Rüthen
Er war heute alleine im Büro. Christoph konnte sich nicht erinnern, jemals so müde gewesen zu sein. Mußten denn alle Leute immer direkt vorm Wochenende zu ihnen kommen! Es war als befürchtete man, die Türen würden am Montag nicht wieder geöffnet. Nun war es vier und Christoph konnte den Schlüssel im Schloß drehen. Irgendwie war er erleichtert. Doch der Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Bis halb fünf hatte er an seinem Platz zu bleiben, um den Wochenbericht zu schreiben. Doch es war ja nichts geschehen - wie so oft. Und so war die Aufgabe schon nach wenigen Minuten erledigt.
Genug Zeit also, um noch in aller Ruhe seine Arbeitsutensilien in den Rucksack zu packen. Das tat er jeden Tag. Wer wolle schon seine Sachen im Büro lassen? Was da alles passieren konnte. Außerdem mußten die Kaffeekanne und die Brotdose am Sonntag auch wieder gefüllt werden. Für den nächsten Arbeitstag.
Diese verdammte Brotdose! Sicher, er hätte sie einfach wegwerfen und eine neue kaufen können. Aber irgendwie hatte sich Christoph zu sehr an das alte Ding gewöhnt. Um genau zu sein, konnte er sich nicht erinnern, jemals eine andere Brotdose besessen zu haben. Schon im Kindergarten hatte er aus genau dieser Dose immer das Brot genommen, das ihm seine Mutter allmorgendlich mit großer Sorgfalt geschmiert hatte. – Heute allerdings war das einst satte Schwarz der Dose zu einem dezenten Lichtgrau ausgeblichen. Und die großen gelben Buchstaben, die früher seinen Namenszug bildeten, waren zum Teil abgeblättert. Es war nicht mehr zu lesen, aber die Farbe schien nach wie vor recht grell zu sein.
Das schlimmste aber war der Deckel selbst. Er schloß einfach nicht mehr. Seit wann das so war, konnte Christoph noch nicht einmal sagen. Manchmal hatte er den Eindruck, es sei ein schleichender Prozeß gewesen. Jeden Tag ein bißchen weniger und weniger. An anderen Tagen wiederum glaubte er sich erinnern können, eines Morgens aufgewacht zu sein und den Deckel nicht mehr auf die Dose bekommen zu haben. Jetzt benutzte er ein altes, ausgeleiertes Gummiband, das er einmal in der Schule gefunden hatte, um die Dose verschlossen zu halten. – Aber das war keine Lösung! Nächte lang hatte Christoph in der vergangenen Woche wach gelegen. Immer hatte er den Deckel vor Augen. Und war er dann einmal eingeschlafen, hatte er Alpträume. Christoph sah sich im Traum in einer riesigen Brotdose gefangen. Sie hatte glatte Ränder und es gelang ihm kaum zum Rand zu klettern. War es ihm dann gelungen, viel der Deckel zu und er hatte alle Mühe mit einem Sprung auf dem Deckel zu landen, um nicht erschlagen zu werden. Dann mußte er springen. Auf den gelben Farbklecksen, die von seinem Namen übrig geblieben waren. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte die Dose nicht verschließen. Er fürchtete der Deckel könnte mit einem lauten Krach abspringen und ihn abwerfen. Dann wachte Christoph schweißgebadet auf. Diese verdammte Brotdose!
Endlich. Die Stechuhr zeigt 16:30 Uhr. Und eine Minute später hatte Christoph bereits seinen Stempelkarte wieder in dem dafür reservierten Fach verstaut. Er zog die Tür hinter sich zu, stolperte die Treppe hinunter, riß die Eingangstür auf und fror. – Wie hatte es so kalt werden können? Außerdem hatte es geschneit. Das mußte mindestens ein halber Meter Schnee sein. In seinem kleinen, dunkeln Büro mit dem Fensterchen zum Hinterhof, hatte er mal wieder nichts mitbekommen, von dem was draußen vor sich ging.
