München
An manchen Tagen (Tom Burlington)
Es ist zwei Uhr nachmmittags (Ina Becker)
Reisen bildet (Henrik Bollermann)
Joa gud, der FC Baaaaaaaaayan (Dominik Steinhoff)
Exakt den Schritt (Erik Nolze)
Mal wieder auf der Strasse (Serge Timmons)
An manchen Tagen - wenn der Föhn auch den Personen zu Kopf steigt, die diesem Phänomen noch nicht einmal unwissend, beinahe ignorant gegenüber stehen, da sie (gewiss schuldlos) aus den Flachgebieten Deutschlands stammen, in denen das Leben (mangels Höhen und Tiefen, in Ermangelung von Steigungen und Abgründen) steht, in denen selbst die Flüsse zum Fließen animiert werden müssen - an diesen herrlichen Tagen wachsen die Berge schneller als sonst. Bekanntlich sind die Alpen ja ein noch wachsendes Gebirge; doch kopfschmerzende Wetterverhältnisse scheinen bei ihnen Wachstumsschübe zu provozieren.
Von der Zugspitze angeführt erheben sie sich aus ihrer Ruhe, rasen mit übersteigertem Tempo und unmittelbarer Wucht aufs Landesinnere zu.
So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie am Münchener Hauptbahnhof einlaufen, sämtliche Königsschlösser und Barockkirchen vor sich her treibend. Erst am Odeonsplatz werden die Vertriebenen verschnaufen, ihren entfernten Verwandten von Klenze grüßend zunicken können. Am Ziel der langen Reise; zurück aus dem Exil, in das Ludwig II. sie geschickt hatte.
© Tom Burlington
Es ist zwei Uhr nachmittags, die Sonne
scheint; es ist so kalt, daß sich mir
die Fußnägel aufrollen. Ich stehe irgendwo in München und fahre in die
Innenstadt. Ich würde in die Innenstadt fahren, wenn ich wüßte, wo die ist.
"Münchener sind ein unglaublich nettes Volk". Aha, mal sehen.
"Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, welche Linie ich nehmen muß um
in
die Innenstadt zu kommen?"
"Ganz einfach, Sie fahren einfach mit der 33..."
"Eeey, bist Du bescheuert, ich habe Dir schon tausend mal gesagt, Du sollst
nicht einfach so über die Straße gehen, Du blöde Kuh."
"Aber …"
"Nix aber, Du bist manchmal wirklich zu dämlich …"
"Sie wollen wissen, wie Sie in die Stadt kommen?"
"Ja, bitte." (Aber nicht von Dir Du Hampelmann; mal sehen wen ich hier
noch …)
"Junge Dame, ich muß auch in die Stadt. Ist ganz einfach."
"Mann, mann, mann. Das nächste Mal laß ich Dich einfach vom Auto
überfahren."
"Ich hab auch selber Augen im Kopf."
"Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich bin zwar schon etwas älter, und
ein
bißchen langsam, aber wenn Ihnen das nichts..."
" Oh, nein. Kein Problem"
"Ey, wo kommen Sie denn her?"
(Das geht Dich doch nichts an)
"Kann ich Ihnen beim Tragen helfen?"
"Wissen Sie meine Frau hat sowieso keine Ahnung."
(Ja, und Du noch viel weniger, Kotzsocke)
Die Straßenbahn kommt.
"Ist ganz einfach, in die Stadt, von hier aus."
(Bitte nicht, doch, oh Mann.)
"Müssen wir auch hin."
(Warum trägt die eigentlich alles alleine?)
"Nä, wir setzten uns hier hin, laß gehen."
Es ist halb drei, die Sonne scheint. Und ich hab nichts gesagt.
