Ort:  Regensburg

(Marjana Gaponenko)

Die Stadt (Thomas Schweisthal)

Regina (Thomas Schweisthal)

Spektakel (Thomas Schweisthal)


 

der regen begann um halb zehn. ich trat aus meiner engen kammer heraus um zu
erstarren und zu glänzen -mit verschränkten armen im regen. ich bin ein
schmetterling in der kluft des wartens.

der regen schmiegte sich an mich,und je mehr er sich an mich schmiegte,desto
mehr glich er mir.

und als du meinen zärtlichen namen ins aufgerissene fenster nanntest, kam
der regen zurück und legte sich zu dir. und du liebtest den trunkenen
schmachtenden regen, mich tausendfach verratend.

nacht. du wirfst die sonne ins meer damit sie fällt, fällt und zischt, bis
ein fisch mit den augen einer witwe sie verschlingt.

wirf mich wie eine münze auf das düstere pflaster einer alten stadt und ich
werde liegen,bis ein bettler, der ein herz hat , mich aufhebt und segnet

 

© Marjana Gaponenko


Am Nordufer gibt es einige kleine Weinberge,
aber das ist keine toscanische Sonne, die sich hier mühsam
in die Höhe quält, mehr eine Straßenlaterne,
nachts um halb 11, ein Ultima Thule Projekt,
nur die Trauben hängen hoch in dieser Stadt,
deren Blüte bis in die Säbelzahntigerzeit zurückreicht.
Regina, römisch-katholische Kaufmannstadt,
verkrustetes Blut klebt an den militärisch genauen
Steinquadern, hier brannte zweimal die Synagoge,
und der Fluß sträubte sich zweimal, als man ihm
die Last aufbürdete, Mann und Frau und Kind,
eines anderen Glaubens bis nach Transsylvanien
zu verschiffen.
Vergessen liegt über der Stadt,
ein Gähnen in der Nachmittagsstunde,
die Gassen sind leer,
die Marktfrauen kochen ausgestopfte Scorpione hinter dicken Mauern,
Ehrfurcht, in Stein gemeißelt,
ein Staunen und Raunen, angesichts der mächtigen
Patriziertürme, gothischen Kathedralen,
zu Gott muß man aufschauen können,
der eigene Kot wird unter den Teppich gekehrt,
wir alle wühlen im Staub und drücken beide Augen zu,
ohne unsere Missetaten wären wir nicht wir,
und doch bleibt uns nichts anderes übrig, als mit ihnen zu leben,
die Hure neben der Hausfrau, die sich ihre Pickel ausdrückt,
Pfaffen, Söldner, Lumpenpack, die ganze Horde trauriger Gestalten,
das sind wir, die Erfinder der Astronomie, Architekten
aus Not oder Zeitvertreib oder Langeweile,
das ist die Stadt, ein Bollwerk der Zivilisation,
ein Bollwerk des Kapitals, Stadt aus Stein,
wieviele verschwanden hinter deinen Mauern,
unter deinem felsigen Boden, der uns von der Hölle trennt.
Aber auch immer wieder taucht dieser Duft auf,
zähe, urwüchsige Kräuter sprießen aus dem Mörtel,
würzen den Alltag wenn du am Fenster sitzt und Zeitung liest und
in der Nase popelst und dich deinem Schicksal ergeben hast,
Müllblumen, ohne Anspruch auf Erlösung und Vollkommenheit,
sie achten nicht auf das markerschütternde Läuten der Kirchenglocken,
mit ihrem zeitlosen Knurren kehrt Ruhe ein,
wir kratzen uns hinter den Ohren, da war doch noch irgendwas, ja,
irgendwas, es ist seltsam, aber es entzieht sich allen Greifversuchen,
steht im Raum für ein paar Viertelstunden,
und es kehrt Ruhe ein, Granitblöcke schweben durch die Luft,
im Rinnstein fließt Quellwasser, die Schatten hinter den Straßenecken
haben all ihre Bedrohung abgelegt,
du stehst auf, wunderst dich, die Stadt der Kleinbürger,
dieses Gefängnis, das wir errichtet haben, wo wir uns zusammenpferchen,
ob wir wollen oder nicht,
manchmal ist diese Stadt ein freundliches Wesen,
das uns unbeschwert atmen läßt,
das uns zeigt, wie lächerlich es ist,
sich hinter Mauern zu verschanzen.

© Thomas Schweisthal - Poempress


Regina

Die Stadt schwenkt ihren mittelalterlichen Arsch
zeigt ihr süßliches Lächeln
stöckelt gekonnt daher
und die Touris staunen: Oh, Uh, Ah
überall fallen sie auf die selbe dünne Fassade herein
doch ich, ich wohne hier, lebe hier
und kenne die Schliche dieses durchtriebenen Weibes
mir kann sie nichts vormachen
doch ich bin ihr verfallen
vom ersten Augenblick an
dieser Geruch nach Pestilenz
und getrocknetem und frischem Blut
in ihren Gassen die Sakramente aus Stein
2000 Jahre an Leben und Tod hineingemeißelt
verlöschendes Leben, junges und braves und gedemütigtes
und wild, wie rasende Wut
sämtlicher Torturen der Existenz
die kleinen, zufriedenen Momente des Dösens
Abgründe an Marterpfählen, Hexenverbrennung, Judenvertreibung
dort steht ratlos das Rathaus
nur die Folterkammer ist immer ehrlich
schön, es gibt eine Menge grün
diese Dame hier gehört zu den restaurierten Kalibern
doch mich kann sie nicht täuschen
sie ist genau so verdammt
ordinär wie ich.

© Thomas Schweisthal - Poempress


Spektakel

Hinter der Brücke begann das Spektakel
und ich verkroch mich in mein Loch
denn ich feierte nicht gerne mit denen
die immer nur feiern, wenn es ihnen aufgetragen wird
aber es nutzte nichts, die Blasmusik bellte mir
bis tief in das Hirn, jagte mir durch den Darm
und dann kam schon wieder ein neuer Schwall
bevor ich den alten verdaut hatte
und draußen sangen japanische Touristen
mit ihren Fistelstimmchen, irirsche Bässe kaperten
die Bierbänke, Italiener gaben Arien zum Besten
und auch in Regensburg steht ein Hofbräuhaus
und alles war auf den Beinen, was nicht mehr konnte
wurde mitgezerrt, und zur Blasmusik kam der
Original Don Kosaken Chor dazu
die Sonne knallte runter, und meine Fenster waren
fest verschlossen, ich saß im Käfig, meinem eigene Käfig
was hätte ich für ein MG gegeben, genügend Munition
genügend Amoral, um das da draußen
in einem ebenbürtigen Crescendo abzustellen
aber ich war brav und zermatschte nur die Fliege
die partout nicht von meinem Bein lassen wollte
dann ließ ich Badewasser ein
während draußen irgendein Riverboat seinen
Shuffle in die Welt dröhnte
ich zog mich aus, tauchte unter
hier herrschte Frieden, der Lärm war einem
Brummen gewichen, zwei Wale lagen sich gegenüber
hier unten, im Wasser, konnten wir kommunizieren
und dann tauchte ich wieder auf
und dachte mir: für heute hast du die Schlacht verloren
aber morgen gehört die Welt wieder dir.

© Thomas Schweisthal - Poempress