierkram aus und bekam daraufhin versichert, dass ich nach Einsicht meiner Versichertenkarte, sofort drankommen würde. Außer mir war sonst niemand in der Praxis. Um 8.35 Uhr öffnete sich die Praxistür, ich war in eine Stern - Reportage vertieft, und ein Mann mittleren Alters mit kaum vorhandener Haarpracht trat ein und stellte sich mir als Dr. Franz Altmann vor, mein neuer Zahnarzt. Ich hatte kein Interesse, von ihm zu erfahren, warum er erst gegen halb neun eintraf, wo ich doch einen Termin um 8.00 Uhr gehabt hatte, sondern rang mir ein Lächeln ab, stellte jedoch in einem persönlichen Gespräch fest, dass ich Zahnschmerzen habe, jetzt schon seit zwei ein halb Wochen, aber ich war ja schließlich geduldig.
Nachdem ich die Stern - Reportage ausgelesen hatte, las ich ein, von mir in weiser Voraussicht im vorhinein mitgebrachten, Buch namens Harry Potter und der Stein der Weisen, mein erstes Harry Potter - Buch. Davon ausgehend, sowieso nicht viel weiter als Kapitel 1 zu kommen, begann ich erwartungsvoll das hoch gepriesene Buch anzufangen, von dessen spannender Handlung ich erst auf Seite 153, gegen 9.25 Uhr, gewaltsam unterbrochen wurde. Die immer lächelnde Zahnarztgehilfin teilte mir mit, ich möge mich bitte in Zimmer 3 einfinden. Also unterbrach ich meine Lektüre, setzte mich auf den dem Patienten vorgesehenen Stuhl, und wartete. Um halb zehn kam die Assistentin herein und band mir ein Schlabberlätzchen um und teilte mir mit, dass der Arzt jeden Moment kommen würde. Von mir aus, ich hatte Zeit!
Bereits um 9.45 Uhr, so hatte es die Wanduhr angezeigt, trat Dr. Altmann, 70 Minuten früher kennen gelernt, fröhlich lächelnd ein und bat mich um einen Tipp, wo der Übeltäter denn zu finden sei. Ich antwortete ihm, dass er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf der linken Seite fündig werden würde, was er zum Anlass nahm, jeden einzelnen links liegenden Zahn, mit einem Stab abzuklopfen. Da ich jedes Mal aufschrie vor Schmerzen, schlug der erfahrene Zahnarzt nach dem fünften Zahn ein künstliches Gebiss vor, ich antwortete ihm, ich sei gerade einmal 17, und er müsse ja nicht versuchen, mir die Zähne einzeln auszuschlagen. Die sanftere Methode mit dem jeden Zahn abtastenden Luftschlauch, kam schon sehr schnell zum Erfolg, da der fünfte Übeltäter von links mich reflexartig dazu bewegte, mit sofortiger Wirkung den Mund zu schließen. Die Hand des Zahnarztes und der Luftschlauch, konnten mich dabei nicht entscheidend hindern. Mit gesunder roten Farbe im Gesicht wies mich Dr. Altmann darauf hin, dass unsere Zeit leider um wäre (der nächste Kunde wurde um 10.00 Uhr erwartet) und dass ich bei seiner Assistentin doch bitte einen Termin für Anfang März machen solle, man würde den Zahn wohl aufbohren müssen.

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11. März. Donnerstags um 7.30 Uhr, eine halbe Stunde früher als beim letzten Mal, traf ich das zweite Mal in der Praxis Dr. Altmann ein, wieder mit dem ersten Harry Potter Buch bewaffnet, Lesestand Seite 153. Schon gewohnt, erst mal Platz nehmen zu müssen, fing ich sofort an zu lesen und auf Seite 350 (4 Seiten vor Schluss) war ich auch schon an der Reihe. Dr. Altmann tat so, als würde er mich nicht kennen und fing ohne Guten Morgen zu sagen sofort an zu bohren. Dies ließ mich davon ausgehen, dass er meinen Reflex bezüglich Zahnschmerzen bereits vergessen hatte, und schon kurze Zeit später war mein Mund inklusive rechter Hand des Zahnarztes, Luftschlauch und Bohrer, zu.
Dr. Altmann gab mir daraufhin großzügigerweise eine Spritze, in dessen Einwirkungszeit er vier andere Patienten ihrer Leiden erlöste. Um zehn Uhr stellte er beim erneuten Bohren fest, dass der Schmerz immer noch da sei und verabschiedete sich mit den Worten, dass er jetzt ,,den Hammer" holen würde. Wohl wissend, dass er nicht die altmodische Art der Betäubung meinte, wartete ich die Stunde mehr oder weniger gelangweilt. Die Frage, ob die Assistentin mir wenigstens mein Buch bringen könne, blieb bedauerlicher Weise ignoriert.
Als die Wirkung des ,,Hammers" endlich einsetzte, bemerkte ich allerdings, wie mir langsam die Augen zufielen und ich kurz vor dem Einnicken war. Dafür konnte der Zahnarzt jetzt allerdings die Behandlung durchführen. Mitten in meinen Traum platzte die Frage, ob ich gerne eine Allmagan - Fühlung wollte oder eine andere, dessen Kosten ich allerdings selber zu Tragen hätte. Ich entschied mich für letztere, da Allmagan ja bekannter Weise Quecksilber enthielt und ich meinen Zahn nicht vollständig ruinieren wollte. Ein Fehler, der sich rächen sollte...

