Ronney
Sie verkehrt bereits mitten im größten noch
zusammenhängenden Auwaldgebiet Mitteleuropas, in dem der Elbe der Platz
belassen ist, den sie braucht, um ohne Gefahr für Gut und Leben der
Bevölkerung ungestört überlaufen und die Auwälder mit ihren Tümpeln, Bracken
und Pfützen überschwemmen zu können. Ein Rückzugsgebiet für seltene Tiere
und Pflanzen.
Die Fähre passt mit ihrer archaischen Technik gut hinein: es ist nämlich
eine der vielen Gierfähren, die sich als Antrieb die starke Strömung der
Elbe zunutze machen. Einige hundert Meter von der Überfahrstelle
flussaufwärts im Strom ist ein Stahlkabel verankert, an dem die Fähre hängt.
Mit einer Steuervorrichtung verändert der Fährmann den Winkel, in dem die
Fähre zur Fließrichtung des Stromes steht. So beugt sich die Fähre den
Gesetzen der Physik, indem die Strömung die Fähre über das Wasser drängt.
Keine Abgase, kein Lärm. Friedliches Warten, bis das Schiffchen kommt. Den
Blick gleiten lassen über den gemächlich dahinstrudelnden Strom, zu den
Enten in der Luft, zu den Gänsen. Ein Binnenschiff tuckert vorbei, die
Ketten der Fähre rattern, und die „Saalhorn“ legt an. Der
Fährmann hakt das Kettchen aus, mit dem er seine Fahrt gesichert hat, und
winkt gelassen. Zwei Fahrzeuge mit einheimischen Kennzeichen rollen von der
Fähre. Sein nächster Wink gilt uns. Gäste der „Saalhorn“ sind
wir für weit weniger als eine Zigarettenlänge, es reicht für einen Blick auf
die Stelle, wo die Saale in die Elbe mündet.
Die Ruhe weitab von jeder angeblich so zeitgemäßen Hetze! Dem Menschen
gemäß aber ist die Gelassenheit, die ruhige Beobachtung, die Erledigung des
Nötigen, wenn die Wünsche nach dem Möglichen erfüllt sind. Wer sie erreicht,
erreicht auch den Fluss, kann an seinem Ufer stehen und das Strömen
beobachten, das immer- und nimmergleiche Spiel der Strudel, den Flug der
Vögel, das stille Ausfüllen aller denkbaren Zwischenräume durch die Ruhe.
Hier unten fängt der Himmel an, und ich weiß, dass ich nicht auffahren muss,
wenn ich ihn schon auf Erden finde. Ich muss ihn nur sehen können, und an
der Elbe wage ich zaghafte Blicke darauf. Doch ich muss erst noch weiter mit
mir, wir müssen überhaupt weiter.