Ort:  Trier

Eine Nacht in Trier

„Lass dich mal wieder blicken!“ bat mich Uli, bevor er den Hörer auflegte.
Gern, dachte ich mir. Wenn du nur nicht so weit weg wohnen würdest. Auf der anderen Seite: Was sind bei einer bundesdeutschen PKW-Dichte von über 500 Autos auf 1000 Einwohner ein paar hundert Kilometer Entfernung? Doch da ist noch meine intrinsische Abneigung gegen stundenlange Fahrten über mörderische Autobahnen. Aber sei’s drum. Seit fast zwei Jahren erkennen wir einander nur noch am Klang unserer Stimmen. Wird Zeit, das Bild im Kopf mit der Realität in Einklang zu bringen.
Vollgetankt, den Wagen 4-Sterne-General-überholt und kotzeübel fahre ich mittags in Düsseldorf los. Wäre ich doch die Nacht zuvor zwei Stunden eher schlafen gegangen, dann hätte ich exakt zwei Stunden Schlaf gehabt, denke ich mir. Steht allerdings zu bezweifeln, ob sich in zwei Stunden anderthalb Promille Alkohol abbauen ließen.
Das ungute Gefühl, besser mit dem Kopf über der Kloschlüssel zu hängen als bei 120 Km/h durch die Frontscheibe stieren zu müssen, verstärkt sich im Laufe des Nachmittages. Meinen ersten Halt nutze ich, durch die Beifahrertür auf den Rastplatz zu reihern. Ein kleiner Holländer macht große Augen und stolpert schreiend zurück in den Campingwagen. Den zweiten Halt hätte mir um Haaresbreite ein LKW eingerichtet, der unerwartet in die Eisen stieg und mich zu einer Vollbremsung in letztmöglicher Sekunde veranlasste.
Am späten Nachmittag schließlich bin ich in Trier, tuckere gemütlich an der Mosel entlang Richtung Luxemburgische Grenze, um die mir unbekannte Stadt von Südwesten aufzurollen. Endlich finde ich die Straße, wo mein Kumpel wohnt. Fehlen eigentlich nur noch ein paar Blümchen für die Freundin, die ich heute zum ersten Mal sehen werde. Versuchen Sie mal an einem Samstag Nachmittag Blumen in Trier zu kaufen. Alle Blumenläden geschlossen. Kein Kaufhaus weit und breit. Selbst den Tanken scheint das Grünzeug ausgegangen zu sein. In meiner Verzweiflung wende ich mich an EDEKA, kaufe den Rest verdorrten Unkrauts, der in Rheinland-Pfalz unter der Bezeichnung „Sommerblumengebinde“ vertrieben zu werden scheint und fahre endlich vor.
„Da bist du ja!“ ruft mir Uli zu, als ich vorsichtig durch die offene Wohnungstür tapse und jeder Fußtritt vom Jaulen und Knarren der alten Dielen begleitet wird. Er steht in der Küche, den Rücken zu mir und verknetet mit den Händen Spaghetti und Salat zu einem geheimnisvollen Brei. „Den gibt’s am Abend, wenn wir grillen“, beantwortet er meinen fragenden Blick, der in seinem Nacken brennt.
„Wo darf ich ablegen?“ frage ich.
Er nickt Richtung Fußboden. „Schmeiß einfach alles hin. Das räumen wir gleich weg.“

Viereinhalb Stunden später, die Sonne ist lange hinter Luxemburg untergegangen, liegen meine Klamotten noch immer auf dem Küchenboden. Mittlerweile habe ich eine Sammlung von einem halben Dutzend Schuhabdrücke der Gäste auf meiner Jacke, die in den vergangenen Stunden durch die Küche und über meine Sache gestolpert sind. Mir ist’s gleich, befasse ich mich doch intensiv mit dem Kasten Flensburger Pilsener, der neben meinem Stuhl draußen im Garten steht, wo an die 20 mir allesamt Unbekannte den Geburtstag der Kumpelfreundin nachfeiern.
„Du bist also Matthias aus Dortmund, der heute Mittag mit dem Zug angekommen ist?“ fragt mich ein hübsches Mädel, leicht beschickert.
„Fast“, entgegne ich und rücke meinen Stuhl näher. „Ich heiße Marcus, komme aus Düsseldorf und bin mit dem Wagen gefahren.“
„Ach ...“ Sie nimmt ein Schluck aus der Bierflasche und versucht, ohne abzusetzen mich anzulächeln. Aus den Mundwinkeln läuft ihr das Bier in den Ausschnitt. Schneller als ich eine Serviette zu Hand habe, steht ein Typ neben uns und greift ihr mit einem Tempo zwischen die Brüste.
„Da hast du aber Glück gehabt, Fiona“ meint er und rubbelt den letzten Tropfen Biers aus dem Stoff. „Stell dir vor, das wär dir in den Slip gelaufen!“
Fiona gackert und kriegt harte Nippel.
„Hallo“, spricht mich jemand von der anderen Seite an.
„Hallo“, grüße ich zurück.
„Du bist Matthias aus Dortmund, von dem Uli erzählt hat, stimmt’s?“
„Beinahe“, sage ich und will meinen Gegenüber korrigieren, als der fortfährt:
„Ich heiße Andreas und bin zur Zeit ohne Job. Und was machst du so?“
Ich nuckle an meiner Flasche Bier und lasse den Abend an mir vorüber ziehen.
„Hey, ich bin Harry und bin zur Zeit ohne Job.“
„Hey, ich bin Manu, hab mein Studium abgebrochen und suche einen Job.“
„Hallo, ich heiße Peter. Ich studiere und kriege graue Haare, wenn ich höre, wieviel Leute heute ohne Job sind.“
Nach der zehnten Flasche FlePi fange ich an, schlapp zu machen. Es wird weit nach Mitternacht sein, noch immer grölen und saufen ein Dutzend Fremder zum Wohle der Kumpelfreundin. Der Kassettenrekorder scheppert Punk und Jazz, abwechselnd. Der Stilbruch verursacht mir Brechreize.
„Wo kann ich mich aufs Ohr hauen?“ frage ich meinen Kumpel. Im Durchgangszimmer zwischen Flur und Schlafzimmer zaubert er ein Klappbett aus einer Ecke, auf dem ich meinen Schlafsack ausbreiten kann.
„Schlaf gut“, wünscht er mir und verschwindet. Ich rolle mich im Schlafsack zusammen und bekämpfe die Übelkeit. Im Halbschlaf taucht der kleine Holländer wieder auf. Immerzu höre ich ihn schreien und schreien.
Hups! denke ich mir und hänge schnell meinen Kopf aus der Beifahrertür ...

© Kain Leberecht