© Ina Becker
Da ist der Himmel so groß
Und die Häuser verschwinden am unteren Rande des Auges
Wenn wir uns treiben lassen, rauschen lassen durch den Tag
Stunden liegen lassen irgendwo im Nirgendwo
Unsere Runden drehen, nichts und doch alles verstehen
Alles in uns aufnehmen und wissen, dass das einzigartig ist
Nie in Vergessenheit geraten wird, gespeichert ist in unseren Herzen
Eingebrannt als großes Glück
In diesen Tagen
von morgends bis abends
Nur durch drei bis vier Stunden Schlaf unterbrochen
Das eigene Leben auf Händen tragen
Die Sicherheit, all das zu haben
Was seit frühester Kindheit
Vorweggeträumt wurde, herbeigewünscht wurde, herbeigesehnt wurde
Zu leben wie jetzt
Nach vorne, zur Bühne zu gehen
Auf den Brettern zu stehen, zu erzählen und Applaus zu empfangen
Sich den Tagen, den Nächten vollends hinzugeben
Besinnungslos zu trinken, ohne Trunkenheit zu spüren
Mit jeder Faser, jeder Zelle im Jetzt
Und dem Puls in der Stirn
An jedem Morgen die Decke zur Seite zu schlagen
Und es kaum erwarten zu können
Wieder in diesem weißen Wagen zu sitzen
Mit rauher Haut und strubbeligem Haar durch die Straßen zu fahren
Die müden Knochen auf den weichen Polstern
Und ein Blick nach draußen auf die Stadt
Die fremd ist und doch unser Freund
Weil sie weiß, was wir brauchen
Und uns gibt
Was wir uns so lange gewünscht haben
An all den unglücklichen Tagen
An denen die Texte geboren wurden
Immer dieser Wunsch, immer dieser Wunsch
Und jetzt die Erfüllung
© Torsten Steinhoff - Texteratur
grossformatige ölbilder von weinenden kindern
stehen auf dem schmutzigen bürgersteig im regen
unter markisen von denen es herunterpladdert
während wir uns durch bekopftuchte frauen und salatkisten
auf unbekannte wege führen lassen
alle hatten wir hilflos grinsen müssen
und etwas unbehaglich war es gewesen
als wir uns zum ersten mal sahen
nachdem wir kilometerlange bahnsteige überwunden hatten
und unsere vorstellungen sich nicht bewahrheiteten
etwas unbehaglich bleibt es zunächst
und nicht nur wegen des regens
vor dem wir in mondäne kaffeehausathmosphäre flohen
erwartungsdruck, maskenspiele und so viele fragen
zu hause will ich sein aber doch nicht jetzt
und dann schmettert wagner unsere ohren voll
und der löwen treuester fan
während wir zu ruhrpöttlern werden,
uns in ledersofas lümmeln, die bessere tage gesehen haben
und hastig die gedanken vergeblich ordnen
danach verlieren wir uns in der großstadt
"landei i am and shall remain!"
- ein ganzes wochenende lang make-believe -
und merken,
dass menschen auch hier nur menschen sind
und publikumserfolg reine definitionssache
und dass man für lyrik dankbar sein kann
und für smashing pumpkins sterben
und dass es nur stinkt, wenn man sich vorher in die hose geschissen hat!
© Henrik Bollermann- Texteratur
Ich sitze vor dem Fernseher und bin gespannt. Günter Jauch, das „Mädchen für alles“, der Mac Gyver von RTL, guckt mich wie immer an, wenn ich diesen Sender einschalte. Doch heute hat auch er ein Funkeln in den Augen, wie jeder, der sich auch nur ein wenig für Fußball interessiert.
Das Rückspiel. Bayern gegen Real. Abwehrbewusste Mannschaft gegen wegen einer Niederlage weinende Milliardäre. Es geht los. Das Catenaccio-Team ist besser. Figo, Raul und Co. heulen nur rum. Elber schießt das erste Tor gegen „ Maanchaft di wo nich kaan valire“, so der Torschütze. Jetzt müssen sie doch gewinnen, denke ich und ertappe mich dabei, wie ich für Bayern halte. Eigentlich finde ich sie langweilig, weil sie immer gewinnen. Doch hier und heute mit guten Fans und einem vollen Stadion reißt mich dieses Spiel einfach mit, und ich begründe meine Zuneigung für die „Roten“ durch so etwas wie Fußballpatriotismus. Doch just in diesem Moment schießt Figo das 1:1. Der 180-Mio-Lire-Mann schlägt wieder zu. Das gibt noch eine Zitterpartie, bin ich mir sicher. Bei mir drängt sich nun der Gedanke auf, dass Bayern es doch nicht schafft. Aus einem Unentschieden wird schnell ein Rückstand, sage ich mir. Jenes ist mir oft genug durch die Bielefelder Arminia bewiesen worden. Aber Bayern gewinnt, wie oben erwähnt, immer, und der „Laufbuah“ und Kämpfer schlechthin, Jens Jeremies macht das entscheidene Tor. Der Bayer, der vermutlich aus irgendeiner Höhle stammt, zeigt es den „Ballkünstlern“, die nun
allenfalls kunstvoll den Ball aus dem Netz holen und „nach Hause fahren können“, wie die Zuschauer meinen.