Christoph freute sich noch, am Morgen die warmen Stiefel angezogen zu haben, bevor er kalte Füße bekam. Es fiel ihm schwer vorwärts zu kommen. Niemand hatte für ihn den Gehweg geräumt. Und so mußte er durch die tiefen Verwehungen stapfen, die sich immer wieder vor ihm auftürmten. – So war es wohl auch zu erklären, daß Christoph heute zehn Minuten länger zu seiner Wohnung brauchte als es normal war.
So konnte es ihm einfach folgen.
Als er die Tür hinter sich schloß, fühlte er die angenehme Wärme in sich aufsteigen, die sein kleines Reich erfüllte. Hier konnte man sich wohl fühlen. Ärgerlich nur, daß sein Wohnraum kein Fenster hatte. Statt dessen stand an der langen Wand ein großes Regal. Es hatte drei Etagen. Ganz unten standen seine alten Schulbücher. Auch wenn er das meiste, was er aus ihnen gelernt hatte, schon lange nicht mehr wußte, konnte er sich doch nicht von ihnen trennen. Und so verstaubten sie - nahe am Boden.
Darüber reihte sich, ordentlich nebeneinander, Buch an Buch, das Fachwisssen seiner dreijährigen Ausbildungszeit. Komisch, daß er sie zunächst unerträglich gefunden hatte. Heute wußte Christoph nicht, was er ohne diese Bücher tun sollte. Auch auf ihnen hatte sich Staub abgesetzt. Er kam einfach nicht zum putzen. - Besonders wichtig waren ihm allerdings nur die beiden Bücher auf dem obersten Bord. Sie waren schwer und in Leinen gebunden. Das eine war grün und offensichtlich schon etwas älter. Denn es war abgegriffen und an einigen Stellen wäre bestimmt schon auffällig der Karton zu sehen gewesen, wenn Christoph diese Stellen nicht aufmerksam mit grüner Wachsmalkreide übertüncht hätte. Dieses Buch war von enormer Bedeutung für ihn. Es war die Lebensgeschichte seines Vaters und seines Großvaters. Dieser hatte eine Tradition in der Familie begründen wollen. Und so konnte man seit dem Jahr 1907 die erfolgreiche Geschichte der “Kaufmannsfamilie von Müller” in dem Werk nachlesen: Im Laufe der Jahre war aus dem kleinen Familienbetrieb ein großes Unternehmen geworden. So erfolgreich, daß sein Vater, Konrad von Müller, in seinen letzten Jahren nur noch Wiederholungszeichen unter seinen Eintrag aus dem Jahr 1970 setzten mußte: “Es war ein erfolgreiches Jahr. Die Gewinne sind gewachsen, der Familie geht es wohl.” 1996 starb Konrad Müller.
Maximilian, Christophs älterer Bruder, übernahm den elterlichen Betrieb. Die Tradition der von Müllers führte er allerdings nicht fort. Und so hatte Christoph beschlossen, das zu tun. Deshalb schrieb er seit Anfang des vergangenen Jahres in sein eigenes Buch, in rotem Einband. Er hatte es sich beim Buchbinder an der Ecke nach dem Vorbild des grünen Buches fertigen lassen. Und so stand es jetzt ebenfalls dort. Ganz oben im Regal. Und er würde es weiter geben, da war sich Christoph sicher, eines Tages würde er es an seinen Sohn weiter geben.
Heute nahm Christoph sein Buch zur Hand, wie er es an jedem Freitag tat, um seinen wöchentlichen Eintrag zu machen. Sein hölzernes Lesezeichen markierte den letzten Eintrag. Seite 35. Er nahm den Füllfederhalter seines Großvaters zur Hand, denn auch das gehörte dazu, doch es wollte ihm kein Anfang gelingen. Was sollte er über die vergangene Woche schreiben. Es mußte etwas bedeutendes sein. - Und so beschloß er zunächst seine Emails abzurufen. Während der Computer seine Startprozedur durchlief, grübelte Christoph noch immer darüber nach, wie er seinen Eintrag beginnen sollte. Denn er wollte nicht schon wieder über seine Brotdose schreiben. Was sollten seine Kinder und Kindeskinder denken?