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Der März war noch nicht um, als ich beim Kauen erneut auf Zahnschmerzen stieß, und zwar an dem altbekannten fünfer von links. Die Zahnarztpraxis Dr. Altmann konnte mir für den 29. April einen Termin machen, empfahl mir für die Übergangszeit sogar freundlicher Weise Aspirin oder andere Schmerz hemmende Medikamente.
Nach 31 Tagen mit regelmäßigen Aspirin - Einnahmen kehrte ich wieder bei Dr. Altmann in seiner Praxis ein (Harry Potter und die Kammer des Schreckens). Wie sich herausstellte, verfügte der Spezialist, der sich Zahnarzt nennen durfte, über ein Schmerz stillendes Medikament, dass per Spritze in das Zahnfleisch geführt wurde, und dessen Kosten "selbstverständlich" ich selbst zu Tragen hatte.
Ich dachte mir, nun gut, hoffentlich bist du dann endlich deine Schmerzen los.

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1. Mai. Die Schmerzen machen sich wider Erwarten wiederholt bemerkbar, Dr. Altmann sagt mir sofort einen Termin für den 28. Juni zu. Harry Potter und der Gefangene von Askaban sowie Harry Potter und der Feuerkelch mussten an diesem 28. Juni in der Praxis des Dr. Altmann dran glauben. Und siehe da, der Magier vergangener Zeiten zauberte, wie es der Zufall so wollte, sofort ein Medikament hervor, welches (für lächerliche 30 Euro) meine Schmerzen sofort beheben würde. Ich machte den Fehler und sagte ihm zu.

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29. Juni. ,,Wenn Sie jetzt immer noch Schmerzen haben, hilft nur noch eine Wurzelbehandlung" tönte die Stimme des Zahnarztes durch den Telefonhörer, der es sich nicht hat nehmen lassen, persönlich mit mir zu sprechen. Wir einigten uns auf den 1. August für die Wurzelbehandlung und als Dankeschön als Stammkunde bekam ich sogar das preiswerte "Aspirin Big Pack" empfohlen.
An jenem 1. August begann und beendete ich die niedergeschriebene ,,Winnetou- Triologie" in der Zahnarztpraxis eines Doktors, dessen Namen Sie sich inzwischen sicherlich behalten haben. Eine Woche vor der Wurzelbehandlung hatte ich noch telefonisch Kontakt gesucht (die Schmerzen wären unerträglich), Dr. Altmann schlug mir 9.00 Uhr statt 9.30 Uhr am 1. August vor.
Nachdem der Zahn mit dem altbekannten ,,Hamer" auf Eis gelegt worden war, begann der Zahnarzt mit Feuer und Flamme (wörtlich zu nehmen!), mit der Wurzelbehandlung. Während der Behandlung sah ich alle Harry Potters und alle Winnetous Revue passieren.

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Eine Woche noch bin ich mit ungeheuren Schmerzen durch die Gegend geeiert, bis meinem Zahn endlich aufgefallen war, dass er ja gar nicht mehr weh tun konnte, da der Nerv ja gezogen worden war. In weiser Voraussicht rief ich Dr. Altmann erneut an, um mich für die spontane Hilfe zu bedanken (Keine Ursache, Herr Nikolaus) und machte einen neuen Termin zur Routine-untersuchung aus für den 6. Dezember - im nächsten Jahr.

© Simon Nikolaus