Liebe Madrilenen, das war kein billiger Catenaccio, das war ganz einfach besser.
© Dominik Steinhoff
Exakt den Schritt und keinen weiter,
nicht das ich auch am Sterben scheiter,
noch einen Schritt dann wär’s vollbracht,
doch warum stürz ich in diese tiefe der Nacht?,
ich werd’s erklären mit kurzen Worten,
doch erzähle nicht von allen Orten,
der letzte war’s, der mich zerbrach,
mich links, tief in der Brust erstach,
ich erzähl euch von der Liebe,
die nun auch einmalig für mich bliebe,
wenn ich jetzt gehe, und nicht erkenne,
dass ich nicht nur im Kreis noch renne,
ich war so blind vor Glücksgefühl, wollt mich beweisen,
gab mich kühl, kann’s nicht empfehlen,
denn was passiert, selbst ich, ich hab’s zu spät kapiert,
sie blieb bei mir, hab mich gewendet,
was mich noch mal so stark geblendet,
sie war längst fort, bevor ich’s sah,
hat mich betrogen, und wer es war?,
der beste Freund, der ist’s gewesen,
mein Fleisch und Blut ließ mich verwesen,
das ist der Grund für diese Brücke,
von der ich mich nach unten bücke,
schwarz ist’s unten in der Tiefe,
ich fühl mich fast als ob ich schliefe,
der letzte Schritt ist fast getan,
was erwischt mich da... die Bahn.
Bin mal wieder auf der Strasse. Viel zu beschissenes Wetter eigentlich. Ich lauf da so im Regen zur Trambahn, die ich nur nehme, um rauszufinden ob ich sie als Beförderungsmittel angenehm finde, und bestrafe auf dem Weg dahin wie üblich die Seelen der armen Zeitgenossen die in mein Leben treten mit einer mir schon fast eingebrannten Miene. Eine Freundin von mir hat es mal mein „Öffentlichkeitsgesicht“ genannt. Es kommt automatisch, ich trete auf die Strasse und an manchen Tagen möchte ich jedem der mir begegnet, das Wesen herausreissen und es ihm vor die verdutzte Fresse halten. Ich würde ihn fragen warum, aber nicht mal selber wissen was er antworten könnte. Dieser Gedanke versucht durch mein Gesicht hinauszugelangen. Oder ist das mein Wesen?
Kann man auch mehrere solcher Wesen haben, die in einem irgendwelche Absichten befolgen? Die versuchen, einen auf irgendwelche Ideen zu bringen, weil nur so können sie ihrem Wesen folgen? Ich hätte gern eins mit positive vibrations und vielleicht mit runden Bärchenohren und ganz weichem Plüschfell.
Die Tram ist recht voll und schon habe ich beschlossen wieder öfter mit dem Auto zu fahren. Da kann man wenigstens ein Tape anhören. Musik ist schon gut. Wichtiger, als manchmal in die Masse zu treten. Da kann ich auch ganz allein sein.
Nicht ganz so entspannend wie diese Vorstellung ist die Tramfahrt. Ich trage zwar ein souveränes Outfit an, Selbstvertrauen in, leider aber auch ein Bier mit mir. Dosenbecks. Eigentlich ist es ja kein Problem auf dem Weg irgendwohin etwas zu saufen. Heute nicht so. Ich möchte zwar gesehen werden aber es ist schöner einen perfekten Auftritt zu haben. Zumindest in der Hand.
Jemand, so um die fünfzig, kneift seine Augen zu und ich weiß nicht recht, ob er mich ansieht oder furzen muss, aber er hat eine recht attraktive Begleitung. Auf den ersten Blick um dreißig, nett angezogen. Er dagegen: grauer Mantel, rote Krawatte mit leichtem Goldmuster und weiße Haare. Und murmelt irgendwas zu ihr als er sich reaktionsmässig auf mich zubewegt. Er kommt aber nicht weit, weil er nach einem Schritt merkt, dass er mich doch nicht kennt. Sie rührt sich nicht und schaut nach vorne. Er weiß nicht wohin er soll und greift nach der Haltestange über die sein Blick von mir zum Boden, nein auf ihre Schuhe wandert. Sie sprechen miteinander. Über ihre Schuhe oder Hose. Draußen Barerstrasse. Vereinzelt Leute, die zügig gehen, als müssten sie im nächsten Moment loslaufen und dann rennen und alles von sich werfen und nackt im Regen schreien. Nach Ohnmacht und ein bisschen Geld.
