Moselkern
Von Norden kommend, kämpft sich unser Golf, Baujahr 1989, durch die Eifel. Über die Ahreifel und die Hohe Eifel geht's Richtung Voreifel. Eifel allenthalben. Höhe Alzheim - "Wie heißt der Ort? Wo müssen wir nochmal abfahren?" - verlassen wir die Autobahn und damit den letzten Vorposten der Zivilisation in diesem Weltwinkel. Vor uns nichts als Landstraße. Hinter uns nichts als Landstraße. Und links und rechts des Weges ein Blick über im Saft stehende Felder und Äcker bis hin zum azurnen Horizont. Ab und zu überholt uns motorisierte Dorfjugend im getuneten Bauernporsche, ansonsten nichts außer Landstraße und Landschaften im Fahrtwind.
Ob wir durch Einig müssen, frage ich. Da sich meine Begleiter nicht einig werden, biege ich ab und fahre durch Gering. Kollig folgt auf unserem Weg, und Mertloch, und Naunheim. Schließlich die erste größere Stadt: Münstermaifeld, welche das historische Faktum adelt, vor einem halben Jahrtausend von Nikolaus von Kues katechisiert worden zu sein. Ansonsten: gepflegte Einöde. Die aber ist ausgesprochen pittoresk.
Es geht leicht bergan. Schon wähne ich unseren Zielort als Bergankunft, als mich meine Begleiter korrigieren: Da! - und zeigen mit dem Finger in der Straßenkarte auf eine blutrot eingefärbte Serpentine - da müssen wir noch runter. Mir graut's. Ich denke an die Tour '98, als sich Ullrich und Pantani bei rasender Abfahrt vom Col de la Madeleine ein Höllenduell hinab ins Tal lieferten. Ich blicke in den Rückspiegel und entdecke tatsächlich einen Verfolger mit dem ortsüblichen Kennzeichen. Na gut, denke ich, vorbei kommst du nur an meiner Leiche. Das Gefälle beträgt 15 %, macht eine Restwahrscheinlichkeit von 85 %, dass irgendwas auf dieser Abfahrt geschehen wird. Zuerst versuche ich mich an der Motorbremse. Der Wagen jault auf. Die Abfahrt ist zu steil, ich fahre obertourig wie sonst nur Formel-Eins-Piloten. Aus Sorge um den Motor schalte ich einen Gang höher und bediene statt dessen die Bremse. Klappt ganz gut. Hinter mir hupt und blinkt eine Landliesel und macht Faxen am Steuer, als wolle sie mich den Berg hinunterschieben. "Immer ruhig Blut!" schreie ich genervt aus dem Seitenfenster und wundere mich über einen apart-brenzligen Geruch in der Luft. "Riecht, als ob jemand Plastik verbrennt", bemerkt mein Sitznachbar und reibt sich die schwitzenden Hände trocken. Ich werfe einen beiläufigen Blick aus dem Fenster und bitte meinen Sitznachbarn: "Du, reib mir mal die Augen. Ich glaub, ich seh nicht richtig." Blaugrauer Qualm quillt zwischen Reifen und Kotflügel hervor. Hinter mir hupt und blinkt es noch immer. Ich signalisiere winkend, dass ich verstanden habe und sehe vor mir auch schon das Ortsschild MOSELKERN. Die Dame überholt uns und wirft mir einen insolenten Gesichtsausdruck zu, der mich aber gar nicht indigniert. Mit dem Restschwung rolle ich in den Ort und die nächste Gasse rechts. Im Rückspiegel sehe ich, wie die blauen Schwaden gekonnt eine Kurve zeichnen. Meine Wangen glühen wie die Bremsscheiben meines Wagens, die Luft ist drückend wie in einer Schwulensauna. Ich fahre langsam durch den Ort und halte die Augen nach unserer Privatpension auf. Ein älteren Herr mit Fahrkartenkontrolleursvisage steht vor seinem Haus und grinst uns an. "Sie sind Herr Pauli, habe ich Recht?" frage ich ihn und steige aus dem Wagen. Er nickt angeheitert und zeigt beschwörend auf die Schwaden, die wir bei unserer Schnitzeljagd durch den Ort ausgelegt haben. „Sie sind BESTIMMT über Münstermaifeld gekommen!“ zäckt Herr Pauli und wackelt tadelnd mit dem Kopf. Geflissentlich überhöre ich die Spitze. "Ich hätte gern eine gut gekühlte Flasche Moselwein. Wäre das zu machen?" bitte ich ihn. "Sie sind aber von der schnellen Truppe!" mosert der Moselaner, verschwindet im Haus und ist keine Minute später wieder da. "Wohl bekommt's!" wünscht er und reicht mir die offene Flasche. Ich bedanke mich und stecke den Flaschenhals zwischen Reifen und Kotflügel. Es zischt und dampft. Herr Pauli macht große Augen. "Danke!" sage ich und gebe die leere Flasche zurück. "Das hat gut getan." Bei sommerlicher Temperatur gefriert unserem Wirt das Gesicht. Und ich weiß instinktiv: Selbst als Wiedergänger würde ich einen Bogen um dieses Dorf machen.