Ort:  Zwickau

Jürgen Klinsmann

Deutsche Spieler werden gefoult. Von allen Seiten springen die Kroaten auf sie zu, treten, drücken und kratzen. Ein Wunder, denken wir uns, dass wir noch elf Mann auf dem Platz haben. Unsere Mannschaft ist lädiert. Unsere Spieler huschen ängstlich über den Platz. So ist kein Blumentopf zu gewinnen. Sicher nur eine Frage der Zeit, bis Suker die Pille reinmacht.

EM 1996. Viertelfinale. Draußen läuft die Musik, aber wir sitzen hier im Zelt und sehen uns das Spiel an. Es ist spannend, und es ist sicher das gewalttätigste Spiel der EM. Mehr Fouls als Einwürfe.

Die ersten Metalheads fangen an, Matsche auf die große Leinwand zu werfen, und sie finden Nachahmer. Bald schon ist die Leinwand zur Hälfte mit Matsche bedeckt, und so hätten wir es fast verpasst. Hätten IHN verpasst. Jürgen. Nicht Kohler. Klinsmann. Er, der sonst eher ziellos durch die Gegend galoppiert, setzt an zur großen Tat. Er sucht sich einen kroatischen Spieler und lässt ihm mit dem Ball ein wenig Vorsprung. Dann holt er mit dem rechten Bein aus, tritt zu und trifft seinen Gegenspieler am Oberschenkel. Der Kroate reißt die Augen auf, fliegt fünf Meter weit durch die Luft und landet mit dem Gesicht im Rasen. Während sich alle Kroaten fürchterlich aufregen, steht Klinsmann ganz ruhig auf dem Platz, blickt den Schiedsrichter an, bekommt die Gelbe Karte und dreht langsam ab. Ein paar hundert Metalfans, unter ihnen wir, sagen kein Wort, sind vollkommen verstummt. Die Münder stehen offen. Diese Coolness, diese Abgezocktheit hatte Jürgen Klinsmann niemand zugetraut. Für einen harmlosen Sprinter, einen zutraulichen schwäbischen Bäcker hatten ihn alle gehalten. Weit gefehlt. Und Klinsmanns Foul zahlt sich aus. Von diesem Moment an dreht sich das Spiel. Die Kroaten übernehmen die Angst von den Deutschen. Unsere Spieler kämpfen, schießen ein Tor und gewinnen, sind im Halbfinale gegen England.

An diesem Tag, einem verregneten Tag in Zwickau im Sommer 1996, war Jürgen Klinsmann das Idol der Metalheads. Noch am nächsten Tag sah ich Kuttenträger, die das Foul mit ihren schwarzen Cowboystiefeln nachahmten.

©Anonym