Eine Email von Susanne. Christoph war begeistert. Seit sie sich vor drei Monaten getrennt hatte, hatte er nichts mehr von ihr gehört. Susanne war seine große Liebe. Sie hatten sich schon ewig gekannt, bevor er sich endlich getraut hatte ... aber das jetzt nicht von Bedeutung. Sie hatten sich auseinander gelebt. Wie oft sah man das im Fernsehen. Völlig normal. Es war vorbei.
Christoph liebte sie noch immer. Doch die Arbeit ließ ihm keine Zeit daran zu denken. Er hatte ein Ziel. Es sollte doch noch einmal etwas aus ihm werden. Später würde ihm noch genug Zeit bleiben, an die Liebe zu denken. So würde es sein. So stand es auch immer in der Zeitung. Die jungen Leute, die Karriere-Generation. Es ist nicht mehr so wie früher. Das hatte schon sein Vater zu ihm gesagt. Und eine Beziehung, eine Liebe ohne Ehe – nein, das war nichts für ihn.
Susanne wollte mit ihm sprechen. Heute Abend um neunzehn Uhr, in ihrer Lieblingskneipe. Sie hatte sich nicht verändert. Er freute sich auf das Treffen. Es war schon nach sechs. Und bei dem Gedanken an den weiten Weg und die Kälte, beschloß Christoph doch lieber gleich los zu gehen. Sicher war sicher. Er schlug also das Buch zu, zog sich die warmen Stiefel und die dicke Jacke an und ging vorsichtig die ausgetretene Treppe des Hauses hinter.
Es wartete schon vor der Tür und ging voraus.
Christoph war zu früh. Aber so konnte er die Zeit nutzen, um sich ein wenig aufzuwärmen. Besonders seine Füße waren vor Kälte kaum noch zu spüren. Er dachte kurz daran, warum er noch nicht auf die Idee gekommen war, Susanne um ein Gespräch zu bitten. – Als sie eintraf schien es Christoph als wäre die Zeit rückwärts gelaufen. Es war wie früher. Ihre Augen. Ja, vor allem die Augen. Es war wie früher. Es würde ein besonderer Abend werden. Das fühlte er - ein Abend der sein Leben verändern würde. Wer hätte das gedacht? Wer wäre heute morgen im Büro ... so ein Glück.
Um kurz nach acht war Christoph wieder zu Hause. Er fror und dreht die Heizung noch ein wenig höher. Doch weil es nicht wärmer zu werden schien, beschloß er, heute früh zu Bett zu gehen. Hoffentlich wurde er nicht krank. Am Montag wüßte er pünktlich bei der Arbeit sein. Es war noch so viel unerledigt - wichtige Dinge.
Susanne würde in zwei Wochen heiraten. Sie hatte ihn gebeten, ihr noch ein paar Unterlagen zuzusenden, die sie bei ihm vergessen hatte. Das würde er gleich morgen tun.
Jetzt mußte er nur noch ein wenig aufräumen und das Geschirr spülen. Das tat Christoph an jedem Freitagabend. Vor allem seine Brotdose sollte nicht mit den Krumen über das Wochenende stehen bleiben. Es wäre auch zu gefährlich. Da sich schnell Krankheitserreger einnisten können. Und am Sonntag würde er sich sein Brot für den nächsten Arbeitstag schmieren.
Christoph war in Gedanken versunken, während er den Abwasch machte. Was sollte er in sein Buch schreiben? Er ließ die vergangene Woche noch einmal durch den Kopf gehen, als er plötzlich bemerkte, daß er seine Brotdose in den Händen hielt. - Sie war verschlossen. Christoph konnte es nicht glauben, bis ihm bei näherer Betrachtung und Untersuchung der Dose etwas auffiel. All die Jahre hatte er den Deckel der verkehrt auf die Dose gesetzt. Er lächelte. Hatte er es nicht im Gefühl gehabt? Dieses Wochenende war etwas besonderes.
Er setzte sich an den Schreibtisch und schlug sein Buch mit dem Lesezeichen auf. Seite 37: "Der Deckel ist Links schmaler als Rechts.". Dann ging er zu Bett und sank in einen unruhigen Schlaf.
Es schlief bis zum nächsten Morgen.