Zieblandstr. Der Laden meines Vaters ist ganz gut beleuchtet, aber bei der Dunkelheit und dem Regen ist jedes Licht wie eine Kindersonne, die deine Augen auf sich zieht. Hier drinnen ist zu viel davon. Da möchte man doch lieber raus in die Nacht schauen, um vielleicht ein hübsches Mädchen zu sehen und in ihre Augen zu blicken. Meinen man gibt ihr ein gutes Gefühl, einfach indem man sie anschaut.
Im Vorbeifahren.
Ungefähr 0,974 Sekunden lang.
Bei dem Regen.
Es ist wirklich ganz schön dunkel. Scheiße, ich kann überhaupt nicht erkennen wo in den Gesichtern die Augen sind, oder wo sie hinschauen. Mit so einer Konzentrationsmaske wird das eh nichts. Lächerlich, wer will denn jetzt auch angeschaut werden.
Diese automatische Haltestellenansage finde ich cool, die sollte es auch in der U-Bahn geben, wie in Berlin. Nicht irgendwelche Fahrer, die beim Verraten, dass der nächste Halt der Odeonsplatz ist, klingen wie lebensmüde, zum Misanthrop mutierte Schichttrinker. Ich glaube denen stinkt nicht mal ihr Job, sondern dass sie diese bescheuerten Ansagen machen müssen. Wenigstens können sie jetzt unerkannt sitzen bleiben.
In der Führerkabine.
Cockpit.
Pinakothek. Der Typ von vorhin geht an mir vorbei um auszusteigen. Die Begleitung hinter ihm. Er schaut mich an und ich erwidere seinen Blick. Kurz nur, weil ich sie noch mustern muss, was er mitkriegt. Doch nicht um dreißig, eher vierzig, aber echt hübsch, und jetzt hat sie mich auch angesehen.
Ein Schluck Bier und die Süße, die gerade einsteigt setzt sich irgendwo hinter mich. Warum ich wohl Anne nicht erreiche? Sie ist nie da, wenn ich anrufe. Bestimmt hat sie was besseres zu tun, was echt schade wäre, oder sie geht nicht ran. Wobei ich nicht weiß, warum sie so etwas machen sollte. Ich kenne sie kaum, das ist mein Problem. Vielleicht steht das Telefon ja symbolisch für unsere Beziehung. Ich möchte sie kennenlernen, aber sie geht nicht ran. Ich fühle mich einsam. Na toll.
Sendlinger Tor. Noch zwei Stationen. Ich sollte aufstehen und den Kerl, der sich nicht traut sich mir gegenüber hinzusetzen und lieber steht, sollte ihn einfach ankotzen, wie in „Sieben“. Aber außer Bier habe ich nichts im Magen und ich würde mich bestimmt selber erwischen. Der Typ schaut mich an, als hätte er den Gedanken gehört und ich muss plötzlich wegschauen und grinsen. Ich sollte dann einfach einen Spiegel rausziehen und ihm sein Gesicht zeigen. Vielleicht versteht er den Witz ja und wir werden Freunde.
Fraunhoferstr. Und irgendein Mongo hat auf der Strasse geparkt, aber der Tramfahrer ist cool und lässt mich hier schon raus, mit dem vollgekotzten Typen. Ekelhaft.
Kippe an, Hände in die Hosentaschen, die bei dieser Ausführung nicht dafür gemacht sind und ab durch die Kälte. Lawrence Winterhater. Heute ganz in schwarz. Nur die Socken nicht, aber die sollen auch nur warm sein, nicht sichtbar.
Bei A. R. Schlecker kriegt man ein Foto auf Postergröße für billig. Ich habe im Moment andere Sorgen. Vielleicht sollte ich schneller gehen. Raus aus dem Regen, von der Strasse runter. Raus aus der Stadt vielleicht. Vielleicht mit einem Raumschiff zur Sonne fliegen. Schön warm da. Aber das wird bei dem Wetter eh nichts.